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Dr. Birte Ruhardt | 01.10.2015 | 1169 Aufrufe | 1 | Interviews

Von Druiden, Riesen und Computern

Interview mit Lilith Apostel zur Interpretationsgeschichte von Stonehenge

Vor einigen Wochen haben Archäologen tief in der Erde Überreste einer riesigen prähistorischen Anlage gefunden, die in den Medien schon als „Superhenge“ gewertet wird. Diese befindet sich nur drei Kilometer entfernt von der Kultstätte Stonehenge und besteht aus einem riesigen Halbkreis aus etwa 200, bis zu 4,5 m hohen Sandsteinen. Lilith Apostel von der Universität zu Köln hat sich in ihrer Magisterarbeit mit der Interpretationsgeschichte von Stonehenge beschäftigt und promoviert nun zum Thema „Schlaf, Traum und Tod“ in der Ur- und Frühgeschichte. Zum neu entdeckten Steinhalbkreis und zur Interpretationsgeschichte des berühmten vorgeschichtlichen Steinkreises haben wir ihr einige Fragen gestellt.

Links: Stonehenge (Mike Parker Pearson et al.: Stonehenge Riverside Project Interim Report 2004, 1. https://www.sheffield.ac.uk/archaeology/research/2.4329/index), Rechts: Lilith Apostel

Google Maps

"Ein Hauch von Geheimnis"

L.I.S.A.: Seit Jahrhunderten übt der Steinkreis des bekannten Stonehenge eine starke Faszination auf die Menschheit aus. Warum?

Apostel: Stonehenge fasziniert zunächst durch seine Monumentalität und exponierte Lage, darüber hinaus umgibt die Anlage immer ein Hauch von Geheimnis. Bereits im Mittelalter hat sie Verwunderung hervorgerufen. Zu dieser Zeit wird Stonehenge als ein Bauwerk von Riesen, das durch den Zauberer Merlin nach England gebracht wurde, erklärt. Auch wenn die Forschung heute besser informiert ist, erleben wir immer wieder Überraschungen im Zusammenhang mit der Anlage, wie die Entdeckungen bisher unbekannter Monumente im Rahmen des Stonehenge Riverside Project oder des Stonehenge Hidden Landscapes Project, so dass das Interesse nicht nachlässt.

"Stonehenge sei ein Bauwerk der Druiden"

L.I.S.A.: Welche verschiedenen Interpretationsansätze gibt es zu Stonehenge und auf welche erstaunlichste Interpretation sind Sie bisher gestoßen? Kann an den unterschiedlichen Deutungen der jeweilige Zeitgeist abgelesen werden?

Apostel: Die wahrscheinlich erstaunlichste Deutung stammt aus den 1820er Jahren und erklärt Stonhenge zu einem Tempel, der von den direkten Nachfahren Adams und Evas erbaut und durch die Sintflut zerstört wurde. Insgesamt sind die verschiedenen Interpretationsansätze fast unzählbar, aber es lassen sich doch Grundtendenzen beobachten, die dem jeweiligen Zeitgeist entsprechen. In der frühen Neuzeit beschäftigt die Gelehrten zunächst die Frage nach den Erbauern von Stonehenge. Aus dem 17. Jahrhundert stammt beispielsweise die widerlegte, sich aber bis heute beharrlich haltende Meinung, Stonehenge sei ein Bauwerk der Druiden. Im 18. Jahrhundert kommt dann die Idee auf, dass es sich bei Stonehenge um eine Art Observatorium handele, die interessanterweise um die Mitte des 20. Jahrhunderts wieder populär wird. Mit dem Anbruch des Computerzeitalters wird auch Stonehenge als eine Art prähistorischer Computer gedeutet, mit dem sich angeblich genaue Berechnungen zu astronomischen Ereignissen durchführen ließen. Solche Ideen wurden dadurch ermöglicht, dass die ab dem 19. Jahrhundert stattfindenden Ausgrabungen und Vermessungen zunehmend einen wissenschaftlichen Charakter gewannen, so dass in der Mitte des 20. Jahrhunderts auf eine große Datenbasis zurückgegriffen werden konnte. Man darf aber auch nicht verschweigen, dass die damaligen Forscher für ihre Berechnungen zum Teil Maße zugrunde legten, die in dieser Genauigkeit in der Anlage nicht gegeben waren und dadurch zu Ergebnissen gelangten, die sich später als unhaltbar erwiesen.

Die älteste bekannte Darstellung von Stonehenge aus dem 14. Jahrhundert
(Rodney Castleden: The Making of Stonehenge (London und New York 1993) 13.)

"Stonehenge bildet nur einen Teil eines größeren Komplexes verschiedener Bauwerke"

L.I.S.A.: Wie wird Stonehenge heute gedeutet und welche Interpretationen erwarten Sie in der Zukunft noch?

Apostel: Die Tatsache dass der Eingang von Stonehenge zum Sonnenaufgang zur Zeit der Sommersonnenwende beziehungsweise das große Trilithon gegenüber zum Sonnenuntergang zur Zeit der Wintersonnenwende ausgerichtet ist, hat natürlich weiterhin Bedeutung für die Forschung. Heute geht man jedoch nicht mehr von einer Funktion als exaktem Observatorium aus, sondern legt größeres Gewicht auf den symbolischen Gehalt. Seit ungefähr 30 Jahren versteht man die Anlage als einen Ort des Totenkultes. Dabei ist von Bedeutung, dass Stonehenge kein alleinstehendes Bauwerk, sondern in einen größeren Kontext von verschiedenen Monumenten eingebettet ist. Während eine hölzerne Struktur wie Woodhenge als ein Ort für die Lebenden verstanden werden kann, bildet eine steinerne Anlage wie Stonehenge das Äquivalent für die Toten. Hierbei basiert die Interpretation auf den Materialeigenschaften – Holz als weiches und vergängliches Material ist mit den Lebenden assoziiert, Stein als hartes und dauerhaftes mit den Toten, eine Korrelation die sich auch heute noch in vielen Kulturen findet. Stonehenge bildet dabei nur einen Teil eines größeren Komplexes verschiedener Bauwerke in der Ebene von Salisbury, die noch nicht vollständig erforscht sind. Zukünftige Interpretationen werden also stark davon abhängen, welche Entdeckungen hier noch bevorstehen.

"Man wird weitere Untersuchungen abwarten müssen"

L.I.S.A.: Wie bewerten und interpretieren Sie den Neufund der Halbkreis-Steinreihe? Könnte diese in einem Zusammenhang mit dem bekannten Stonehenge stehen?

Apostel: Die neuentdeckte Steinreihe ist spektakulär und wirft ein neues Licht auf die Entwicklung der Ebene von Salisbury als ritueller Landschaft. Sie liegt unter Durrington Walls, einem großen, kreisförmigen Erdwall mit mehreren Kreisen aus Holzpfosten sowie Siedlungsspuren im Inneren. Auch Durrington Walls als Siedlungsort und Stonehenge als Bestattungsplatz sind komplementäre Bauwerke. Das zeigt sich im Baumaterial (Holz gegenüber Stein), im Fundspektrum (überwiegend Grooved Ware und Schweineknochen gegenüber überwiegend Glockenbecherkeramik und Rinderknochen) sowie in den sich ergänzenden Sichtbereichen der beiden Anlagen. Außerdem besitzt der Southern Circle in Durrington Walls mit einer Ausrichtung nach Südosten (Sonnenaufgang zur Wintersonnenwende) eine inverse Orientierung zu Stonehenge, dessen Eingang im Nordosten liegt. Die Frage nach dem Zusammenhang zwischen der Steinreihe unter Durrington Walls und Stonehenge wird jedoch dadurch erschwert, dass das genaue chronologische Verhältnis der Anlagen zueinander nicht bekannt ist. Es ist möglich, dass die neuentdeckte Steinreihe teilweise zeitgleich mit Stonehenge ist, aber sie könnte auch älter sein. Da zum Verständnis der einzelnen Anlagen ihre Einbettung in den Gesamtkontext der Monumente in der Ebene von Salisbury notwendig ist, wird man weitere Untersuchungen abwarten müssen. In jedem Fall verstärkt sich der Eindruck einer detailreichen rituellen Landschaft mit großer zeitlicher Tiefe.

Interpretation der Ebene von Salisbury als ritueller Landschaft
(Michael Parker Pearson und Ramilisonina: Stonehenge for the Ancestors: The Stones Pass on the Message. In: Antiquity 72.1998, 318.)

"Den meisten Altertumswissenschaftlern fehlt das nötige Wissen aus Biologie und Neurologie"

L.I.S.A.: Zurzeit beschäftigen Sie sich für Ihre Dissertation mit dem Zusammenhang des Erlebens von Schlaf und Traum mit Todesvorstellungen und machen ein Praktikum in einem Schlaflabor in Neuseeland. Welche Erkenntnisse erhoffen Sie sich davon für Ihr Dissertationsprojekt?

Apostel: Wir sind mittlerweile über die Vorstellungen, die man sich in den frühen Schriftkulturen von Schlaf und Traum machte, recht gut informiert. Auch unser Wissen über die naturwissenschaftlichen Aspekte des Schlafens und Träumens ist heute beträchtlich. Bislang hat aber niemand diese beiden Bereiche miteinander in Verbindung gebracht, wohl auch weil den meisten Altertumswissenschaftlern das nötige Wissen aus Biologie und Neurologie fehlt. Momentan besuche ich das Sleep/Wake Research Centre der Massey University in Wellington, um hier Abhilfe zu schaffen. Vor dem Hintergund naturwissenschaftlicher Forschung lassen sich manche frühgeschichtliche Texte ganz neu interpretieren. Beispielsweise scheinen bereits die Sumerer ein erstaunliches Fachwissen in Bezug auf bestimmte Aspekte des Schlafes besessen zu haben, Dinge die wir teilweise erst in den letzten Jahrzehnten wiederentdeckt haben.

Lilith Apostel hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Dipl. Ing. Günter H. Müller | 14.10.2015 | 12:31 Uhr
Ein vielversprechender Ansatz, denn auch Hildegard von Bingen hat ihre erleuchtenden Erkenntnisse immer in einer Art Wachschlaf erhalten. Vielleicht liegt hier der Schlüssel zu neuem, sinnerfüllten Wissen.

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