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M.A. Jörg Ankermüller | 25.02.2012 | 2133 Aufrufe | Artikel

„Wir sahen Filme, wir lasen Bücher – aber gefragt wurden wir nicht“

TV-Dokumentation erinnert an die Überlebenden der Anschläge von Olympia 1972

Vom Zweiten Deutschen Fernsehen bis hin zu Steven Spielberg: Kino und Fernsehen haben die Geschichte vom Attentat auf das israelische Olympiateam bereits oft erzählt. Davon wie in der Nacht des 5. September 1972 acht Mitglieder der palästinensischen Terrorgruppe „Schwarzer September“ das Olympische Dorf in München überfielen und wie dort - sowie während eines dramatischen Feuergefechts auf dem Rollfeld des Fliegerhorstes Fürstenfeldbruck - elf Geiseln, ein deutscher Polizeibeamter und fünf der Attentäter ums Leben kamen.


Tod und Terror

Egal ob in den Dokumentarfilmen „Ein Tag im September“ (USA 1999), „Der Olympia-Mord“ (D 2006) oder dem amerikanischen Spielfilm „Die 21 Stunden von München“ (USA 1976) – immer geht es um den tragischen Tod der Sportler, das eiskalte Agieren der Terroristen, sowie die unbeholfenen Gegenmaßnahmen der staatlichen Behörden. Auch Hollywood-Regisseur Steven Spielberg adaptierte den Stoff, indem sein Film dort anfängt, wo die eigentliche Geschichte aufhört: Bei der einfachen Frage, wie es denn nun für ein Volk weitergeht, das einmal mehr unschuldig zum Opfer wurde. Indem Spielbergs Thriller „München“ (USA 2005) von einer Einheit des israelischen Geheimdienstes Mossad handelt, der sich an den direkt oder indirekt Verantwortlichen für das Attentat grausam rächt, liefert er leider eine ebenso schlichte Antwort.


Die Überlebenden erzählen

Auch der Münchner Fernsehproduzent Emanuel Rotstein wollte wissen, wie es weiterging. Anders als sein amerikanischer Kollege spürte er allerdings den überlebenden Mitgliedern des israelischen Olympiateams hinterher. So gelang es ihm anlässlich des 40. Jahrestages der Anschläge jene Männer zu fragen, die den Anschlag am elften Tag der Olympischen Spiele hautnah miterlebten und nur knapp entkamen.

Für die Dreharbeiten zu „Der elfte Tag – Die Überlebenden von München 1972“ kamen die sieben ehemaligen Sportler Dan Alon, Prof. Dr. Shaul Paul Ladany, Gad Tsabary, Avraham Melamed, Henry Hershkovitz, Zelig Shtorch und Yehuda Weinstain das erste Mal wieder zusammen nach München. In Rotsteins Dokumentarfilm, der am 7. Juli 2012 TV-Premiere feiert, erzählen sie von den dramatischen Stunden vor vierzig Jahren und wie sie ihre Flucht, die Trauerfeier, die Rückkehr nach Israel und die Jahre danach erlebten. „Ihre Geschichte hat bisher noch niemand detailliert erzählt“, erklärt Emanuel Rotstein. Mit seinem Film will der Produzent von Pay-TV-Sender The Biography Channel den Überlebenden genug Zeit und Raum geben ihre persönliche Geschichte zu erzählen.



Nie gefragt

Dass das die letzten vierzig Jahre nur selten geschah, bestätigt auch Dan Alon (66).

„Wir sahen Filme, wir lasen Bücher – aber gefragt wurden wir nicht“, wie er bei der Presseankündigung des Films meinte. Der ehemalige Olympiafechter befand sich zum Zeitpunkt des Attentats in Appartment 2 der Conollystraße 31 und konnte durch den Garten ins Freie fliehen. Alon kehrte für die Dreharbeiten zum ersten Mal nach München zurück. Auch der Ringer Gad Tsabary (68) erinnert sich an seine Flucht. Dieser befand sich zehn Minuten in der Gewalt der Geiselnehmer bevor er einen der Attentäter überwältigen und sich über das Treppenhaus in Sicherheit bringen konnte.

Aber nicht nur die Schilderungen der Flucht gehen unter die Haut. Auch die Beschreibungen ihrer Heimkehr stimmen nachdenklich. „Als mich meine Frau bei meiner Rückkehr in den Arm nehmen wollte, sagte ich ihr, dass das jetzt nicht der richtige Zeitpunkt dafür sei. Meine Freunde sind tot“, wie Alon auf der Pressekonferenz erzählt. Zu groß sei die Trauer um die ermordeten Teamkameraden gewesen. Auch die Frage nach dem „Warum“ war den Männern seitdem ein ständiger Begleiter.

Heute haben die einstigen Athleten, von denen drei bereits ihre Autobiographie vorgelegt haben, sich mit ihrer Vergangenheit arrangiert. „Ich würde mir wünschen, dass unsere Geschichten dabei helfen, sich weiter an die Ereignisse von 1972 und unsere Kameraden zu erinnern“, meint Avraham Melhamed (67). „Und dass Terrorismus - damals wie heute – keine Lösung ist“.




Die Dokumentation „Der elfte Tag – Die Überlebenden von München 1972“ zeigt The Biography Channel am 7. Juli 2012 um 20 Uhr als TV-Premiere.

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Zurück im Olympiastadion: Die Sportler Dan Alon, Prof. Dr. Shaul Paul Ladany, Gad Tsabary, Avraham Melamed, Henry Hershkovitz, Zelig Shtorch (v.l.n.r.)

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Bei der Pressekonferenz: Dan Alon, Prof. Dr. Shaul Paul Ladany, Gad Tsabary (v.l.n.r.)

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Ein Gedenkstein vor dem Münchner Olympiastadion erinnert an die Opfer des Attentats 1972

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Blick auf das Münchner Olympiadorf im Februar 2012

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