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Georgios Chatzoudis | 02.05.2017 | 2494 Aufrufe | Interviews

"Widerhall faschistoider Ästhetik ist nahezu omnipräsent"

Interview mit Jelena Jazo über Post-Nazismus und Populär-Kultur

Das Zeigen von nazistischer Emblematik, wie beispielsweise von Hakenkreuzen oder SS-Runen, ist im politischen Raum Deutschlands verboten. In der Populär-Kultur sind die Grenzen indes nicht so eindeutig abgesteckt. Im Gegenteil: Dort ist bildhafte NS-Symbolik nahezu omnipräsent, so die These der Kulturwissenschaftlerin Dr. Jelena Jazo. In ihrem Dissertationsprojekt hat sie das Nachleben faschistoider Ästhetik in Bildern der Gegenwart untersucht. Eines ihrer Ergebnisse: NS-Symbolik verliert im Post-Nazismus nach und nach ihren historischen Gehalt und entwickelt dabei zahlreiche neue Chiffren, mit vielfachen Anschlussmöglichkeiten an die sogenannte Populär-Kultur. Wie das genau zu verstehen ist, dazu haben wir unsere Fragen gestellt.

"Das heutige Bild des Nationalsozialismus gleicht einem Palimpsest"

L.I.S.A.: Frau Dr. Jazo, Sie haben sich in Ihrer Dissertation mit dem Nachleben faschistoider Ästhetik in Bildern der Gegenwart – so auch der Untertitel Ihres inzwischen erschienenen Buchs „Post-Nazismus und Populär-Kultur“ – aus bildwissenschaftlicher Perspektive beschäftigt. Wie kamen Sie zu diesem Thema? Welche Beobachtung ging dem voraus?

Dr. Jazo: Die Beobachtung, dass der Widerhall faschistoider Ästhetik im Grunde nahezu omnipräsent ist. In der zeitgenössischen Bildkultur ist der Nationalsozialismus beständiges Thema und Gegenstand unzähliger visueller und medialer Verarbeitungen. Es ist die Persistenz nationalsozialistischen Bildprogramms, die mich interessiert hat. Sedimente faschistoider Ästhetik finden sich in unterschiedlichen Bereichen (pop-)kultureller Bildproduktion, sei es in Film, in der Mode, in Bildphänomenen des Internets sowie in der Musik und ihren visuellen Ausdrucksformen wie Videoclips und Albumcovern. Diese unablässige Zirkulation hat Bildern des Nazismus eine neue Vitalität verliehen. So ist der Nationalsozialismus heute nicht mehr ausschließlich eine historische Tatsache, sondern gleichzeitig auch eine Bilder-Erzählung – neben den historischen Nazismus hat sich der mediale gestellt. Das heutige Bild des Nationalsozialismus gleicht somit einem Palimpsest, denn es ist durch seine (pop-)kulturellen Rezeptionen vielfach überschrieben, umgedeutet und neu interpretiert worden, weshalb mir eine Analyse des Bildprogramms, das die Popkultur der Gegenwart vom Nazismus zeichnet, unabdingbar erschien.

"Bildverwandtschaft zur Massenästhetik des Nationalsozialismus"

L.I.S.A.: Sie behaupten, dass die nazistische Ikonographie die historische Phase des Nationalsozialismus nicht nur überlebt habe, sondern bis heute andauere und sogar wiederbelebt werde. Tatsächlich begegnet man beispielsweise Repräsentationen von Adolf Hitler in vielfältiger Form immer wieder – sei es auf Magazincovern, in Kinofilmen, Comics oder in belletristischer Literatur. Haben Sie noch weitere Beispiele für populäre Narrative und Bilder, die auf den Nationalsozialismus rekurrieren, aber auf dem ersten Blick vielleicht nicht ohne weiteres als solche erkennbar sind?

Dr. Jazo: Im Laufe meiner Recherche habe ich zahlreiche Bilder, die visuelle Referenzen auf den Nationalsozialismus liefern, gesammelt. Aus der Sichtung und Akkumulation dieses Bildmaterials ergaben sich bestimmte Bildverdichtungen und -dominanzen, d.h.wiederkehrende Motive gewannen an Kontur. Diese verweisen auf zentrale, visuell besonders häufig verhandelte Bildsujets innerhalb der popkulturellen Verwertung faschistoider Ästhetik. Die Popkultur hat also bestimmte Bilder und visuelle Topoi durch ihre immerwährende Wiederholung festgeschrieben. Zu diesen besonders häufig aufgegriffenen Motiven gehört, neben der ikonischen Figur Adolf Hitler, z.B. auch die Körperästhetik Leni Riefenstahls. In meiner Arbeit habe ich beispielsweise Modefotografien untersucht, anhand derer sehr deutlich nachvollzogen werden kann, dass, analog zu den ästhetisch überhöhten Körperimperativen des Nationalsozialismus, erhabene Archetypen stählerner Härte, Kraft und Überlegenheit und nahezu statueske Körperkonzepte perfekter Physis ins Bild gesetzt werden. Auch die Inszenierung uniformierter Massen, wie sie sich durch die Visualisierungen Riefenstahls, denke man nur an den Reichsparteitagsfilm „Triumph des Willens“, tief im kollektiven Bildgedächtnis festgesetzt hat, findet immer wieder Einzug in popkulturelle Ikonografie. So lassen sich etwa klare visuelle Bezüge zu Massenchoreografien des populären Kinos ziehen – ich habe hier beispielsweise "Star Wars" oder "Der König der Löwen" analysiert. Auch in Musikvideos von Nicki Minaj oder Lady Gaga finden sich entsprechende Referenzen. Es ist also zweifelsohne eine Bildverwandtschaft zwischen popkulturellen Masseninszenierungen und der Massenästhetik des Nationalsozialismus zu erkennen.

"Eine zunehmend gehaltlose Faszination für die nazistische Oberfläche"

L.I.S.A.: Wer ist es genau, der oder die sich nazistischer bzw. faschistoider Ästhetik annimmt? Wer sind die Akteure? Ist die Genese dieser ästhetischen Übernahmen in der Populär-Kultur zu verorten oder ist der Anfang eher in subversiven Milieus zu suchen?

Dr. Jazo: Am Beispiel der Verwendung des Hakenkreuzes in der Popkultur lässt sich diese Frage recht gut exemplifizieren. In den frühen 1970er Jahren tauchte das Hakenkreuz zunächst im Punk-Kontext auf – hier um eine bessere, nicht-faschistische Gesellschaft, sozusagen ex negativo, zu proklamieren. Der Verweis auf nazistische Symbole und Ästhetik eröffnete in der Popkultur (zu der ich auch subkulturelle Stile und Szenen zähle) zunächst also durchaus einen subversiven Gehalt. Ebenjenes Hakenkreuz-Symbol wurde dann jedoch wieder „verfügbar“ und verlor in Pop-Zusammenhängen an widerständigem Potential, da es anschließend vielmehr „sinnentleert“ und höchstens als reines Provokationsvehikel genutzt wurde. Das bedeutet, dass aus einer vormals dezidiert emanzipatorischen Haltung eine, wenngleich nicht affirmative, so dennoch zunehmend gehaltlose Faszination für die nazistische Oberfläche geworden ist. Ein Beispiel ist hier die thailändische Popband Slur. In ihrem 2010 erschienenen Musikvideo „Hitler“ kulminiert gewissermaßen das popkulturelle Spiel mit faschistischer Ästhetik, wie es die Punk-Kultur – vor einem gänzlich anderen Hintergrund – angestoßen hat. Die Bandmitglieder zeigen sich hier in SS-ähnlicher Uniform mit Hakenkreuzarmbinden und führen eine Tanzchoreografie zwischen Marschexerzieren und Hitlergrüßen auf. Das zeigt, dass nazistisches Bildprogramm gewissermaßen in den Kreislauf popkultureller Bilderverwertung eingeschleust und zu zitierfähigem Material wurde. So ist faschistoide Bildästhetik heute in nahezu allen Bereichen der visuellen Kultur zu finden.

"Ein nahezu spukhaftes Eigenleben in den Bilduniversen der Populärkultur"

L.I.S.A.: Was passiert mit nazistischen Bilderwelten und faschistoiden Narrativen, wenn sich die Popkultur ihrer annimmt bzw. bemächtigt? Wie verändern sich zum einen die Inhalte von Bildern und Narrativen, wie aber auch das historische Verständnis über den Nationalsozialismus sowie über die Epoche des Faschismus?

Dr. Jazo: Der Nationalsozialismus hat durch seine vielfachen medialen Wiederbelebungen in der visuellen Kultur der Gegenwart – so meine These – ein Nachleben entwickelt. Das bedeutet auch, dass sich faschistoide Ästhetik in diesem Sinne von ihrem originären Artikulationszusammenhang emanzipiert hat, migriert ist und ein nahezu spukhaftes Eigenleben in den Bilduniversen der Populär-Kultur entwickelt hat. Der historische Nationalsozialismus tritt in der Bildkultur der Gegenwart folglich hinter seine populäre Verbreitung durch immerwährende Wiederholung, Kopie und Reproduktion zurück. Im Pop schließlich hat faschistoides Bildprogramm nicht die Funktion, auf eine historische Realität zu verweisen, vielmehr steht es, enthistorisiert und inhaltlich ausgehöhlt, als reine Oberfläche und konsumierbare Formel für neue Bedeutungsproduktionen und Sinnzusammenhänge zur Verfügung.

Das Bildprogramm des Nationalsozialismus spielt durch seine mediale Verlängerung und diskursive Vervielfachung heute nicht nur eine, sondern mehrere Rollen in unterschiedlichen Zusammenhängen. Ziel meiner Untersuchung war es darzulegen, dass sich der visuelle Nationalsozialismus damit selbst überlebt hat und so radikal zum Bild geworden ist, dass er, ähnlich einem Perpetuum mobile, ewig in Bewegung bleibt und beständig weitere Bilder nach sich zieht. Pop-Bilder des Nazismus haben sich durch ihre Ubiquität und Zirkulation ikonisch verselbstständigt. Das Wissen um die Geschichte, also um die Realgestalt des Nationalsozialismus nimmt ab, die Bildproduktion jedoch nicht. Popkulturelle Bild-Imaginationen und Fiktionalisierungen des Faschistoiden werden damit auch zu Wissens- und Gedächtnisspeichern. Die vielfach verbreiteten Bilder, die die Gegenwart hervorgebracht hat, summieren sich zu einer großen Fiktionalisierung und wirken auf das gesellschaftliche Geschichtsbewusstsein und auf kollektive Vorstellungen der Vergangenheit ein. Auf dem medialen Umweg über die Popkultur prägen und beeinflussen kulturell konstruierte Bilder, d.h. fiktive Figurationen und Phantasmen des Faschistoiden, geltende Vorstellungen vom Nazismus in seiner historischen Realgestalt.

"Die Popkultur steht primär im Dienste des Bildes, nicht des Abgebildeten"

L.I.S.A.: Was bedeutet es für eine Gesellschaft bzw. für eine Populär-Kultur, wenn sich eine faschistoide Ästhetik hält und etwa nicht verschwindet? Was bedeutet in diesem Zusammenhang bei Ihnen „negative Faszination“? Spielt hierbei die Figur bzw. das Konzept der „Katharsis“ eine Rolle?

Dr. Jazo: Der Kordon der Unantastbarkeit, der das Thema Nationalsozialismus umgibt, hat seine Wiederkehr als Pop-Mythos sicher begünstigt. Insofern hat das popkulturelle Gefallen an faschistoider Ästhetik sicher auch kathartische Funktionen. Jedoch steht die Popkultur primär im Dienste des Bildes, nicht des Abgebildeten. Das bedeutet, dass im Pop eigentlich das Bild eines Faschismus ohne Historizität entsteht. Das Faschistoide erschöpft sich, darauf verweist z.B. auch Georg Seeßlen immer wieder, in der Produktion seines eigenen Bildes. Da sich Pop vor allem für das Spektakuläre interessiert, ist aus meiner Sicht zu bemerken, dass der Nationalsozialismus ebenjene ästhetische Erfahrung des Spektakulären bietet. Bilder des Nazismus bieten eine geeignete Folie für die Koketterie mit einer Ikonographie des Drastischen. Der Nationalsozialismus ist in der Vorstellung der Gegenwart eigentlich oft nicht mehr als eine Metapher für „das Böse“. Die Attraktivität und Faszination, die von faschistoider Ästhetik ausgeht, erwächst also aus dem Wissen um den grausamen, verbrecherischen Charakter des Nationalsozialismus. Das Schreckliche hat jedoch keine konkrete Gestalt mehr, sondern ist zu einer diffusen, negativ-auratisch verklärten Chiffre des „Irgendwie-Grausamen“ verschwommen und nährt lediglich als dunkle Ahnung ein symbolisch erkaltetes Bild des Bösen. 

Dr. Jelena Jazo hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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