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Björn Schmidt | 24.03.2016 | 1809 Aufrufe | 3 | Interviews

"Die Pazifizierung des Publikums"

Interview mit Noyan Dinçkal über Publikumskultur in der Weimarer Republik

Über die Fankultur im Fußballstadion wurde in jüngster Zeit kontrovers diskutiert. Ungeachtet der Debatten um Sicherheit und Gewalt in den Stadionrängen, ist es heute selbstverständlich, dass Sportveranstaltungen von einem anfeuernden Publikum begleitet werden. Doch wie entstand eigentlich die moderne Publikumskultur im Sport? Welche Rolle spielte dabei die Entstehung des Stadions als Sportraum, das dem Publikum einen festen aber abgegrenzten Raum zugestand? Und welche Bedeutung hat die Identifikation mit der Masse vor dem historischen Hintergrund der Weimarer Republik? Prof. Dr. Noyan Dinçkal, Professor für "Europäische Wissens- und Kommunikationsgeschichte der Moderne" an der Universität Siegen, hat sich dem Zusammenhang von Sportraum und Sportkonsum gewidmet. Wir haben ihm dazu unsere Fragen gestellt.

Google Maps

"Stadien wurden auch aus Gründen der Legitimationsbeschaffung und Imagepflege gebaut"

L.I.S.A.: Herr Prof. Dr. Dinçkal, Sie beschäftigen sich mit dem Zusammenhang von Sportraum und Sportkonsum in der Weimarer Republik und beschreiben, wie sich in den 1920er Jahren das Stadion zum zentralen Ort des Sports etablierte. Wie kam es überhaupt dazu, dass zu dieser Zeit Stadien entstanden? Was führte auf Sport- oder gesellschaftlicher Ebene dazu, dass Sport massenhaft konsumiert wurde?

Prof. Dinçkal: Die Entwicklung des Sports zu einem kulturellen Massenphänomen bedeutete immer auch die Entwicklung zum Zuschauersport. Stadien sollten ja nicht nur etwa das Erbringen und die Vergleichbarkeit von sportlicher Leistung, sondern vor allem den Konsum der Wettkämpfe ermöglichen. Dabei bedingten sich die mit der zunehmenden Popularität des Sports einhergehende Entwicklung des Sportkonsums und der Stadionboom in den 1920er Jahren gegenseitig. Und obwohl in den 1920er Jahren von Seiten der Sportverbände immer wieder Kritik am Stadionbau geäußert und stattdessen die Errichtung kleinerer kommunaler Sportplätze zur Förderung des „Breitensports“ gefordert wurde, standen 1930 in knapp über 100 Städten mehr als 125 Stadien zur Verfügung. Das hat natürlich auch etwas mit der kommunalen Sportförderung zu tun. Kommunen konkurrierten in den 1920er Jahren um den Titel „Sportstadt“, ließen aus Gründen der Legitimationsbeschaffung und der Imagepflege Stadien bauen, übernahmen Infrastrukturmaßnehmen oder bürgten für Kredite und beeinflussten somit den Konsum von Sport wesentlich. Diese Maßnahmen bildeten die Basis der in der Weimarer Zeit erreichten hohen Zuschauerzahlen, die für die Kommunen auch wegen des Fremdenverkehrs nicht ganz unerheblich war.

Deutsche Fußballmeisterschaft Nürnberg - Hamburg, 1924

"Der emotional aufgeladene Zuschauerkörper war ausgesprochen suspekt"

L.I.S.A.: Sie zeigen, wie diese neue Form des Sportkonsums im Stadion erst erlernt werden musste. Anfangs schien nicht klar zu sein, wie man sich sowohl der Masse als auch dem Geschehen auf dem Sportplatz gegenüber zu verhalten hatte. Wie wurde diese neue Form des Konsums aufgenommen und wie verhielt sich das Publikum?

Prof. Dinçkal: Sie haben Recht, denn tatsächlich gibt es Berichte, die nahelegen, dass sich zur Anfangszeit des Sports in Deutschland, gegen Ende des 19. Jahrhunderts, die Begeisterung bei Sportveranstaltungen in Grenzen hielt. Dies hat auch damit zu tun, dass der Sport trotz aller Emotionalität eine kenntnisreiche Souveränität des Publikums gegenüber dem auf den Sportplatz Dargebotenen voraussetzte. Die Beurteilung und die Spannung von Sportveranstaltungen waren abhängig von Vorkenntnissen, die die Regeln des jeweiligen Spiels, die jeweils gültigen Leistungsspitzen und den Sportraum umfassten. Diese Kenntnisse erschlossen sich aber nicht automatisch von selbst, sie mussten vermittelt und angeeignet werden, woran die Sportverbände und vor allem die Sportpresse einen wesentlichen Anteil hatten.

Doch nachdem sich der Sport in Deutschland spätestens in der Weimarer Republik etabliert hatte, stießen die Formen der Anteilnahme des Publikums, nicht nur, aber speziell beim Fußball, auf Skepsis. Stadien ermöglichten dabei eine dynamische Publikumskultur und vielfältige Formen der Interaktion zwischen Mitmachen und Eigensinn. Das bedeutet, dass das Publikum nicht einfach in einer passiven Konsumentenrolle verharrte. Aber das Ideal der Sportverbände war das distanzierte bürgerliche Publikum etwa des Theaters, ein Ideal allerdings, das speziell in den 1920er Jahren nicht dem konkreten Zuschauerverhalten entsprach. Wenn man sich die zahlreichen Wortmeldungen zum Thema „Zuschauerverhalten“ ansieht, so fällt erstens das Reden über Fälle „ungezogenen“ Verhaltens auf, etwa Anfeuerungen, Beschimpfungen und Gesänge. Zweitens und unmittelbar damit zusammenhängend, beunruhigte die Veranstalter und Vertreter der Sportverbände das Verletzen der räumlichen Ordnung, womit Grenzüberschreitungen gemeint waren. Da die Grenze zwischen Spielfeld und Zuschauerraum häufig nur durch eine Linie markiert war, kam es immer wieder zu Fällen, das Zuschauer einfach den Innenraum betraten und somit die Trennung von Zuschauern und Sportlern, ein für die Soziologen Norbert Elias und Eric Dunning elementares Kennzeichen des modernen Sports, aufhoben. Kurz, der emotional aufgeladene Zuschauerkörper, der den kontrollierten Affekthaushalt des bürgerlichen Subjektes überschritt, war ausgesprochen suspekt.

Berlin, Lauf deutscher Athletik-Vereine, 1923

"Man begann, die Grenzen zwischen Innen- und Außenraum auch baulich umzusetzen"

L.I.S.A.: Sie weisen auch auf die baulichen Entwicklungen hin. Die strenge Trennung zwischen Zuschauerraum und Spielfeld gab es anfangs nicht in der Form. Wie kam es zu der räumlichen Stadionstruktur wie wir sie auch heute noch kennen?

Prof. Dinçkal: Das Stadion begünstigte die Entwicklung einer schwer zu kontrollierenden Publikumskultur. Normverletzungen konnten nicht nur den reibungslosen Verlauf des zu konsumierenden Wettkampf beeinträchtigen, sondern im schlimmsten Falle auch zu Auseinandersetzungen und Verletzungen führen, wie sie bereits für die Weimarer Zeit belegt sind. Es war das „ungezogene“ und eigensinnige Verhalten des Sportpublikums, das die funktionale Ordnung des Sportraums in Frage stellte und bei Sportfunktionären, Architekten und Ingenieuren vor allem in den 1920er Jahren über neue bauliche Steuerungstechniken nachdenken ließ. Entsprechende erste Vorschläge und Bemühungen lassen sich bis zu den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts zurückverfolgen. Es handelte sich dabei in der Hauptsache um räumlich-technische Strategien zur Pazifizierung des Publikums und Steuerung ihres Verhaltens. Vor allem in der Weimarer Epoche begann man damit, die Grenzen zwischen Innen- und Außenraum deutlicher zu definieren und diese Definition auch baulich umzusetzen. All die Elemente, die uns in dieser Hinsicht heute von Stadionbesuchen geläufig sind, sind in ihrer Grundform im Stadionbau der 1920er zu finden: Absperrungen, Gräben, Zäune, Gitter.

"Die Loge diente als soziale Bühne für das Spiel des Sehens und des Gesehenwerdens"

L.I.S.A.: Die Architektur spiegelte bereits früh soziale Hierarchien wieder, in erster Linie durch die Tribünen für das Bürgertum. In welchem Zusammenhang stehen diese Entwicklungen zu zeitgenössischen Visionen von der egalitären Funktion des Sports?

Prof. Dinçkal: Nun, es ist ja nicht so, dass der Sport an sich eine egalitäre Funktion innehatte. Wesentlich ist, dass ihm eine solche Funktion zugesprochen wurde. Dass das Stadion eine Art sozialer Schmelztiegel ist, der Sportkonsum klassenübergreifend gemeinsame Erfahrungen ermöglicht, scheint in der Weimarer Republik beinahe unumstritten gewesen zu sein. Nach diesen Erzählungen begegnen sich im gemeinsamen Erleben des Sports die Angehörigen verschiedener Generationen, Berufe und Klassen im Stadion und erfahren sich als Glieder einer Gemeinschaft, wobei die sonst allgegenwärtigen sozialen oder kulturellen Schranken in den Hintergrund treten. Die Basis dieser Vergemeinschaftungsnarrative bildet die Annahme, dass der Sport die Menschen im Stadion einander nicht nur räumlich, sondern auch sozial näher bringe.

Dennoch lässt sich meines Erachtens aus einer räumlichen Nähe nicht automatisch eine soziale Nähe ableiten. Ganz im Gegenteil: Vielmehr ging das gemeinsame Interesse am Sport mit einer räumlichen Differenzierung im Stadion, um Abstand und Distinktionsmerkmale herzustellen. Mehr noch, erst das Stadion machte durch räumliche Segregation soziale Differenzen innerhalb des Sportpublikums sichtbar und generierte neue Formen der Distinktion im Sportkonsum. In dieser Hinsicht war das Stadion ein Raum, in dem Nähe und Distanz, Zusammengehörigkeit und Unterscheidung verhandelt, inszeniert und vermittelt wurden. Man sah und konsumierte das Gleiche innerhalb eines geschlossenen baulichen Rahmens, aber räumlich segregiert, auf unterschiedliche Art und Weise, unter verschiedenen Bedingungen und mit anderen Bedeutungen versehen.

Man kann dies gut anhand der Tribünenbauten und Logenplätzen zeigen. Alle größeren Stadien der Weimarer Zeit hatten Tribünen vorzuweisen, auf denen ein ausgewähltes Publikum Platz nahm. In ihrer erhöhten Lage war sie sowohl ein Ort privilegierten Zuschauens, eine besondere Aussichtsplattform, als auch ein Ort, der den Blicken anderer Zuschauer in besonderer Weise ausgesetzt war, eine Ansichtsplattform. Insbesondere die Loge diente ähnlich der Promenade als soziale Bühne für das Spiel des Sehens und des Gesehenwerdens. Logen mussten sich durch Geräumigkeit auszeichnen, damit die Gäste untereinander die Plätze wechseln und sich unterhalten können. Soziale Differenzierung zeigt sich hier durch den Anspruch auf Privatheit und gepflegte Geselligkeit einerseits, und andererseits durch die Möglichkeit, zu Personen, mit denen man keinen unmittelbaren Kontakt wünschte, Distanz zu wahren.

Paavo Nurmi am Start bei seinem Weltrekordlauf 1926, im Hintergrund die Kaiserloge

"Eine Relativierung der These von der an Symbol- und Bilderarmut leidenden Rationalität der Weimarer Republik"

L.I.S.A.: Das Publikum nahm sich beim Sport mehr denn je als Teil der Masse wahr. Welche Bedeutung hat der Sportkonsum in Stadien hinsichtlich des Themenkomplex „Masse“ in der Weimarer Republik und später im Nationalsozialismus? Übertrug sich das Phänomen der Masse und die Identifikation mit selbiger auch auf andere gesellschaftliche und politische Bereiche?  

Prof. Dinçkal: Der Massencharakter des Sports manifestierte sich weniger in der ebenfalls zunehmenden Anzahl von Personen, die in Vereinen und Verbänden organisiert Sport trieben als vielmehr in der großen Anzahl der Zuschauer, die nun die Wettkämpfe verfolgten. Dabei zeigte sich die Fähigkeit des Sports zur Massenmobilisierung vor allem im Stadion. Allein die schiere Größe der Stadien, der weitläufige Innenraum, die durch das Oval ermöglichte gute Sicht ins Zentrum der Anlage und die logistischen Vorteile der Führung und Entleerung prädestinierten sie zu einem Ort des Massenerlebens in der Weimarer Republik. Dabei implizierte das Stadion spezifische Wahrnehmungs-, Erlebnis- und Verhaltensweisen und ging mit einer Disziplinierung des Blickes einher. Dieser nach innen gerichtete Blick konfrontierte den Zuschauer mit sich selbst. Sie sahen sich selbst als Teil einer Masse. Tatsächlich wurde diese neue Form des Massenerlebens im Stadion nicht nur von Sportfunktionären thematisiert, sondern auch von Schriftstellern wie Elias Canetti oder Franz Werfel beschrieben, inklusive der damit durchaus auch verbundenen bedrohlichen Facetten.

Doch das ist nur die eine Seite der Thematik Masse und Stadion. Oft wird vernachlässigt, dass vor allem Stadien Forum und Bühne für öffentliche Präsentationen, für Massenveranstaltungen, politische Kundgebungen und Feste waren und beispielsweise der nationalen Legitimationsbeschaffung dienten. Dabei kam mit dem Stadion eine Architektur zum Einsatz, die die Ästhetisierung der Politik, die sich in feierlichen Zeremonien manifestierte, mit der Herstellung einer repräsentativen Massenöffentlichkeit verband. Das Stadion bot einen großen Spielraum bei der Verteilung der Körper, die etwa in Massenfreiübungen den gesunden „Volkskörper“ und die Disziplin, Ordnung, Integrität, Leistungsbereitschaft und Wehrhaftigkeit der Nation repräsentierten. Diese Werte wurden auf körperliche Weise vermittelt und in theatralischen Spektakeln vor aller Augen in Szene gesetzt. Dies gilt sicherlich auch für den Nationalsozialismus. In dieser Hinsicht ist es sicherlich kaum noch haltbar, etwa im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen 1936 einer „Auszeit des Regimes“ das Wort zu reden, wie es in der historischen Forschung verschiedentlich behauptet wurde. Allerdings wurden schon in der Weimarer Republik Stadien regelmäßig für politische Massenrituale verwendet. Diese durchaus spektakulären Massenereignisse relativieren zumindest die These von der an Symbol- und Bilderarmut leidenden Rationalität der Weimarer Republik, die dann der Bilder- und Zeichenflut des Nationalsozialismus erlag. Im Zuge der zunehmenden Popularität des Sports und angesichts Tausender Menschen, die sich in Stadien versammelten, bemühten sich einzelne Politiker verstärkt darum, an dieser Popularität teilzuhaben. Dabei war es aber keineswegs nur so, dass „die Politik“ aufgrund des Massencharakters des Sports Stadien als Orte der politischen oder nationalen Repräsentation zu nutzen begann, man also von einer politischen Indienstnahme des Sports sprechen muss. Im Gegenteil, es waren vor allem die Sportverbände, die sich darum bemühten, Sport und Stadien als Teil der politischen Festkultur zu etablieren.

Prof. Dr. Dinçkal hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Marcus Cyron | 25.03.2016 | 13:42 Uhr
Wenn man das liest, könnte man meinen, daß hier etwas entstanden ist, was es zuvor so noch nicht gab. Aber das stimmt ja nun wirklich nicht. Sport war in der Antike ebenso wie im Byzantinischen Reich ähnlich wie heute. Es gab Farben zu denen man hielt, ja selbst die Staffelung des Publikums durch Logen in den Stadien gab es schon. Alles nichts Neues. Maximal eine Revitalisierung innerhalb der sich natürlich immer ändernden gesellschaftlichen Parameter.

Kommentar

von Jörn Eiben | 29.03.2016 | 11:49 Uhr
Lieber Marcus Cyron,

woran machen Sie denn genau fest, dass Herr Dinçkal behauptet, etwas Neues sei entstanden? Im Übrigen unterscheiden sich die antiken Körperpraktiken doch mindestens in einem Punkt wesentlich vom Sport der Weimarer Republik oder des Kaiserreichs - in der Antike waren diese Praktiken, soweit ich informiert bin, sehr deutlich in bestimmte, religiös-sakrale Ritualhandlungen eingebettet.

Kommentar

von Marcus Cyron | 29.03.2016 | 21:51 Uhr
Hallo Herr Eiben,

wie würden sie denn Aussagen wie "neue Formen der Distinktion im Sportkonsum", "neue Form des Massenerlebens" oder schon in der Frage "Sie zeigen, wie diese neue Form des Sportkonsums im Stadion erst erlernt werden musste." die in der Antwort ja nicht widerlegt wurde denn beschreiben? Auch sonst habe ich den Eindruck, es würde etwas gänzlich Neues beschrieben werden. Daß es natürlich auch gravierende Unterschiede gab ist schon logisch, nach zum Teil Jahrtausenden. Und die Lager bei den byzantinischen Wagenrennen waren eher weniger religiös als politisch aufgeladen. Überhaupt - und ich muß gestehen, ich bin hier alles andere als ein Fachmann, erscheint mir eher der antike griechische Sport religiös konnotiert, bei den Römern war das weitaus profander. Über die beteiligte Alltagsreligiosität hinaus. Aber die gibt es heute auch, wenn man an das Bekreuzigen von Sportlern vor ihrem Einsatz denkt. Ohne Sportwissenschaftler zu sein habe ich den Eindruck, daß Mannschafts- und Seitenbildung ein Teil des Sports ist.

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