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Georgios Chatzoudis | 19.02.2010 | 4806 Aufrufe | Artikel

Zeitgeschichte in bewegten Zeiten -
Die Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland im Epochenjahr 1989/90

Autor: Prof. Dr. Hans Walter Hütter, Präsident der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

Die erste Initiative zur Errichtung einer Sammlung zur deutschen Geschichte stammt aus dem Jahr 1982. Sie solle – so regte Bundeskanzler Helmut Kohl in seiner Regierungserklärung am 13. Oktober 1982 an – „der Geschichte unseres Staates und der geteilten Nation“ gewidmet sein. Dass die „geteilte Nation“ acht Jahre später ebenso „Geschichte“ werden würde wie die SED-Diktatur in der DDR, konnte zu diesem Zeitpunkt niemand ahnen.

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Am Rande des ehemaligen Bonner Regierungsviertel: das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

Mit der Ausarbeitung einer inhaltlichen Grundkonzeption  beauftragte der Bundesminister des Innern im Frühjahr 1983 die anerkannten Geschichtsprofessoren Dr. Lothar Gall, Dr. Klaus Hildebrand und Dr. Horst Möller sowie den Museumsdirektor Dr. Ulrich Löber. Ihr Gutachten konzentrierte sich inhaltlich auf die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland einschließlich der Besatzungszeit. Die historischen Hintergründe der deutschen Teilung und der – auch vergleichende – Blick über die innerdeutsche Grenze bildeten einen eigenen Schwerpunkt der musealen Konzeption.

Seit 1986 arbeitete ein Aufbaustab an der Vorbereitung einer Dauerausstellung in Bonn. Bei ihrer Realisierung standen die innere Entwicklung der DDR sowie die chronologischen „Schnittstellen“ zwischen Ost und West von Beginn an mit im Fokus. Doch als am 9. November 1989 die Mauer fiel und binnen Jahresfrist die Wiedervereinigung folgte, geriet nicht nur die Zeitgeschichte in Bewegung: Die Grundanlage der Ausstellung, ihre Vermittlungsziele sowie die Sammlungs­konzeption der Stiftung waren gleichfalls zu überdenken. Bis zur Eröffnung der Dauerausstellung in Bonn 1994 gewann der Blick auf die Geschichte der DDR – als wesentlicher Teil der Vorgeschichte der Wiedervereinigung – noch einmal an Gewicht.

In direkter Folge der Ereignisse seit 1989 nahm die Stiftung zudem ein Projekt in den neuen Bundesländern in Angriff. Mitte der 1990er Jahre begann der Aufbau eines Ausstellungs-, Dokumentations- und Informationszentrums in Leipzig – im Zentrum der Stadt entstand das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig. Die 1999 eröffnete Dauerausstellung stellt Diktatur und Widerstand, Teilung und Einheit in den Mittelpunkt.

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Standort in den neuen Bundesländern: das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig

Auch für die Objektlage schufen das Jahr 1989 und die Wiedervereinigung völlig neue Möglichkeiten. Hierzu nur zwei Beispiele: Ein umgebauter Transportwagen „Barkas B 1000“, mit dem in der DDR „Staatsfeinde“ zu den Haftanstalten des Ministeriums für Staatssicherheit gebracht worden waren, hatte innerhalb kürzester Zeit keine praktische Funktion mehr. Unseren Besuchern in Leipzig vermittelt er heute ebenso eindrucksvoll wie aussagestark das Überwachungs- und Unterdrückungssystem der Stasi.

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Getarntes Instrument der Unterdrückung: Das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig zeigt einen umgebauten Lieferwagen vom Typ Barkas B 1000, der zum Transport von „Staatsfeinden“ diente.

Ebenso wandelten sich die Transparente und Flugblätter von Demonstrationen der friedlichen Revolution im Herbst 1989 vom aktuellen Ausdruck des Protest zum historischen Objekt. Neben diesen dreidimensionalen Exponaten ermöglichte eine Vielzahl von Dokumenten, Fotografien und Filmen – auch aus zuvor nicht oder nur beschränkt zugänglichen Archiven – der Stiftung aussagekräftige Darstellungsmöglichkeiten.

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Von der Straße ins Museum: Aus den Transparenten der Montagsdemonstrationen im Herbst 1989 werden aussagekräftige Exponate in der Dauerausstellung des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig.

Seit 2005 gehört auch die Sammlung Industrielle Gestaltung in Berlin mit ca. 160.000 Objekten, Büchern und Fotos zur Stiftung Haus der Geschichte. Sie umfasst Alltagsgegenstände und Designobjekte aus der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR. Eindringlich macht sie die ostdeutsche Alltagskultur zwischen hohem gestalterischen Anspruch, schwierigen Herstellungsbedingungen und Versorgungslücken sichtbar.

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Zugriff auf Geheimdokumente: Das interaktive Element in der Dauerausstellung im Haus der Geschichte in Bonn zeigt die desaströse Wirtschaftslage der DDR Ende der 1980er Jahre auf.

Zeitgeschichte besucherfreundlich, erlebnisorientiert und narrativ zu vermitteln, bildet seit ihrer Gründungsphase den Tätigkeitsschwerpunkt der Stiftung. Ihre Arbeit trägt dazu bei, zeithistorische Kenntnisse zu vermitteln, Diskussionen anzuregen und kritische Meinung zu bilden. Vor allem bei jüngeren Besuchern muss auch in Zukunft das Bewusstsein für die Zeit der Diktatur in Ostdeutschland und für ihre Überwindung durch mutige Menschen gefördert werden. Demokratische Prozesse verständlich zu machen und zu ihrer Mitgestaltung anzuregen, bleibt somit heute – zwanzig Jahre nach den Ereignissen von 1989 – eine aktuelle Aufgabe.

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Relikte einer Diktatur: Nach dem Zusammenbruch der DDR standen neue aussagekräftige Objekte für die Dauerausstellung in Bonn zur Verfügung

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