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Georgios Chatzoudis | 11.10.2018 | 478 Aufrufe | Interviews

"Eine Ressource für kulturelle Beheimatung"

Interview mit Nicolas Detering, Albrecht Koschorke und Kirsten Mahlke zu Europa

Europa galt über Jahrhunderte hinweg als das Zentrum der Welt. Von hier aus kolonisierten Europäer nahezu den gesamtem Erdball und schwangen sich zu den Herren über alle anderen Völker auf. Spätestens seit dem Ende des Ersten Weltkriegs gilt die europäische Vorherrschaft als gebrochen - andere Staaten gewannen an Macht und Geltung, insbesondere die Vereinigten Staaten von Amerika, später die Sowjetunion beziehungsweise Russland, heute zusätzlich noch China, Indien und andere regionale Vormächte. Aus einer überwiegend monopolaren und eurozentrischen Hegemonie entstand bis heute eine multipolare Weltordnung. Und Europa? Europa ist mehr denn je ein Kontinent der Kulturen. So sehr seine Weltmachtstellung abgenommen hat, so sehr wird es nach wie vor als Modell für Demokratie, Rechtstaatlichkeit und Integration in Betracht gezogen. Dieser widersprüchliche Befund ist der Ausgangspunkt des neuen kulturwissenschaftlichen Zentrums "Kulturen Europas in einer multipolaren Weltordnung" an der Universität Konstanz. Wir haben die Leiter des Zentrums, Jun.-Prof. Dr. Nicolas Detering, Prof. Dr. Albrecht Koschorke und Prof. Dr. Kirsten Mahlke, um ein Interview gebeten.

Nicolas Detering, Kirsten Mahlke und Albrecht Koschorke (v.l.n.r.), Copyright: Jespah Holthof

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"Aufgabe für die Kulturwissenschaften, neue Beschreibungsmodelle Europas zu entwickeln"

L.I.S.A.: Die Universität Konstanz hat ein neues Forschungszentrum eingerichtet, das Sie gemeinsam leiten. Der Titel des Forschungszentrums lautet „Kulturen Europas in einer multipolaren Weltordnung“. Wie kam es zur Gründung dieses Zentrums? Welche Gegenwartsbeobachtungen sowie inhaltliche bzw. thematische Vorüberlegungen gingen dem voraus?

Detering/Koschorke/Mahlke: An der Universität Konstanz besteht bereits seit zehn Jahren ein erfolgreicher Masterstudiengang ‚Kulturelle Grundlagen Europas‘, der sich von vielen European Studies-Programmen durch seine kulturwissenschaftliche Ausrichtung unterscheidet. Welche Erzählungen, welche Bildwelten und historischen Referenzen bestimmen den Europadiskurs und inwiefern wirken kulturelle Bewegungen an der politischen Konstruktion Europas mit? Das ist im Grunde auch die Ausgangsfrage unseres Forschungszentrums, das allerdings stärker noch nach der Rolle der Globalisierung fragen soll. Bei der Einrichtung sind wir von der widersprüchlichen Beobachtung ausgegangen, dass der europäische Kontinent seine globale Dominanz in politischer, militärischer, wohl auch epistemologischer Hinsicht verwirkt hat, während die europäische Integration doch zugleich als weltweit bewundertes Modell einer friedlichen Einigung von einstmals verfeindeten Nationen gilt, auch aufgrund ihrer oft zweifelnden, oft streitbaren Art der Selbstverständigung. Wir leiten aus diesem Befund eine Aufgabe für die Kulturwissenschaften ab, neue Beschreibungsmodelle Europas zu entwickeln. Die postkoloniale Kritik am Eurozentrismus und Imperialismus möchten wir in Rechnung stellen, ohne aber die Attraktivität der kulturellen Bestände Europas aus den Augen zu verlieren. Das geht freilich nicht im Konstanzer Alleingang. Wir haben das Glück, dass die K.H.-Eberle-Stiftung es uns mit einem namhaften Preisgeld ermöglicht, internationale Fellows zu Gastaufenthalten an den Bodensee zu laden, mit denen gemeinsam wir über den Ort Europas in einer globalisierten Welt nachdenken können.

"Produkt von gesellschaftlichen Praktiken und institutionellen Regeln"

L.I.S.A.: Welches begriffliche Verständnis von „Kultur“ liegt dem Forschungszentrum zugrunde? Welche Disziplinen werden angesprochen?

Detering/Koschorke/Mahlke: Wir verstehen ‚Kultur‘ nicht als festumrissene und einheitliche Grundlage einer kollektiven Identität, sondern als kommunikativen Prozess, als Produkt von gesellschaftlichen Praktiken und institutionellen Regeln, die Zusammenleben koordinieren und als solche verhandelbar, deshalb auch umkämpft sind. ‚Kultur‘ wird nicht zentral gesetzt und hat keinen historisch unverfälschten Ursprung, sondern besteht zunächst als Behauptung, an deren Formulierung die Rand- und Hybridzonen einer Gesellschaft mitwirken, deren Plausibilität sie stützen und bezweifeln und die sie schließlich modifizieren können. Kulturwissenschaftlich ist unser Forschungszentrum insofern, als es diejenigen Disziplinen einschließt, die sich der historischen Dynamik und komplexen Gestalt von Praktiken und Kommunikationen des Kulturellen widmen: die Soziologie und die Geschichtswissenschaft, die Ethnologie und die Politologie, natürlich auch die Literaturwissenschaft mit ihrer besonderen Kompetenz für die Analyse von Symbolisierungen, Imaginationen und Narrativen, derer jede Behauptung von ‚Kultur‘ bedarf.

"Politisch, kulturell, sogar geographisch war und ist Europa ein Kontinent im Fluss"

L.I.S.A.: Der Begriff und vor allem das politische Konzept „Europa“ steht gegenwärtig unter Druck und wird von unterschiedlichen Richtungen und aus verschiedenen Gründen hinterfragt. War Europa als politische Vision sowie als politisches Modell der Nachkriegszeit, insbesondere in der Phase der sogenannten Trente Glorieuse, sowohl in West- aus auch in Osteuropa dominant positiv besetzt, ist das gegenwärtig nicht mehr der Fall. Sehen Sie „Kultur“ als neue Legitimations- und Integrationsressource für einen europäischen Zusammenhalt – sowohl in der Formation Europas nach innen als auch nach außen?

Detering/Koschorke/Mahlke: Es ist aus unserer Sicht eher so, dass ‚Kultur‘ in manchen Debatten zu einer Art Kampfbegriff zu werden droht, bei dem es bisweilen so scheint, als wäre er an die Stelle desavouierter Vokabeln wie ‚Volk‘ oder ‚Gemeinschaft‘ getreten. Versteht man die ‚europäische Kultur‘ als schlechthin gegebene und stabile Bedingung einer unveränderlichen Identität aller Europäer, so kann das durchaus ausgrenzend wirken. Man vereinnahmt dann bestimmte Werte wie Rechtsstaatlichkeit und Demokratie als kerneuropäisch oder erklärt umgekehrt Europa zu einem genuin christlichen Kontinent, mit teilweise klaren politischen Implikationen: die Türkei etwa kann dann schon aufgrund ihrer ‚kulturellen Andersartigkeit‘ nicht zur EU gehören. Dass das Christentum die Geschichte Europas und seine Institutionen stark geprägt hat, steht ja außer Frage; wer diesen Umstand aber essentialisiert, leitet aus den Tatsachen des Vergangenen eine Norm für die Gegenwart ab. Im Übrigen ist ja das Christentum in seinen Anfängen eine außereuropäische Religion und ist dies inzwischen dominant wieder geworden. Politisch, kulturell, sogar geographisch war und ist Europa ein Kontinent im Fluss. Es kommt aus unserer Sicht darauf an, das nicht nur als Krisensymptom, sondern als Ressource für ganz unterschiedliche, andererseits doch wieder irgendwie familienähnliche Formen kultureller Beheimatung anzusehen.

"Dekonstruktion eurozentrischer Weltdeutungen"

L.I.S.A.: Der streitbare Philosoph Slavoij Zizek warnt davor, die Kritik am Eurozentrismus überzustrapazieren. Dabei werde das Kind mit dem Bade ausgeschüttet; vielmehr solle sich Europa seiner Stärken bewusst werden und diese offensiv verteidigen. Welche Perspektive haben Sie in Ihrem Forschungszentrum auf das, was man als Eurozentrismus bezeichnet?

Detering/Koschorke/Mahlke: Wir halten die Dekonstruktion eurozentrischer Weltdeutungen für eine wesentliche Errungenschaft kulturwissenschaftlicher Forschung in den letzten Jahrzehnten. Zugleich ist erkennbar, dass die sogenannte postcolonial theory in ihren Voraussetzungen selbst noch europäisch, zumindest aber westlich war – das gilt für die akademische Sozialisierung ihrer Wortführer, es gilt für deren philosophische Gewährsleute, es gilt aber auch für den postkolonialen Denkstil selbst, der stark im französischen Intellektuellenmilieu des späten 20. Jahrhunderts verankert ist. Jüngere postkoloniale Theoretiker wie Hamid Dabashi haben diesen inhärenten Eurozentrismus scharf kritisiert, und unter anderem gegen Dabashi richtet sich ja auch Zizeks Polemik. Wir teilen Zizeks ‚Europhorie‘ nur insofern, als auch wir den europäischen Kontinent nicht reflexhaft dämonisieren wollen, sondern nach den Potentialen fragen, die gerade auch in seiner verminderten Weltgeltung liegen. In diesem Sinn lassen sich einige paradigmatische Selbsterzählungen Europas verflechtungsgeschichtlich umschreiben – aber gerade nicht, um dadurch Europa als hegemoniale Deutungsinstanz zu reinstallieren, sondern um die ‚Provinz Europa‘ im 21. Jahrhundert historisch präziser kartieren zu können.

"Das Forschungszentrum soll im Januar 2019 seine Arbeit aufnehmen"

L.I.S.A.: Wie soll sich das Forschungszentrum Ihrer Vorstellung nach entwickeln? Welche organisatorischen Schritte sind die nächsten?

Detering/Koschorke/Mahlke: Unser Forschungszentrum beruht auf drei Säulen: dem eingangs erwähnten Master-Studiengang ‚Kulturelle Grundlagen Europas‘, einem europäistischen Graduiertenkolleg, für das wir uns derzeit bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft um Mittel bemühen, und den Gastfellows, die für einen Zeitraum von vier bis zwölf Monaten in Konstanz leben sollen, um hier ihre Forschungsprojekte zu verfolgen. Die beteiligten Personen vom Masterstudenten bis zur Gastprofessorin sollen sich wechselseitig anregen – unsere Fellows können sich mit Doktorandinnen treffen, um über ihre jeweiligen Arbeiten zu sprechen, die Masterstudierenden können einen Auslandsaufenthalt an der Heimatuniversität unserer Gäste absolvieren, und in gemeinsamen Workshops wollen wir über die theoretischen Grundlagen der verschiedenen Einzelprojekte diskutieren. Das Forschungszentrum soll im Januar 2019 seine Arbeit aufnehmen und wird über mindestens fünf Jahre finanziert.

Nicolas Detering, Albrecht Koschorke und Kirsten Mahlke haben die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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