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Georgios Chatzoudis | 31.07.2018 | 473 Aufrufe | Interviews

"Weltanschauliche Ausrichtung der Polizei an der SS"

Interview mit Hans-Christian Harten über die Schulung der Polizei im Nationalsozialismus

Wie erzieht man gewöhnliche Polizisten zu Handlangern eines mordenden Staates wie dem des nationalsozialistischen Deutschlands? Das ist die zentrale Frage, die sich der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Hans-Christian Harten im Rahmen seines jüngsten Forschungsprojekts gestellt hat und dessen Ergebnisse nun erschienen sind. Die Studien der Holocaust-Forscher Christopher Browning und Daniel Goldhagen haben bereits gezeigt, dass Mitglieder von Polizei und polizeinahen Verbänden in der Lage waren, ihnen überstellte Menschen zu schikanieren, zu foltern und zu töten. Wie aber war das möglich? Was mussten Angehörige der Polizei im Nationalsozialismus erlernen, um solche Taten begehen zu können? Hans-Christian Harten hat zur Beantwortung dieser Fragen Polizeischulungen in der NS-Zeit untersucht und sich dabei vor allem auf die Vermittlung der nationalsozialistischen Weltanschauung konzentriert. Wir haben ihm dazu unsere Fragen gestellt.

"Noch keine umfangreichen und systematischen Untersuchungen"

L.I.S.A.: Herr Professor Harten, Sie haben nach Ihrer umfassenden Studie zur weltanschaulichen Schulung in der SS nun einen weiteren Band vorgelegt, für den Sie die weltanschauliche Schulung der Polizei im Nationalsozialismus untersucht haben. Bevor wir zu einigen Details kommen - was hat Sie zu dieser Forschungsarbeit veranlasst? Gibt es zu diesen Komplexen der Weltanschauung des NS-Personals nicht bereits zahlreiche Studien?

Prof. Harten: Mich hat als Erziehungswissenschaftler die Frage interessiert, ob und wenn ja, wie und in welchem Maß die Ausbildung, speziell die „weltanschauliche Schulung“ und der Unterricht in nationalsozialistischer Weltanschauung zur rassenpolitischen Praxis von SS und Polizei beigetragen und das Überschreiten zivilisatorischer Grenzen erleichtert haben. Dazu gab es bislang nur vereinzelte Studien, aber noch keine umfangreichen und systematischen Untersuchungen.

"Als staatstreu gegenüber dem nationalsozialistischen Staat darzustellen"

L.I.S.A.: Die Polizei vor 1933, insbesondere die preußische Polizei, galt als sozialdemokratisch geprägt. Das Amt des Innenministers von Preußen hatten seit 1919 meist Sozialdemokraten inne. War diese Ausgangslage bei der NS-Machtübernahme ein Problem für die Nationalsozialisten? Bei der SS konnte man immerhin davon ausgehen, dass eine weltanschauliche Grunddisposition vorhanden war. Aber wie sah das bei der Polizei aus? Musste man da viel Überzeugungsarbeit leisten?

Prof. Harten: Die Durchdringung der Polizei mit demokratisch-republikanischem Geist blieb in der Weimarer Republik in Ansätzen stecken. Insbesondere in der Ausbildung dominierten militärische Inhalte und national-konservative Einstellungen. Bereits 1932 setzte eine Entlassungswelle sozialdemokratischer Führungskräfte ein. Die Staatsbürgerliche Bildung bereitete nur unzureichend auf die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus vor. Andererseits war die Polizei in der Weimarer Republik in die politischen Kämpfe zwischen Rechts und Links involviert und musste sowohl gegen Kommunisten als auch gegen Nationalsozialisten vorgehen. Umso wichtiger war es für die Polizei, sich nach der Machtübernahme als staatstreu gegenüber dem nationalsozialistischen Staat darzustellen. Die frühe Instrumentalisierung der SA als Hilfspolizei bewirkte einen zusätzlichen Anpassungsdruck.

"Die Schulungsredner und -lehrer aus der SS waren mehrheitlich Akademiker"

L.I.S.A.: Was waren die zentralen Inhalte der weltanschaulichen Schulung der Polizei? Worauf konzentrierte man sich in den Lehrplänen vor allem? Und was waren dabei für die Nationalsozialisten die schwierigsten Klippen, die sie zu umschiffen hatten? Anders gefragt: Mit welcher Didaktik macht man aus Polizisten einer Republik Komplizen, Helfer und Helfershelfer einer mordenden Diktatur?

Prof. Harten: Die zentralen Inhalte bestanden in einer Kombination von deutscher Geschichte und Rassenkunde, dazu kam insbesondere bei der Sicherheitspolizei eine „nationalsozialistische Gegnerkunde“. Die deutsche Geschichte wurde so dargestellt, dass sie im „Dritten Reich“ ihre Vollendung fand, weil dieses Reich und in ihm Staat und Gesellschaft auf dem Fundament der vermeintlichen „Lebensgesetze“ von Volk und Rasse neu errichtet werden sollten. Die schwierigsten Klippen, die die Nazis und insbesondere die SS zu umschiffen hatten, betrafen vor allem die Religion. Man bemühte sich vordergründig um religiöse Toleranz, aber es war offensichtlich, dass in der SS Bestrebungen bestanden, eigene Formen der Religion und des Kultes zu etablieren, und dass vor allem für die Aufnahme ins Führungskorps von Polizei und SS der Austritt aus der katholischen oder evangelischen Kirche in der Regel erwartet wurde. Was die Didaktik und Methodik des Unterrichts betrifft, so sind mehrere Aspekte hervorzuheben, die die Wirkung und Akzeptanz erhöht haben dürften: zum einen wurden vielfach „moderne“ pädagogische Methoden propagiert und angewandt, zum anderen war man um eine „wissenschaftliche“ Fundierung der Unterrichtsinhalte bemüht und schließlich war die Schulung „akademisch kontextualisiert“, weil die Schulungsredner und -lehrer aus der SS mehrheitlich Akademiker waren.

"In den Inhalten gab es wenig Unterschiede zwischen SS- und Polizeischulung"

L.I.S.A.: Von 1936 an war der "Reichsführer SS", Heinrich Himmler, auch Chef der Deutschen Polizei. War damit die weltanschauliche Gleichschaltung der Polizei abgeschlossen? Was unterschied die Polizei de facto noch von der SS?

Prof. Harten: Die weltanschaulich-politische Ausrichtung der Polizei an der SS begann nach der Ernennung Himmlers zum Chef der Polizei im Verlauf des Jahres 1937 und setzte sich bis zum Ende des Krieges fort. Die Polizei sollte mit der SS zu einem „Staatschutzkorps“ verschmolzen werden, de facto gelang dies aber nur in Ansätzen. Viele Angehörige der Polizei erfüllten nicht die Voraussetzungen, um in die SS aufgenommen zu werden, andere lehnten die Mitgliedschaft ab, etwa, weil man die Haltung der SS zur Kirche und zur Religion nicht teilte. Die Polizei blieb ein eigenständiger Teil innerhalb des Himmlerschen Imperiums. Die weltanschauliche Schulung der Polizei wurde bis zum Beginn des Krieges von Experten aus der SS, danach mehrheitlich von eigenen Kräften, hauptsächlich nationalsozialistisch ausgebildeten und ausgerichteten Polizeioffizieren durchgeführt, weil die SS nicht mehr genug Personal zur Verfügung stellen konnte, vermutlich aber auch, weil man davon ausging, dass die Übernahme der Schulung durch eigene Kräfte ihre Akzeptanz bei der Polizei erhöhen würde. In den Inhalten gab es dagegen wenig Unterschiede zwischen SS- und Polizeischulung. Am weitesten gelang die Angleichung von SS und Polizei in der Sicherheitspolizei.

"Zivilisatorische Grenzüberschreitungen bedurften eines legitimatorischen Rahmens"

L.I.S.A.: Mit Beginn des Krieges und spätestens seit 1942 wurden die Aufgaben der Polizei und die Anforderungen, die an sie gestellt wurden, deutlich ausgeweitet. Christopher Browning und Daniel Goldhagen haben in ihren aufsehenerregenden Studien über Polizeibataillone dargestellt, wie die alltägliche Praxis im Umgang vor allem mit Juden ausgesehen hat. Konnten sich die Nationalsozialisten auf ihr Personal verlassen? Waren die weltanschaulichen Schulungen für die Nazis ein Erfolg, wenn man Theorie und Praxis gegenüberstellt?

Prof. Harten: Ich gehe davon aus, dass die Anforderungen der rassenpolitischen Praxis und des genozidalen Handelns für die meisten Polizisten so ungewöhnlich war und in einem so hohen Maß zivilisatorische Grenzüberschreitungen beinhaltete, dass es eines legitimatorischen Rahmens bedurfte. Sicher gab es auch andere Gründe wie Browning und Goldhagen sie nennen, aber die Schulung war ein bedeutsamer Faktor und spielte eine größere Rolle als von beiden Autoren angenommen; sie lieferte diesen Rahmen, machte die Aufgaben bis zu einem gewissen Grad „verstehbar“ und erleichterte dadurch die Praxis. In dieser Hinsicht war die Schulung erfolgreich. Hervorzuheben ist, dass die Schulung auch bei den Polizeibataillonen in den besetzten Ländern durchgeführt wurde. Wie meine Untersuchungen zeigen, lässt sich gerade hier ein Zusammenhang von „Theorie und Praxis“ nachweisen.

"Ein hohes Maß an personeller Kontinuität"

L.I.S.A.: Wenn man sich Ihr Zusatzmaterial zu Ihrer detailreichen Studie durchschaut, das eine Übersicht Beteiligter in Schulungswesen der SS und Polizei bietet, tauchen Namen auf, die auch nach 1945 noch eine Rolle spielen - beispielsweise Ameln, Bartsch, Best usw. Woher rekrutierten die zwei neuen deutschen Staaten ihr Polizeipersonal?

Prof. Harten: Mit der Nachkriegsgeschichte habe ich mich nicht beschäftigt. Generell wird man aber von einem hohen Maß an personeller Kontinuität ausgehen können. Insbesondere Ausbilder, Lehrer und Schulungsleiter wurden nur ganz selten einmal in Nachkriegsprozessen zur Verantwortung gezogen, in den meisten Fällen gelang es ihnen, ihre Tätigkeit zu verschleiern; die rassenpolitischen Inhalte der Ausbildung und Schulung kamen allenfalls in Ausnahmefällen zur Sprache und verschwanden in der Regel hinter dem Schein rein formaler Bildung.

Prof. Dr. Hans-Christian Harten hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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