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Björn Schmidt | 21.01.2016 | 1234 Aufrufe | Interviews

"Das Spektrum ist breit, diffus und obskur"

Interview mit Dirk Sangmeister zur Tagung "Deutsche Pornographie in der Aufklärung"

Pornographische Literatur des 18. Jahrhunderts stellt nach wie vor ein kaum erforschtes Gebiet der Germanistik dar. Lange Zeit scheute die Disziplin die Auseinandersetzung mit diesem besonderen Genre. Man nahm an, dass zu jener Zeit vorwiegend Übersetzungen fremder – hauptsächlich französischer – Erotica im Umlauf waren. Eine Fehleinschätzung, wie neuere Forschungen zeigen und den Blick auf ein weites Feld frivoler Literatur deutscher Herkunft richten. Erste Ergebnisse wurden kürzlich auf der internationalen Tagung "Deutsche Pornographie in der Aufklärung" an der Universität Erfurt zusammengetragen. Was wurde im 18. Jahrhundert gelesen? Wie unterschied sich die deutsche Pornographie von der französischen? Und ist Pornographie überhaupt der passende Begriff für diese Texte? Wir haben mit dem Mitorganisator der Tagung, Dr. Dirk Sangmeister, über das neue Forschungsfeld gesprochen.

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"Seitens der Germanistik sind wenig substantielle Arbeiten veröffentlicht worden"

L.I.S.A.: Herr Dr. Sangmeister, Sie haben zuletzt eine Tagung mitorganisiert und durchgeführt, die sich im Forschungszentrum Gotha der Universität Erfurt dem Thema „Deutsche Pornographie in der Aufklärung“ gewidmet hat. Klingt nach einer thematisch eher außergewöhnlichen Veranstaltung. Wie kam es dazu, eine Tagung zu diesem Thema zu veranstalten? Welche Kernfrage leitete Sie dabei?  

Dr. Sangmeister: Als Martin Mulsow, der Direktor des Forschungszentrums, und ich 2011 in Gotha eine Tagung über »Klandestine Literatur« im Zeitalter der Französischen Revolution veranstaltet haben, fiel uns auf, wie wenig substantielle Arbeiten bislang seitens der Germanistik über erotische und pornographische Lesestoffe veröffentlicht worden sind. Einige Studien sind offensichtlich seit langem veraltet, andere sind noch ungeschrieben. Der Zeitpunkt für die Tagung schien uns nun doppelt günstig zu sein, weil es einerseits seit mehreren Jahren eine allgemeine Diskussion über Verheißungen und Gefahren heutiger Pornographie in der breiten Öffentlichkeit gibt, und weil ich andererseits derzeit dank eines Stipendiums der Gerda Henkel Stiftung ein Forschungsprojekt über »Verbotene Bücher in Sachsen 1750-1850« verfolge, wobei naturgemäß immer wieder auch verbotene und konfiszierte Erotica in meinen Blick geraten.

"Vielen deutschen Werken mangelt es an Esprit, Raffinesse und Originalität"

L.I.S.A.: Was sind typische Sujets der deutschen Pornographie in der Aufklärung? Wie unterscheiden Sie sich möglicherweise von ihrem Vorbild Frankreich?  

Dr. Sangmeister: Das Spektrum der erotischen oder nachgerade pornographischen Texte in der damaligen Zeit ist breit, diffus und obskur, es reicht von bloß erotisch grundierten Tändeleien in der Tradition des Rokoko bis hin zu sehr expliziten, mitunter reinweg obszönen Hardcore-Texten. Durchgängig findet man im ganzen 18. Jahrhundert den Typ Avanturierroman voll amouröser Eskapaden wie ihn Johann Gottfried Schnabel mit seinem »Der im Irr-Garten der Liebe herumtaumelnden Cavalier« von 1738 mitbegründet hat, und auch die erst galanten, später oft politisch motivierten Schlüssellochromane über das Liebesleben der Mächtigen ziehen sich durch die ganze Epoche. Im Vergleich zur überaus reichen erotischen und libertinen Literatur in Frankreich fällt bei vielen deutschen Werken aber ein Mangel an Esprit, an Raffinesse, an Originalität und philosophischem Unterfutter auf.

"Es kommt eine 'sexuelle Aufklärung der Aufklärung' in Gang"

L.I.S.A.: Pornographie ist keine Erfindung der Aufklärung. Erfährt sie aber im Zuge der Aufklärung neue Impulse? Ist Aufklärung hier sogar noch in einem ganz anderen Sinne zu verstehen?  

Dr. Sangmeister: Zunächst einmal erhält  die deutsche Pornographie in der Spätaufklärung eine sehr starke politische Stoßrichtung: So sind fast alle Satiren, Pasquille und Enthüllungsschriften über die Gräfin Lichtenau, die langjährige Favoritin des führungsschwachen preußischen Königs Friedrich Wilhelm II., primär politisch motiviert gewesen. Während aber in Frankreich, wie wir dank der Forschungen von Robert Darnton wissen, die umlaufenden Enthüllungsschriften über den König und seine Mätressen das Ansehen des Ancien Régime nachhaltig unterminierten und so den Boden bereiteten für die Französische Revolution, wurde die preußische »Polit-Pornographie« erst nach dem Tod des Königs und der Verhaftung seiner verhaßten Nebenfrau publiziert, also post festum. – Daneben kommt auch so etwas wie die »Sexuelle Aufklärung der Aufklärung« in Gang, das heißt es entsteht ein sexualmedizinischer Diskurs, der anfänglich von Wissenschaftlern geführt wird, aber schon bald in Form von Broschüren auch popularisiert und trivialisiert wird.

"Wir reden über Literatur, dem griechischen Wortsinne entsprechend"

L.I.S.A.: Heute ist über das Internet der Zugriff auf pornographisches Material nahezu grenzenlos. In Zeiten der Aufklärung war das sicherlich anders. Kommt man so gesehen selbst bei einem stark historisch ausgerichteten Fokus auf das Thema „Pornographie“ um den Blick auf die Gegenwart herum? Ist der Vergleich zur Gegenwart hilfreich für Ihre Fragestellungen?  

Dr. Sangmeister: Ein Vergleich mit der Gegenwart ist nur sehr bedingt hilfreich, denn wenn wir über Pornographie im Zeitalter der Aufklärung reden, dann reden wir in erster Linie über Literatur, über geschriebene Texte, was ja auch dem griechischen Wortsinne des Begriffes entspricht. Wenn man hingegen heute von Pornographie spricht, meint man meist die bewegten Bilder, die vor allem in der virtuellen Welt nahezu allgegenwärtig sind. Das, was dort aufrufbar und sichtbar ist, scheinen mir – so weit ich das einzuschätzen vermag – reine Nummer-Revuen zu sein, Performanz pur, ohne nennenswerte narrative Rahmung und ohne die Subtexte, die mich als Philologen an den alten Texten primär interessieren. Fotografiert oder gefilmt und reproduziert zwecks Triebabfuhr; da scheint es mir wenig oder gar keinen Raum für Phantasie zu geben.

"Der Begriff 'Pornographie' ist strenggenommen ahistorisch"

L.I.S.A.: Welche Ergebnisse erbrachte die Tagung insgesamt? Zu welchem Fazit kommen Sie?  

Zu den grundlegenden Ergebnisse der Tagung gehört zunächst einmal, daß wir schon im Vorfeld ein Corpus von rund 300 Texten deutscher Provenienz bibliographisch ermitteln konnten, die in dem Spektrum zwischen Frivolität und Obszönität zu verorten sind. Etwa drei Dutzend Titel lassen sich aber bislang in keiner Bibliothek der Welt nachweisen, von einigen anderen Werken scheinen nur ein oder zwei Exemplare die Zeitläufte überdauert zu haben. Intensive Diskussionen gab es unter den Teilnehmern darüber, ob der (provokante) Begriff »Pornographie« angemessen und treffend ist. Das hat zuvorderst damit zu tun, daß dieses Fremdwort ja erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts in die deutsche Sprache Eingang gefunden hat, also in Bezug auf das 18. Jahrhundert strenggenommen ahistorisch ist. Kritisiert wurde der Oberbegriff aber auch deshalb, weil etwa erotische Lyrik, frivole Dramen oder sexualmedizinische Ratgeber mit einem solch plakativen Etikett nicht akkurat bezeichnet werden. Die diversen Argumente pro und contra werden in den geplanten Tagungsband einfließen. Als Fazit läßt sich einstweilen festhalten, daß wir das weite und oft wüste Feld der Pornographie deutscher Provenienz zwar erkundet und teilweise abgesteckt haben, daß wir aber längst nicht alle Parzellen beackern konnten. Da gibt es zukünftig noch viele Texte zu entdecken, auch viele Autoren und Verleger zu identifzieren, die sich ja damals alle wohlweislich in der Anonymität verborgen gehalten haben. Die Germanistik hat, wenn man die zahlreichen substantiellen Publikationen aus den Reihen der Romanistik und Anglistik kennt, noch einen beträchtlichen Nachholbedarf bei allen Texten, die unter die Gürtellinie gehen.

Dr. Dirk Sangmeister hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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