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Georgios Chatzoudis | 02.04.2015 | 905 Aufrufe | 1 | Interviews

Leistung. Von der Last zur Lust

Interview mit Heiko Stoff über Leistung im Sport und in der Arbeitswelt

Im Sport scheinen Leistung und Erfolg zusammenzugehören. Wer gute Ergebnisse erzielen oder sich verbessern möchte, muss Leistung zeigen. Dieses Leistungsprinzip ist längst zum bestimmenden Prinzip in der Arbeitswelt und beruflichen Wettbewerb geworden. Gibt es da einen Zusammenhang? Woher kommt das Leistungsdenken moderner Gesellschaften? Und wie wirkt es sich auf unser Verständnis des Körpers und dem Wunsch nach Leistungssteigerung aus? PD Dr. Heiko Stoff beschäftigt sich mit der Wissensgeschichte des Leistungskörpers und der Etablierung des Leistungsprinzips. Beide identifiziert er als grundlegendes Merkmal unserer Gesellschaft, und zwar nicht nur im Sport, sondern in allen Lebensbereichen. Wir haben ihm zu diesem Thema einige Fragen gestellt. 

"Perfektionierung spezifizierter körperlicher Funktionen"

L.I.S.A.: Herr Dr. Stoff, Sie beschäftigen sich mit dem Leistungsprinzip in der Wettbewerbsgesellschaft und haben darüber zuletzt einen Aufsatz im Band „Die Spiele gehen weiter“ veröffentlicht, in dem es um Sportgeschichte geht. Wo findet sich in Ihrer Arbeit der Anschluss an die Geschichte des Sports? Bemisst sich der Sport nicht genuin an Leistung? Anders gefragt: Ist Sport ohne Leistung denkbar?

Dr. Stoff: Just die Frage, ob sich Sport genuin an Leistung bemisst, ist um 1970 intensiv diskutiert worden. Seitdem wird auch zwischen Leistungssport einerseits und Fitness oder Breitensport andererseits unterschieden. Der Leistungsbegriff ist aber bereits seit dem frühen 20. Jahrhundert eng mit dem Imperativ der Leistungsoptimierung verbunden und steht insbesondere für die Perfektionierung spezifizierter körperlicher Funktionen. Die Zurichtung des Körpers in der Fabrik, so lautet ein oft zu hörender kritischer Einwand im 20. Jahrhundert, entspricht dem Training jenes Leistungskörpers, der sich im Wettbewerb des Sports gewinnbringend durchzusetzen hat. Die Kritik am „Leistungszwang“, wie sie seit den 1960er Jahren formuliert wird, richtete sich entsprechend immer auch gegen den Sport, was für die entstehende Sportwissenschaft ein gravierendes Problem darstellte.

"Das Körpermodell basiert auf Leistung"

L.I.S.A.: Sie postulieren in Ihrem Aufsatz, Leistung sei als regulierendes Prinzip und Wert aller Lebensbereiche das historische Produkt eines transdisziplinären und multitemporalen Gefüges, dessen Hauptmerkmal die wettbewerbsökonomische Materialisierung des Körpers darstellt. Was meinen Sie damit?

Dr. Stoff: „Leistung“ ist seit Beginn des 20. Jahrhunderts überall: in jeder Zelle, jedem Körper, im Sport und in Arbeitsverhältnissen, im Schulunterricht und selbst in der Freizeit. Dabei stehen physikalische, physiologische, biochemische, soziologische oder psychologische Leistungskonzepte im stetigen Austausch - sie sind transdisziplinär. Die Optimierung des leistungsfähigen Körpers, wie sie Ende des 19. Jahrhunderts diskutiert worden war, hatte sich in Körpertechniken und thermodynamischen Körperkonzepten materialisiert, die dann wiederum in Beziehung standen zur Leistungsdebatte der frühen Bundesrepublik und des Neoliberalismus, dabei mit den jeweiligen Ausprägungen einer demokratisierten und entsprechend in alle Lebensbereiche verbreiteten Wettbewerbsgesellschaft reagierend – sie sind multitemporal. Eine genaue wissenschaftshistorische Analyse zeigt dabei, dass biomedizinisches Körperwissen, ja die Dinge selbst seit Ende des 19. Jahrhunderts wettbewerbsökonomisch funktionieren. Die Experimentalsysteme zur Etablierung der Hormone und Vitamine waren entsprechend auf Mangel und Leistung ausgerichtet; diese Wirkstoffe, die im Organismus Leistungen vollziehen, wurden explizit als leistungssteigernd konzeptualisiert und sofort auch vermarktet. Das Körpermodell (der Arbeits- und Sportkörper) basiert seitdem auf Leistung, während die Pharmaindustrie die entsprechenden leistungssteigernden Mittel produziert.

"Der Leistungs- und Sportkörper entstand als ein Ort experimenteller Zugriffe"

L.I.S.A.: Sie unterscheiden in Ihrem Beitrag zwischen dem „Leistungsprinzip“ und dem „Leistungskörper“ und stellen beide Konzepte in eine diachrone bzw. historische Abfolge, deren Hauptbegriffe Arbeit, Kraft und Leistung seien. Wie passt das zusammen?

Dr. Stoff: Der Leistungskörper entstand, wie eben beschrieben, seit Ende des 19. Jahrhunderts. Arbeit, Kraft und Leistung fanden dabei bereits seit den 1840er Jahren in der Metaphorik der Dampf- und Körpermaschinen zusammen. Das Problem des zur Ermüdung neigenden Körper konnte (arbeits-)physiologisch behoben werden, die Leistungsmöglichkeiten des Körpers biochemisch erklärt und zugleich manipuliert werden. Der Leistungs- und Sportkörper entstand als ein Ort experimenteller Zugriffe (von der Physiologie über die Psychologie bis zur Pharmakologie). So existierte bereits ein Leistungskörper als die Debatte über das Leistungsprinzip überhaupt erst begann. Wenn auch schon um 1900 über den Leistungsbegriff selbst gestritten wurde, setzte die eigentliche Debatte über das Leistungsprinzip erst um 1970 ein, als die Leistungsgesellschaft selbst kritisch in Frage gestellt wurde. Der Diskurs über „Sinn und Unsinn des Leistungsprinzips“, wie 1973 eine Vorlesungsreihe betitelt wurde, war eine Reaktion auf eine Leistungskritik, die sich gegen die Wettbewerbs-, aber auch Konsumgesellschaft richtete. Dabei war das Leistungsprinzip selbst bereits seit bald 100 Jahren in den Lebenswissenschaften fixiert und im menschlichen Körper materialisiert.

"Doping ist normal und nicht die Ausnahme"

L.I.S.A.: Stichwort Leistungssteigerung: Inwiefern lässt sich Doping im Sport auf den sogenannten Taylorismus zurückführen, der menschliche Körper an Maschinen anpassen bzw. sie zur effektiven Nutzung von Technik optimieren wollte?

Dr. Stoff: Doping ist mit der Geschichte der Leistungskörper seit Ende des 19. Jahrhunderts untrennbar vergesellschaftet. Da körperliches Funktionieren (die Physik des Organischen, die Mechanik der Muskelbewegungen, Stoffwechselfunktionen und Endokrinologie) auf Leistung ausgerichtet wurde – es sei daran erinnert, dass die Sexualhormonforschung zunächst vor allem Verjüngungs- und Leistungsforschung war –, das Wissen über den Körper immer auch als Leistungsoptimierung funktionierte und schließlich bio- und naturstoffchemische Forschung in direktem Zusammenhang mit der pharmazeutischen Industrie entstand, sind Physiologie und Pharmakologie untrennbar mit dem Motiv der Leistungssteigerung verbunden. Doping ist normal und nicht die Ausnahme, widerspricht aber auf spannungsreiche Weise dem liberalen Versprechen einer leistungsgerechten Gesellschaft.

"Forderung, dass Leistung lustvoll sein solle"

L.I.S.A.: Ihr Untersuchungszeitraum reicht von 1960 bis 1980. Warum endet er 1980? Ist das Leistungsprinzip nicht vor allem in der Zeit nach 1980 mit der Krise des Interventionsstaates zum allgegenwärtigen und dominanten Paradigma geworden, das bis zur individuellen Selbstausbeutung reicht?

Dr. Stoff: In den 1960er und 1970er Jahren kulminierte eine Debatte über das Leistungsprinzip, die bis heute prägend ist. Ein Fazit dieses höchst produktiven, vor allem von Vertretern und wenigen Vertreterinnen der Soziologie, Psychologie und Sportwissenschaften geführten Diskurses lautete, dass Leistung überall sei und das es nicht möglich sei, die jeweiligen Leistungsdiskurse (Arbeit, Schule, Sport) voneinander zu trennen. Die bis Ende der 1970er Jahren gängige Unterscheidung zwischen Leistungs- und Lustprinzip scheint aber in der Tat seit den 1980er Jahren in Auflösung. Der Imperativ der Leistung wurde ergänzt durch die Forderung, dass Leistung lustvoll sein solle. Damit wurde, angeschlossen an die Neoliberalisierung der transatlantischen Gesellschaften, eine Modernisierung des Leistungsprinzips eingeleitet: Arbeit wurde danach (angeblich) vom fremdbestimmten Leistungszwang befreit, von der Last zur Lust. Dies könnte auch erklären, warum gerade auch aus den Reihen erklärter Gegner und Gegnerinnen des Leistungsprinzips besonders leistungsbereite Akteure und Akteurinnen erwuchsen. Dass Optimierung, Selbstmanagement, Leistung und Glück zusammengehören wurde schon in den 1920er Jahren diskutiert, aber erst Ende des 20. Jahrhunderts auch ernst genommen. Das ständige Scheitern dieses Versprechens darf dann ausdauernd als Stress oder Burnout beklagt werden.

PD Dr. Heiko Stoff hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Dr. Jan-Holger Kirsch | 15.04.2015 | 12:05 Uhr
Siehe zu dem am Schluß des Interviews angesprochenen Aspekt auch:

Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History
11 (2014), Heft 3: Stress!
hg. von Lea Haller, Sabine Höhler und Heiko Stoff
http://www.zeithistorische-forschungen.de/3-2014

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