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Georgios Chatzoudis | 28.05.2013 | 3345 Aufrufe | 4 | Interviews

"Zentrale Figur innerhalb der Digitalen Geschichtswissenschaft"

Interview mit Jan Hodel zum Tod von Peter Haber

Heute vor einem Monat ist der Schweizer Historiker PD Dr. Peter Haber nach langer Krankheit im Alter von 49 Jahren gestorben. Sowohl als Privatdozent für Allgemeine Geschichte der Neuzeit am Historischen Seminar der Universität Basel als auch durch seine rege wissenschaftliche Publikationstätigkeit hat er sich bedeutende Verdienste um die Etablierung einer Digitalen Geschichtswissenschaft erworben. Wir haben seinen langjährigen Kollegen Jan Hodel, mit dem er unter anderem die Internetplattform hist.net gegründet und verantwortet hat, um ein Interview über Peter Habers wissenschaftliches Wirken und Erbe gebeten. Dr. Jan Hodel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lehrbeauftragter am Zentrum Politische Bildung und Geschichtsdidaktik der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz und des Zentrums für Demokratie (ZDA) in Aarau.

PD Dr. Peter Haber, September 2010 in Leipzig

"Bei allen größeren Projekten im deutschsprachigen Raum mitgewirkt"

L.I.S.A.: Herr Dr. Hodel, vor Kurzem ist der Historiker PD Dr. Peter Haber nach langer Krankheit gestorben. Sie haben eng mit ihm zusammengearbeitet. Welche Lücke hinterlässt Peter Haber in der Geschichtswissenschaft?

Dr. Hodel: Nun, das hängt davon ab, welche Bedeutung man der Auseinandersetzung mit dem digitalen Wandel und mit seinen Auswirkungen auf die Geschichtswissenschaften beimisst. Peter Haber hat immer wieder mit Ernüchterung festgestellt, wie begrenzt das Interesse bei den Kolleginnen und Kollegen dafür war, was die digitalen Medien an Möglichkeiten und Herausforderungen für die Geschichtswissenschaft darstellen. Er hat ja sozusagen bei allen größeren und bedeutenderen Projekten im deutschsprachigen Raum mitgewirkt und mitgedacht, wo sich Geschichtswissenschaft und digitale Medien getroffen haben: er war Fachredaktor bei der Mailing-Liste H-Soz-Kult, im Beirat von hypotheses.org, hat bei docupedia.de als Berater fungiert und die global papers for digital history mitbegründet.

L.I.S.A.: Mit welchen Projekten verbinden Sie den Historiker Peter Haber vor allem?
 
Dr. Hodel: Oje, eine schwierige Frage. Peter Haber hat so viele Projekte lanciert, betreut und angedacht, dass selbst mir es schwer fiel, hier die Übersicht zu behalten. Ein Schwerpunkt war sicherlich sein Interesse an den Methoden geschichtswissenschaftlichen Arbeitens unter den Bedingungen des digitalen Medienwandels. Die Entwicklung eines "H-Desk", einer virtuellen Arbeitsumgebung für die Geschichtswissenschaften war ein langgehegter Wunsch von ihm. So haben wir 2000 bis 2002 am Projekt history toolbox die Idee eines Fachportals mit geprüften Internet-Links probeweise entwickelt. Anschließend hat er die Möglichkeiten von Wikis und Blogs ausgelotet und bei der Entwicklung eines Bibliographie-Programmes (LitLink) mitgewirkt. In seiner Dissertation schließlich hat er erste Überlegungen zu einer historischen Methode im digitalen Zeitalter angestellt - Überlegungen, die sein Doktorand Pascal Föhr in seiner Dissertation zu vertiefen begann. Auch seine Tätigkeit in der Fachredaktion der Mailingliste und Fachportals H-Soz-Kults, dem ersten und wohl immer noch wichtigsten digitalen Fachportal für Geschichte, ließe sich hier einordnen: Er hat sich sehr für die Bedeutung digitaler Medien für den wissenschaftlichen Alltag interessiert.

Als einen zweiten wichtigen Schwerpunkt würde ich seine Beschäftigung mit der Geschichte der digitalen Medien bezeichnen wollen. Peter hat immer Anstoß genommen an einer gar ahistorischen Sichtweise auf den digitalen Wandel. Ein großer Teil seiner Habilitation widmet sich der Computer-Geschichte. Ein gemeinsames Projekt, dass wir in Angriff nehmen wollten, hätte eine Art Oral History des Computerzeitalters werden sollen - eine Erkundung des ersten Erscheinens des Computers im Alltag von uns Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Dazu ist nun leider nicht mehr gekommen.

Peter Haber war aber nicht nur ein Medienhistoriker. Ein wichtiger Teil seiner Arbeit als Historiker befasst sich mit der jüdischen Geschichte, besonders der jüdisch-ungarischen Geschichte.

"Große Verdienste um die 'Digitale Geschichtswissenschaft'"

L.I.S.A.: Wie würden Sie Peter Habers Verdienste um die Etablierung der so genannten Digitalen Geschichtswissenschaft einschätzen?
 
Dr. Hodel: Als groß; sogar sehr groß. Zwar fehlt mir hier wohl etwas die Distanz, um das unvoreingenommen zu beurteilen. Betrachten wir zum Beispiel nur schon den Begriff "digitale Geschichtswissenschaften" - mittlerweile gibt es bereits eine Arbeitsgruppe des VDH, die sich mit diesem Begriff bezeichnet. Ich meine, Peter Haber war einer der ersten, wenn nicht der Erste, der diese Begrifflichkeit verwendet hat (vgl. http://weblog.hist.net/archives/3035) - und damit will ich die Beiträge zur Etablierung der digitalen Geschichtswissenschaften etwa von Wolfgang Schmale ("Digitale Geschichtswissenschaften, Wien 2010) oder Rüdiger Hohls (Leiter des Bereichs Historische Fachinformatik an der HU Berlin, Redaktionsleiter H-Soz-Kult), die Peter Haber beide sehr geschätzt hat, nicht mindern. Peter Haber war sicherlich eine zentrale Figur bei der Etablierung eines Diskurses innerhalb der Geschichtswissenschaften im deutschsprachigen Raum, der sich mit digitalen Medien und ihrer Bedeutung für das Fach auseinandersetzte.

L.I.S.A.: Was sind die zentralen Publikationen Peter Habers?

Dr. Hodel: Zum einen ist hier zweifellos seine Habilitation "Digital Past" zu nennen. Darin hat er die wesentlichen Erkenntnisse seiner jahrelangen Auseinandersetzung mit der digitalen Geschichtswissenschaften auf den Punkt gebracht. Ein gehaltvolles, durchdachtes, aber auch schlankes und angenehm zu lesendes Buch. Er war aber nicht nur an der Theoriebildung interessiert, sondern auch an praktisch-methodischen Fragen des wissenschaftlichen Alltags, wie er durch digitale Medien geprägt und verändert wurde. Dies schlägt sich meiner Ansicht nach vor allem im Sammelband zu den "Digitalen Arbeitstechniken der Geisteswissenschaften" nieder, das er zusammen mit Martin Gasteiner herausgegeben hat.

"Noch unschlüssig, wie es mit 'hist.net' weiter geht"

L.I.S.A.: Gemeinsam mit Peter Haber haben Sie das Portal hist.net betrieben. Um was geht es in diesem Portal und wie geht es nach dem Tod Peter Habers weiter?

Dr. Hodel: Peter Haber und ich haben dieses Portal 1998 als begleitende Website zu einer Lehrveranstaltung entwickelt, zu einer Zeit, als die Universitäten erst zögerlich begannen, ihre Internet-Präsenzen aufzubauen - und als e-Learning vor allem in den Geisteswissenschaften noch ein gänzlich unbekannter Begriff war. Es hat sich dann zu einem Referenzpunkt unserer kursorischen Tätigkeiten, Projektideen und konzeptionellen Überlegungen im Bereich der digitalen Geschichtswissenschaften gemausert. In den letzten Jahren ist das Portal zu einem wichtigen Ort für die Dokumentation von Peter Habers vielfältigen Tätigkeiten geworden, während ich in meiner Anstellung an der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz vor allem an anderen, "nicht-digitalen" Projekten gearbeitet habe. Dennoch war es in all den Jahren "unser" gemeinsames Projekt, und Peter Haber hat jede noch so kleine Änderung an der Website immer mit mir abgesprochen. Die Website umfasst ja auch ein Weblog und ein Wiki.

Ich bin daher im Moment noch unschlüssig, ja ratlos, wie es mit der Website weiter gehen kann oder soll. Ich sehe drei Möglichkeiten: Entweder die Website auf dem jetzigen Stand "einzufrieren", oder sie alleine weiter zu führen oder eine neue Trägerschaft zu finden. Welchen Weg ich einschlagen soll, welchen Weg sich Peter Haber gewünscht hätte - das versuche ich nun herauszufinden; ich habe hierzu noch keine schlüssige Antwort gefunden.

Dr. Jan Hodel hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Dr. No | 28.05.2013 | 12:43 Uhr
Selbst in einem durchaus interessanten Interview zur digitalen Geschichtswissenschaft ist es anscheinend nicht möglich, eine freie LIzenz einmal korrekt zu zitieren. "Quelle: Wikipedia" ist Unfug, eine BY-Lizenz erfordert natürlich den Namen des Urhebers, und der heißt hier "Rob Irgendwer".

Kommentar

von Georgios Chatzoudis | 28.05.2013 | 12:49 Uhr
Danke Dr. No.

Kommentar

von Dr. Klaus Graf | 28.05.2013 | 17:57 Uhr
Die Lizenz muss verlinkt werden, siehe http://archiv.twoday.net/stories/219051498/

Kommentar

von Dr. Herrmann Dackelberg | 03.06.2013 | 18:24 Uhr
Und selbst bei einem durchaus richtigen Kommentar ist es dem Verfasser anscheinend nicht möglich, seinen richtigen Namen zu verwenden.

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