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Judith Wonke | 17.01.2019 | 422 Aufrufe | Interviews

"Wir benötigen solche künstlerischen Interventionen"

Interview mit Vera Chiquet über John Heartfields Fotomontagen

Der deutsche Künstler John Heartfield (1891-1968) zeigte mit seinen Fotomontagen, die zwischen 1930 und 1938 entstanden, dass Fake News keinesfalls ausschließlich ein Phänomen der Gegenwart sind. Denn mit seinen fotografischen Illustrationen, die in den Zeitungen der Zeit erschienen, kommentierte er das politische Geschehen. Dr. Vera Chiquet befasste sich in ihrer Dissertation mit dem Künstler und seinen Werken. Im Interview haben wir sie nach den Intentionen der künstlerischen Inszenierungen gefragt, aber auch, ob diese als Propaganda galten und inwieweit sie stellvertretend für die technische Weiterentwicklung der Fotografie standen.

"Versteckte Fotomontagen und Bezüge zu anderen Bildern"

L.I.S.A.: Dr. Chiquet, im Rahmen Ihrer Dissertation beschäftigten Sie sich mit den Fotomontagen John Heartfields in populären Illustrierten. Bevor wir mit den inhaltlichen Aspekten Ihrer Arbeit beginnen eine Frage vorab: Was inspirierte Sie dazu, sich mit dem Thema zu beschäftigen? 

Dr. Chiquet: Von der Existenz dieser Fotomontagen wusste ich, weil sich meine Eltern in einer Ausstellung über John Heartfields Fotomontagen kennengelernt hatten. Das Besondere an diesen Kunstwerken ist ist für mich, dass ich sie in Originalzeitschriften betrachten konnte. Dadurch erkennt man, in welchem Kontexten diese Bilder entstanden sind und eingebettet wurden. Das hat mich gepackt und in den alten Heften zu schmökern war wunderbar für mich. Als ich dann weitere, versteckte Fotomontagen und Bezüge zu anderen Bildern entdeckt hatte, war in mir der Detektivtrieb geweckt – da wollte ich alles genauer wissen und bin dem auf den Grund gegangen.

L.I.S.A.: Was ist der genaue Untersuchungsgegenstand Ihrer Forschung – was sind die „Fake Fotos“ Heartfields? Und welches Quellenmaterial liegt diesen Überlegungen zu Grunde?

Dr. Chiquet: Was mir beim Blättern durch die Zeitschriften aufgefallen ist, sind die Referenzen. Die Bilder verweisen auf Artikel und kommunizieren mit anderen Fotografien oder Inseraten. Dieses Netzwerk von Anlehnungen, Umdeutungen und ironischen Brechungen ist ebenfalls mein Untersuchungsmaterial gewesen. Ich habe mich dabei auf ein paar besonders interessante Netzwerke konzentriert. Dass nicht nur die Magazine, sondern auch Skizzen und Arbeitsstufen-Montagevorlagen im Berliner Archiv der Akademie der Künste vorliegen, bewog mich dazu, auch den technischen Verfahren detektivisch auf die Spur zu gehen. Ich verbrachte tatsächlich Stunden mit Lupen im Archiv und ging den Herstellungsspuren der Fotomontagen nach.

"Ein gewisser Galgenhumor ist nötig, um zu überleben"

L.I.S.A.: Heartfield veröffentlichte seine Fotomontagen vor allem in zeitgenössischen Printmedien. Welche Intention verfolgte er mit seinen Werken? Können die Montagen gar als Propaganda bezeichnet werden? 

Dr. Chiquet: Das kommt auf die Definition von Propaganda an. Für das kommunistische Pendant wurde seinerzeit der Begriff Agitprop verwendet. Meiner Meinung nach ist der illegalen Opposition mehr erlaubt. Es ist sogar ein gewisser Galgenhumor nötig, um zu überleben. Ganz im Gegensatz zur herrschenden Position, welche differenziert und transparent kommunizieren sollte. Aber zurück zur Frage: Ich kann es nachvollziehen, dass für die einen Heartfields Fotomontagen zur Propaganda gehören, im Buch versuche ich diese Thematik etwas aufzubrechen und meine Bedenken an dieser Zuordnung darzulegen. Das ist aber nicht mein Forschungsinteresse, ich fokussiere mich auf die Bilder und ihre Vernetzungen.

L.I.S.A.: Inwieweit stehen die Fotomontagen Heartfields stellvertretend für die technische Weiterentwicklung der Fotografie? 

Dr. Chiquet: Das ist ein spannender Punkt. In den USA wurde viel hemmungsloser manipuliert als in Deutschland, obwohl die Grundlagen für die Positiv-Retusche durch das Rotationsverfahren, also die Reproduzierbarkeit der Fotografien, in Deutschland gelegt wurden. Wie Mia Fineman in der Ausstellung «Faking It: Manipulated Photography before Photoshop» im Metropolitan Museum of Arts 2012 zeigte, waren die amerikanischen Anwendungen mutiger. Heartfield orientierte sich stark an den amerikanischen Umsetzungen und galt als Wegbereiter der Spritzretusche, einer der wesentlichen Manipulationen auf dem fotografischen Positiv (vergleichbar mit der heutigen Photoshop-Ebene).

"Heute wird viel darüber geschrieben und nachgedacht"

L.I.S.A.: Ein Blick in die heutige Medienlandschaft zeigt, dass Fake News die aktuellen Diskussionen wesentlich mitbestimmen. Lassen sich diese „Fake News“ mit den Fotomontagen beziehungsweise „Fake Fotos“ Heartfields vergleichen? 

Dr. Chiquet: Es können sehr wohl Ähnlichkeiten festgestell werden. Die damals neuen Print-Massenmedien können mit den heutigen Online-Medien verglichen werden. Durch diese Formate wird die Informationsverteilung viel weitreichender, grossflächiger unkontrollierbarer. Bereits damals konkurrierten die verschiedenen Anbieter miteinander, man versuchte mit möglichst spektakulären Berichten/Bildern die Aufmerksamkeit der Lesenden zu gewinnen. Und damals wie heute werden solche Plattformen auch politisch gesteuert, das heißt es werden absichtlich parteiische Positionen vermittelt, was dazu führt, dass unwahre und gefakte Bilder oder Nachrichten verbreitet werden, um die Adressierten mit einer bestimmten politischen Strategie zu beeinflussen.

Indem Heartfield Fakes produzierte, die jedoch als solche wahrgenommen werden sollten, wollte er das Publikum dazu anregen, über ihren Medienkonsum nachzudenken und diesen kritisch zu hinterfragen. Ich denke, wir benötigen immer noch solche künstlerischen Interventionen und ich bin froh, dass heute viel darüber geschrieben und nachgedacht wird.

Dr. Vera Chiquet hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet. 

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