Login

Registrieren
merken
Georgios Chatzoudis | 26.11.2015 | 1602 Aufrufe | Interviews

"Ein Zeichen setzen" - was heißt das genau?

Interview mit Eva Kimminich über Symbolik nach den Attentaten von Paris

Die terroristischen Gewaltakte vom 13. November in Paris hatten ihren brutalen Höhepunkt in der Konzerthalle Bataclan noch nicht erreicht, da wurden in den Sozialen Netzwerken bereits zahlreiche bekannte und neuerfundene Symbole und Metaphern gepostet und geteilt, die Entsetzen, Trauer und Solidarität mit den Opfern ausdrücken sollten: Peace-Zeichen mit und ohne Eiffelturm, französische Nationalsymbole wie die Trikolore und die Nationalfigur Marianne, Hashtags wie #prayforparis oder #jesuisparis. Man wolle damit ein Zeichen setzen, hieß es. Auch in den Tagen nach den Anschlägen bekundeten Einzelpersonen, Organisationen wie beispielsweise Parteien, Gewerkschaften oder Vereine, Kirchenvertreter und Regierungshäupter, ein Zeichen setzen zu wollen. Was ist eigentlich genau damit gemeint? Um welche Zeichen handelt es sich dabei? Und wie funktionieren solche Zeichensysteme aus semiotischer Perspektive? Wir haben diese und andere Fragen der Kulturwissenschaftlerin und Romanistin Prof. Dr. Eva Kimminich von der Universität Potsdam gestellt.

"Zeichen setzen heißt in der Semiosphäre operieren"

L.I.S.A.: Frau Professor Kimminich, Sie forschen unter anderem zu kulturellen Identitäten und Metaphern, zu visueller Kommunikation und zur Kultursemiotik. Seit den jüngsten Anschlägen von Paris bekunden viele Menschen öffentlich, insbesondere in Sozialen Netzwerken, aber auch Politik und Medien ihre Anteilnahme und Trauer. So werden beispielsweise Profilbilder in die französische Triklore getaucht oder durch ein Peace-Zeichen mit dem Eiffelturm ersetzt. Damit wolle man ein Zeichen setzen, heißt es. Was heißt das genau „ein Zeichen setzen“? Welche Zeichen sind hier gemeint?  

Prof. Kimminich: Zeichen setzen heißt zunächst einmal etwas Bedeutsames in einer ungewöhnlichen, aber allgemein bekannten Weise zu kommunizieren, so dass es von möglichst vielen Menschen wahrgenommen wird. Das ist nicht so einfach, denn unsere Welt ist zeichenimprägniert. Jede Kultur stellt ihren Mitgliedern eine Vielzahl an Sinn- und Zeichensystemen zur Verfügung, mit denen Welt-, Selbst- und Fremdbilder dargestellt, gesellschaftliche Ordnungen, Regeln und Werte sichtbar gemacht und Macht repräsentiert wird. Der Semiotiker Jurij Lotman prägte dafür den Begriff der Semiosphäre. Darunter ist ein semiotischer Raum zu verstehen, in dem sämtliche Zeichensysteme, die eine Gesellschaft nutzt oder hervorbringt, zusammen­wirken. Es gibt darunter zentrale hegemoniale, aber auch periphere Zeichensysteme.

Zwischen all diesen verschiedenen Symbol- und Zeichensystemen besteht ein ständiger Transfer. Lotman geht davon, dass an den jeweiligen Rändern dieser Systeme Kontaktzonen entstehen, in denen die verschiedenen Zeichen und Codes vermehrt miteinander kombiniert bzw. ineinander übersetzt werden. Zeichen setzen heißt also in der Semiosphäre operieren, geltende Zeichensysteme zu verändern, miteinander zu kombinieren und neue Zeichen und Sinnsysteme daraus zu kreieren.

Die Werbung beherrscht das seit einigen Jahrzehnten virtuos, aber auch der Pariser Grafiker Jean Jullien, der das Solidaritätslogo im Anschluss an die Anschläge vom 13.11. entworfen hat: ein Peace-Zeichen mit integriertem Eifelturm. Zum einen nutzt er das polykontextuale CND (Campaign for Nuclear Disarmament)-Symbol, mit dem 1958 gegen den Vietnamkrieg protestiert wurde, und das sich nachfolgend sowohl die Studentenbewegung als auch Tierschützer oder Irakkrieg-Kritiker zu eigen machten. Zum anderen haben wir das Ikon des Eifelturms, das nationale Symbol für Frankreich und Ikone der Moderne und einen ebenfalls polykontextualen und abwandelbaren Slogan „Je suis Charlie, Paris, en terrasse …“ etc.  

Prof. Dr. Eva Kimminich, Institut für Romanistik der Universität Potsdam

"Ein effektives Symbol, mit dem Solidarität und Widerständigkeit bekundet wird"

L.I.S.A.: Diese Zeichen - französische Flagge, Eiffelturm, Peace-Symbol und viele sogenannte Hashtags wie unter anderen #prayforparis oder #jesuisparis - sind mit viel Symbolik aufgeladen und mit visueller Kommunikation verbunden. Ist diese immer eindeutig und verständlich?

Prof. Kimminich: Um Zeichen zu verstehen, müssen die Rezipienten den/die Code/s identifizieren, um es interpretieren zu können. In der Semiotik nennt man diese Übersetzungsprozesse Semiose. Auch die Kontexte, in denen ein Zeichen auftritt, sind dabei von Bedeutung. Das Peace-Zeichen und das Ikon Eiffelturm sind sehr bekannte Symbole, daher ist der Deutungshorizont ihrer Zusammenführung überschaubar. Es löst die Konzepte Frieden, Widerstand, Protest, Solidarität und Identifikation aus sowie die dazugehörigen Emotionen und ethisch-moralischen Besetzungen.

Auch der Slogan „je suis Paris“ bringt bei entsprechendem Vorwissen die sachlichen wie emotionalen Kontexte der Attentate auf Charlie Hebdo in den semiosischen Prozess mit ein. In ihrer Kombination handelt es sich um ein effektives Symbol, mit dem Solidarität, Widerständigkeit und das Bekenntnis zu einer gemeinsamen Kultur bekundet wird. In den Hashtags „je suis Paris“ wurde das Symbol Julliens auch noch mit anderen bildlichen Kontexten versehen, die den Rezipierenden ebenfalls bekannt sein muss.

Solche kreativen Abwandlungen sind Resultat eines sich perpetuierenden Spiels mit dem Erstzeichen. Die Resultate können auch in den jeweiligen soziopolitischen Kontexten handlungsanleitend wirken. Das gilt beispielsweise für die Abwandlung des Slogans „je suis Paris“ zu „je suis en terrasse“. Damit wird dazu aufgefordert, der Angst nicht nachzugeben und das Leben zu feiern, wie die beigefügten Fotos von vollbesetzten Cafe-Terrassen zeigen.

"Ausdruck der Zugehörigkeit zu einer kulturellen Gemeinschaft und Lebensweise"

L.I.S.A.: Wenn wir uns die Wege dieser visuellen Kommunikation genauer anschauen: Wer sind die Adressaten dieser Zeichen? An wen richten sie sich genau? Richten sie sich nur nach außen, also in diesem konkreten Fall an den "Islamischen Staat" (IS), im Sinne einer Abgrenzung, oder sind die Handlungen auch nach innen gerichtet, im Sinne einer Selbstvergewisserung der eigene Identität, der eigenen Werte, der Solidarität untereinander? Falls ja, wie aussagekräftig und gehaltvoll sind diese Zeichen? Was wird dabei möglicherweise bei aller Differenz glattgebügelt?

Prof. Kimminich: Das ist nicht leicht zu beantworten, ich denke, dass diese Solidarisierungszeichen verschiedene Funktionen haben. Sie sind sicherlich auch an den "Islamischen Staat" (IS) gerichtet. Es ist ein unsichtbarer Feind, den man nicht ansprechen kann, die massenhafte Verbreitung von Zeichen scheint daher die einzige Möglichkeit zu sein, ihm eine Botschaft zukommen zu lassen. Zum jetzigen Zeitpunkt scheinen mir diese Zeichen aber in erster Linie der Meinungsäußerung und der Selbstvergewisserung zu dienen. Mit ihnen kann Empörung und Mitgefühl, vor allem aber auch die Zugehörigkeit zu einer kulturellen Gemeinschaft und Lebensweise zum Ausdruck gebracht werden. Das verbindet und stabilisiert in Zeiten der Angst und Bedrohung. Denn die Zeichen sind da, sie sind im Gegensatz zum IS sichtbar und ihr Deutungshorizont ist überschaubar, sie verdichten eine Meinung, ein Lebensgefühl, die Bereitschaft zur Resistenz und vermögen daher sicherlich auch Zuversicht zu spenden.

"Zeichensetzen macht Haltungen sichtbar"

L.I.S.A.: Welche Funktion erfüllen diese Zeichen in der zwischenmenschlichen Kommunikation insgesamt? Welche Handlungen werden dadurch möglicherweise ersetzt? Oder können sie auch Ausdruck politischen Handelns sein?

Prof. Kimminich: Solche Zeichen der Solidarität und der Resistenz sind sehr wichtige Zeichen, sie bilden in Momenten der Angst eine Art kollektives Sicherheitsnetz, das in diesem Fall auch über die eigene nationale Gemeinschaft hinausgeht. Verschiedenste Menschengruppen werden miteinander verbunden. Dadurch kommt auch ein übernationales Zusammengehörigkeitsgefühl zum Ausdruck, nämlich das, der westlichen Kultur zuzugehören, die sich durch eine bestimmte Lebensart auszeichnet.

Ob konkrete Handlungen ersetzt werden, ist schwer zu beantworten. Viele Menschen tauschen ja nicht nur Hashtags aus, sondern treffen sich auch an den Orten der Attentate oder in Cafés und Restaurants, die dadurch eine neue Bedeutung bekommen: sie werden zu Orten des Widerstandes gegen Angst und Terror und wohl auch des Trostes. Das kann man als politisches Handeln betrachten, wenn man Politik im Sinne der antiken Polis versteht, das heißt als ein vorausberechnendes, innerhalb einer Gesellschaft auf ein bestimmtes Ziel gerichtetes Verhalten. Langfristig betrachtet kann das durchaus auch Veränderungsprozesse in Gang setzen. Auf jeden Fall macht Zeichensetzen Haltungen sichtbar, die so auch von anderen wahrgenommen werden können.

Was bei dieser ersten Welle des Zeichensetzens ersetzt bzw. ausgeblendet werden könnte, ist die Auseinandersetzung mit den Ursachen des Terrors. Es handelt sich ja nicht um einen kriegerischen Angriff von außen und es geht auch keinesfalls um einen Kampf der Kulturen, es gibt zahlreiche Beispiele konfliktfreien Zusammenlebens von Muslimen, Christen und Juden in Frankreich oder Deutschland. Im kritischen Rückblick auf den Umgang mit fremden Kulturen im jeweils eigenen Land, muss ja auch gesehen werden, dass sich der Terror in marginalisierten Gesellschaftsgruppen entfaltet hat. Seine-Saint-Denis in der Pariser Banlieue gehört schon seit den 1990er Jahren zu den sozialen Brennpunkten der Metropole. Seit 9/11 rekrutieren Salafisten dort bekanntermaßen junge Männer, denen weder Möglichkeiten der Lebensplanung noch Anerkennung geboten wurden. Dasselbe gilt für Molenbeek in Brüssel. Daran muss gearbeitet werden, auf lange Frist gesehen muss Integration erstrebt werden, an der alle Beteiligten mitarbeiten müssen. 

"Schwieriger zwischen Wirklichkeit und Darstellung von Wirklichkeit zu unterscheiden"

L.I.S.A.: In den Geisteswissenschaften wird seit den 1990er Jahren von einem iconic turn gesprochen. Was bedeutet es, wenn wir heute vor allem in unserer alltäglichen aber auch in der politischen Kommunikation Bilder sprechen lassen? Hat sich da in den vergangenen Jahren etwas Entscheidendes verändert?

Prof. Kimminich: Der von den Bildwissenschaften geprägte Begriff der ikonischen Wende wurde durch die steigende Bilderflut in den Medien ausgelöst. Man wurde sich der Macht der Bilder bewusst und forderte daher eine interdisziplinäre Beschäftigung mit ihnen. Ziele waren das Potential, die Macht, die Funktion und Wirkungsweise von Bildern zu erfassen. Das ist gerade heute besonders wichtig, weil wir permanent mit Bildern konfrontiert werden und es wird dadurch immer schwieriger zwischen Wirklichkeit und Darstellung von Wirklichkeit zu unterscheiden.

Dass Bilder Macht über den Menschen haben, ist keine neue Erkenntnis, denn die Bilderfrage ist so alt wie die europäisch-mittelmeerische Kultur und hat vor allem im Hinblick auf Religionsfragen bis heute Aktualität, wenn wir an die Zerstörung der Buddhastatuen in Afghanistan denken oder an den Karikaturenstreit, der letztlich auch zu den Attentaten auf Charly Hebdo führte. Durch die neuen Medien und die damit verknüpfte Informationsflut ist Bildkommunikation in verschiedener Hinsicht effektiver als die Verbreitung von Informationen durch Text. Sie ist in gewisser Weise sogar eine Notwendigkeit, um Deutungen und Umdeutungen, Meinungen, den Ausdruck von Emotionen schneller in Umlauf zu bringen und damit auch um Gemeinschaften zu bilden. Bilder oder Icons sind auf einen Blick zu erfassen und verdichten gleichzeitig. Sie wirken dadurch effektiver und schneller. Dabei kann mit einer zunehmenden Kompetenz an beiden Enden der Kommunikationskette gerechnet werden, sowohl im Hinblick auf das Setzen als auch im Hinblick auf das Interpretieren von Zeichen.

Prof. Dr. Eva Kimminich hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar erstellen

8RRMX0