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Prof. Dr. Dr. h.c. Andreas Speer | 03.09.2016 | 1621 Aufrufe | Artikel

Von kulturellen Objekten zu transkulturellen Dingversammlungen? Archäologie aus neo-materialistischer Perspektive

Römischer Bronzekessel aus Grab 150, Putensen, Ldkr. Harburg

Stefan Schreiber (Prähistorische Archäologie, Freie Universität Berlin) zum a.r.t.e.s. forum 2015

Das a.r.t.e.s. forum ist die interdisziplinäre Jahrestagung der a.r.t.e.s. Graduate School, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem In- und Ausland einlädt, aus ihrer jeweiligen disziplinären Perspektive zum Tagungsthema Bezug zu nehmen. Das a.r.t.e.s. forum 2015 versammelte Beiträge zum Thema "reception and transculturation".

Plakat zum a.r.t.e.s. forum 2015 (1,005.46 KB)

Archäologie als Wissenschaft der Untersuchung kultureller Objekte?

Traditionelle Sicht auf die Rolle kultureller Objekte in der Archäologie

Konfrontierte man vor noch ca. 20 Jahren Archäolog*innen mit dem Begriff der Transkulturation, so provozierte man zumeist Ablehnung. Entweder wurde darin lediglich ein neuer Modebegriff vermutet, welcher eine geringe Halbwertszeit habe, oder aber sie verwiesen auf ihren eigenen disziplinären Begriffsapparat, z. B. den der Hellenisierung oder Romanisierung, der ähnliche Phänomene beschreiben sollte, jedoch eine ehrwürdigere Tradition aufweist. Dies hat sich mittlerweile geändert, auch wenn noch immer Aussagen vom Sprechen unserer materiellen Quellen verbreitet sind. Dennoch betrifft dieser Wandel vor allem die Außendarstellung. Betrachtet man die innere Methodologie findet man eine Sedimentierung von Konzepten, welche noch aus der Zeit der Institutionalisierung der einzelnen Fächer stammen.

Zuvorderst betrifft dies die Untersuchungsgegenstände selbst. So liegt der Fokus häufig auf der Untersuchung von Artefakten, derer Entstehung, Verbreitung, Ablagerung und Interpretation als kulturelle Objekte. Das Objekt wird hierbei als distinkte Einheit verstanden, welche vom Menschen hergestellt wurde und aufgrund von Techniken, Wissen und Stilen auch Bestandteil, Ausdruck oder zumindest Marker für seine Kultur darstellt. Der Begriff der „materiellen Kultur“ hatte und hat daher in den Archäologien eine enorme Suggestivkraft. Mit ihm geht das Versprechen einher, dass man, kennt man die jeweilige materielle Kultur, auch die dazugehörigen anderen Kulturphänomene zumindest im Ansatz verstehen könne. Dadurch wird materielle Kultur erstens reduziert auf die Rolle des Untersuchungsgegenstandes einerseits und Repräsentanten von Kultur andererseits. Zweitens wird sie zum kulturellen Objekt, dessen Eigenschaften essentialistisch verstanden werden und damit auch etwas über vergangene Subjekte preisgeben, da sie dessen kulturelle Eigenschaften quasi teilen. Dabei können diese Eigenschaften sowohl im Gewand kulturell geprägter materieller Eigenschaften oder aber als kulturspezifische Bedeutungszuschreibungen einher kommen.

Phänomene der Grenzüberschreitung – Transkulturation als Paradox

Keramikgefäß aus Grab 336, Zethlingen/Kalbe 1, Altmarkkreis Salzwedel

Damit sind transkulturelle Objekte eigentlich von vornherein ausgeschlossen – sie stellen ein konzeptionelles Paradox dar. Ein klassisches Beispiel wären Terra Sigillata-Gefäße. Sowohl das Material, die Herstellungstechnik, die Formgebung, die Bildmotive als auch der Fundort werden mit dem Römischen Imperium in Verbindung gebracht. Sie gelten als idealtypische ‚römische Funde‘, welche nicht nur gut untersucht sind, sondern deren kulturelle Eigenschaften in eben erwähnter Weise fast selbsterklärend wirken. Erklärungsbedürftig werden diese kulturellen Objekte erst, wenn sie außerhalb der römischen Provinzen gefunden werden. Üblicherweise, die Interpretation bereits vorwegnehmend, wird dann von so genanntem ‚römischen Import‘ gesprochen und dieser als Akkulturations- oder vielleicht ‚Interkulturationsphänomen‘ gedeutet. Deutungsprobleme treten zumeist in zweierlei Form auf: Erstens sind im Einzelfall Zuweisungen schwierig, sei es aufgrund der Erhaltungsbedingungen oder wegen kulturell weniger ‚sensiblen Formen‘ von Alltagsgegenständen wie z. B. Nägeln. Zweitens treten an kulturellen Übergängen oder Begegnungen ‚Mischformen‘ auf, die dann als Hybridphänomene gedeutet werden, so z. B. die Imitationen römischer Bronzeeimer durch Keramikgefäße (Hegewisch 2005).  

Dass Transkulturation ein Paradox darstellt, liegt jedoch am cartesianischen, durch zahlreiche Dualismen geprägten Objektbegriff selbst. Er reproduziert durch eine Reihe kategorialer Trennungen eine Entweder-Oder-Logik und ist damit ein wesentliches (Macht)Werkzeug einer anthropozentrischen Moderne, das die Welt in herrschende Subjekte (gedacht als weißen, westlichen, modernen Mann) und beherrschte Objekte (alle subalternen Restbestandteile der Welt) unterteilt. Ich denke, dass der Objektbegriff dadurch den Blick für eine Vielzahl an transkulturellen Grenzüberschreitungen verstellt. Ich möchte hierbei Transkulturation nicht in Sinne kultureller Einflussnahme verstehen. Eher meint es que(e)r zur Kultur stehende, sie durchschreitende und durchdringende und zugleich kulturell rückwirkende Phänomene. Sie können durchaus kulturver- und zerstörend wirken. Ihnen liegt kein Entweder-Oder-, sondern ein Sowohl-als-Auch-Denken zugrunde.

Neo-Materialismen – wenn alte Konzepte nicht mehr greifen

Fenstergefäß aus Grab 4, Coswig 14, Ldkr. Wittenberg

In Zuge einer Rück- bzw. Neubesinnung auf Materialität in den Kulturwissenschaften, insbesondere in Strömungen des Postfeminismus und Posthumanismus, werden auch in der Konzeption von Dingen bestehende Grenzen durchschritten. Der anfangs noch vorsichtige Blick auf das „Mehr“, das Dinge können, ist mittlerweile rigorosen Neukonzeptionierungen gewichen. Trotz einer Vielzahl an unterschiedlichen Strömungen und Einflüssen fordern die als New Materialism(s) oder Neo-Materialismus bezeichneten Theorieentwürfe (Braidotti 2002; DeLanda 1997; Coole und Frost 2010) alternative Sichtweisen auf die Dinge auch für kulturwissenschaftlich arbeitende Archäologien. Zwar fällt es schwer, sie als einheitliches oder gar kohärentes Theoriegebäude zu begreifen: Object Oriented Ontology, Spekulativer Realismus, Vital Materialism, agentieller Realismus oder Assemblage Theory sind nur einige der firmierenden Ansätze (Harman 2005; Barad 2007; Bennett 2010; Bryant 2011; Gabriel 2015). Ich möchte dennoch versuchen, kurz die Gemeinsamkeiten der Ansätze zu skizzieren, so schwer es auch im Detail sein mag.

In Anlehnung an einen Artikel von Andreas Folkers (2013) verstehe ich den Neo-Materialismus als keine bloße Rückkehr zu einem Realismus oder gar Essentialismus. Auch mit älteren Materialismen hat er wenig gemein. Statt nach den Eigenschaften oder Substanzen von Objekten zu fragen, fokussiert er auf die vielfältigen Formen und Fluktuationen des Werdens. Aus ‚matters of facts’ werden ‘matters of concern’ – umstrittene Sachverhalte (Latour 2004). Diese lösen Irritationen aus und beweisen Eigensinn (Hahn 2015).

Die Entitäten des Neo-Materialismus sind keine hierarchisch organisierten, starren Ordnungen von Objekten. Vielmehr sind sie vital, lebendig, wandelbar und emergent. Sie sind Gefüge: eher Akteurs-Netzwerke, meshworks, Verweisungszusammenhänge, Assemblages, Schwärme von Vitalitäten, Aktanten und Prozesse. Sie sind sowohl materiell als auch zeichenhaft bzw. unkörperlich. Dadurch werden die Grenzen von Idee und Materie, Subjekt und Objekt, Natur und Kultur usw. nicht nur transzendiert, sondern zugleich in ihrer Spezifizität sichtbar gemacht. Jede dieser dualen Trennungen ist damit nur ein Sonderfall einer Stabilisierung aus einem fluiden Potential als eine universale Ordnungskategorie. Diese heutigen Stabilisierungen wie der Objektbegriff sind historisch spezifische, um nicht zu sagen prekäre, Produkte der alten Verfassung der Moderne (Latour 2008 [1991], S. 22–24). Anders ausgedrückt: Die Entitäten des Neo-Materialismus zeichnen sich durch eine Dynamik aus Auflösung und Neuzusammensetzung aus, die historisiert werden muss. Sie bilden Allianzen und sind selbstorganisierend. Der Neo-Materialismus kann daher auch als ein „Materialismus der Begegnungen“ (Althusser 2010) verstanden werden.

Hier setzt auch Latour mit seinem Ding-Konzept an. In Rückbesinnung auf die Verwendung bei Heidegger führt er ein etymologisches Narrativ ein, bei welchem das Ding als ‚Thing‘ im altgermanischen Sinne verstanden werden sollte (Latour 2004, S. 232–237). Es ist eine Versammlung von widerstreitenden Bestandteilen, deren Ausprägung eher einem Streit gleicht, der von Unbestimmtheit, Irritation, Eigensinn, Zufall und Abweichung geprägt ist. Vielleicht könnte man hier das Verständnis von Objekten als „Grenzprojekte“ entgegenstellen, wie Donna Haraway (1995, S. 96) sie nennt. Objekte dienen bei ihr zur machtvollen Ziehung von Grenzen, zur Aufrechterhaltung und Abgrenzung kultureller und materieller Ordnungen. Dinge hingegen sind Versammlungen, deren Charakter im Werden begriffen ist, – sie verbinden und vernetzen, statt zu trennen.

Zugleich steht die Frage nach der Handlungsfähigkeit der Entitäten im Raum. Der oft geführte Streit um die ‚material agency‘ bzw. das Handeln der Dinge speist sich aus dem Missverständnis sowohl des zugrundeliegenden Objekt- statt Dingbegriffes als auch einer anthropozentrischen Beschränkung des Handelns selbst. Im Neo-Materialismus sind Handeln, Wirken und das Hervorrufen von Effekten und Affekten lediglich verschiedene Ausprägungen der agency seiner Entitäten. Handeln ist immer schon verteilt, eine Beschränkung auf Intentionalität eher der Versuch, die Sonderstellung des Menschen zu retten. Zwar zeichnen sich neo-materialistische Ansätze durch einen ausgeprägten Post- bzw. Anti-Humanismus aus, indem sie die organistische Einheit des Menschen an sich in Frage stellen. Dennoch verneinen sie nicht völlig die Besonderheiten von Entitäten, an denen Menschen beteiligt sind (Witmore 2014). Diese sind jedoch nicht außerhalb, sondern innerhalb der Gefüge zu denken. Menschen und Mensch-Ding-assemblages stehen in einer ‚flat ontology‘ gleichsam neben anderen Entitäten (DeLanda 2006). Ihre Besonderheit zeichnet sich eher durch die Vielzahl der Strategien und Wege der Stabilisierung, De-Stabilisierung und Reichweiten aus, nicht jedoch durch kategorische Unterschiede. Letztlich ist auch ‚Kultur‘ eine solche Entität, die sowohl intra- und interaktionistisch wirkt (Barad 2007, S. 33, 146-153).

Transkulturelle Dingversammlungen – Fallbeispiel Fenstergefäß

Dickwandiger Becher mit Fadenauflage vom Typ „Snartemo“ aus Erfurt

Ich möchte diese Überlegungen kurz an einem Beispiel verdeutlichen. Das abgebildete Gefäß (Abb. 3) stammt aus dem heutigen Coswig, Ldkr. Wittenberg, in Sachsen-Anhalt und wurde in einem Körpergrab, welches ins frühe 5. Jh. datiert, gefunden. Zur weiteren geborgenen Ausstattung des Grabes gehörten ein eisernes Messer, eine ovale Gürtelschnalle, ein keramischer Wirtel und Nieten eines Knochenkammes. Vom Skelett selbst sind nur Fragmente eines Langknochens erhalten. Außerdem wurde das Grab bereits antik gestört (Schunke 1998). Das angesprochene Gefäß stand auf einer kleinen Erhöhung, die beim Aushub des Grabes aus dem Boden ausgespart wurde bzw. stehen blieb.

Das Gefäß ist ein geglättetes Keramikgefäß, in welches vor dem Brand fünf Scherben eines Glasbechers eingearbeitet und mit Ton abgedichtet wurden. Es wird als Fenstergefäß bezeichnet. Anders als bei den meisten anderen der ca. 85 bekannten Fenstergefäßen, sind die Scherben nicht nur in den Boden sondern auch in die Wandung eingelassen und zusätzlich stammen sie nachweislich vom selben Glasbecher.

In traditioneller Lesart zählt der verwendete Glasbecher zum ‚römischen Import‘, das Keramikgefäß jedoch zu einer ‚germanischen‘ Gefäßform. Hier wird das Problem essentialistischer Kulturelemente deutlich – also der Vorstellung, die Kultur stecke im Gefäß. So werden die jeweiligen Bestandteile als „ursprünglich“ römisch bzw. germanisch angesprochen. Aufgrund des hybriden Charakters des Gegenstands wird von einer Auseinandersetzung mit römischer Kultur ausgegangen.

Diese traditionelle Interpretation wirft jedoch eine Vielzahl Fragen auf: Ist das Fenstergefäß überhaupt ein Gesamtobjekt oder besteht es aus zwei verschiedenen, dem Keramikgefäß und dem Glasbecher? Müsste nicht auch der Ton, der zum Verstreichen verwendet wurde, als Einzelobjekt zählen? Oder müsste gar der Zustand in der Fundsituation gezählt werden, also um wie viele Fragmente es sich handelte? Ist es nach der Rekonstruktion ein neues Objekt und zählen die Ergänzungen hinzu? Sollte man das Gefäß als Keramik- oder Glasfund klassifizieren oder die Fragmente jeweils einzeln aufnehmen? In ähnlicher Weise könnte man dann auch fragen, ob nicht erst der Inhalt – der hier gar nicht erhalten ist – das Gefäß als solches bestimmt oder ob es in diesem Fall nicht das Licht war, welches die Spezifik und Materialität des Gefäßes ausmachte, indem es durch es hindurch schien. Konkret gefragt: Was führt dazu, dass wir und auch die Menschen, die es ins Grab legten, es als eine einzelne, diskrete Entität ansehen bzw. -sahen? Oder taten sie dies nicht, sondern integrierten eventuell die Erhöhung, auf dem es stand, in die Betrachtung und bildeten so eine neue Wahrnehmungseinheit, die die archäologische Trennung in Fund und Befund vermischt?

Ist es ein transkulturelles Objekt oder ein Container für zwei kulturelle Objekte? Bleiben die Glasfragmente ‚römisch‘, wenn ihre Herkunft eventuell nicht erkennbar ist? Welche Rolle hierbei könnte auch Recyclingprozesse spielen? War den Hersteller*innen und Konsument*innen tatsächlich bewusst, dass sie Fragmente von Produkten aus den römischen Provinzen nutzten, oder waren die Glasbecher – oder gar die Glasscherben – nicht eher global verbreitete und lokal nutzbare Objekte, die sie eher mit der alltäglichen Anwesenheit in der eigenen oder Nachbargesellschaft verbanden? In ganz ähnlicher Weise stellt auch der Ausgräber für seine Rekonstruktion des Glasbechers Querverbindungen zu einem analogen Fund aus Erfurt und nicht etwa zu Funden aus dem heutigen Belgien – der vermuteten Produktionsregion – her, und belegt damit implizit die Eingebundenheit der Archäolog*innen in ebenjene Beziehungen, die sie analysieren wollen.

Diese Vielzahl an Fragen können und sollen hier nicht beantwortet werden. Sie belegen aber eine archäologische Unsicherheit, welcher durch neo-materialistische Perspektiven zumindest zum Teil begegnet werden könnte. So ist das Gefäß ein Ding oder ‚assemblage‘, die in vielfältigen Prozessen ständig neue Beziehungen eingegangen ist und eingeht, wodurch sich auch sein eigener Charakter ständig wandelt. Der Glasbecher kam erst durch eine Allianz aus Herstellungstechniken, Vorstellungen, Handwerker*innen, recyceltem Altglas oder Glasbarren, Hitzeeinwirkung etc. zustande. Auch nach der Fertigung kam er mit verschiedensten anderen Dingen in Kontakt, seien es mögliche Inhalte, Personen, Reinigungsmitteln, Gelage, Fliegen und Licht. Unabhängig wie genau die Zerscherbung vonstattenging – intentional oder zufällig – ein Teil der Scherben wurde jedenfalls immer noch als Teil einer ‚assemblage‘ verstanden. Mit diesen wurde im Ereignis des Töpferns eine neue Allianz gebildet. Dabei kamen wieder verschiedenste Aktanten und Akteur*innen zusammen, von der Töpfer*in, dem Brennofen, der Idee eines Fenstergefäßes etc. Wie genau das Gefäß später genutzt wurde ist unklar, Abnutzungsspuren an den überstehenden Glasfragmenten weisen aber auf eine längere Nutzung hin. Zugleich wird das Durchscheinen des Lichtes durch die Abnutzungen eingeschränkt. Im Bestattungsprozess wiederum werden neue Allianzen gebildet. Jetzt bildet die gesamte Bestattung eine neue ‚assemblage‘ und geht nach und nach Allianzen mit dem umgebenden Erdreich, den Würmern, aber auch den Personen ein, die später in die Bestattung eingriffen. Letztlich tragen auch die Archäolog*innen zur Umgestaltung der ‚assemblage‘ bei. Die Ausgrabung ist zugleich ein Rematerialisationsprozess in der Form, dass die Funde vom Befund getrennt und in neue ‚assemblages‘ übersetzt werden (z. B. Karten, Fotos, Bilder). Jedes Konzept, dass sich die Archäolog*in vom Grab und dem Gefäß macht, stellt ein neues Ding dar, verbunden durch den Verweiszusammenhang mit älteren ‚assemblages‘. Das Ding wird im Museum und in Publikationen wiederum mit neuen Dingen verbunden und nun sind auch Sie als Leser*innen an dieser ‚assemblage‘ beteiligt.

Zukünftige Herausforderungen für eine neo-materialistische Archäologie

Auf den ersten Blick scheint die Sichtweise auf das Gefäß nicht sonderlich viel Neues für die Arbeit und ihr Ergebnis für Archäolog*innen zu ergeben. Ich denke jedoch, dass dem nicht so ist. Erstens eröffnet der Neo-Materialismus die Perspektive für die Pluralität materieller Welten. Dinge sind nicht mehr nur Ausdruck bzw. Spur menschlichen Wirkens oder Träger von Bedeutungen. Zugleich werden auch Dinge, welche nur in Allianz mit Laborgeräten sichtbar werden (können), wie Ancient DNA, Pollen, Farbpartikel, Krankheitserreger, Isotopen etc. mit derselben Aufmerksamkeit bedacht, wie die so genannten Artefakte. Kein Ding ist nur Mittel zum Zweck, sondern immer auch Partner im Prozess des Versammelns von Wissen.

Zweitens sind Dinge nicht nur widerstreitende Bestandteile sozialer Kollektive, sondern soziale Kollektive sind zugleich Dinge. Erst die wechselwirkenden Ko-Produktionen verschiedenster Dinge sind Teil dessen, was wir als Vergangenheit bezeichnen. Zugleich ist durch unsere Partizipation an dieser Ko-Produktion die Vergangenheit ein emergentes Produkt unserer eigenen Arbeit. So wird schon in der praktischen Trennung von Fund und Befund während des Ausgrabungsprozesses eine der wichtigsten Umstrukturierungen vorgenommen. Dies ist aber kein reiner Erkenntnisprozess, sondern eine spezifische Art der Begegnung mit Dingen, die bis in die Vergangenheiten hineinreichen (Lucas 2012).

Drittens gibt es für die Operationalisierung neo-materialistischer Ansätze in den Archäologien bisher wenig geeignete Methoden. Zwar bietet die Akteur-Netzwerk-Theorie mit ihrem Credo „follow the actors“ zumindest im Ansatz eine Idee, wohin es gehen könnte. Eventuell sind hier Methoden einer dichten Beschreibung hilfreich, in welchen gänzlich andere Narrative erzeugt werden, als in bisherigen anthropozentrischen Erzählungen. Gerade die Anerkennung der eigenen Einbeziehung in die ‚assemblages‘ der Vergangenheit benötigt eine Abkehr von allzu strikten und formalistischen Methoden hin zu einem Experimentieren mit verschiedensten ‚modes of engagement‘ (Witmore 2009).

Viertens wird der Blick auf die Zufälligkeit, Wandelbarkeit und Unvorhersagbarkeit von Dingen gelenkt. Ihr Wirken ist niemals ausschließlich kausal vorhersagbar, immer bleibt ein Rest unsichtbares Potential. Dies kommt dem Entdeckungscharakter traditioneller archäologischer Grabungspraktiken entgegen: Dinge können immer überraschen und wir sollten uns auf die Wunder der Dinge einlassen.

Fünftens bedeutet ein solcher Ansatz auch eine Abkehr von linearer Räumlichkeit. Dinge sind nicht Punkte auf einer Karte, die von Produktionsort zu Ablagerungsort transportiert werden. Dinge (und auch Menschen) wandern und bewohnen die Welt, ihre Begegnungen erleben sie in der Bewegung. Tim Ingold (2009) bezeichnet deshalb die Gefüge aus Bewegungen in Abgrenzung zu starren (Akteurs-)Netzwerken aus Knoten und Relationen als meshworks. Für ihn ergibt sich aus dieser Sicht keine Punktlogik des Transports, wo ein Ding von A nach B gelangt, ohne sich zu verändern, sondern eine Art ‚wayfare‘ – ein Leben als Wandern und Bewohnen der Welt, durch das erst die Welt mit seinen Bedeutungen geschaffen wird. Dinge wandern und durch ihr Wandern werden bestehende ‚assemblages‘ destabilisiert, aufgelöst, umstrukturiert, neu versammelt. Die Vorstellung von mehr oder minder zielgerichteten Transporten, wie auch dem Handel oder Warentausch zugrunde liegen, wird durch rhizomatische, fluktuierende Bewegungen und Begegnungen abgelöst. Dinge wandern in Phasen der Bewegung und des Verweilens, sie schaffen dadurch andere Räume als die bisherigen, territorial gedachten Containerräume. Zugleich verändern sie sich während des Wanderns beständig.

Sechstens und letztens sind die Archäologien besonders gefordert, da die lineare Zeitlichkeit inklusive der kategorischen Trennung in Vergangenheit und Gegenwart in Frage gestellt wird. Wenn die Entitäten fluide und prozesshaft sind, stellt sich zum einen das Problem, welche Temporalitäten wir eigentlich ansprechen wollen. Sind es die Einschnitte und radikalen Umstrukturierungen der ‚assemblages‘ oder ihre stabileren Zeitphasen? Sind es ihre zeitlichen Verweise und Beziehungen? Letztlich sind alle archäologisch untersuchbaren Dinge multitemporal in dem Sinne, dass sie auf verschiedenen Zeitebenen, eben auch im Heute, ko-existieren, sowohl als materielle Entitäten, als auch durch Assoziationen zu konzeptuellen Denkkategorisierungen und Begriffen. Zugleich ist auch ihr vorgeblicher Herstellungszeitpunkt – der für Archäolog*innen als chronologischer Anker dient – nur eine von vielen Übersetzungen und Transformationen; weder die erste noch die letzte. Vielleicht müssen die Archäologien lernen, ohne Vergangenheit auszukommen. Dies berührt nicht nur die wissenschaftliche Erkenntnis selbst, sondern ebenso Fragen der Restaurierung und Erhaltung von archäologischen Objekten und Denkmalen. Vielleicht müssen wir anerkennen und zulassen, dass wir diese Dinge nicht künstlich in einem starren Zustand erhalten sollten.

Mit diesen Punkten einher ginge dann, in den Worten von Christopher Witmore (2014, S. 223), eine Umformulierung der Ziele der Archäologie: Nicht mehr das Studium der menschlichen Vergangenheit anhand materieller Überreste und Spuren, sondern das Engagement mit Dingen und deren Beziehungen und Bindungen, um die Vergangenheit und ihre Relevanz für unser Leben zu verstehen. Wenn also der Neo-Materialismus ein Materialismus der Begegnungen ist, sind seine Dinge, verstanden als Versammlungen, immer transkulturell. Dies gilt in besonderem Maße für eine neo-materialistische Archäologie, welche durch ihre Arbeit erst transkulturelle Begegnungen von Dingen der Vergangenheit mit Dingen der Gegenwart ermöglicht.

Literatur

  • Althusser, Louis (Hg.) (2010): Materialismus der Begegnung. Späte Schriften. Unter Mitarbeit von Franziska Schottmann. Zürich: Diaphanes.
  • Literatur Althusser, Louis (Hg.) (2010): Materialismus der Begegnung. Späte Schriften. Unter Mitarbeit von Franziska Schottmann. Zürich: Diaphanes.
  • Barad, Karen (2007): Meeting the Universe Halfway. Quantum Physics and the Entanglement of Matter and Meaning. Durham, London: Duke University Press.
  • Bennett, Jane (2010): Vibrant Matter. A Political Ecology of Things. Durham, London: Duke University Press.
  • Braidotti, Rosi (2002): Metamorphoses. Towards a Materialist Theory of Becoming. Malden MA: Polity Press.
  • Bryant, Levi R. (2011): The Democracy of Objects. Ann Arbor: Open Humanities Press.
  • Coole, Diana; Frost, Samantha (Hg.) (2010): New Materialisms. Ontology, Agency, and Politics. Durham, London: Duke University Press.
  • DeLanda, Manuel (1997): A Thousand Years of Nonlinear History. New York: Zone Books.
  • DeLanda, Manuel (2006): A New Philosophy of Society. Assemblage Theory and Social Complexity. London, New York: Continuum.
  • Folkers, Andreas (2013): Was ist neu am neuen Materialismus? Von der Praxis zum Ereignis. In: Tobias Goll, Daniel Keil und Thomas Telios (Hg.): Critical Matter. Diskussionen eines neuen Materialismus. Münster: Edition Assemblage (kritik_praxis, 2), S. 17–34.
  • Gabriel, Markus (2015): Fields of Sense. A New Realist Ontology. Edinburgh: Edinburgh University Press (Speculative Realism).
  • Hahn, Hans Peter (Hg.) (2015): Vom Eigensinn der Dinge. Für eine neue Perspektive auf die Welt des Materiellen. Berlin: Neofelis.
  • Haraway, Donna (1995): Situiertes Wissen. Die Wissenschaftsfrage im Feminismus und das Privileg einer partialen Perspektive. In: Donna Haraway (Hg.): Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen. Unter Mitarbeit von Carmen Hammer und Immanuel Stieß. Frankfurt a. M., New York: Campus, S. 73–97.
  • Harman, Graham (2005): Guerrilla Metaphysics. Phenomenology and the Carpentry of Things. Chicago, La Salle: Open Court.
  • Hegewisch, Morten (2005): Germanische Adaptionen römischer Importgefäße. In: Bericht der Römisch-Germanischen Kommission 86, S. 197–348.
  • Ingold, Tim (2009): Against Space: Place, Movement, Knowledge. In: Peter Wynn Kirby (Hg.): Boundless Worlds. An Anthropological Approach to Movement. New York: Berghahn Books, S. 29–43.
  • Latour, Bruno (2004): Why Has Critique Run out of Steam? From Matters of Fact to Matters of Concern. In: Critical Inquiry 30, S. 225–248.
  • Latour, Bruno (2008 [1991]): Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
  • Lucas, Gavin (2012): Understanding the Archaeological Record. Cambridge, New York: Cambridge University Press.
  • Schunke, Torsten (1998): Gräber des 4. und 5. Jahrhunderts aus Coswig, Ldkr. Anhalt-Zerbst. In: Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte 80, S. 119–164.
  • Schunke, Torsten (2001): Vom Glasbecher zum Fenstergefäß. Recycling von Scherben. In: Harald Meller (Hg.): Schönheit, Macht und Tod. 120 Funde aus 120 Jahren Landesmuseum für Vorgeschichte Halle. Begleitband zur Sonderausstellung vom 11. Dezember 2001 bis 28. April 2002 im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle. Halle (Saale): Landesamt für Archäologie Sachsen-Anhalt, Landesmuseum für Vorgeschichte, S. 264–265.
  • Witmore, Christopher L. (2009): Prolegomena to Open Pasts: On Archaeological Memory Practices. In: Archaeologies: Journal of the World Archaeological Congress 5 (3), S. 511–545.
  • Witmore, Christopher L. (2014): Archaeology and the New Materialisms. In: Journal of Contemporary Archaeology 1 (2), S. 203–224.
Programmflyer zum a.r.t.e.s. forum 2015 (2.97 MB)

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