Registrieren
merken
Georgios Chatzoudis | 02.04.2020 | 701 Aufrufe | Interviews

"Wo sind bei Asterix und Obelix die Deutschen?"

Interview mit Konrad Vössing anlässlich des Todes von Albert Uderzo

Vor wenigen Wochen, am 24. März, ist der renommierte Zeichner Albert Uderzo gestorben, der vor allem als Illustrator und später auch als Autor der Comic-Reihe "Asterix und Obelix" weltweit bekannt wurde. Gemeinsam mit seinem kongenialen Partner René Goscinny, der schon seit 1977 tot ist, prägte er über die in viele Sprachen übersetzten Gallier-Geschichten das populäre Bild des Kosmos "Imperium Romanum" zu Zeiten Julius Caesars. Doch wie viel hat das dabei vermittelte Geschichtsbild mit der historischen Realität zu tun? Was denken Althistoriker darüber? Wir haben Prof. Dr. Konrad Vössing von der Universität Bonn, den wir vor einigen Jahren bereits zu einem Gespräch über die Vandalen zu Gast bei L.I.S.A. hatten, gefragt, wie er "Asterix und Obelix" liest.

Google Maps

"Eine Besonderheit ist die phantasievolle Bildung immer neuer Eigennamen"

L.I.S.A.: Herr Professor Vössing, vor wenigen Tagen ist der renommierte französische Zeichner Albert Uderzo gestorben, den man gleich mit der beliebten Comic-Reihe „Asterix und Obelix“ in Verbindung bringt, die er gemeinsam mit seinem schön länger verstorbenen Partner René Goscinny entwickelt hatte. Lesen Althistoriker eigentlich „Asterix und Obelix“? Haben Sie möglicherweise sogar ein oder zwei Hefte als persönliche Favoriten?

Prof. Vössing: Oh ja, ich jedenfalls. Mein Favorit ist "Asterix als Legionär" (dt. 1971); das hat natürlich auch etwas Nostalgisches: meine Generation ist mit diesen Geschichten aufgewachsen, als sie – mit ungefähr 10-jähriger Verzögerung – ab 1968 in Deutschland beliebt wurden. Später hatte ich Spaß daran, sie auf Französisch und in anderen Sprachen zu lesen (es gibt sie übrigens auch auf Latein), nicht zuletzt wegen der Namen. Eine Besonderheit der Reihe ist ja die phantasievolle Bildung immer neuer Eigennamen, die sich dann durch die Übertragung in andere Sprachen manchmal verändern. Der berühmte Druide ist im Original Panoramix ("der alles sieht"), im Englischen Getafix ("get a fix" – gemeint ist natürlich der Zaubertrank), nur im Deutschen und in nordischen Sprachen heißt er Miraculix ("der Wundermann"). Aber auch sonst entfaltet sich in den Übersetzungen durchaus eigenständiger Sprachwitz.

"In der modernen Vorstellung (auch von Geschichtsstudenten) sind sie unausrottbar"

L.I.S.A.: Wie viel „wahre“ Geschichte steckt in einem Asterix und Obelix-Heft? Schlagen Sie als Althistoriker die Hände über dem Kopf zusammen, wenn Sie sehen, welche Ereignisketten, Zusammenhänge und Geschichtsbilder darin transportiert werden? 

Prof. Vössing: Mit Ereignisketten und historischen Zusammenhängen haben diese Geschichten ja (glücklicherweise) nicht viel zu tun, dafür umso mehr mit Geschichtsbildern. Ich glaube aber nicht, dass den Lesern deren freihändige Konstruktion wirklich verborgen bleibt. Dazu sind sie einfach mit zu dickem Pinsel gemalt. Das gilt vor allem für konkrete Verhaltensweisen und Lebensformen der handelnden Personen. Weniger wahrnehmbar, fast "subkutan" wirken andere Aspekte, beispielweise die Uniformen der Römer, die – unter antiken Bedingungen ja weitgehend funktionslos und auch kaum zu realisieren – tatsächlich unbekannt waren. In der modernen Vorstellung (auch von Geschichtsstudenten) sind sie aber unausrottbar; hier haben aber auch die Sandalenfilme ihren Anteil. Noch schwerer zu erkennen (und deshalb wirksamer) sind bestimmte transportierte Grundmuster, etwa das Bild einer einheimischen Gesellschaft, die sich als ganze irgendwie zu den Eroberern verhält, auch weil sie nicht nur primitiv, sondern auch sehr egalitär ist. All das müssen wir mit Blick auf historische gallische Stämme zur Zeit Caesars natürlich vergessen.

"Uderzo und Goscinny werfen sich mit Wonne in 'nationale' Typisierungen"

L.I.S.A.: Ein Heft über die Vandalen, zu denen Sie schon lange forschen, gibt es nicht. Dafür aber über andere Völker der Antike: Gallier, Römer, Belgier, Schweizer, Goten, Briten, Normannen, Ägypter, Griechen, Iberer, Sumerer, Assyrer usw. Wie sehen Sie es als Althistoriker, wenn in einem Comic wie Asterix und Obelix Völker als solche dargestellt werden? Waren sich die einzelnen hier dargestellten Völker in der Antike eigentlich darüber bewusst, dass sie Völker waren?

Prof. Vössing: Das ist eine große Frage, die schon deshalb nur mit einer großen (hier zu vermeidenden) "Ausholbewegung" zu beantworten wäre, weil sie eine Klärung voraussetzt: was ist/ war denn ein "Volk"? Um vom modernen Vorverständnis wegzukommen, müsste man wohl auch begrifflich abstinent sein und lieber von einer "Gens" und von "gentil" sprechen. Die Frage beantwortet das aber nicht. Sie ist auch im Fach keineswegs ausdiskutiert. Jedenfalls sollte man dabei einen Weg nehmen, der die beiden Straßengräben rechts und links vermeidet: weder war die gentile Zugehörigkeit eine reine Konstruktion, variabel und leicht zu fabrizieren, noch war sie eine gewissermaßen urwüchsige, aus dem Dunkel der Vorzeit überkommene und fixierte Gegebenheit. Wir müssen beides zusammenbringen: traditionelle Elemente (von der Sprache bis zur gemeinsamen Geschichte – wie immer man sie sich vorstellte) und solche einer flexiblen Ethnogenese.

Uderzo und Goscinny werfen sich mit Wonne in "nationale" Typisierungen, ohne Rücksicht auf die antiken Gegebenheiten, vom Schweizer Käsefondue bis zur britischen tea-time - wir kommen darauf ja noch zu sprechen. Ich glaube nicht, dass althistorischer Protest hier anders als (ungewollt) komisch wirken kann. Allerdings mit einer Ausnahme: Was die Gallier selbst angeht, würde mich interessieren, ob die (in den Heften – und später auch in den Filmen forcierte) Vorstellung, mit Asterix und Obelix irgendwie den "Urfranzosen" gegenüberzustehen, nicht doch einige Wirkung in Frankreich hatte. Einen nennenswerten, sich auf "das Eigene" besinnenden kulturellen Widerstand gegen die Romanisierung hat es in Gallien seit der Zeit des Augustus aber nicht gegeben, obwohl auch in der Forschung noch immer das Adjektiv "gallo-römisch" beliebt ist, so als hätte sich in Gallien eine spezielle Art des Römischen ausgeprägt. Tatsächlich war es ein Erfolgsgeheimnis des Imperium Romanum, dass es in den Provinzen jeweils vielfältige Mischkulturen gab (nicht etwa nur eine gewissermaßen "nationale"), die sich jedoch alle in dieser oder jener Weise an Rom orientierten. Dass "Asterix" die allgemeine Vorstellung von den "alten Galliern" doch etwas deformiert hat, würde auch dann gelten, wenn die Schöpfer sich eigentlich von dieser Welt ironisch distanzieren wollten.

Übrigens darf nicht übersehen werden, dass Asterix und Obelix nicht nur gegen die historischen Römer und ihre imperialen Ansprüche kämpften, sondern auch gegen ihre modernen Nachfolger, jedenfalls wenn man mit einem Teil der "Asterix-Spezialisten" (ein durchaus florierender Zweig der Rezeptionsforschung) in den Römern und ihrem Siegeszug auch die US-Amerikaner portraitiert oder besser: karikiert sieht. Sicher ist jedenfalls, dass Goscinny und Uderzo Helden erfinden wollten, die sich gerade durch den Bezug auf die Frühzeit Europas von US-Comics abgrenzen sollten.

"Der Band spiegelt, wie weit man damals noch von einer echten Aussöhnung entfernt war"

L.I.S.A.: Comics arbeiten stark mit Stereotypisierungen – "Asterix und Obelix" vor allem mit Stereotypen über die dargestellten Völkern: Albert Uderzo sorgte für die optischen Stereotype, René Goscinny für die „volkscharakterlichen“. Goten erscheinen dabei beispielsweise wie die rohen Deutschen der Moderne, Griechen wirken hinterlistig, Gallier genusssüchtig, Ägypter devot, Briten snobistisch, Belgier als eine Variante der Gallier, Normannen einfältig und Iberer aufgeblasen. Lustig oder diskriminierend?

Prof. Vössing: Aus meiner Sicht eindeutig lustig. Ein Gutteil des komischen Effekts von Witzen läuft ja generell über die genüssliche Strapazierung von Klischees, Übertreibungen und Verallgemeinerungen. In den historischen Nationalstaaten Europas haben wir es (denke ich) hinter uns, dergleichen – auch und gerade wenn es um die ganze "Nation" geht – als verletzend oder auch nur störend zu betrachten. Das geht natürlich nicht bei allen Themen (und auch nicht bei allen Nationen). Durchgehend entspannt scheint die Sache in den ersten Jahren der Reihe allerdings doch nicht gewesen zu sein. Wo sind bei Asterix die Deutschen? Sie sind in einer ziemlich verqueren Konstruktion zu Goten geworden, obwohl diese nur in Frankreich, Spanien und Italien gesiedelt haben, niemals in Deutschland, weder die West- noch die Ostgoten. Diese West-Ost-Teilung (historisch übrigens gar nicht mit Himmelsrichtungen zu erklären) war wohl aber der Grund, warum es 1963 mit "Astérix et les Goths" (im Ursprungsland der gotischen Kathedralen!) gerade die Goten getroffen hat; "getroffen", weil sie die einzigen Unsympathen der ansonsten nur skurrilen Völkerfamilie darstellen. Nicht nur dass (ausgerechnet) die Westgoten einen Überfall auf ihre östlichen Nachbarn planen, sie haben auch durch einen giftigen historischen Cocktail (Pickelhaube, Ordnungswahn, Stechschritt, Kriegsgeschrei, Fahnenkult und – allerdings nur in der französischen Ausgabe – Hakenkreuz) einen propagandahaften und humorlosen Anstrich bekommen. Uderzo selbst erklärte das später mit der zeitlichen Nähe zum Zweiten Weltkrieg. Tatsächlich spiegelt der Band, wie weit man damals noch von einer echten Aussöhnung entfernt war.

"Die Politik der Unterdrückung des Bretonischen in Frankreich war noch in vollem Gang"

L.I.S.A.: Goscinny und Uderzo haben die unbesiegbaren Gallier um Asterix und Obelix in Aremorica, der heutigen Bretagne, angesiedelt. Was vermuten Sie, warum man sich ausgerechnet das Finistère ausgesucht hat und nicht beispielsweise die Region Burgund oder Aquitanien? Welchen Stellenwert hatte Aremorica in der Antike? Oder liegt die Antwort eher in der modernen Sicht der Franzosen auf die Bretagne und die Bretonen?

Prof. Vössing: Das vermute ich. Es ging darum, die urwüchsigen (keltischen) Gallier und ihre Lebensweise zu finden, und die konnte man sich eher in abgelegenen Gegenden, wie es die Aremorica zweifellos war, als in stark romanisierten Landesteilen vorstellen (wobei Burgund zudem nach den germanischen Burgundern benannt ist). Dass Germanen, in erster Linie natürlich die namengebenden Franken, die Entwicklung der französischen Nation sehr viel breiter und tiefer bestimmten als die ursprünglich in Gallien lebenden Kelten, konnte in den Geschichten auch deshalb ganz beiseite bleiben, weil dies eine Entwicklung der römischen Kaiserzeit war, während das Rom von Asterix und Obelix zwar optisch ins 1. und 2. Jahrhundert nach Chr. gehört, historisch aber in die frühen 40er Jahre vor Chr.

Als die Reihe konzipiert wurde, war das zarte Revival von Brezhoneg, der keltischen Sprache also, das in den letzten Jahrzehnten zu beobachten ist, noch nicht abzusehen. 1959, als Asterix das Licht der Welt erblickte ("Asterix der Gallier‘), war die Politik der Unterdrückung des Bretonischen in Frankreich noch in vollem Gang. Es kennzeichnet übrigens die für Europa typischen kulturellen Verflechtungsgeschichten – auch auf scheinbar "urnationalem" Terrain –, dass diese einzige keltische Sprache des heutigen europäischen Festlandes nicht etwa ein Relikt gallischer Kelten der Zeit Caesars ist, sondern in der Spätantike von den britischen Inseln (s. "Bretagne"), vor allem durch christianisierte Waliser und andere "Inselkelten", den "Galliern" zurückgebracht wurde, wo sie nach der römischen Eroberung fast völlig ausgestorben war.

Prof. Dr. Konrad Vössing hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar erstellen

QVWF5T