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Georgios Chatzoudis | 21.07.2015 | 1039 Aufrufe | 1 | Interviews

"Wir haben schlicht die Quellen sprechen lassen"

Interview mit Moritz Hoffmann über das Projekt @digitalpast zum Ende des 2. Weltkriegs

Das Ende des Zweiten Weltkriegs in täglichen Tweets zu erzählen, ist unmöglich. Dafür ist die Abfolge der Ereignisse kaum zu überschauen, die Bedingtheit des einen durch das andere zu komplex. Trotzdem hat sich ein Kollektiv aus fünf jungen Historikerinnen und Historikern der Herausforderung gestellt, über den Kurznachrichtendienst Twitter an das Kriegsende von Januar 1945 bis zum 8. Mai in ausgewählten Tweets zu erinnern. Wir haben dem Initiator des Projekts @digitalpast Moritz Hoffmann, der Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Seminar der Universität Heidelberg ist, unsere Fragen gestellt.

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"Nicht auf den ausgetretenen Pfaden der medialen Narrative wandeln"

L.I.S.A.: Herr Hoffmann, Sie haben gemeinsam mit anderen Twitterern den Twitter-Account „@digitalpast – Heute vor 70 Jahren“ betrieben. Dabei geht es darum, die letzten vier Monate vor Ende des Zweiten Weltkriegs bei Twitter…ja, was eigentlich? Darzustellen, zu begleiten, zu erinnern, zu hinterfragen? Was ist das Kernmotiv?

Hoffmann: Nachdem feststand, dass wir ein Nachfolgeprojekt zu @9Nov38 auf die Beine stellen können, haben wir als Team uns an die Themenfindung gemacht - dabei ging es uns darum, einerseits in unserem Fachgebiet, der Geschichte des 20. Jahrhunderts zu bleiben, andererseits aber natürlich auch das Momentum der historischen Jahrestage zu nutzen. Letztlich erschien uns da die Schlussphase des Zweiten Weltkriegs als die folgerichtigste Option, allerdings wollten wir unter allen Umständen vermeiden, auf den ausgetretenen Pfaden der medialen Narrative zu wandeln - also von den großen Schlachten zu Hitlers Selbstmord und der Unterzeichnung der Kapitulation zu eilen, ohne einen neueren Blickwinkel einzunehmen. Daher haben wir uns schlicht gefragt, was wir selbst nicht ad hoc über diese Zeit wissen, und das war in allererster Linie die Alltagsgeschichte - wie die Menschen, bewusst mit diesem unpräzisen Begriff, diese Zeit erlebt haben. Das sind natürlich auch die "Großen Männer", aber auch die ganz normale Bevölkerung, die kleinen Täter und die vielen Opfer des Nationalsozialismus. Insofern ist unser erstes Kernmotiv tatsächlich die Darstellung unserer Narrative, aus der aber die vielen anderen Motive folgen. Geschichtsvermittlung ist natürlich immer Erinnerung, gerade in diesem Fall allerdings auch Begleitung, denn aus der Logik der runden Jahrestage ergab sich eine dauerhafte mediale Präsenz einzelner Ereignisse des Jahres 1945, die wir fortlaufend wissenschaftlich fundiert ergänzen konnten.  

"Innerhalb von einer Stunde fast 100 Nachrichten angeschickt"

L.I.S.A.: Warum haben Sie das Medium „Twitter“ gewählt? Was spricht dafür? Sind 140 Zeichen nicht viel zu knapp für einen historisch so komplexen Sachverhalte wie das Ende des Zweiten Weltkriegs? 

Hoffmann: Twitter bietet einige ganz spezifische Vorteile gegenüber anderen Kanälen einer Public History: die leichte Zugänglichkeit gehört natürlich ebenso dazu wie die sonst oft von HistorikerInnen schwer erreichbaren potenziellen Zielgruppen. Ganz neu ist meiner Ansicht nach aber der Echtzeitcharakter, den die minutengenaue Veröffentlichung der Einzelnachrichten erlaubt. Ganz unabhängig vom sprachlich transportierten Inhalt konnten wir zum Beispiel anlässlich der Bombardierung Dresdens die Eskalation der Ereignisse schon darüber veranschaulichen, dass wir innerhalb von einer Stunde fast 100 Nachrichten abschickten.

Aber natürlich hat Twitter auch Nachteile, und es liegt mir fern es als die Lösung aller Probleme der Geschichtsvermittlung zu präsentieren. Die Kürze der Echtzeit-Nachrichten führt zu einer Konzentration auf die reine Ereignisgeschichte, unser eigentliches Tagesgeschäft des Abwägens, des Kontextualisierens und Diskutierens kann dort schlicht nicht stattfinden. Wir haben diesen Widerspruch bei @9Nov38 versucht mit einem Blog aufzulösen, bei @DigitalPast durften wir glücklicherweise ein Begleitbuch schreiben, in dem genau diese Elemente dann auftauchen, ganz unbedrängt von Zeichenbegrenzungen.

"Einzelfallentscheidungen getroffen, die mitunter auch schmerzhaft waren"

L.I.S.A.: In einem Krieg, auch kurz vor seinem Ende, ereignet sich eine nicht zu überblickende Zahl an Handlungen. Nach welchen Kriterien haben Sie entschieden, was mitteilungswert ist und was nicht?

Hoffmann: Wir haben uns zu Beginn des Projektes eine Reihe von Kernereignissen herausgesucht, die in jedem Fall bearbeitet werden mussten - dazu gehören historische "Leuchttürme" wie die Befreiung von Auschwitz, die Bombardierung Dresdens und die Kapitulation der Stadt Berlin, aber auch deutschlandweit eher unbekannte Dinge wie das Massaker von Gardelegen. Dazu kamen übergeordnete Themen wie Hunger, Schule, Flucht und ganz allgemein die Auflösung der staatlichen Strukturen im Angesicht der Front. Zu diesen Themen haben wir dann schlicht die Quellen sprechen lassen, also recherchiert, was davon wir über zeitnahe Überlieferungen in Tagebüchern, Briefen oder amtlichen Dokumenten in Erfahrung bringen konnten. Gleichzeitig haben wir schnell gemerkt, dass nicht mehr als zwei Ereignisstränge an einem Tag machbar sind, weil ansonsten unsere LeserInnen nicht mehr erkennen können, an welcher Ortsmarke wir uns zur Zeit befinden. Letztlich mussten dort immer Einzelfallentscheidungen getroffen werden, die mitunter auch schmerzhaft waren.

"Unsere 12.000 LeserInnen haben uns auf Fehler aufmerksam gemacht"

L.I.S.A.: Der Twitter-Account @digitalpast ruft die Nutzer auf, Fragen zu stellen. Gab es welche? Wie war die Resonanz auf das Projekt?

Hoffmann: Wir haben ausdrücklich zur Kommunikation aufgerufen, weil das eine unserer wichtigsten Lektionen aus @9Nov38 war, die uns auch abseits von Twitter weiterbringt: als HistorikerInnen nehmen wir Dinge als selbstverständlich wahr, die es für Laien schlicht nicht sind. Diese Betriebsblindheit haben wir durch das Angebot @AskDigitalPast versucht aufzulösen, und meines Erachtens hat das auch recht gut funktioniert, es kamen tatsächlich häufig Fragen, die wir versucht haben, so schnell wie möglich zu beantworten. Gleichzeitig wurden wir durch unsere 12.000 LeserInnen auch sehr zuverlässig auf unsere (glücklicherweise kleinen) Fehler aufmerksam gemacht, die bei einem Projekt dieser Größenordnung wohl unvermeidbar sind. Natürlich kam auch Lob, das uns immer sehr freute und über teils sehr anstrengende Stunden trug, und Kritik, die in den meisten Fällen auch legitim war. Grundsätzlich habe ich den Eindruck dass unsere FollowerInnen es sehr schätzten, dass wir fast rund um die Uhr erreichbar waren und gerne in den Dialog treten.

"Fokussierung auf eine Abfolge von Einzelereignissen schadet unserer Disziplin"

L.I.S.A.: In den Geschichtswissenschaften spielt die Form der Narration eine entscheidende Rolle für die Vermittlung von Erkenntnissen. Gibt es nun auch ein Twitter-Narrativ als eigenständige Gattung der Geschichtserzählung?

Hoffmann: Wenn wir uns auf die reine Präsentation auf Twitter beschränken, finden wir meines Erachtens kein neues Narrativ, sondern einen gewissen Rückfall in alte Zeiten eines Rankeschen "wie es eigentlich gewesen". Dementsprechend kritisch bin ich diesem mir eigentlich liebgewonnenen Medium gegenüber, wenn es ganz für sich stehen soll, wie es in einigen ähnlichen Projekten angelegt war. Ich glaube, dass sich die Geschichtswissenschaft nur kurzfristig einen Gefallen damit tut, neue Zielgruppen mit einem veralteten Bild der Tätigkeit von HistorikerInnen zu gewinnen. Mittel- und langfristig hingegen wird eine reine Fokussierung auf eine Abfolge von Einzelereignissen unserer Disziplin eher schaden.

"Ein echtes, gedrucktes Buch in den Händen zu halten ist immer etwas besonderes"

L.I.S.A.: Sie haben parallel zum Twitter-Account auch ein Buch zum Echtzeit-Twitter-Projekt »Heute vor 70 Jahren« veröffentlicht: „Als der Krieg nach Hause kam“. In welchem Format fühlen Sie sich als Historiker wohler? Bei Twitter oder im klassischen Buch?

Hoffmann: Ich würde an diesem Punkt keine Konkurrenz aufmachen wollen. Twitter ist mir als Sprachform nach knapp sieben Jahren sehr nahe, ich kann viele Inhalte prägnant auf 140 Zeichen unterbringen. Es ist aber natürlich eine große Freude, Argumente und Erzählungen über einen größeren Raum herzuleiten und zu erklären, wie es in einem Buch möglich ist. Über Twitter bekommen wir direktere Rückmeldungen - ein echtes, gedrucktes Buch in den Händen zu halten ist aber natürlich immer etwas besonderes. Für uns stand im letzten Frühsommer jedenfalls fest, dass wir dieses Projekt nur in beiden Medienformen gemeinsam stemmen wollen, denn in dem von uns gewählten Format ergänzen sie sich ziemlich gut.

"Wer mitarbeiten möchte, ist herzlich eingeladen"

L.I.S.A.: Wie geht es weiter mit @digitalpast? Sind ähnliche Folgeprojekte geplant?

Hoffmann: Wir haben uns absichtlich dazu entschieden, mit @DigitalPast einen Account-Namen zu wählen, der nicht wie @9Nov38 auf ein spezielles Ereignis zielt. Unter diesem Label, das auch als Hommage an Peter Haber gedacht ist, möchten wir in Zukunft als eine Art "Inkubator" von Ideen einer digitalen Public History arbeiten. Dazu gehören mit Sicherheit auch Twitter-Projekte, aber das Internet und gerade auch Social Media bieten noch einige, gerade im deutschsprachigen Raum noch unbekannte Möglichkeiten der Vermittlung von historischen Inhalten und historischem Denken. All das wollen wir, gerne auch in einem offeneren Team als bisher, in den kommenden Monaten und Jahren unter dem nun etablierten Label ausprobieren und danach in Ruhe reflektieren, so dass es der Public History als Teil der Geschichtswissenschaft zum Vorteil ist. Wer immer daran mitarbeiten möchte, ist herzlich eingeladen, Kontakt mit mir aufzunehmen.

Moritz Hoffmann hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Marcus Cyron | 21.07.2015 | 18:28 Uhr
Schöne, Idee, interessantes Thema. Ich kenne das auch aus quasi persönlicher Erfahrung. In unserer Familie gibt es noch das Tagebuch meiner Ur-Ur-Großmutter, die im ersten halben Jahr 1945 Tagebuch führte. Und hier ging es wirklich nur am Rande um Themen wie Hitler (obwohl man an seinem Tod natürlich nicht vorbei kam und den regelrecht erleichtert aufnahm), sondern um die Alltagsmeisterung, wie man noch Zutaten für einen Geburtstagskuchen bekommt, wie man Freunde besucht, was schwierig geworden ist, wo sich die Familie zerstreut hat, ob alle überleben, ob vor allem der angeheiratete kommunistische Enkel im Zuchthaus Brandenburg überlebt. Und schon fast wie im Märchen, sind vergleichsweise kurz nach dem Krieg Nachrichten zu allen Nachkommen und nahen Verwandten da - und alle haben es lebend überstanden. Für mich ein auch persönlich-emotional beeindruckendes Dokument einer offenbar unglaublich starken Frau aus einer Familie, die nie den NS-Versuchungen erlegen ist.

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