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Georgios Chatzoudis | 12.06.2012 | 2692 Aufrufe | Interviews

"Wir brauchen medienkompetente Lehrer"

Interview mit Prof. Dr. Christian Spannagel

Der Einsatz des Computers im Schulunterricht ist nach wie vor eher die Ausnahme. Nach einer aktuellen Umfrage unterrichtet nur etwa ein Fünftel der Lehrer mehrmals wöchentlich mit Hilfe von digitalen Medien, während vierzig Prozent der Lehrkräfte gar nicht oder nur selten (weniger als einmal pro Woche) den Computer im Unterricht einsetzen. Prof. Dr. Christian Spannagel von der Pädagischen Hochschule in Heidelberg gehört zu den Ausnahmen. Für ihn ist der Computer aus dem Unterricht der Zukunft nicht mehr wegzudenken. Mit Schülerinnen und Schülern erstellt er zurzeit ein Wiki zum Thema Mittelalter.

Wir haben mit Prof. Dr. Christian Spannagel gesprochen und wollten von ihm wissen, wie er sich den Unterricht mit PC, Handy und Tablet vorstellt.

Prof. Dr. Christian Spannagel, Pädagogische Hochschule Heidelberg, Institut für Datenverarbeitung/Informatik

"Lernen findet in zunehmendem Maße mit und im Internet statt"

L.I.S.A.: Herr Professor Spannagel, Sie lehren an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg unter anderem computerunterstütztes Lernen. Was genau verstehen Sie darunter? Sitzen bald alle Schüler im Unterricht mit einem Laptop oder Tablet-PC in der Klasse? Haben Sie etwas gegen Bücher?

Prof. Spannagel: Computerunterstütztes Lernen ist jegliches Lernen, bei denen Computer zum Einsatz kommen. Eigentlich ist der Begriff auch schon veraltet - denn was ist heute ein “Computer”? Vielleicht spricht man heute besser von “IT-gestütztem Lernen”, also Lernen unter Nutzung moderner Informations- und Kommunikationstechnologien. Hierzu zählen neben dem klassischen Desktop-Computer auch Netbooks, SmartPhones, Tablet-PCs, E-Book-Reader usw. Eine immer wichtigere Rolle spielt dabei das Web: Lernen findet in zunehmendem Maße mit und im Internet statt.

Selbstverständlich habe ich nichts gegen Bücher oder Kreidetafeln - ich verwende selbst beides noch sehr gerne. Jedes Medium hat Vor- und Nachteile, und man muss je nach Lernzielen, Lerninhalten, Lerngruppen und sonstigen Aspekten des Lernkontexts entscheiden, welche Medien zum Einsatz kommen sollen und welche nicht. Ich vermute aber, dass Bücher immer weiter zurückgedrängt werden von eBooks oder digitalen Materialien. Und letztlich ist das auch gut, weil Schüler dann nicht mehr schwere Schulranzen mit Büchern durch die Gegend schleppen müssen, die oft noch nicht mal am jeweiligen Tag benutzt werden.

Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass bald alle Schülerinnen und Schüler an ihrer Schulbank Technologien haben, mit denen sie bei Bedarf ins Internet gehen oder Anwendungsprogramme, die in ihrem Lernkontext wichtig sind, verwenden können. Heute muss man an vielen Schulen in den Computerraum wechseln - das ist lästig und organisatorisch oft eine Schwierigkeit. Viel besser wäre es, wenn Schüler den Computer (ob das zukünftig dann Laptop, Netbook oder Tablet-PC oder irgendwas anderes ist, wer weiß) einfach am Platz aus der Tasche holen können, wenn sie ihn brauchen, und anschließend dort wieder verschwinden lassen können.

"Die Bedienung des Computers muss erlernt werden"

L.I.S.A.: Was sind die Vorteile beim Einsatz von Computer im Unterricht? Lenkt das nicht zu sehr vom Lernen ab? Was sind möglicherweise Nachteile?

Prof. Spannagel: Man kann eigentlich nicht allgemein von DEN Vorteilen des Computers sprechen. Letztlich hängt es mehr von der Software ab, die man einsetzt. Ganz unterschiedliche Programme können in verschiedenen Schulfächern das Lernen unterstützen: Man kann beispielsweise physikalische Sachverhalte in Simulationen und virtuellen Experimenten untersuchen, man kann geometrische Konstruktionen, die sich dynamisch verändern lassen, im Mathematikunterricht erstellen und erforschen, und im Fremdsprachenunterricht kann man übers Internet mit Schulklassen in anderen Ländern kommunizieren. Die Möglichkeiten sind schier unerschöpflich. Es ist aber auch klar, dass man auch viel Unsinn mit dem Computer machen kann. Es hängt vom ganz konkreten Kontext ab, ob der Computer das Lernen unterstützt oder erschwert. Ein Nachteil kann beispielsweise sein, dass der Computer selbst ein komplexes Werkzeug ist, dessen Benutzung erlernt werden muss. Wenn die Bedienung eines Programms Schwierigkeiten macht, dann kann man sich nicht mehr so gut auf den Fachinhalt (z.B. Mathematik oder Deutsch) konzentrieren. Nichtsdestotrotz muss auch die Bedienung des Computers erlernt werden. Man muss also als Lehrer sehr gut abwägen, ob der Einsatz in einem gegebenen Kontext effektiv ist oder nicht.

"Gemeinsam virtuelle Hypertexte erstellen"

L.I.S.A.: Die Schüler von heute sind fast alle in sozialen Netzwerken vertreten. Lassen sich soziale Medien auch für Unterricht nutzen?

Prof. Spannagel: Natürlich - aber auch hier muss sorgsam abgewogen werden. Soziale Netzwerke wie Facebook haben - neben datenschutzrechtlichen Bedenken - meiner Ansicht nach nicht so viel Potenzial wie soziale Medien, in denen die Inhalte mehr im Vordergrund stehen. Hierzu zählen Wikis und Weblogs. Wikis sind großartige Plattformen für Unterricht: Schüler können hier gemeinsam an Texten arbeiten, sich gegenseitig verbessern und die Texte durch Bilder, Videos und Quiz-Fragen ergänzen. Wikis eignen sich beispielsweise als Alternative für Projektergebnis-Präsentationen (im Gegensatz zu Plakaten oder Folienpräsentationen). Im Biologieunterricht können Schüler z.B. Fotos von Pflanzen und Tieren einstellen und beschreiben und so ein virtuelles Lexikon erstellen. Im Englischunterricht können sie gemeinsam einen virtuellen Hypertext über London verfassen. Auch hier gibt es wieder jede Menge Anwendungsmöglichkeiten, aber - wie immer - keine Gelingensgarantie. Es gibt keinen Garantie für Lernerfolg - kein Medium kann das leisten. Viel wichtiger ist immer der Unterricht, in dem das Medium eingesetzt wird, also letztlich die Frage, WIE es verwendet wird.

Nichtsdestotrotz ist es wichtig, dass soziale Medien (hin und wieder) im Unterricht eingesetzt werden, denn: Jugendliche nutzen sie zwar im Alltag, aber oft “nur” zur persönlichen Kontaktpflege. Die Schule kann aufzeigen, wie man solche Medien für die inhaltliche Zusammenarbeit nutzen kann. Und dieses Können wird in Zukunft auch in beruflichen Kontexten immer wichtiger werden.

"Die Klasse arbeitet gemeinsam an einer virtuellen Mittelalterbibliothek"

L.I.S.A.: Sie führen zurzeit ein Projekt mit Schülern durch, dass sich "Wikis im Geschichtsunterricht" nennt? Wie funktioniert das und wie profitieren Schüler davon? Gibt es Kontakte zu den Wissenschaftlern, die sich mit dem Themen beschäftigen?

Prof. Spannagel: Gemeinsam mit den Lehrern und Initiatoren Axel Ohnesorge und Kirsten-Heike Pistel führe ich mit Schülerinnen und Schülern in der Freien Schule LernZeitRäume [[1]] ein Wiki-Projekt im Geschichtsunterricht [[2]] durch. Die Schüler haben sich unterschiedliche Themen des Mittelalters (wie beispielsweise Bauwerke, Waffen und Familie) vorgenommen und dazu Informationen aus Literatur herausgesucht. Die Ergebnisse ihrer Literaturarbeit haben sie in einem Wiki festgehalten. Außerdem haben sie ihre Texte dort gegenseitig verbessert. In einem Wiki ist das einfach: Man korrigiert einfach den Text, und andere können durch den Vergleich verschiedener Textversionen sehen, was geändert wurde. Zurzeit erstellen die Schüler Quiz-Fragen zu den Texten ihrer Mitschüler. So arbeitet die ganze Klasse gemeinsam an einer virtuellen Mittelalterbibliothek. Außerdem ist in diesem Kontext klar, dass man nicht einfach Text kopieren darf, sondern dass man einen eigenen Text verfassen und dass man sehr sorgfältig schreiben muss. Denn schließlich steht der Text im Internet und kann von jedem gelesen werden. Man schreibt also für ein “Publikum” - das ist sehr motivierend für die Schüler. Zukünftige Schülergenerationen können dann die Mittelalterbibliothek fortsetzen oder Texte zu anderen Bereichen schreiben.

Kontakte zu Wissenschaftlern haben wir in diesem Kontext noch nicht aufgebaut. Wir wollten zunächst einmal mit dem Wiki im kleinen Rahmen starten, weil dies auch für uns noch Neuland ist. In zukünftigen Projekten wäre dies aber wünschenswert.

"Flächendeckende Einführung des Schulfachs Informatik"

L.I.S.A.: Angesichts der Fülle an digitalen Arbeits- und Kommunikationsmöglichkeiten heutzutage fordern viele inzwischen ein Schulfach "Medienkompetenz". Was halten Sie davon?

Prof. Spannagel: Eigentlich halte ich nichts davon. Medienkompetenz sollte in allen Fächern und in allen Lernsituationen erworben werden - schließlich Lernen wir durch und mit Medien. Es gibt ja auch kein Fach “Sozialkompetenz” oder “Präsentationskompetenz” - all dies sind “Querkompetenzen”, die immer eine Rolle spielen.

Ich habe die Antwort mit “eigentlich” begonnen, denn: viele Lehrerinnen und Lehrer sind insbesondere mit dem Einsatz von Information- und Kommunikationstechnologien überfordert, beispielsweise weil sie selbst zu wenig Ahnung oder Erfahrung damit haben. Insofern brauchen wir medienkompetente Lehrerinnen und Lehrer, die die Vermittlung von Medienkompetenz und IT-Kompetenzen übernehmen. Dies weist auf die Notwendigkeit eines solchen Fachs hin, vielleicht in einer Übergangsphase, bis auch die Nutzung von Informationstechnologien für Lehrerinnen und Lehrer selbstverständlich und alltäglich ist.

Vielleicht darf ich am Ende noch meinen eigentlichen Traum darstellen: Ich würde mir die flächendeckende Einführung des Schulfachs Informatik wünschen. Informatische Kompetenzen sind heute in vielen Berufen wichtig und werden auch in Zukunft immer wichtiger werden. Eigentlich können wir uns in Deutschland das Schattendasein des Fachs Informatik überhaupt nicht leisten, wenn wir zukünftig international wettbewerbsfähig bleiben wollen. Und: Ein Informatiklehrer kann auch die Vermittlung informationstechnischer Grundbildung mit übernehmen.

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[[1]] http://www.lernzeitraeume.de/
[[2]] http://wikis.zum.de/lzr/Hauptseite

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