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Judith Wonke | 13.08.2019 | 194 Aufrufe | Interviews

"Zombies stellen Gewissheiten in Frage"

Interview mit Peter Schuck über den Zombiekult in Populärkultur und Wissenschaft

Ob Klassiker wie Romeros Night of the Living Dead, aktuelle Produktionen wie The Walking Dead oder die Netflix-Serie Santa Clarita Diet, die das Zombieimage gewissermaßen auf den Kopf stellt: Die Untoten scheinen noch immer eine beliebte Literatur- und Filmvorlage zu sein. Doch wie entwickelte sich aus dem haitischen Voodoo-Kult der heutige Zombiemythos? Inwiefern steht der Mythos stellvertretend für eine Gesellschafts- und Gegenwartskritik? Und außerdem: Wie lassen sich Zombienarrativ und der christliche Glaube an die Auferstehung vereinen? Diese und weitere Fragen haben wir dem Literaturwissenschaftler Dr. Peter Schuck gestellt, dessen aktuelle Publikation "Viele untote Körper" eben diese Fragen aufgreift. 

"Paradox des körperlichen Untodes"

L.I.S.A.: Herr Schuck, Ihre aktuelle Publikation trägt den Titel “Viele Untote Körper. Über Zombies der Literatur und des Kinos“. Bevor wir zu den inhaltlichen Fragen kommen: Woher rührt Ihr (wissenschaftliches) Interesse an dieser spezifischen Thematik? Und: Schauen Sie selbst gern Zombiefilme?

Dr. Schuck: Mein Interesse an Zombies speist sich aus einer alten Leidenschaft für den Gegenstand. Zombies haben mich schon im Teenageralter begeistert - und dabei oft ratlos zurückgelassen. Zum einen reizten mich die oft bildgewaltigen endzeitlichen Szenarien vieler Filme. Zum anderen war ich aber immer weniger vom Überlebenskampf der übrigen Menschen in den von Zombies bevölkerten Ruinen der Gesellschaft angetan, als vielmehr von den Zombies selbst. Sie erschienen mir - und tun es noch - überaus rätselhaft und extrem in jeder Hinsicht. Zombies stellen Gewissheiten in Frage und konfrontieren uns mit dem unlösbaren Paradox des körperlichen Untodes, auf das sich einen Reim zu machen nie so recht gelingen will. Und das geschieht trotz zahlreicher Gemeinsamkeiten in jedem Zombietext oder -film auf andere Weise. Daher: ja, ich schaue Zombiefilme und gespannt, was sich in Zukunft zombietechnisch noch ergeben wird.

"Urszene des apokalyptischen Zombiekinos"

L.I.S.A.: Wie lässt sich der Forschungsgegenstand Ihrer Untersuchung beschreiben? Was genau untersuchen Sie? Und welches Quellenmaterial liegt Ihren Untersuchungen zu Grunde?

Dr. Schuck: Damit wären wir schon bei der Frage nach Forschungsgegenstand, Quellenmaterial und Fokus. Zum einen besteht mein Material aus Texten des 20. Jahrhunderts, die sich als authentische Reiseberichte bzw. anthropologische Studien über Haiti und den dortigen Zombiemythos inszenieren, etwa William Seabrooks "The Magic Island", ein Buch welches die haitianische Zombiefigur mit seiner Veröffentlichung 1929 quasi von Haiti in die nordamerikanische Populärkultur importiert, d.h. auch angeeignet hat. Zum anderen setze ich mich natürlich mit Zombiefilmen auseinander, etwa George A. Romeros "Night of the Living Dead" von 1968, der vielen als Urszene des apokalyptischen Zombiekinos gilt, von welcher auch gegenwärtige Produktionen zehren; oder Danny Boyles "28 Days Later" von 2002, der die zombische Apokalyptik an das Szenario einer hochansteckeden Seuche und dessen biopolitische Implikationen rückbindet sowie für das 21. Jahrhundert aktualisiert.

Meinen Analysen zugrunde liegt dabei zum einen die dreiteilige Prämisse, dass Zombies - auch dort, wo sie vermeintlich als Einzelwesen in Erscheinung treten - stets mehrere sind, dass sie auf je spezifische Weise als Untote umgehen und dass dieser Untod körperlich ist. Zum anderen, aber damit streng gekoppelt, untersuche ich, wie sich die politischen, diskursiven und medialen Umgebungen, in welchen der jeweilige Text oder Film seine Zombies auftreten lässt, und die Figur des Zombies zu einander verhalten, einander bedingen und/oder in die Quere kommen. Das Paradox des zombischen Untodes bleibt nicht auf die Inhaltsebene des jeweiligen Mediums beschränkt, sondern bildet einen je spezifischen Grundzug des jeweiligen Mediums, welches uns den Zombie erst liefert.

In diesem Zusammenhang interessieren mich immer auch die politischen Dimensionen der sich auf zahlreichen Ebenen entfaltenden Paradoxalität des zombischen Untodes, etwa die Frage nach an Zombiekörpern durchexerzierten Herrschaftstechniken und ihren Medien, aber auch die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen eines emanzipatorischen Zombiebegriffs. Da sich das Paradox zombischen Untodes nie restlos auflösen lässt, fordern Zombies eine stets unentscheidbare Doppeltheit zu denken heraus, deren Möglichkeitsbedingungen, Performanzen und Effekte je anders ausfallen, sich durch dieses Paradox bestimmt finden.

"'Zombie' ist eben ein immens flexibler Name"

L.I.S.A.: Kulturgeschichtlich lässt sich der Zombie-Mythos auf die haitische Voodoo-Kultur zurückführen. Bis heute existiert zudem der kreolische Begriff zonbi (dt.: Gespenst, Totengeist). Wie erklären Sie sich, dass der „Zombie“ heute auch in anderen Kulturen präsent ist?

Dr. Schuck: Dass ich nun z.B. auch das grimm'sche Märchen vom eigensinnigen Kind einer kurzen Lektüre unterziehe, zeugt wiederum davon, dass die Anwendung Zombiebegriffs, wie in der Forschung vielfach betont worden ist, sich zum einen zwar keinesfalls auf bestimmte Phänomene eingrenzen lässt, zum anderen aber nie ohne die (post-)kolonialen bzw. spezifisch haitianischen Implikationen dieses Begriffs auskommt. Ganz richtig, viele Ursprünge des uns bekannten Zombiebegriffs und der damit verbundenen Imagination eines seelenlosen, untoten Körpers liegen im transatlantischen Sklavenhandel und der in dessen Zuge entstandenen Vodou-Religion im heutigen Haiti. Damit erlangt der Zombie den Status eines dezidiert modernes Phänomens, welches zwar einerseits lokal verortbar ist - Haiti -, andererseits aber bereits von den entortenden Bewegungen des globalen Kapitalismus Rechenschaft ablegt. Insofern ist der Zombie zugleich spezifisch und beliebig. Er erinnert, wo er auftritt, mit dem transatlantischen Sklavenhandel eine der Urszenen dessen, was man heute Globalisierung nennt. Dass er als Zombie heute nun auch in anderen Kulturen umgeht, hängt zum einen damit zusammen, dass Vorstellungen von Untoten im Allgemeinen nicht einem speziellen oder einigen wenigen kulturellen Kontexten vorbehalten sind. Zum anderen zeugt die Zombiefigur im Besonderen historisch immer schon von einer gewissen Globalität. Und im Zeitalter der Globalisierung können Zombies tatsächlich überall auftauchen. Das machen uns nicht zuletzt solche Zombiefilme deutlich, in welchen Menschen sich entweder plötzlich weltweit in Zombies verwandeln oder in welchen sich z.B. ein Zombievirus über den Globus ausbreiten im Begriff ist.

Hinzu kommt nun, dass "Zombie" eben ein immens flexibler Name ist, der nachträglichen Zuschreibungen dient und bald jedem sozialen, kulturellen, politischen, ökonomischen etc. Phänomen gegeben worden ist, das sich irgendwie als untot bzw. als nicht (mehr) ganz lebendig oder (noch) nicht ganz tot erwiesen hat. Auch darin zeigt sich, dass die entortende Bewegung der Globalisierung ihre historische Spezifik im Zombiebegriff insofern unterstreicht, als sie sie unkenntlich macht. So hat etwa Sarah J. Lauro hervorgehoben, dass z.B. die nahezu vollständige Löschung der haitianischen Spuren aus den Untoten in "Night of the Living Dead", die ihrerseits sogar erst im Nachhinein als Zombies bezeichnet worden sind, über diese paradoxe markierte Ausstreichung Auskunft gibt.

"Darstellung bestimmter kultureller Ängste"

L.I.S.A.: Nach wie vor sind Zombies Gegenstand zahlreicher Film- und Kinoproduktionen sowie der populären Kultur. Wie erklären Sie die andauernde Beliebtheit der „Untoten“? Und würden Sie so weit gehen, das Phänomen „Zombie“ als eine Gesellschafts- und Gegenwartskritik aufzufassen?

Dr. Schuck: In der Zombieforschung ist es mittlerweile gängig, davon zu sprechen, dass Zombies zur Darstellung bestimmter und je historisch spezifischer kultureller Ängste oder gesellschaftlicher Problemzusammenhänge dienen. Auch das lässt sich aus der eigentümlichen Flexibilität und Globalität des Zombiebegriffs erklären, ebenso wie der Umstand, dass Zombies heute insgesamt eine anscheinend recht große weltweite Popularität genießen. Man kann durchaus beobachten, dass Zombies für die Adressierung aktueller gesellschaftlicher und kultureller Problemzusammenhänge in den Dienst genommen werden, von der Kritik einerseits, aber andererseits und nicht zuletzt von den entsprechenden Filmen, Serien, Short Stories, Romanen, Comics und Computerspielen selbst, die oft kein Geheimnis aus ihrem jeweiligen Gegenwartsbezug machen. Verrechnet man solche zweifelsohne les- oder sichtbaren Gegenwartsbezüge allerdings mit dem Paradox des Untodes und seinen epistemologischen Implikationen, bleibt ein Rest, der nicht aufgeht. Wenn der zombische Untod als Paradox firmiert, lässt er sich schwerlich restlos einer Seite der Interpretion zuschlagen, derart wendet sich der Zombie gemäß seiner Figuralität als aufgestandener Toter gegen eine solche verstehende Zuordnung. Auch und besonders darin liegt eine seiner vielen politischen Dimensionen. Und die wirft unter anderem die Frage nach einem Begriff der Gemeinschaft der Zombies auf, dem vereinheitlichende Begriffe wie Masse, Horde etc. nie restlos genügen.

"Unzählige Darstellungen von "Zombie-Jesus" in sozialen Medien"

L.I.S.A.: Eine letzte Frage: Inwieweit kollidiert das Zombienarrativ mit dem christlichen Symbol der Wiederauferstehung?

Dr. Schuck: Die Schnittpunkte von Zombies und Christentum sind der Forschung, insbesondere aber den Fankulturen nicht entgangen. Man denke nur an die unzähligen Darstellungen von "Zombie-Jesus" in sozialen Medien. Lange bevor man in Forschung und Fankulturen aber die Verbindung zwischen der Auferstehung Christi, dem christlichen Abendmahl und der massenhaften Wiederkehr der Toten mitsamt ihrem Hunger nach Menschenfleisch im modernen Zombiefilm in Erwägung gezogen hat, trafen sich Auferstehung, Abendmahl und Zombienarrativ bereits nametlich bei der Produktion von "Night of the Living Dead". Romero selbst betitelte eine Szene, in der die Untoten sich Körperteile von Menschen einverleiben, als "Last Supper". Auf den ersten Blick erscheint es dabei so, als fände sich, was in der christlichen Tradition metaphorisch zu nehmen und als Metapher zu vergessen empfohlen wird, im Zombiefilm auf geradezu blasphemische Weise verbuchstäblicht. Allerdings muss man sich gerade bei solchen Fleischverzehrszenen in Erinnerung rufen, dass auch diese Verbuchstäblichung eine, wenn auch drastische, Inszenierung ist und somit die eucharistisch ausgeschlossene, fleischliche Tatsächlichkeit ebenso in weite Ferne rückt, wie es die Eucharistie selbst tut.

Dr. Peter Schuck hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet. 

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