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Georgios Chatzoudis | 04/12/2016 | 1521 Views | Interviews

Diskriminiert - vernichtet - vergessen

Interview mit Rainer Hudemann über Menschen mit Behinderung im Zweiten Weltkrieg

Menschen mit Behinderung als Opfer nationalsozialistischer Gewaltpolitik in den besetzten Gebieten der Sowjetunion waren in der Forschung lange ein Randthema. Erst die Öffnung postsowjetischer Archive ermöglichte einen neuen Blick auf eine über Jahrzehnte hinweg verschwiegene bzw. vergessene Opfergeschichte. In einem von der Gerda Henkel Stiftung geförderten Projekt haben Forscher aus Weißrussland, der Ukraine, Russland und Deutschland untersucht, wie Menschen mit Behinderung in der UdSSR vor dem Zweiten Weltkrieg diskriminiert wurden, wie die Nationalsozialisten sie in den besetzten Gebieten der Sowjetunion vernichtet haben und warum diese Opfergruppe nach 1945 in Vergessenheit geriet. Die Ergebnisse der Forschergruppe haben die Neuzeithistoriker Prof. Dr. Rainer Hudemann und Dr. Alexander Friedman von der Universität des Saarlandes in einem aktuellen Sammelband herausgegeben. Wir haben Rainer Hudemann um ein Interview gebeten.

"Problembewusstsein für Behinderte in modernen Kriegen schärfen"

L.I.S.A.: Herr Professor Hudemann, Sie haben zusammen mit Dr. Alexander Friedman ein umfangreich angelegtes weißrussisch-deutsches Projekt geleitet, in dem es um Behinderte in der Sowjetunion, unter nationalsozialistischer Besatzungszeit und im Ostblock von 1917-1991 ging. Greifbares Ergebnis des Projekts ist ein gerade erschienener Ergebnisband mit dem Titel "Diskriminiert - vernichtet - vergessen". Bevor wir zu einigen zentralen Aspekten der zugrundeliegenden Forschungsarbeit kommen - wieso dieses Thema? Was waren die Vorüberlegungen zu diesem Projekt? Was macht es so erforderlich?  

Prof. Hudemann: „Euthanasie“ und Massenmorde sind in Deutschland seit der frühen Nachkriegszeit ein sehr breit erforschtes Thema. Dass Morde an psychisch und physisch Behinderten auch im Rahmen des Ost-Feldzuges erfolgten, war mit Ausnahme weniger Arbeiten zu Polen bisher fast unbekannt. Dem entsprach eine Randstellung von Behinderten in der Sowjetunion und den post-sowjetischen Staaten. Insofern hofft die Projektgruppe, mit ihrer Arbeit zugleich allgemeiner das Problembewusstsein für Behinderte in der Gesellschaft und in den modernen Kriegen zu schärfen.  

Mit Weißrussland steht eine der beiden wichtigsten nichtrussischen Sowjetrepubliken und Nachfolgestaaten im Mittelpunkt des Geschehens. Weißrussland gehört weltweit zu den am wenigsten bekannten Regionen der ehemaligen UdSSR, obwohl es im Krieg am weitgehendsten verwüstet wurde. Auch das war ein maßgeblicher Grund dafür, gerade dieses Land besonders intensiv zu erforschen. Pastor Herbert Wohlhüter, der jahrzehntelang das Rehabilitationswerk für Behinderte in Bethel mit leitete und sich für die Arbeit mit Behinderten in Weißrußland persönlich langfristig engagiert hat, gab einen wesentlichen Anstoß dazu.

"Für Situationen von Schwachen in modernen Kriegen sensibilisieren"

L.I.S.A.: Das Projekt umfasst den Zeitraum fast eines Jahrhunderts, mit vielen großen historischen Zäsuren - 1917, 1941, 1945, 1990, um nur einige anzudeuten. Gibt es ungeachtet der historischen Kontexte, in denen Behinderte innerhalb dieses Zeitraums diskriminiert, misshandelt und ermordet wurden, so etwas wie eine lange Linie, eine Art Fluchtperspektive, die eine Verallgemeinerung der Unmenge an Einzelschicksalen erlaubt? Anders und zugespitzt gefragt: Machte es für Behinderte in dieser Zeit einen Unterschied, unter welcher Kuratel sie standen?  

Prof. Hudemann: Morde, und zumal systematische Morde, erfolgten nur in der Zeit des deutschen Krieges gegen die Sowjetunion. Wie stark Behinderte solchen Vernichtungsaktionen ausgesetzt waren, hing jedoch auch mit den gesellschaftlichen Schutzmechanismen zusammen, die sich entwickelten - oder eben auch nicht oder unzureichend entwickelten. Gesellschaftliche Diskriminierungen konnten unter so extremen Bedingungen wie in einem totalen Krieg lebensgefährlich werden. Das Buch möchte auch für solche Situationen von Schwachen in modernen Kriegen, weit über den Fall der besetzten Regionen der Sowjetunion hinaus, sensibilisieren. 

"Viele Morde waren tatsächlich oder vorgeblich situationsbedingt"

L.I.S.A.: Einen Schwerpunkt in Ihrer Forschung bildet die nationalsozialistische Besatzungszeit in der Sowjetunion von 1941 bis 1945. Welche Rolle spielte dabei das "Euthanasie-Programm" der Nationalsozialisten bzw. die nationalsozialistische Ideologie?  

Prof. Hudemann: Die Besatzungszeit war der Ausgangspunkt des von der Gerda Henkel Stiftung geförderten Projektes. Die im Buch vorgelegte sehr breite kontextuelle Ausweitung erwies sich rasch als unverzichtbar. Es stellte sich heraus, dass die gezielten Mordaktionen in Kliniken vergleichsweise weniger umfangreich waren als zunächst vermutet. Ein sehr großer Teil der Behinderten fiel allgemeineren Kriegssituationen zum Opfer oder wurde in ihnen schwer verletzt oder traumatisiert und blieb auf Lebenszeit behindert. Man war aber nicht mehr im Jahre 1939/40, als die Morde im Deutschen Reich und in Polen anliefen. Im Sommer 1941, als auch die Vernichtungsaktionen gegen jüdische Bevölkerungsteile zur industriellen Vernichtung perfektioniert wurden, hatte die Gewaltdimension des Krieges sich bereits vervielfacht. Viele Morde waren tatsächlich oder vorgeblich situationsbedingt - beispielsweise mit dem Argument, Wehrmacht oder SS bräuchten Lazaretträume oder es müssten Nahrungsmittel eingespart werden. Und die immer noch weiter entgrenzte Gewalt beraubte Schwache - Behinderte, Kranke, alte Menschen, Säuglinge, Kinder, Frauen - zunehmend ihrer letzten Zufluchtsmöglichkeiten. Die nationalsozialistische Ideologie spielte eine Rolle, doch die konkreten Mordsituationen waren weitaus vielfältiger begründet.   

"Es entwickelte sich nur sehr langsam ein öffentliches Problembewusstsein"

L.I.S.A.: Wer war an den Mordaktionen beteiligt? Betraf das nur SS-Einheiten? War die ethnische Zugehörigkeit der Opfer von Bedeutung?  

Prof. Hudemann: Jüdische oder als jüdisch bezeichnete Opfer wurden am raschesten ermordet und hatten die geringsten Überlebenschancen. Aber durch Schüsse, Sprengung, Gas, Verhungern oder als lebende Minenräumkommandos wurden noch weit größere Bevölkerungsgruppen getötet, soweit man sie erreichen konnte. Beteiligt waren SS, Wehrmacht und Zivilverwaltung - entweder unmittelbar, oder mittelbar durch Anordnungen. 

L.I.S.A.: Was veränderte sich für die betroffenen Opfer nach 1945? Wie wurde an die behinderten Opfer der nationalsozialistischen Mordpolitik gedacht? Und hatte das Einfluss auf die Behandlung Behinderter in der sowjetischen Nachkriegszeit?  

Prof. Hudemann: In Deutschland konzentrierte man sich lange weitgehend auf die wohl an die 200.000 deutschen Psychiatrie-Opfer. Die sowjetische und - erzwungenermaßen - osteuropäische Erinnerung war beherrscht von dem Mythos des gemeinsamen vaterländischen Volkskrieges gegen die deutsche Besatzung. Bis zum Zusammenbruch hatten in diesem Propagandabild weder die jüdischen noch die behinderten Opfer Platz. In den großen sowjetischen Nachkriegsprozessen kamen die Behindertenmorde fast nie zur Sprache. Auch seit 1991 entwickelte sich nur sehr langsam ein entsprechendes öffentliches Problembewusstsein, für die Behinderten noch zögernder als für jüdische Opfer. Kleine Gedenkorte sind sehr jungen Datums.

Prof. Dr. Rainer Hudemann hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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