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Georgios Chatzoudis | 07.11.2014 | 1515 Aufrufe | Interviews

„Von der Peripherie ins Zentrum“ - Zur Geschichte des Fußballs in Österreich

Interview mit Robert Schwarzbauer über die 1. Salzburger Fußballtagung

1914 wurde in Salzburg der älteste Fußballverein Österreichs gegründet - der Salzburger Athletiksport-Klub 1914, kurz: SAK. In der Fußballgeschichte des Landes spielt die Historie solcher Clubs bisher eher eine untergeordnete Rolle, weil es sich hierbei nicht um einen Wiener Verein handelt. Um der auch wissenschaftlichen Konzentration auf den Hauptstadtfußball etwas entgegenzusetzen, haben Siegfried Göllner, Albert Lichtblau, Christian Muckenhumer, Andreas Praher und Robert Schwarzbauer die "1. Salzburger Fußballtagung" organisiert, die sich zum Ziel gesetzt hat, Geschichte und gesellschaftliche Bedeutung des österreichischen Fußballs aus unterschiedlichen Perspektiven und verschiedenen Ecken des Landes zu beleuchten. Robert Schwarzbauer hat uns einige Fragen zu der Tagung beantwortet.

Veranstalter der Salzburger Fußball-Tagung: Christian Muckenhumer, Siegfried Göllner, Albert Lichtblau, Robert Schwarzbauer, Andreas Praher (v.l.n.r.)

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"Nicht nur sporthistorische Themen"

L.I.S.A.: Herr Schwarzbauer, Ende September fand die von Ihnen organisierte Tagung „1. Salzburger Fußballtagung“ statt. Worum ging es? Und wie fällt Ihre Bilanz aus? 

Schwarzbauer: Die Idee hinter der Tagung war die Tatsache, dass mit dem SAK 1914 der älteste Verein des Bundeslandes seinen 100. Geburtstag feierte und damit auch der Salzburger Fußball 100 Jahre alt wurde. Da der SFV (Salzburger Fußballverband) erst im Jahr 1921 zu seinem 100-Jahr-Jubiläum Feierlichkeiten plant, wollten wir das heurige Jahr nicht ohne eine Veranstaltung vorbei gehen lassen.

Die Bilanz fällt sehr gut aus. Praktisch alles, was Rang und Namen in der österreichischen Fußball-Geschichtsforschung hat, war mit einem Vortrag vertreten. Weiters kamen bei der Tagung nicht nur sporthistorische Themen zur Sprache, es waren auch z.b. die Rolle des Frauenfußballs in Österreich (Renate Vodnek) oder die Funktion des Fußballstadions in der öffentlichen Wahrnehmung (Roman Horak) Themen. Auch der Besuch war für eine wissenschaftliche Tagung sehr gut. Wir wählten in der Universität Salzburg einen relativ großen Hörsaal (250 Plätze) als Veranstaltungsort, der gut gefüllt war. Da wir keinen Eintritt und auch keine Voranmeldung verlangt haben, kamen auch viele Zuhörer, die ansonsten vermutlich eher nicht zu einer wissenschaftlichen Tagung gekommen wären. Besonders gefreut hat uns, dass auch drei Schulklassen zu Besuch waren und sich jeweils ein Panel angehört haben.

"Bestenfalls diverse Sammlungen von Anekdoten, Mythen und Legenden"

L.I.S.A.: Warum fand die Tagung in Salzburg statt? Hat das etwas mit dem Untertitel der Tagung „Von der Peripherie ins Zentrum“ zu tun?

Schwarzbauer: Die Fußball-Geschichtsforschung steckt in Österreich, im Vergleich zu Deutschland, praktisch noch in den Kinderschuhen. Es gibt kaum Forschungen bzw. Forschungsprojekte, und diese sind in der Regel auf Wien zentriert. Über die Bundesländer gibt es bestenfalls diverse Sammlungen von Anekdoten, Mythen und Legenden, die in der Regel falsch sind oder zumindest die Geschehnisse verklären und verherrlichen. Mit der Veranstaltungsort Salzburg und dem thematischen Schwerpunkt "Bundesländer" haben wir versucht, diesem Ungleichgewicht entgegen zutreten und die Peripherie ins Zentrum zu stellen.

L.I.S.A.: Denkt man bei Fußball an Salzburg, denkt man unweigerlich auch an den Konzern Red Bull bzw. an die Übernahme von Traditionsvereinen durch multinationale Konzerne. Diese Entwicklung wird nicht nur von Ultrafangruppierungen sehr kritisch beäugt. War der Zusammenhang von Kommerz und Fußball auch ein Thema der Tagung?

Schwarzbauer: Natürlich kommt eine in Salzburg abgehaltene Fußball-Tagung nicht um das Thema Red Bull Salzburg und die neugegründete Salzburger Austria herum. Siegfried Göllner und Christian Muckenhumer nahmen sich dem Thema an und stellten einen Vergleich zwischen Red Bull, einem Verein, der als Marketing-Tool eine Konzerns funktioniert und  Austria Salzburg, einem Fanverein, der mehr oder weniger ausschließlich von seiner Tradition lebt, an und gingen der Frage nach, wie diese beiden in der (auch in Österreich) zunehmend kommerzialisierten Fußballwelt (über)leben können.

"Fußball als soziokultureller Faktor"

L.I.S.A.: Welche sportlichen und gesellschaftlichen Stellenwert hat Fußball heute in Österreich? Hat sich da ein Wandel vollzogen?

Schwarzbauer: Der Stellenwert des Fußballs in Österrreich steigt enorm. Das kommende Länderspiel gegen Brasilien war innerhalb von 28 Stunden ausverkauft. Einen solchen Hype gab es nicht einmal während der EM 2008. Auch wenn die Erfolge bei den Senioren noch ein bißchen ausbleiben, im Nachwuchs kann der österreichischen Fußball mit der europäischen Spitze mithalten. Auch bei der Stadion-Infrastruktur und den Zuschauerzahlen sind Verbesserungen erkennbar. Komplette Überdachungen der Stadien und Rasenheizungen werden demnächst für die Bundesligisten Pflicht, und sogar manch Traditionsverein im Unterhaus kann sich über Zuschauerzahlen von bis zu 7.000 bei Spitzenspielen freuen.

Grund dafür sind meiner Meinung nach nicht nur die Erkenntnis der Öffentlichkeit, dass der Fußball als soziokultureller Faktor einen enorm wichtigen und oftmals unterschätzten Stellenwert in der Gesellschaft hat, sondern auch die Entwicklung einer Fankultur in den Stadien, zu deren Entstehen die Ultras-Bewegung (ohne die damit verbundenen Probleme schönreden zu wollen) enorm beigetragen hat, und die auch mitgeholfen hat, den Besuch im Stadion wieder interessanter zu machen.

"Möglichkeit zur Präsentation verschiedener Forschungsprojekte und -resultate"

L.I.S.A.: Welche Fragen interessieren zurzeit die Forschung am Gegenstand Fußball? Welche Disziplinen beteiligen sich daran?

Schwarzbauer: Ein großes Thema ist natürlich die NS-Zeit, der auch bei der Salzburger Tagung ein Panel gewidmet war. Allerdings ist auch hier die Forschung sehr stark auf Wien fixiert. Ansonsten ist, wie bereits oben geschrieben, nicht nur das Thema Fußball-Geschichtsforschung, sondern generell die Sport-Geschichtsforschung noch nicht wirklich etabliert. Immerhin gibt es erste kleine "Erfolge", wie zum Beispiel das in Salzburg geplante Forschungsprojekt "Der Salzburger Sport während der NS-Zeit", dessen Finanzierung allerdings noch nicht entgültig gesichert ist, oder das Projekt "Der steirische Fußball und seine Traditionsvereine in der NS-Zeit", das kurz vor dem Abschluss steht.

L.I.S.A.: Sind weitere Tagungen dieser Art geplant? 

Schwarzbauer: Es sind auf jeden Fall weitere Tagungen ähnlicher Natur geplant. Ob die nächste Tagung wieder in Salzburg stattfindet oder in einer anderen Stadt, ist nebensächlich und im Moment natürlich auch noch nicht absehbar. Ein Ziel der Tagung war es, der österreichischen Fußball-Geschichtsforschung eine Möglichkeit zur Präsentation verschiedener Forschungsprojekte und -resultate zu geben. Das ist uns sicherlich gelungen, und diese Möglichkeit soll es auch in Zukunft in halbwegs regelmäßigen Abständen geben.

Robert Schwarzbauer hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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