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Judith Wonke | 03/14/2019 | 691 Views | 1 | Interviews

"Geschichte in einem holistischen Bild"

Interview mit Juliane Reil zum Erinnern und Gedenken an den Holocaust

Der Holocaust ist in der Erinnerung und der Geschichte der Deutschen verankert: Er ist Teil zahlreicher Schullehrpläne, Thema populärhistorischer Medien und Mittelpunkt vieler Museen und Gedenkstätten. Und doch lässt sich beobachten, dass sich der Umgang mit dem Gedenken und das Erinnern an den Holocaust verändern. Dr. Juliane Reil, die Philosophie, Geschichte und Literaturwissenschaft an der Universität Hamburg studierte, machte diese Beobachtung und setzte sich daher im Rahmen ihrer Promotion mit dem Themenkomplex auseinander. Das Ergebnis ist der "Entwurf einer historischen Gedächtnistheorie", in der sie die gängigen erinnerungskulturellen Konzepte betrachtet und anhand der sogenannten "Stolpersteine" und einer Hamburger Ausstellung näher untersucht. Wir haben ihr hierzu unsere Fragen gestellt. 

"Prägend für ein deutsches und auch europäisches Selbstverständnis"

L.I.S.A.: Frau Dr. Reil, Sie beschäftigten sich im Zuge Ihrer Promotion mit dem Holocaust, genauer gesagt mit dessen Erinnerung und Gedenken. Sowohl für den Holocaust als auch den Themenschwerpunkt "Gedächtnis" lässt sich jedoch festhalten, dass sie in den Geistes- und Kulturwissenschaften bereits breit rezipiert und erforscht wurden. Was fasziniert Sie an diesem Thema?

Dr. Reil: Gedächtnis und Erinnerung sind zentral, wenn es darum geht, uns selbst zu verorten: Wer sind wir, und was ist unsere Geschichte? Der gesellschaftliche Umgang mit den NS-Verbrechen ist Anfang des 21. Jahrhunderts – wie es scheint – prägend für ein deutsches und auch europäisches Selbstverständnis.

Bis heute unterliegt dieser Umgang jedoch stetigen Veränderungen. Diese Veränderungen haben mich interessiert. Sie werden besonders deutlich in der Art, wie wir über den Holocaust sprechen. Deshalb habe ich diesen Diskurs in meiner Arbeit skizziert und dann analysiert. Nach welchen grundlegenden Regeln läuft er ab? Was für ein Geschichtsbild generiert dieser Diskurs?

"Der Diskurs ist vielfältig und stark interdisziplinär geprägt"

L.I.S.A.: Inwiefern unterscheidet sich Ihr Forschungsansatz vom aktuellen wissenschaftlichen Diskurs?

Dr. Reil: Die zentrale Frage meiner Dissertation ist, wie eine Gedächtnistheorie aussehen müsste, die einen echten epistemischen Nutzen für die Geschichtswissenschaft darstellt. Die einschlägig bekannten Theorien berücksichtigen nur einzelne Aspekte eines Geschichtsbildes, das auf Erinnerung basiert. Konkret heißt das, nicht im Zusammenspiel aus individuellen Erinnerungen und sozialen Mechanismen. Mein theoretischer Ansatz versucht genau das – Geschichte in einem holistischen Bild zu erfassen.

Ein anderes Anliegen war es, mit meiner Dissertation zunächst einmal überhaupt einen Überblick über den theoretischen Diskurs zum Thema „Gedächtnis“ zu geben und Schwerpunkte herauszuarbeiten. Der Diskurs ist vielfältig und stark interdisziplinär geprägt, so dass er schnell unübersichtlich wirkt. Neben der geisteswissenschaftlichen Reflexion über Erinnerung und Gedächtnis gibt es zum Beispiel auch Beiträge der kognitiven Neurowissenschaften, deren Hauptuntersuchungsgegenstand das menschliche Gehirn ist.

Größtenteils bestehen keine Bezüge zwischen den einzelnen Theorien. Es wird mit ganz unterschiedlichen Begriffen operiert. Diese Begriffe wollte ich klären, um die einzelnen Ansätze in einer gemeinsamen Diskussion fruchtbarer füreinander zu machen.

Was ist zum Beispiel damit gemeint, wenn von einem „kollektiven Gedächtnis“ die Rede ist? Ist dieser Begriff tatsächlich sinnvoll? Bisweilen wirkt er wie eine blumige Metapher. Pierre Nora und Jan Assmann erwecken in ihren Theorien den Anschein, als ob das individuelle Phänomen „Gedächtnis“ auf ein Kollektiv übertragbar wäre und dort nach denselben Mechanismen abläuft. Das aber ist zumindest einmal fragwürdig.

"Die Erinnerungskultur einer Gesellschaft"

L.I.S.A.: Erinnerungsprozesse an sich und die kollektive sowie individuelle Erinnerung sind Themen zahlreicher wissenschaftlicher Studien. Inwiefern dienen die Untersuchungen als theoretische Grundlage ihrer Arbeit?

Dr. Reil: Neben einem Überblick über den theoretischen Diskurs zur Entstehung und Weitergabe von Erinnerung untersuche ich exemplarisch drei einschlägige Konzepte des Diskurses auf ihre Leistungsfähigkeit. Es handelt sich um Pierre Noras Gedächtnisorte, um Jan Assmanns kulturelles und kommunikatives Gedächtnis und um Johannes Frieds historische Memorik.

Alle drei Ansätze fußen auf einem abstrakten Konzept, das sie auf ausgesuchte empirische Gegebenheiten übertragen. Dabei konzentrieren sich Nora und Fried auf sehr spezielle Phänomene. Sie liegen jeweils am anderen Ende eines breiten Spektrums, das die Erinnerungskultur einer Gesellschaft beschreibt. Assmann bildet einen größeren Ausschnitt dieses Spektrums ab und stellt in seiner Theorie wichtige Zusammenhänge zwischen Kommunikation und Kultur her. In meiner Dissertation werden die konstruktiven Ansätze dieser Theorien zusammengeführt und ergänzt, um verschiedene Phänomene in einem holistischen Bild von Geschichte zu erfassen.

"Ein dezentrales Denkmal"

L.I.S.A.: Exemplarisch ziehen Sie die Stolpersteine in Hamburg sowie die Ausstellung "In den Tod geschickt" heran. Warum eignen sich diese beiden Beispiele besonders gut für ihre Forschung? Gibt es spezifische Gründe hierfür?

Dr. Reil: Beide Beispiele beziehen sich inhaltlich auf die NS-Verbrechen an verschiedenen Minderheiten innerhalb der deutschen Gesellschaft. Außerdem sind beide jüngere Formen des Umgangs mit Geschichte, die eine aktuellere Sicht auf das Vergangene dokumentieren.

Die Bereitschaft, sich mit den Erinnerungen an die Ungeheuerlichkeiten der NS-Verbrechen zu konfrontieren, war unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland und anderen europäischen Ländern nicht gegeben. Imre Kertész schrieb deshalb aus Sicht der Opfer: „Vom ersten Augenblick an haftete dem Holocaust eine entsetzliche Angst an: die Angst vor dem Vergessen.“ (siehe Imre Kertesz: Der Holocaust als Kultur). Mittlerweile scheint sich die Erinnerung an den Holocaust im öffentlichen Bewusstsein der Europäer stärker verankert zu haben, wenn man Denkmäler und Ausstellungen zum Gedenken an die jüdischen Opfer zum Beispiel europaweit als Hinweise darauf deuten darf.

Die Stolpersteine beispielsweise sind als jüngere Denkmalform ziemlich einzigartig. Sie bilden ein dezentrales Denkmal, das stark vom Engagement einzelner Menschen lebt - seien es Leute, die die Genehmigung in ihrer Stadt organisieren, damit die Steine im Gehweg verlegt werden dürfen oder Paten, die den Stein finanzieren und vielleicht auch die Geschichte des eingravierten Namens recherchiert haben. Es ist eine wachsende „soziale Skulptur“ wie der Künstler und Ideengeber der Stolpersteine, Günter Demnig, es einmal beschrieb.

"Eine Chance für die Wissenschaft"

L.I.S.A.: Wie sollte zukünftig mit Erinnerungen von Zeitzeugen umgegangen werden? Welchen Stellenwert haben diese für die wissenschaftliche Forschung?

Dr. Reil: Erinnerung ist eine notwendige Bedingung für die Auseinandersetzung mit dem Vergangenen. Sie nicht als Fehlerquelle, sondern als Schatz zu begreifen, ist eine Chance für die Wissenschaft. In Erinnerungen kommt beispielsweise zum Ausdruck, wie jemand das Vergangene deutet. Die Gründe werden ersichtlich, warum Zeitgenossen sich in der Reaktion auf bestimmte Ereignisse so verhielten, wie sie es taten. Die Entwicklung der Geschichte wird dadurch nachvollziehbar und verliert ihre Kontingenz. Das würde bedeuten, dass die Wahrnehmung eines Ereignisses, wie sie in der Erinnerung enthalten ist, tatsächlich wirksam wird: Sie beeinflusst den historischen Verlauf.

Selbst wenn uns alle Fakten über ein Geschehen bekannt sind, hätten wir ohne die subjektive Wahrnehmung eines Geschehens kein vollständiges Bild der historischen Wirklichkeit. Erst Deutungen erheben bestimmte Ereignisse zu historisch relevanten Ereignissen. Damit soll die Darstellung eines Ereignisses nicht allein auf die Frage seiner Wahrnehmung zurückgeführt werden. Es soll lediglich darauf hingewiesen werden, dass eine Trennung von realem Ereignis und seiner mentalen Verarbeitung nicht sinnvoll ist. Darüber hinaus ist das auch nicht möglich.

"Ein Unterschied zwischen 'Erinnern' und 'Gedenken'"

L.I.S.A.: Ziel Ihrer Arbeit war die Entwicklung einer historischen Gedächtnistheorie. Dazu die abschließende Frage: Wo sehen Sie in den bestehenden Theorien Lücken und inwiefern lassen sich diese auf Grundlage Ihrer Überlegungen schließen?

Dr. Reil: Ein Geschichtsbild, das auf Erinnerung beruht, wird in keiner der vorgestellten Theorien in seiner Vollständigkeit erfasst. Nicht im Zusammenhang der verschiedenen Phänomene, die dieses Geschichtsbild kennzeichnen. Aber erst im Zusammenspiel aus individuellen Erinnerungen und sozialen Mechanismen kann sich ein Entwurf des Vergangenen herausbilden, der von Personen im kollektiven Verbund angenommen und weitergegeben wird.

Mein Ansatz ist der Entwurf einer Theorie, der diese Zusammenhänge erklärt und sie in einem einheitlichen System abbildet. Primär geht es bei diesem Ansatz darum, welchen Einfluss individuelles Erinnern auf einen sozialen Kontext hat und umgekehrt, wie soziale Einflüsse ein Individuum in der Rückbesinnung auf das Vergangene prägen. Die Ausrichtung dieser Untersuchung verschiebt den Akzent von Erinnerungsinhalten auf die Frage, wie erinnert wird. 

Im Verlauf meiner Untersuchung ist deutlich geworden, dass ein Unterschied zwischen „Erinnern“ und „Gedenken“ besteht. Die Gegenüberstellung beider Begriffe ist jedoch nicht gleichzusetzen mit einer Gegenüberstellung von Kollektiv und Individuum. Beide Formen – Erinnern und Gedenken - sind von der in meinem Buch beschriebenen sozialen Grammatik betroffen. Mit der begrifflichen Differenzierung und der Offenlegung der Mechanismen, wie Erinnern und Gedenken zustande kommen, erscheinen die Phänomene nicht weniger komplex, aber der Diskurs und die weitere Forschung auf diesem Feld hat womöglich an Klarheit gewonnen.

Dr. Juliane Reil hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Comment

by Anna | 16.04.2019 | 23:40
Sehr interessantes Interview, ich sehe nun auch den Unterschied zwischen „Erinnern“ und „Gedenken“

Grüße Anna
https://hausarbeit-agentur.com/blog/klausur-sicher-bestehen

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