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Georgios Chatzoudis | 18.12.2018 | 668 Aufrufe | Interviews

"Eine erfahrungs- und leidensbedingte Gabe"

Interview mit Barbara Stambolis zum Tod von Walter Laqueur

Walter Laqueur gehörte zu den Intellektuellen einer Generation, die das 20. Jahrhundert in fast all seinen Ausschlägen nach unten wie nach oben erlebt hat. Seine Zeitzeugenschaft menschlicher Katastrophen wie den Nationalsozialismus, aber auch sein persönlicher Aufstieg nach 1945 haben ihn zu einem Historiker werden lassen, der mit ethnologischem Blick auf seine Themen blickte. Im September des Jahres ist Walter Laqueur im Alter von 97 Jahren gestorben. Wir haben die Historikerin Prof. Dr. Barbara Stambolis um ein Interview über diesen außergewöhnlichen Wissenschaftler und Publizisten gebeten.

Walter Laqueur

"Walter Laqueur war ebenso Historiker wie Publizist"

L.I.S.A.: Frau Professor Stambolis, im September ist der Publizist und Historiker Walter Laqueur im hohen Alter von 97 Jahren in Washington D.C. gestorben. An was für einen Menschen denken und erinnern Sie sich, wenn Sie auf Walter Laqueur angesprochen werden? Was war Walter Laqueur vor allem – eher ein Historiker oder ein Publizist?

Prof. Stambolis: Walter Laqueur ist mir vor einigen Jahrzehnten bereits ‚begegnet‘, und zwar mit seiner 1974 erschienenen Kulturgeschichte der Weimarer Republik. Schon während meiner Promotionszeit bei Hans Mommsen zu jugendkulturellen und generationellen Fragen der Zwischenkriegszeit war für mich außerdem seine bis heute in Grundzügen gültige Arbeit über die deutsche Jugendbewegung wichtig. Als diese Studie im Jahre 1962 in London erschien, war sie mit einem bemerkenswerten Vorwort versehen, das nicht in die deutschen Ausgaben aufgenommen wurde. Darin wurde Laqueurs persönliche Verbundenheit mit seinem Forschungsgegenstand und die berechtigte Frage nach den facettenreichen Lebenswegen und weiteren ideologisch-politischen Positionierungen derjenigen angesprochen, die in der Weimarer Republik jung waren. In diesem breiten, keineswegs nur in den Nationalsozialismus hinweisenden sozialen und weltanschaulichen Spektrum von Zusammenschlüssen Heranwachsender fanden auch junge Juden zeitweise eine emotionale Heimat. Walter Laqueur hat sich ausführlich wiederholt zu dieser ‚Erfahrungsgruppe‘ geäußert, ohne sehr viel Persönliches aus seiner eigenen jugendbewegten Geschichte mitzuteilen, allerdings hin und wieder betont akzentuiert. Beispielsweise schrieb er rückblickend, er wolle seine „Erfahrungen in der Jugendbewegung auf keinen Fall missen. Diese bedeuteten in einer schwierigen Periode meines Lebens einen Anker, eine Insel des Friedens inmitten einer Welt, die mehr und mehr feindlich wurde, in ihr entwickelten sich Eigenschaften wie Disziplin und Verantwortungsgefühl, auch Führungsqualitäten“ (Wanderer wider Willen, 1995, S. 6).

Walter Laqueur war ebenso Historiker wie Publizist, der sich bis ins hohe Alter gesellschaftlich einmischte. Beides scheint mir nicht denkbar ohne seinen Lebens- und Erfahrungshintergrund, d.h. eine enge ‚Verzahnung von Leben und Werk‘. Er gehört einer Altersgruppe von Historikern an, denen 2016 die Studie „The Second Generation. Émigrés from Nazi Germany as Historians“ gewidmet war, und in der er überzeugend als ‚Wanderer zwischen Welten‘ seinen Platz findet. Er war einer derjenigen deutschen Bürger jüdischen Glaubens bzw. derjenigen Menschen, die wegen ihres Familienhintergrundes nach 1933 zu Juden erklärt worden waren und die durch Flucht und Emigration ihr Leben retten konnten. Dass er keine akademische Laufbahn als Historiker aufzuweisen hatte, ist der unheilvollen deutschen Geschichte geschuldet. 1938 verließ er als Jugendlicher Deutschland und immatrikulierte sich noch im selben Jahr als Student an der Hebräischen Universität Jerusalem. Nach einigen Jahren in Kibbuzim war er 1946 bis 1953 in Israel als Journalist tätig, bevor er als Historiker erfolgreich wurde.

"Eine Reihe von Laqueurs wissenschaftlichen Arbeiten fand internationale Resonanz"

L.I.S.A.: Walter Laqueur hat eine lange Publikationsliste hinterlassen. Sein Interessengebiet ist weit gefächert und reicht von der Beschäftigung mit der deutschen Jugendbewegung, mit der Sowjetunion und später Russland, mit der Geschichte des Zionismus und des Staates Israel bis hin zu Guerilla- und Terrorismusforschung – um nur einige seiner Themen, zu denen er publiziert hat, zu nennen. Wir erklärt sich diese inhaltliche Breite? Gibt es da einen Zusammenhang zu seinen vielen Lebensstationen?

Prof. Stambolis: Eine ganze Reihe von Laqueurs in der Tat sehr umfangreichen wissenschaftlichen Arbeiten fand internationale Resonanz, darunter Studien zur Geschichte des Zionismus, Antisemitismus, der Weimarer Republik und des globalen Terrorismus. Die Vielfalt seiner Themenschwerpunkte hat gewiss mit seinen Lebensstationen zu tun: 1955 trat er eine ausgedehnte Europareise an, die ihn zunächst nach Paris, dann nach Berlin und schließlich nach London führte, wo er Herausgeber der politischen Vierteljahresschrift „Survey“ wurde, die sich besonders dem Nahen und Mittleren Osten widmete. 1964 wurde Laqueur zum Direktor des in London ansässigen „Institute of Contemporary History“ berufen, wo er auch Direktor der renommierten „Wiener Library“ wurde, einer Spezialbibliothek für die Geschichte des Judentums im 20. Jahrhundert. In den folgenden Jahren war Laqueur an den US-amerikanischen Universitäten „Brandeis University“ und „Georgetown University“ tätig, um 1970 als Professor für Geschichte an die Universität Tel-Aviv berufen zu werden, wo er bis 1994 lehrte. Er hatte einen Wohnsitz in Washington D.C., einen zweiten in London und war viel unterwegs, in Israel, Moskau und Berlin beispielsweise.

"Aus einer Vogelperspektive auf die Geschichte im 20. und beginnenden 21. Jahrhundert blickt"

L.I.S.A.: Sie haben auch intensiv zur deutschen Jugendbewegung geforscht und für einen Band auch Walter Laqueur als Autor gewonnen, der darin mit seinem Beitrag gleich zuerst erscheint. Warum? Welche Bedeutung hat Walter Laqueur für die Erforschung der Jugendbewegung? Hobsbawm, ein Zeitgenosse und Weggefährte Laqueurs, soll mal gesagt haben, dass das historische Selbsterleben eine entscheidende Rolle für das Verständnis von historischen Abläufe habe. Sehen Sie das mit Blick auf Walter Laqueur auch so?

Prof. Stambolis: Als ich 2013 einen Band „Jugendbewegt geprägt“ herausbrachte, an dem etwa 60 Autoren mitgewirkt haben, war darin ein Essay von Micha Brumlik den jugendbewegten Prägungen Laqueurs gewidmet. Laqueur selbst hat dieses Buch in der Times Literary Supplement ausgesprochen positiv rezensiert, was mich sehr gefreut hat. Anschließend hat er den von Ihnen angesprochenen Band „Die Jugendbewegung und ihre Wirkungen" (2015) mit einem Essay bereichert, der nach meinem Dafürhalten deshalb an den Anfang gehörte, weil Laqueur als Historiker und innerlich beteiligter Zeitzeuge in essayistischer Form gleichsam aus einer Vogelperspektive auf die Geschichte ‚bewegter‘ Jugend im 20. und beginnenden 21. Jahrhundert blickt. Die bürgerliche deutsche Jugendbewegung sei ein „Mikrokosmos der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts“, hatte er bereits 1962 geschrieben. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts habe sie kaum noch eine Rolle gespielt. Und im 21. Jahrhundert? Rainer Maria Rilkes „Cornet“ sei vergessen, ebenso der frühe Hermann Hesse. Nur „unsere Großeltern und die Germanisten“ erinnerten sich noch – so Laqueur – „an Georges kleine Scharen, auf deren ‚Panier‘ ‚Hellas‘ zu lesen war; „bleibe der flamme trabant“ – aber was ist ein Trabant?“ Vielleicht lässt sich diese Überblicksskizze Laqueurs aus dem Jahre 2015 – mit zahlreichen kritischen Anmerkungen und nachdenklichen Fragen versehen – im Sinne einer exemplarischen Annäherung an die schwierige Kunst der Zusammenschau von Erleben und Analysieren lesen, wie sie beispielsweise auch Eric Hobsbawm umrissen hat. Im Vorwort seines Buches „Das Zeitalter der Extreme“ betonte er den historischen Wert lebensgeschichtlicher Erfahrungen, und zwar als „Reisender mit offenen Augen“ und „teilnehmender Beobachter“.

"Verbindungslinien zwischen Vergangenheit und Gegenwart, ohne Parallelen zu überziehen"

L.I.S.A.: Mit Walter Laqueur stirbt eine Generation allmählich aus, die den Holocaust erlebt und in seinem Fall überlebt hat – anders als seine Familie, die im Vernichtungslager ermordet wurde. Welche Folgen erwarten Sie für die Erinnerungskultur vor allem in Deutschland, wenn die letzten Zeitzeugen der NS-Verbrechen nicht mehr unter uns sind?

Prof. Stambolis: Während einer Reise zu Orten seiner Kindheit und Jugend zu Beginn der 1960er Jahre hatte Walter Laqueur Eindrücke festgehalten, die so wohl nur Beteiligte an den NS-Unrechtsverbrechen mitteilen können: Als er beschlossen habe, dorthin besuchsweise zurückzukehren, wo er aufgewachsen sei, nach Breslau, sei ihm bewusst gewesen, dass „traurige Erinnerungen geweckt werden würden.“ Er bedaure nicht, die Reise in die Vergangenheit angetreten zu haben, sei allerdings „ziemlich froh“ gewesen, „als die Fahrt zu Ende war“ (Heimkehr. Reisen in die Vergangenheit, 1964, S. 38).

Laqueur und manche andere ‚letzte Zeugen‘ hatten bzw. haben wohl eine erfahrungs- und leidensbedingte Gabe, in besonders sensibler Weise Verbindungslinien zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu ziehen, ohne Parallelen zu überziehen. Diese seismographische Wahrnehmung hat der 1922 geborene, also derselben Altersgruppe angehörende, ebenfalls jugendbewegte, emigrierte Wissenschaftler Guy Stern damit begründet, dass ihn bisweilen das Kind ‚besuchen komme‘, also sich zu Wort melde, dass er einst gewesen war.

"Noch kurz vor seinem Tode befasste er sich mit dem aktuellen Rechtspopulismus"

L.I.S.A.: Welches Vermächtnis hinterlässt Ihrer Meinung nach Walter Laqueur? Seine letzten Publikationen, insbesondere zur Zukunft Europa, sind alles andere als erbaulich. Im Gegenteil, für Europa sah Walter Laqueur mit Blick auf Islam und Terrorismus vor allem schwarz. Wie erklären Sie sich den Wandel des einstigen Optimisten Laqueur zu einem Pessimisten, der allen Glauben an eine hoffnungsvolle Zukunft verloren hatte?

Prof. Stambolis: Eines von Laqueurs zentralen Lebensthemen war aus nachvollziehbaren Gründen, zur Wachsamkeit gegenüber dem Fort- bzw. Neuaufleben verhängnisvoller Traditionen der Geschichte des 20. Jahrhunderts, nicht zuletzt der menschenverachtenden deutschen Politik der Jahre 1933 bis 1945, aufzurufen. Noch kurz vor seinem Tode befasste er sich mit dem aktuellen ‚Rechtspopulismus‘. Der Präsident der Stiftung Deutsches Historisches Museum, Raphael Groß, hat in ähnlicher Perspektive gesagt, „Geschichte müsse von der Gegenwart her betrachtet werden, sie solle dazu dienen, unsere historische Urteilskraft zu stärken.“ Manche Stimme eines ‚letzten Zeugen‘ hat wohl mit Blick auf die Schärfung unseres Urteilsvermögens besonderes Gewicht; Laqueurs perspektivisch durchaus positive Sicht auf Europa, wie er sie etwa 1970 in dem Band „Europa aus der Asche“ dargelegt hatte, hat sich in den letzten Jahren zweifellos nachhaltig und durchaus begründet verdunkelt.

Prof. Dr. Barbara Stambolis hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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