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Prof. Dr. Dr. h.c. Andreas Speer | 24.09.2016 | 662 Aufrufe | Artikel

Von Sklaven, Schiffen und Bürokratie – Archivarbeit in Havanna

Forschungsbericht der Doktorandin Désirée Therre

Désirée Therre ist Doktorandin im Fach Iberische und Lateinamerikanische Geschichte an der Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln. Im Folgenden berichtet sie über ihren von a.r.t.e.s. international geförderten Forschungsaufenthalt in Havanna, Kuba, den sie für Archivarbeit im Rahmen ihres Dissertationsprojekts über Sklavenhandel genutzt hat.

Das Nationalarchiv liegt in der Altstadt Habana Vieja.

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Mein Dissertationsprojekt im Fach Iberische und Lateinamerikanische Geschichte geht der Frage nach, wie viele afrikanische Sklaven zwischen Kuba und den Südstaaten der USA verschleppt wurden. Die Dissertation soll die Transkulturation zwischen dem US-amerikanischen Süden und Kuba analysieren. Dabei konzentriert sich die Untersuchung auf die Städte New Orleans und Charleston in den USA sowie Havanna und Matanzas auf Kuba, die in dem Geflecht der verschiedenen Routen des transatlantischen Sklavenhandels lagen. Sie entwickelten sich zum Zentrum der späten Sklaverei, der sogenannten Second Slavery, die auch als industrialisierte Sklaverei zu bezeichnen ist. Mit der Arbeit möchte ich einen Beitrag dazu leisten, die sehr abstrakten und vagen Angaben über Zahl und Ablauf geschmuggelter Sklaven konkret zu belegen.

Der von a.r.t.e.s international geförderte Forschungsaufenthalt diente dazu, eine erste Grundlage an Daten zu sammeln, die den Schiffsverkehr und Schmuggel zwischen Havanna und Matanzas und New Orleans und Charleston in der Zeit zwischen 1820 und 1880 belegen. Von August bis Oktober 2015 bin ich dazu nach Havanna gereist. In der kubanischen Hauptstadt konzentrieren sich die historischen Dokumente im Archivo Nacional de Cuba sowie der Biblioteca Nacional José Martí. Die ersten zwei Wochen im Land hatte ich für bürokratische Abwicklungen eingeplant. Zunächst musste ich mein Touristenvisum in ein Forschervisum, in meinem Fall ein Visum für Künstler, übertragen lassen. Am ersten Tag meines Aufenthalts habe ich die Formalitäten bei der Nationalen Union der Schriftsteller und Künstler (UNEAC) in Havanna in die Wege geleitet. Die Verlängerung der herkömmlichen Touristenkarte sowie die Heraufstufung zu einem Visum für Künstler hat etwa 75 US-Dollar gekostet. In der Zeit der Bearbeitung musste ich meinen Pass abgeben, den ich dann aber einige Tage später abholen konnte. Die Zeit bis zur Ausstellung des Visums habe ich für Erkundungen der Insel genutzt. Beispielsweise habe ich das Museum in Havannas Stadtteil Regla besucht, welches sich mit dem Santería-Kult beschäftigt. Unter anderem habe ich auch das Valle de los Ingenios besucht, wo Überreste der Zuckerwirtschaft zu besichtigen sind. In Havanna habe ich das Callejon de Hamel besucht, ein Zentrum für afrokubanische Kunst.

Forschung im Nationalarchiv: Schönes Ambiente, drückende Luft.

Da die Organisation des Archivaufenthalts sich langwierig erwies, beschloss ich, zunächst in der Nationalbibliothek nach Informationen zu suchen. Der Zugang zu der Bibliothek an der Plaza de la Revolucion stellte sich als unproblematisch heraus. Dafür konnte ich mir mit meinem Pass einen Bibliotheksausweis ausstellen lassen. Parallel zu der Arbeit in der Nationalbibliothek habe ich meine Anmeldung im Archivo Nacional vorangebracht. Mit meinem neuen Visum und einem Empfehlungschreiben von Professor Sergio Guerra Vilaboy (Dir. des Depto. de Historia, Universidad de la Habana) stellte ich mich dort vor. Die Mitarbeiter prüften meine Unterlagen und nach drei Tagen konnte ich richtig mit der Arbeit beginnen. Zuvor war es mir nur erlaubt in Karteikästen nach Dokumenten zu suchen, nicht aber diese einzusehen.

Die ersten zwei Wochen verbrachte ich in der Nationalbibliothek mit der Durchsicht des „Diarios de la Habana“. Dabei habe ich die Jahrgänge 1820–1823, 1825, Januar 1845, Januar–Februar 1846 ausgewertet. In dieser Zeit erhoffte ich mir, einen deutlichen Anstieg der Verbindungen zwischen Kuba und Lousiana zu finden, da der Handel zu dieser Zeit zwischen den beiden Regionen florierte. Diese stichprobenartige Auswertung zeigte, dass sich die Verbindungen zwischen Havanna und New Orleans ab 1845 drastisch erhöhten im Vergleich zu den Jahren ab 1820. Ich fotografierte (das war erlaubt, da es sich nicht um handschriftliche Dokumente handelte) die einzelnen Zeitungsseiten ab, auf denen ‚salidas‘, ‚embarcaciones‘ und ‚entradas‘ von Schiffen aus oder nach New Orleans oder Charleston angekündigt wurden. Ein besonderes Augenmerk lag auf der Deklarierung der Fracht mit dem Ausdruck ‚en lastre‘: ‚mit Ballast‘. Wo sonst Früchte, Schweine oder Mehl konkret benannt wurden, lässt dieser Ausdruck offen, womit das Schiff beladen war. Waren hier geschmuggelte Sklaven die Fracht? Ich legte einen Datensatz an und trug Schiff, Verbindung, Fracht sowie Kapitänsname und Firma dort ein. Die sofortige detaillierte Auswertung der Daten war aufgrund des straffen Zeitplans nicht möglich, um die Forschungszeit effektiv auszunutzen.

Zeitungsbände in der Nationalbibliothek.

Mit den Informationen (Namen der Schiffe, der Kapitäne oder der Firma) konnte ich im Nationalarchiv in Karteikästen nach Übereinstimmungen suchen. Dabei habe ich mich im Tribunal de Comercios auf die Suche nach Kapitänen und Mittelsmännern beschränkt, im Gobierno Superio Civil habe ich nach Schlagworten wie ‚esclavitud‘ oder ‚navegación‘ gesucht. Die Digitalisierung der Funde hätte zuviel Zeit (drei Wochen) in Anspruch genommen. Deswegen habe ich mit Bleistift (Kugelschreiber sind während der Arbeit mit Quellen verboten) die Dokumente abgeschrieben. Über den gesamten Zeitraum habe ich eine Art Forschungstagebuch geführt, um meine Arbeitsschritte und Ergebnisse zu dokumentieren.

Die Arbeit im Archiv stellte sich wie erwartet als sehr langwierig heraus. Allerdings habe ich Schriftstücke gefunden, die den illegalen Sklavenhandel zwischen Havanna und New Orleans anhand von Rechtsstreitigkeiten indirekt belegen. Zudem konnte ich günstig Bücher in der Nationalwährung kaufen, die in Deutschland schwierig zu beschaffen sind. Durch die Erkrankung am Dengue-Fieber konnte ich nicht wie geplant eine Woche ins Archiv in Matanzas fahren, da ich eineinhalb Wochen früher nach Deutschland zurückgekehrt bin.

Die Forschungsarbeit auf Kuba stellte sich aufgrund der langwierigen bürokratischen Vorarbeit und des Klimas als sehr anstrengend heraus. Die Zeitungsbände im Nationalarchiv befinden sich in sehr schlechtem Zustand, Seiten sind verklebt, zerfressen oder porös. Dies gilt auch für die Dokumente im Archiv. Teilweise schloss das Archiv oder die Bibliothek tageweise, weil die Gebäude zum Schutz vor Ungeziefern ausgeräuchert wurden. Die Anfahrt zur Nationalbibliothek war etwas schwierig, da ich in einer Privatunterkunft in Havanna Centro wohnte und mit den Colectivos, den Sammeltaxis, zur Plaza de la Revolucion fuhr. Oftmals musste ich länger darauf warten, bis ich in der morgendlichen Rush-Hour einen Platz ergatterte. Zum Archiv bin ich dann eine halbe Stunde zu Fuß durch die quirlige Altstadt gelaufen. Leider hatte ich keinen Transformator mitgebracht, damit ich meinen Laptop an die Steckdosen mit anderer Volt-Stärke anschließen konnte, sodass ich in mehreren Geschäften danach suchen musste. Die Erfahrungen im Archiv und im kubanischen Alltag waren zwar oftmals ermüdent, aber auch sehr intensiv und bereichernd. Beispielsweise fiel der Besuch des Papstes in die Zeit, in der ich auf Kuba war. Die Nationalbibliothek war zweitweise mit einem großen Christus-Banner geschmückt. Auch der Einkauf in Nationalwährung auf Märkten und in Peso-Restaurants war eine spannende Herausforderung. Ich hoffe, erneut auf der Insel weiterzuforschen, um noch mehr Daten zu sammeln.

Warten auf den Papst: Besucher vor der Nationalbibliothek an der Plaza de la Revolución.

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