Registrieren
merken
Judith Wonke | 19.03.2020 | 887 Aufrufe | Interviews

"Eine Geschichte einer langsamen Öffnung"

Interview mit Dr. Marco Swiniartzki zum Untersuchungsgegenstand des "Glocal Metal"

Metal-Musik, die in den 1970er Jahren in Großbritannien entstand, werde vor allem von weißen, männlichen Arbeitern konsumiert, so die gängigen Klischees. Dr. Marco Swiniartzki, der selbst Metal-Fan aber vor allem Historiker ist, hat sich mit diesem Phänomen näher beschäftigt und dem Genre ein Forschungsprojekt gewidmet, das von der Gerda Henkel Stiftung gefördert wurde. Darin fragt der Wissenschaftler nach der globalen Ausrichtung des Genres und inwieweit es von globalisierten Strukturen bedingt ist. Wir haben Dr. Swiniartzki um ein Interview gebeten. 

Copyright: Anne Günter, FSU Jena

"Erscheinung des 'academic fan'"

L.I.S.A.: Herr Dr. Swiniartzki, Sie beschäftigen sich in einem Forschungsprojekt mit dem Phänomen des „Glocal Metal“. Bevor wir zu Ihrem konkreten Untersuchungsgegenstand kommen eine Frage vorab: Geht das Thema auf ein persönliches Interesse zurück?

Dr. Swiniartzki: Bei der Wahl meines Forschungsthemas folgte ich zunächst in der Tat meinem persönlichen Interesse. Seit etwas mehr als 20 Jahren bin ich Metal-Fan und hatte zunächst nie erwartet, dies einmal mit meiner wissenschaftlichen Tätigkeit verbinden zu können. Beginnend in den Jahren um 2010 entwickelte sich jedoch Stück für Stück das interdisziplinäre und internationale Forschungsfeld der „Metal Studies“ und Forschungen zu Aspekten dieser – akademisch lange belächelten – Kultur rückten in den Bereich des Möglichen. Die stete Etablierung und Professionalisierung des Feldes bestärkten mich schließlich darin, der Geschichte des Metals ein historisches Forschungsprojekt widmen zu können. Ich denke, dass die Fragestellungen und das Instrumentarium der Geschichtswissenschaft einen wichtigen Beitrag in diesem Forschungsdiskurs verschiedener Disziplinen zu leisten im Stande sind.

Dabei persönlich in der Metal-Szene involviert zu sein, ist zwar einerseits für das Projekt verzichtbar, da sich auch (und vielleicht besonders) in der Sicht „von außen“ Blickwinkel auftun können, die aus emischer Sicht verborgen oder verstellt sein mögen. Andererseits geht mit einem langfristigen Interesse an der Musik und den Szenen ein Vorwissen einher, das sich ansonsten erst mühsam angeeignet werden müsste. Darüber hinaus hilft die Erscheinung des „academic fan“ bei der Knüpfung von Kontakten zu potentiellen Gesprächspartnern.  

"Gegenseitige Bedeutung des Nahen und Fernen füreinander"

L.I.S.A.: In Ihrer Forschung beziehen Sie sich auf den Begriff des „Glocal Metal“. Was kann man sich darunter vorstellen? Wie ist der Begriff entstanden?

Dr. Swiniartzki: Der Begriff der „glocalization“ oder „Glokalisierung“ ist bereits in verschiedenen Zusammenhängen seit den 1980er Jahren verwendet worden, wurde im wissenschaftlichen Diskurs aber besonders durch den Soziologen Roland Robertson geprägt. Glokalisierung verweist dabei auf eine gegenseitige Verschränkung unterschiedlicher Handlungs- und Wahrnehmungsebenen in der sich globalisierenden Moderne, worunter vor allem zu verstehen ist, dass globale und lokale Ebenen keinen Widerspruch sondern sich bedingende – daher „glokale“ – Aspekte einer Entwicklung darstellen. Im Einzelfall kann man wohl am besten von der gegenseitigen Bedeutung des Nahen und Fernen füreinander sprechen.

Hinsichtlich der Geschichte des Metals ist damit gemeint, dass jegliche Szenestruktur aus lokalen – häufig urbanen und/oder regionalen – Anfängen der Kommunikation resultiert. Die dort entwickelten stilistischen Besonderheiten in Musik, Fankultur, Ökonomie, Journalistik, Infrastruktur etc. gingen jedoch bereits zu Beginn ihrer Genese eine kommunikative Verbindung zu anderen lokalen Strukturen ein und nahmen dadurch ferne Anregungen auf. Dies geschah im Falle des Metals durch persönliche Kontakte, tape trading-Kanäle und/oder geschäftliche Beziehungen, i. d. R. aber hoch dynamisch und mit großer Leidenschaft seitens der Akteure. Der sich daraus entwickelnde Zusammenhang globalisierte sich also, behielt aber auch weiterhin bestimmte lokale Distinktionsmerkmale bei, die wohl am ehesten in der wichtigen regionalen Verortung von Metal-Bands weiterbestehen. Da der von mir untersuchte Zeitraum von den späten 1970er bis zu den frühen 1990er Jahren den Startschuss für die darauffolgende rasante Verbreitung der Metal-Kultur(en) über den (nicht „westlichen“) Globus bildete, trägt das Projekt den Titel „glocal metal“. 

"Auswertung des bestehenden „populärwissenschaftlichen“ Materials"

L.I.S.A.: Welches Quellenmaterial liegt Ihrer Studie zu Grunde? Und inwiefern spielen musikwissenschaftliche Aspekte und die eigentliche Musik eine Rolle?

Dr. Swiniartzki: Die Quellengrundlage für das Projekt ist – verglichen mit „traditionellen“ geschichtswissenschaftlichen Vorhaben – relativ ungewöhnlich, was vor allem daran liegt, dass archivalische Quellen kaum vorhanden sind. Im Wesentlichen stütze ich mich auf Interviewmaterial, das bereits in großem Umfang vorhanden ist, aber nur sehr selten ausgewertet wurde, sowie auf eigene Interviews mit den Akteuren vor Ort. Darüber hinaus spielt auch die Arbeit mit filmischen Dokumenten und Interviews eine Rolle. Hinzu kommen Zeitungsartikel, (Auto)Biografien und natürlich die weiter ansteigende Zahl an Veröffentlichungen im Feld der „Metal Studies“. Da ich mich im sozialgeschichtlichen Teil meines Projektes um eine Kollektivbiografie der Szene-Akteure bemühe, ist eine möglichst umfangreiche Auswertung des bestehenden „populärwissenschaftlichen“ Materials nötig, um an die verstreuten (weil oft beiläufig erwähnten) Informationen zu familiären und ökonomischen, aber auch schulischen Hintergründen zu gelangen.

Die musikwissenschaftlichen Aspekte spielen im Projekt eine wichtige Rolle, da die eigentliche Musik nicht zum Anhängsel oder Nebenprodukt struktureller Entwicklungen degradiert werden darf. Dennoch ist eine „echte“ Interdisziplinarität zwischen Geschichts- und Musikwissenschaft insofern problematisch, als dass die hohe Spezialisierung besonders in Letzterer eine große Hürde für die meisten musikalischen Laien darstellt. Bei der Analyse stütze ich mich daher vor allem auf die musikwissenschaftlichen Arbeiten, die zum Heavy Metal und den Subgenres des Extreme Metals veröffentlicht wurden und suche den Austausch mit Ansprechpartnern in der Musikwissenschaft.    

"Die Musik als freien Ausdruck von subjektiven Gefühlen und Erfahrungen erlebten"

L.I.S.A.: Können Musik im Allgemeinen und die verschiedenen Ausrichtungen der Metalmusik im Speziellen als Indikator für gesellschaftliche Veränderungen angesehen werden? Und lässt sich eine Korrelation zwischen historischen Entwicklungen und dem Aufkommen bestimmter Musikrichtungen oder Strömungen ausmachen?

Dr. Swiniartzki: Ich denke, dass dies nicht unmittelbar möglich ist und, dass ein musikalisches Produkt lediglich über das Scharnier des Musikers mit der gesellschaftlichen Entwicklung oder gesellschaftlichen Gruppen verbunden wird. Da sich die meisten Metal-MusikerInnen in meinem Untersuchungszeitraum nicht an einem imaginierten Publikumsgeschmack orientierten, sondern die Musik als freien Ausdruck von subjektiven Gefühlen und Erfahrungen erlebten, bleibt die Musik zunächst einmal ein individuelles bzw. bandinternes Phänomen. Dies gilt umgekehrt auch für die Fans, wobei angemerkt werden muss, dass sich eine Einteilung in Produzenten, Konsumenten und Mediatoren der Musik für den Metal kaum anbietet. Nicht wenige der Akteure waren auf zwei, wenn nicht sogar drei dieser Seiten zu finden.

Nichts desto trotz sind in die Musik selbstverständlich immer auch verarbeitete Erfahrungen der MusikerInnen eingegangen und sie wurde ebenso mit solchen konsumiert, die sich sicherlich zu gesellschaftlichen, ökonomischen und/oder politischen Entwicklungen in Beziehung setzen lassen. Dies jedoch als unmittelbares Verhältnis zu betrachten, hieße m. E., die Komplexität von Musik zu unterschätzen. Es besteht ein mittelbarer Zusammenhang zwischen Metal-Musik und gesellschaftlichen Veränderungen, der sich sehr gut an der Entscheidung vieler MusikerInnen anschaulich machen lässt, die althergebrachten Narrative ihrer Eltern und Klassen/Schichten in Frage zu stellen und – in einem zweiten Schritt – die Musik quasi als Ausdruck dieser Individualisierung sprechen zu lassen. Insofern kann die Erfolgsgeschichte des Metals seit den 1970er Jahren als eines der Phänomene einer Veränderung der Industriegesellschaften betrachtet werden, darf aber nie gänzlich darauf reduziert werden. Darüber hinaus bestehen dabei teils massive regionale bzw. nationale Unterschiede.

"Auch die Mittelklasse-Jugend fand Gründe, sich für brutale Musik zu begeistern"

L.I.S.A.: Metalmusik wird vor allem von weißen, männlichen Arbeitern konsumiert.“ Soweit jedenfalls die typischen Stereotype. Können Sie diese Einschätzung bestätigen?

Dr. Swiniartzki: Hier lässt sich an die vorherige Frage anschließen: Ich halte es für unhaltbar, die Entstehung einer musikalischen Kultur pauschal als Funktion einer strukturellen Erosion einer „Klasse“ und ihres Männlichkeitsideals zu beschreiben, wie dies etwa für die „grande dame“ der „Metal Studies“, Deena Weinstein, gilt, deren Gründungsnarrativ zwar nicht mehr im Forschungsfeld, aber in weiten Teilen der Presse dominiert. Dem liegt die romantische Vorstellung einer homogenen „working class“ und ihrer „working class culture“ zugrunde, die sich bereits mit einem kurzen Blick auf die Arbeits- und Familienverhältnisse der frühen englischen Bands wie Black Sabbath aus Birmingham entkräften lässt. Bestünde hier ein Kausalzusammenhang, wäre es unerklärlich, warum „neun von zehn“ männlichen Arbeitern niemals Metal hörten und auch unter den jugendlichen Arbeitern Metal keinen Absolutheitsanspruch behaupten konnte. Ich denke, dass die Erzählung vom Heavy Metal als „working class“-Phänomen besonders dem Umstand zu verdanken ist, dass entscheidende Regionen der Metal-Kultur wie die englischen West Midlands oder das Ruhrgebiet in den 1970er und 1980er Jahren klassische Industriegegenden „unter Druck“ waren, wodurch allzu leicht der Trugschluss entstand, die Musik eines Teiles der Jugend von dort müsse etwas mit rauchenden Schloten und Fördertürmen zu tun haben. Viel eher verzeichneten diese Regionen einen hohen Anteil einer jugendlichen Bevölkerung, die sich in geregelten Arbeitsverhältnissen sowohl zeitlich wie finanziell die Ausübung eines musikalischen Hobbys leisten konnte. Darüber hinaus wiesen sie eine gute Infrastruktur auf, durch die Konzerte, Proben und das gemeinsame Verbringen von Zeit außerhalb der Elternhäuser ermöglicht wurde. Die Mehrheit der Musiker aus solchen Szenen hatte daher freilich einen Hintergrund in der „Arbeiterklasse“ – aber vor allem, weil sie in ihren Regionen die große Mehrheit der männlichen Jugendlichen ausmachten. Dies bedeutet nicht, dass Metal-Musik in Birmingham oder Essen nicht etwas mit Entfremdung oder Ekel gegenüber der tristen Umgebung oder Arbeit zu tun haben konnte – doch war der sozioökonomische Status keine conditio sine qua non für Heavy Metal. Denn verglichen mit anderen wichtigen Metal-Szenen wie etwa der kalifornischen Bay Area oder den Death- und Black Metal-Zentren in Stockholm, Göteborg, Tampa/Florida oder Oslo wird schnell deutlich, dass es keiner Arbeiterklasse-Jugend bedurfte, um Metal zu spielen oder zu hören. Auch die Mittelklasse-Jugend fand genügend Gründe, sich für brutale Musik zu begeistern. Die regionalen Differenzen beschreiben den Metal und sein Sozialsystem also weniger als Klassen- denn als Krisen-Kultur, wobei dies ausdrücklich nicht ökonomisch dominiert sein musste. Auch der reine Distinktionswunsch gegenüber einer als stumpf postulierten Mehrheitsgesellschaft und/oder anderen Musik-Szenen, die Langeweile in gutsituierten Vororten oder schlicht der Widerwille, in die Fußstapfen der Eltern zu treten, konnten ein subjektives Krisengefühl hervorrufen, das sich musikalisch gut kanalisieren ließ und auf dessen Grundlage man sich hervorragend vergemeinschaften konnte.

Es erscheint mir wichtig, die Metal-Kultur hinsichtlich der drei genannten Attribute „weiß“, „männlich“ und „proletarisch“ als Geschichte einer langsamen Öffnung zu verstehen, deren Beginn sich vor allem auf die 1980er Jahre datieren lässt. Denn obgleich sich – wie oben skizziert – der Metal nicht deterministisch aus proletarischen Traditionen herleitete, überwog dennoch in den 1970er und frühen 1980er Jahren ein ökonomischer Krisenbegriff, der sich in individualisierten Lebenswegen der Musiker niederschlagen konnte und Fans einer ähnlichen Herkunft mit der Musik verband. Dass sich dabei fast ausschließlich weiße und männliche Jugendliche angezogen fühlten, hatte mit verschiedenen Faktoren zu tun: der Vergemeinschaftung von Bands und Unterstützern durch männliche Freundes- und Bekanntenbeziehungen, traditionellen Rollenbildern der Geschlechter, die durch die Elternhäuser und Arbeitsverhältnisse verlängert wurden und sich erst langsam veränderten, sowie einer partiellen ethnischen Segregation der Jugendgruppen durch Arbeit, Wohnen, Schule und Musik.

Die durch die New Wave of British Heavy Metal um 1980 angestoßene Differenzierung der Metal-Kultur in einerseits massenkompatiblere und andererseits extremere Spielarten brachte schließlich große Bewegung in das Heavy-Metal-Sozialsystem der 1970er Jahre. Während der Glam-Metal des Sunset Strips in Los Angeles vielen weiblichen Jugendlichen den Einstieg in die Metal-Kultur ermöglichte, distinguierten sich vermehrt die männlichen Jugendlichen im Thrash Metal, der seine Zentren in der Bay Area of San Francisco und im Ruhrgebiet hatte. Kennzeichen beider Metal-Regionen war eine beginnende Inklusion ihrer ethnischen und kulturellen Vielfalt, indem afroamerikanische, indigene und hispanische bzw. polnisch-, italienisch- und griechisch-stämmige Musiker und Fans den Weg in die Metal-Kultur fanden. Ohne diese Entwicklung hier zur Gänze weiter beschreiben zu können, soll darauf verwiesen werden, dass sich die Anzahl weiblicher Fans seit dem zwar massiv erhöht hat und sich die ethnische Zusammensetzung der Metal-Szenen der ethnischen Zusammensetzung ihrer jeweiligen Regionen annähert, aber weibliche und nicht-weiße Musiker immer noch eine große Ausnahme in der Metal-Kultur darstellen.     

Dr. Marco Swiniartzki hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet. 

Kommentar erstellen

2U0OW