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Georgios Chatzoudis | 18.10.2016 | 410 Aufrufe | 1 | Interviews

"Wie Wellness zur Ideologie geworden ist"

Interview mit Klaus Bittermann über ein Buch aus Sicht seines Verlegers

Normalerweise befragen wir bei einer Publikation, die uns thematisch interessiert, die Autoren nach ihren Thesen. In diesem Fall wären es die Organisationstheoretiker Prof. Dr. Carl Cederström und Prof. Dr. André Spicer gewesen, die bereits 2015 in englischer Originalsprache das Buch The Wellness Syndrome vorgelegt haben. Ein Jahr später ist es in einem kleineren Verlag auch in deutscher Sprache erschienen. Wir haben einen Perspektivwechsel vorgenommen und fragen dieses Mal den Verleger der deutschsprachigen Ausgabe, was ihn dazu bewogen hat, dieses Buch übersetzen zu lassen und anschließend in sein Programm aufzunehmen. Welche Kriterien waren für Klaus Bittermann entscheidend, das Wellness-Syndrom zu verlegen?

"Es kommt mir vor allem auf Intelligenz, Originalität und Stil an"

L.I.S.A.: Herr Bittermann, in Ihrem Verlag „edition Tiamat“ ist zuletzt das Buch „Das Wellness-Syndrom. Die Glücksdoktrin und der perfekte Mensch“ der Organisationstheoretiker Carl Cederström und Alain Spícer in der deutschen Übersetzung erschienen. Können Sie uns in wenigen Sätzen sagen, um was es in diesem Buch geht?  

Bittermann: Es geht den Autoren darum zu zeigen, wie Wellness zur Ideologie geworden ist, zu einem Diktat, das den Menschen vorschreibt, was sie zu tun und zu lassen haben, um Erfolg im Leben und im Beruf zu haben, während Menschen, die sich nicht um ihren Körper kümmern, stigmatisiert werden. Der Körper wird zum Kapital, er muss ständig optimiert und trainiert werden, um den Anforderungen des Neoliberalismus gerecht zu werden. Die Wellness unter diesen Vorzeichen ist die genaue Entsprechung der Ideologie für Menschen, von denen der Arbeitsmarkt Flexibilität und Anpassung fordert und die in prekären Verhältnissen leben.  

L.I.S.A.: Wie gehen Sie als Verlagsleiter vor, wenn Sie sich grundsätzlich überlegen, ein Buch zu verlegen? Welche Kriterien sind dabei für Sie entscheidend?  

Bittermann: Das entscheidende Kriterium für mich, ein Buch zu verlegen, ist nicht eine bestimmte Thematik. Egal, um was es geht, und egal ob Sachbuch, Roman, Reportage, Essay oder Feuilleton, es kommt mir vor allem auf Intelligenz, Originalität und Stil an. Wenn ein Autor Argumente vorträgt, die man schon tausend mal gehört hat, dann interessiert es mich nicht. Es muss ein Moment der Überraschung und des Ungewöhnlichen zu sehen sein. Und das Buch muss elegant und witzig geschrieben sein. 

"Dann wird der Mensch zu einem unpolitischen Wesen"

L.I.S.A.: Was hat Sie nun bewogen, dieses Buch, das bereits Anfang 2015 in englischer Originalsprache erschienen war, übersetzen zu lassen und in Ihrem Verlag zu veröffentlichen? Welche Überlegungen waren dabei zentral?  

Bittermann: Es ist meines Wissens die erste sehr präzise und radikale Analyse an der Wellness-Ideologie. Gefallen hat mir, dass sie sehr knapp war, also dem Gegenstand angemessen, besser also als eine 600-Seiten-, alles umfassende und erschöpfende Kritik, die niemanden interessiert. Und gut gefallen hat mir auch, dass die Autoren einen Blick auf Gesellschaften haben, in denen die Wellness-Ideologie weiter fortgeschritten ist als hierzulande. Man kann in dem Buch also bereits heute nachlesen, was uns morgen erwartet.  

L.I.S.A.: Können Sie das, was die beiden Autoren in ihrem Buch beschreiben und analysieren, aus Ihren Beobachtungen und Erfahrungen bestätigen? Sind wir tatsächlich auf der Suche nach einem glücklichen und perfekten Dasein? Und falls dem so sein sollte, was wäre daran falsch?  

Bittermann: Da ich in einem mittlerweile durchgentrifizierten Viertel in Berlin lebe, in der viele Start-ups und Ein-Mann-Unternehmer und Kreative wohnen, werde ich tatsächlich hin und wieder Zeuge davon, wie Leute sich fit für ihren Job zu machen versuchen. Ein Hinweis auf diesen Trend sind auch die Fitness-Studios, die überall aufmachen, und die vermehrten Anzeigen von Wellness-Hotels. Die Suche nach einem glücklichen Dasein ist verständlich und nichts, worüber man sich lustig machen sollte, aber wird dieses Bestreben zum alles beherrschenden Thema, dann wird der Mensch zu einem unpolitischen Wesen, dem nur seine persönliche Karriere am Herzen liegt. Das Denken wird dann engstirnig und borniert. Und Menschen, die durch das soziale Raster der Gesellschaft fallen, werden plötzlich zu »Sozialschmarotzern«.

"Die Autoren wissen, dass ihr Buch im Gespräch ist"

L.I.S.A.: In einer Passage behaupten die Autoren, dass wir dazu tendierten, uns in uns selbst zurückzuziehen und Signale des Körpers als Ersatz für allgemeine Wahrheiten halten, anstatt einmal nüchtern über die Welt nachzudenken? Ist das zugespitzter Kulturpessimismus?  

Bittermann: Nein, eher eine Diagnose.  

L.I.S.A.: Welches Feedback haben Sie auf diese Publikation geerntet? Bekommen die Autoren die Resonanz in Deutschland mit?  

Bittermann: Die Resonanz in Deutschland war erstaunlich. Auch in den großen Leitmedien wie Süddeutsche Zeitung und Frankfurter Allgemeine Zeitung wurde das Buch groß besprochen. Die Rezensionen leite ich an die Autoren weiter, aber da sie nicht deutsch sprechen und auch nicht lesen können, wissen sie lediglich, dass ihr Buch im Gespräch ist. Und zwar durchaus positiv.  

Klaus Bittermann hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Prof. Ferdinand Fellmann | 19.10.2016 | 09:52 Uhr
In der Tat, für den Erfolg eines Buches kommt alles auf das Was, Wann und Wo an. Ich kann davon ein Lied singen über mein Buch mit dem Titel "Das Paar. Eine erotische Rechtfertigung des Menschen", das 2005 im Parerga-Verlag Berlin erschienen ist, sich gut verkauft hat und auch positiv rezensiert worden ist. Leider ist der Verlag eingegangen, so dass 2013 eine Neuauflage im Alber-Verlag erschienen ist, die allerdings trotz Reklame keine Resonnanz gefunden hat. Der offensichtliche Grund war, dass die neuen Power-Frauen, die in den Redaktionen dominieren, die Paarbeziehung als Fessel betrachten und nichts davon wissen wollten (also Was und Wann falsch). Daraufhin habe ich 2016 eine englische Kurzfassung mit dem Titel "The Couple. Intimate Relations in a New Key" im LIT-Verlag veröffentlicht, die sich in Amerika gut verkauft (also Wo richtig). Seitdem ein flyer mit chinesischem Cover-Text im Netz in China abrufbar ist, entwickelt sich China wegen der neuen Famlilienpolitik zu einen interessanten Markt (also Was, Wann und Wo besterns). Was können Autoren und Verleger daraus lernen? Berücksichtige den Zeitgeist, aber biedere dich nicht an!

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