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Georgios Chatzoudis | 20.09.2018 | 360 Aufrufe | 1 | Interviews

Ist Facebook ein Hassgenerator?

Interview mit Karsten Müller und Carlo Schwarz über Facebook und die Flüchtlingsdebatte

Der Einfluss sogenannter Sozialer Netzwerke wie Facebook oder Twitter auf die Meinungsbildung und die Mobilisierung ihrer Nutzer und Nutzerinnen ist heute kaum noch zu überschätzen. Einen ersten Eindruck davon gewann die Öffentlichkeit während des Arabischen Frühlings, dessen große Auswirkungen vor allem dem Einsatz von Sozialen Medien zugeschrieben wurde. Dann die Präsidentenwahlen in den USA oder Abstimmungen wie beispielsweise zum Brexit in Großbritannien. Spätestens danach kamen erste Zweifel an der Macht von Facebook & Co. auf. Die Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler Dr. Carlo Schwarz und Dr. Karsten Müller von der University of Warwick haben sich in diesem Zusammenhang den Einfluss von Facebook auf die Flüchtlingsdebatte in Deutschland angeschaut und analysiert. Wir haben ihnen dazu unsere Fragen gestellt.

Dr. Karsten Müller (links) und Dr. Carlo Schwarz (rechts)

"Inhalte, die den eigenen Vorlieben entsprechen"

L.I.S.A.: Herr Dr. Müller, Herr Dr. Schwarz, Sie haben in einem gemeinsamen Forschungsprojekt untersucht, inwiefern in Deutschland die Social Media-Plattform Facebook Einfluss auf die Einstellungen ihrer Nutzerinnen und Nutzer gegenüber Flüchtlingen ausübt. Ihre Forschungsergebnisse sind sogar zuletzt in den USA auf Interesse gestoßen. Bevor wir dazu kommen, könnten Sie uns zu Beginn das Projekt kurz vorstellen? Worum geht es darin genau?

Dr. Müller/Dr. Schwarz: Seit einiger Zeit wird in Medienberichten häufiger diskutiert, ob soziale Medien einen verstärkenden Effekt auf Hassverbrechen haben könnten. Die Idee dahinter ist, dass Plattformen wie Facebook oder auch Youtube ihre Nutzer vor allem auf Inhalte verweisen, die den eigenen Vorlieben entsprechen. Eine lange Reihe an existierender Forschung hat gezeigt, dass dies zu „Echo-Kammern“ führen könnte, die die bestehende Meinung der Nutzer verfestigen, ohne diese anderen Positionen auszusetzen.

Wir haben untersucht, ob soziale Medien dadurch auch einen Effekt auf das Verhalten in der reelen Welt haben könnten. Als Fallstudie haben wir hier Deutschland zwischen Anfang 2015 und 2017 gewählt, weil die recht aufgeheizte Stimmung zum Thema Flüchtlinge reichlich Nährboden für einen möglichen verstärkenden Effekt von Social Media bietet.

"Vermehrt Angriffe, wo besonders viele Leute Facebook nutzen"

L.I.S.A.: Zu welchen Ergebnisse sind Sie in Ihrer Untersuchung gekommen?

Dr. Müller/Dr. Schwarz: In unserer Studie zeigen wir, dass es in Wochen mit besonders flüchtlingskritischer Stimmung vor allem dort vermehrt Angriffe auf Flüchtlinge gab, wo besonders viele Leute Facebook nutzen. In Wochen mit solch ausgeprägten Spannungen auf Social Media gab es jedoch nicht mehr Übergriffe, wenn entweder der lokale Internetzugang schwerwiegend gestört war oder es vermehrt Störungen bei Facebook gab. Das spricht dafür, dass wir zu einem gewissen Grad tatsächlich einen kausalen Effekt der sozialen Medien messen, vorausgesetzt es besteht bereits eine flüchtlingsfeindliche Stimmung.

"Diese Verbrechen sind leider relativ häufig"

L.I.S.A.: Der Befund, dass die Nutzung von Facebook die Ablehnung von Flüchtlingen und den Hass auf Fremde befördert, steht im Kontrast zu einer anderen Beobachtung: In den Gemeinden äußern sich die Bewohner mehrheitlich eher positiv über Flüchtlinge. Wie ist diese schizoide Verhaltensweise zu erklären? Welche Rolle spielt hierbei der Wechsel zwischen realer und virtueller Identität?

Dr. Müller/Dr. Schwarz: Das ist in der Tat eine interessante Frage. Man sollte hierbei bedenken, dass Hassverbrechen von einigen wenigen Tätern begangen werden und daher nicht unbedingt von der Mehrheit der Bewohner unterstützt oder toleriert werden. Diese Verbrechen sind nur leider relativ häufig. Alleine im Zeitraum unserer Studie registrierte die Antonio-Amadeu-Stiftung mehr als 3.000 solcher Vorfälle gegen Flüchtlinge. Die meisten dieser Täter bringen natürlich ein gewisses rechtes Gedankengut mit, dass Gewalt gegen eine Minderheit rechtfertigt. Die Frage die unsere Forschung aufwirft ist jedoch, ob soziale Medien auf solche potentielle Täter einwirken können, damit diese tatsächlich Gewalttaten begehen.

"Es liegt möglicherweise auch am Geschäftsmodell solcher Plattformen"

L.I.S.A.: Wie funktioniert die Homogenisierung von Meinungen via Social Media-Plattformen wie Facebook?

Dr. Müller/Dr. Schwarz: Leider ist die Datenlage zu sozialen Medien inzwischen so begrenzt, dass wir im Rahmen unserer Forschung hierzu bisher kaum etwas sagen können. Man sollte jedoch bedenken, dass eine Plattform wie Facebook an sich natürlich keinen Hass auf Fremde schürt. Unserer Lesart nach sieht man tatsächlich auch auf Facebook größtenteils, dass Menschen vom Inhalt her oft harmlose Inhalte teilen, die zusammen genommen jedoch ein sehr einseitiges Weltbild offenbaren. Das ist auch das Ergebnis von großen Studien, die eine selektive Aufnahme von Informationen auf Social Media Plattformen untersuchen.

Das besondere an sozialen Medien ist, dass die Nutzer aktiv bestimmen, welche Art von Inhalten sie sehen – ungewünschte Informationen können blockiert, Freunde mit unangenehmen Meinungen entfernt werden. Es liegt zu einem gewissen Grad möglicherweise auch am Geschäftsmodell solcher Plattformen, dass sie möglichst viele Klicks generieren wollen. Demnach macht es ja nur Sinn Nutzern eher Inhalte zu zeigen, mit denen diese eher übereinstimmen.

"Soziale Medien können im Rahmen von pro-demokratischen Protesten wirksam sein"

L.I.S.A.: Wenn sich Facebook zur Erzeugung von negativen Einstellungen eignet, ließe sich Facebook dann nicht auch für affirmative Zwecke – hier: Verständnis für und Unterstützung von Flüchtlingen – gebrauchen? Oder ist Facebook vor allem ein Generator für negative Emotionen, für Hass?

Dr. Müller/Dr. Schwarz: Das ist eine äußerst interessante Frage, die wir so derzeit leider noch nicht beantworten können. Wir wissen jedoch von anderen Forschungsprojekten, dass soziale Medien im Rahmen von pro-demokratischen Protesten wirksam sein können. Die Demonstrationen in Ägypten in 2011 z.B. hatten einen direkten Einfluss auf die Aktienkurse von Firmen, je nachdem ob diese Präsident Mubarak, dem Militär, oder der Muslimbruderschaft nahe standen. In Russland hatten die Blog Posts über Korruptionsfälle einen Einfluss auf die Bewertung von staatseigenen Unternehmen. Und ebenfalls in Russland gab es in Städten mit höherer Nutzung des populärsten Netzwerks Vkontakte mehr Demonstrationen in 2011, aber auch mehr Unterstützung für die Regierung. Andererseits gibt es auch in den USA starke Korrelationen zwischen Hassverbrechen und Twitter. Es ist also durchaus möglich, dass soziale Netzwerke sowohl positive als auch negative Effekte haben.

Dr. Karsten Müller und Dr. Carlo Rasmus Schwarz haben die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Ioanis Spiropoulos | 27.09.2018 | 10:03 Uhr
Als Bereicherung dazu das Buch: Adamek, S., Die Facebook-Falle: sehr zu empfehlen.

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