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Prof. Dr. Manfred Clemenz | 07.03.2014 | 1979 Aufrufe | Artikel

Weiße Haut, brauner Nazi-Kuchen

Uraufführung „Der weiße Wolf“, Kammerspiele Frankfurt, 7.2.1014

Um es gleich am Anfang zu sagen: der poetischste Moment der Uraufführung war das höchstpersönliche Erscheinen des „weißen Wolfs“. Am Ende der Aufführung trabt er - ein wolfsähnlicher Hund - über die Bühne, schnüffelt da und dort und verschwindet wieder. Er hätte es verdient, an dem reichlichen Premierenapplaus teilzunehmen..

Das neueste Stück von Lothar Kittstein, dem Schauspiel Frankfurt seit langem verbunden, spielt auf zwei Ebenen, einer expliziten und einer impliziten. Das was auf der impliziten Ebene nur angedeutet beziehungsweise ausgespart wird, ist ebenso relevant, wie das, was auf der Bühne gezeigt wird. Die Diskrepanz zwischen den beiden Ebenen ist das dramaturgische Manko eines ambitionierten Stückes, das an seinen eigenen Ambitionen scheitert.

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Sascha Nathan im Stück "Der weiße Wolf", Kammerspiele Frankfurt am Main

Zunächst zur expliziten Ebene. Drei Figuren aus dem rechtsradikalen Milieu treffen sich eines Abends. Gräck (Sascha Nathan) und seine schwangere Freundin Janine (Ines Schiller) wohnen in einer Bruchbude, in die es hereinregnet. Gräck hat – nach einigen militanten Aktionen, die im Dunkel bleiben – einen Job als Türsteher in einer Diskothek gefunden und ist schwer frustriert über die Umstände seiner kläglichen Existenz. Er möchte in eine ordentliche Wohnung ziehen, mit seiner Freundin eine Familie gründen und in seiner Wohnung, in seinem Leben und überhaupt „Ordnung“ schaffen. Ordnung ist – scheinbar - sein Lebensziel, die von den pöbelnden Disco-Besuchern, insbesondere von den Ausländern unter ihnen, ständig bedroht ist. Sie kotzen vor der Disco und werfen mit Bierdosen umher (was Gräck übrigens nicht darin hindert, selbiges in seiner eigenen Wohnung zu tun). Sie werden eines Abends von Tosch (Torben Kessler), einem alten Kumpel von Gräck heimgesucht, offen bleibt, wie Tosch Gräck gefunden hat. Von Tosch erfahren wir, dass er zumindest einen Mord an einem Ausländer begangen und Banken überfallen hat, ergo noch über etwas Bares verfügt. Er kommt mit einem luxuriöse ausgestatteten Wohnmobil und möchte Gräck dazu überreden, mit ihm, wie in den guten „alten Zeiten“ wieder einmal über Land zu fahren, durch die geisterhaften verlassenen Landschaften (den Osten?), aber auch dem Sonnenaufgang entgegen (ebenfalls in den Osten?). Außerdem hat er noch eine Waffe dabei. Janine hingegen träumt von der Vergangenheit, vom „schlafenden Kaiser“ im Berg, von Barbarossa.

Tosch bringt Janine - seiner Jugendliebe - einen braunen „Nazikuchen“ mit Wunderkerze mit und schwärmt von ihrer „weißen Haut“. Gräck und Tosch hingegen schwärmen von den alten Tagen, in denen man noch einem Schwarzen eine in die Fresse hauen konnte (beziehungsweise auch mal abknallen konnte). Es kommt wie erwartet: man berauscht sich an ausländerfeindlichen Parolen, schimpft über die Islamisten, die mit langen Bärten vor den Dönerbuden stehen, über die deutschen Frauen, die Schlampen geworden sind und über die Weicheier von deutscher Männern, die es nicht fertig bringen, ihre Freundinnen zu beschützen. Wenn man selbst nichts hat, hat man noch immer Hass auf die Ausländer – und „Sehnsucht“.

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Sascha Nathan, Ines Schiller, Torben Kessler

Der Hass macht freilich vor der eigenen Gruppe nicht Halt, von der vielbeschworenen Kameradschaft keine Spur. Man beschimpft sich lautstark, Tosch vergewaltigt Janine, und beschimpft sie dann als Schlampe und Fotze, verprügelt Gräck, um sich dann in einer angedeuteten homosexuellen Vereinigung wieder mit ihm zu versöhnen. Man spielt zusammen russisches Roulett – ohne Patronen. Vielleicht waren nie welche drin. Hauptsache man ist für Deutschland. „Deine Fotze gehört Deutschland, auch dein Kind gehört Deutschland“. Sagt Tosch nach der Vergewaltigung. Und den afrikanischen Frauen sollte man die Fotzen zunähen.

Gräck, Tosch und Janine sind Funktionen ihrer ausländerfeindlichen Klischees und ihres Hasses. Ihr Innenleben scheint auf das von Psychopathen mit begrenztem geistigen Horizont reduziert zu sein. Deshalb nimmt man ihnen ihre Road-Movie-Romantik und ihre „Sehnsucht“ nicht ab. Sehnsucht wonach eigentlich? Nach dem Osten? Sehnsucht nach dem Osten als „Raum der Möglichkeiten, mit riesigen Bodenschätzen, eingefrorenen Mammuts und einer Wildheit und Größe, die es bei uns nicht mehr gibt“ (Lothar Kittstein). Der „weiße Wolf“ als Symbol dieser Sehnsucht? Über eine derartig pompöse Lyrik würde die Gruppe wohl nur den Kopf schütteln. Allenfalls traut man ihr eine „Sehnsucht“ nach dem Vernichtungskrieg im Osten zu, der Unterwerfung des „slawischen Untermenschen“ zwecks Schaffung neuen Lebensraums für die Herrenrasse zu. Der Autor scheint das Fragwürdige dieser Konstruktion gespürt zu haben: real ist der „weiße Wolf“ nichts anderes als eine heruntergekommene Landdisco. Bezeichnenderweise ist der „weiße Wolf“ zugleich der Name eines rechtsradikalen Fan-Magazins („Vielen Dank an die NSU“). Zum Träumen ist nur Janine fähig – und am Schluss des Stückes taucht die Frage auf, ob Janine den ganzen Horror nur geträumt hat. Die Frage bleibt unbeantwortet.

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Ines Schiller, Sascha Nathan

Soweit die explizite Ebene. Noch problematischer ist, was nicht gesagt wird. Obwohl – so der Autor – ein direkter Bezug zum NSU nicht intendiert ist, ist das Stück voller Verweise in diese Richtung: es handelt sich, wie bei der Böhnhardt-Mundlos-Zschäpe-Gruppe, um drei Personen, um zwei Männer und eine Frau. Die drei Protagonisten haben zumindest einen Mord begangen. Tosch fährt ein Wohnmobil, er besitzt eine Waffe, und am Schluss des Stückes erscheint Janine im Zschäpe-Hosenanzug. Den Bezug hat der Autor somit selbst hergestellt. Dagegen ist einzuwenden, dass drei chaotische und durchgeknallte Typen wie die Protagonisten des Stücks wahrscheinlich bereits nach dem ersten Banküberfall von der Polizei einkassiert worden wären. Die NSU-Leute - wie durchgeknallt auch immer - waren zugleich eiskalt kalkulierende Strategen und Logistiker, finanziell, logistisch und ideologisch unterstützt von einem rechtsradikalen Netzwerk. Möglicherweise lange Zeit gedeckt von den „Sicherheits“-Behörden. Sonst hätten sie nicht dreizehn Jahre unentdeckt bleiben können.

Eine Spur, die im Stück einmal auftaucht, ob möglicherweise Tosch ein V-Mann ist, wird sofort wieder fallengelassen. Derartige V-Mann-Verbindungen sind jedoch nicht nur real, sondern auch relevant. Noch ist immer nicht klar, was der Verfassungsschützer Andreas T. unmittelbar in Kassel am Tatort zu suchen hatte. Dasselbe gilt auch für das umtriebige Wirken des V-Manns Mevlüt K., der die Sauerland-Gruppe mit Spreng-Zündern versorgte und als eine Art Doppelagent arbeitete. Für sein Bestreben, keine direkten Bezüge zur Realität der NSU herzustellen, statt dessen auf die angeblich Deutschland heimsuchenden „Geister“ zu verweisen, hat Kittstein einen hohen Preis bezahlt. Die Psychopathen-Truppe Tosch-Gräsch-Janine ist eine Verharmlosung des realen nationalsozialistischen Untergrundes samt ihrer Unterstützer auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Die dramaturgische Hermetik des Stückes verhindert, dass wir mehr über den „braunen Nazikuchen“ erfahren als seine Psychopathologie.

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Ines Schiller, Sascha Nathan

Die Schauspieler haben geleistet, was das Stück hergibt: den Irrsinn der Protagonisten kongenial zu realisieren. Auch die Regie (Christoph Mehler) hat sich klugerweise an die Aussagen des Stückes, ohne dramaturgische Mätzchen, gehalten und damit die fragile Struktur des Stückes offengelegt. So ist es letztlich doch noch ein interessanter Theaterabend geworden. Man darf gespannt sein, ob es den bereits realisierten oder geplanten NSU-Bühnenprojekten gelingen wird, die Engführungen des „weißen Wolfs“ zu überwinden.

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