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Georgios Chatzoudis | 16.04.2013 | 2355 Aufrufe | Interviews

Vom Kellerarchiv zum Archiv 2.0

Interview mit Bastian Gillner über das Landesarchiv NRW in den sozialen Medien

Mit Archiven verbindet man in der Regel Kellerräume, verstaubte Kartons und vergilbtes Papier. Mit den soziale Netzwerken und digitalen Informationsdiensten, wie beispielswiese Facebook, Google+ und Twitter, hat sich ein neues Fenster für den öffentlichen Zugriff auf Archivalien aller Art geöffnet - mit dem Effekt, dass immer mehr Archive in den sozialen Medien präsent sind. So wie auch das Landesarchiv NRW, das seit gut vier Monaten bei Facebook vertreten ist. Wir wollten von Dr. Bastian Gillner, Archivrat des Landesarchivs, warum und mit welcher Strategie.

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Facebook-Auftritt des Landesarchivs NRW, Stand 4. April 2013

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"Tagtäglich millionenfach Bilder und Texte im Internet"

L.I.S.A.: Herr Dr. Gillner, das Landesarchiv NRW beteiligt sich seit einiger Zeit auch an Sozialen Medien, wie beispielsweise Facebook. Was hat das Landesarchiv bewogen, dort präsent zu sein? Ist es auch in anderen Netzwerke aktiv, beispielsweise bei Google+ oder Twitter?

Dr. Gillner: Die Nutzung von sozialen Medien ist für einen wachsenden Teil der Bevölkerung alltägliche Normalität. Auch Einrichtungen aus dem Kultur- und Wissenschaftsbereich entdecken zunehmend die Möglichkeit, ihre Interessenten über soziale Medien bequem und direkt anzusprechen. Das Landesarchiv möchte mit seiner Präsenz auf Facebook dieser veränderten Mediennutzung gerecht werden. Wir wollen unseren Nutzern aktuelle und interessante Meldungen aus dem Landesarchiv mitteilen und ihnen die Möglichkeit geben, diese Inhalte zu kommentieren, mit anderen Nutzern zu diskutieren und schließlich auch weiter zu verbreiten. Es ist schwer vermittelbar, warum tagtäglich millionenfach Bilder und Texte im Internet geteilt werden, warum zu zahllosen Spezialinteressen entsprechende Chats, Foren oder Wikis bestehen, die Archive aber ihre immense Menge an historischen Inhalten nicht in diese Strukturen einbringen. Das unschöne Klischeebild vom Archivar als menschenscheuem Sonderling im verstaubten Keller droht durch die virtuelle Hintertür wieder aufzutauchen, wenn sich die Archive dieser Entwicklung verschließen. Der Facebook-Auftritt des Landesarchivs ist ein Versuch, die archivische Arbeit mit den neuen Informations-, Interaktions- und Kommunikationsstrukturen zu verbinden. Auch unser eigener Channel auf Youtube dient diesem Ziel. Andere Elemente wie Google+ oder Twitter haben wir in der gegenwärtigen Testphase noch nicht genutzt. Eine Zukunftsvision wäre, nicht nur die bekannten allgemeinen Plattformen zu bespielen, sondern die Funktionalitäten der sozialen Medien, also etwa Austausch, Interaktion oder Kollaboration, in spezifische archivische Angebote zu übersetzen, beispielsweise durch die Möglichkeit, die Nutzer an der Transkription oder Verschlagwortung zu beteiligen.

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Zukunftsvision: Facebook als Baustein in einer umfangreichen archivischen Social Media-Architektur (Archiv 2.0).

"Mittels Facebook lässt sich die Tradition der Miszelle wiederbeleben"

L.I.S.A.: Wie nutzt das Landesarchiv Facebook? Verfolgen Sie eine bestimmte Kommunikationsstrategie? Was wird kommuniziert?

Dr. Gillner: Der Kontakt mit einem Archiv findet zumeist unter den Bedingungen der klassischen Behördenkommunikation statt: Der Nutzer stellt eine schriftliche Anfrage und erhält zwei Wochen später einen Antwortbescheid, beispielsweise ob das Archiv Unterlagen zum gesuchten Großvater verwahrt oder unter welcher Signatur die Sitzungsprotokolle der ersten nordrhein-westfälischen Landesregierung überliefert sind. Diese Beantwortung von Nutzeranfragen bildet das bewährte Rückgrat unseres Kundenkontakts. Die Nutzung von Facebook ergänzt diese Kommunikation: Das Archiv reagiert nicht mehr nur auf Nutzeranfragen, sondern weist von sich aus aktiv auf besondere Archivalien, bevorstehende Veranstaltungen oder fachliche Neuigkeiten hin. Bei allen seinen „Fans“ ist das Landesarchiv somit regelmäßig präsent und kann Interesse für bestimmte Bestände und Themen wecken oder Meinungen und Ideen seiner Nutzer einholen. Es kann auch einfach nur mit den zahllosen Ereignissen und Schicksalen aus seinen Beständen unterhalten, damit aber gleichwohl seine Nutzer an sich binden und seinen kleinen Teil zur kulturellen Bildung beitragen. Auf Facebook findet vieles seinen Platz, das in den klassischen Medien keine Chance auf eine Publikation gehabt hätte: der historische Liebesbrief zum Valentinstag, der überquellende Aktenwagen im Magazin, die interessierten Teilnehmer einer Registratorenschulung. Wenn man so will, lässt sich mittels Facebook die alte wissenschaftliche Tradition der Miszelle wiederbeleben, und zwar verbunden mit der unmittelbaren Möglichkeit zu Bewertung und Replik. Und schließlich darf man eins nicht vergessen: Je mehr Inhalte ins Internet wandern – Digitalisate, Bilder, Texte – desto wichtiger wird es auch für Archive werden, Kommunikationskanäle zu besitzen, über die diese Inhalte zum Adressaten gebracht werden können.

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Präsentation von Archivgut mittels Facebook: Interessante Schriftstücke lassen sich gezielt thematisieren.

"Fotobestände sind ein dankbarer Fundus für die Veröffentlichung"

L.I.S.A.: Welcher Bestand steht dem Landesarchiv für die Veröffentlichung zur Verfügung? Geht es über Dokumente hinaus?

Dr. Gillner: Grundsätzlich steht dem Landesarchiv die ganze Breite seiner Bestände für die Veröffentlichung zur Verfügung, abzüglich des jüngeren Archivgutes natürlich, das noch den gesetzlichen Sperrfristen unterliegt. Insbesondere personenbezogene Daten aus den Akten verbieten sich für eine Präsentation im Internet. Von der mittelalterlichen Urkunde über die barocke Prachthandschrift bis hin zur modernen Massenakte reichen jedoch die Möglichkeiten, vorausgesetzt die Archivalie hat eine spannende Geschichte oder interessante Pointe zu bieten. Da Facebook ein sehr visuelles Medium ist, sind auch Fotobestände ein dankbarer Fundus für die Veröffentlichung, doch leider stellt uns gerade hier das problematische Urheberrecht vor gewisse Schwierigkeiten. Selbst Fotografien aus dem frühen 20. Jahrhundert können noch Urheberrechten unterliegen und bei Fotografien aus Behördenschriftgut sind nur in den seltensten Fällen die Urheber bekannt. In beiden Fällen müssen wir leider auf das Posten solcher Bilder verzichten. Allerdings haben auch Schnappschüsse von der alltäglichen Arbeit im Archiv bisher große Resonanz erzielt, so dass wir neben mancher historischen Fotografie auch gerne diese Normalität zeigen, die unseren Fans aber durchaus Neues und Internes vermittelt.

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Blick hinter die Kulissen mittels Facebook: Beispielsweise sieht der Nutzer sonst nicht, dass zur archivischen Arbeit auch das containerweise Kassieren von Aktenbestände gehören kann.

"Zentrales Kriterium ist der Mehrwert für den Nutzer"

L.I.S.A.: Wie entscheidet das Archiv, was veröffentlich wird? Welche Kriterien sind dabei entscheidend?

Dr. Gillner: Vor dem Start bei Facebook hat sich das Landesarchiv eigene Social Media Guidelines gegeben, die grob definieren, was über das soziale Netzwerk kommuniziert werden soll. Typische Homepage-Meldungen gehören hierzu (Aktuelles, Veranstaltungen etc.), insbesondere aber auch der Blick hinter die Kulissen, mitten in die spannende Arbeit des Landesarchivs: interessante Funde, außergewöhnliche Termine, arbeitsalltägliche Herausforderungen. Zentrales Kriterium ist der Mehrwert für den Nutzer: Ein Posting soll informieren und unterhalten; es soll ein kurzes Schlaglicht auf die Arbeit des Landesarchivs werfen, das im Idealfall zur Beschäftigung mit den mitgeteilten Archivalien, Veranstaltungen oder fachlichen Fragen einlädt. Selbstredend macht das Dezernat für Öffentlichkeitsarbeit regen Gebrauch von Facebook, es ist aber ausdrücklicher Wunsch der Geschäftsleitung, dass jeder interessierte Mitarbeiter die Möglichkeit hat, aus seinem Arbeitsbereich Berichtenswertes mitzuteilen. Wie genau das aussieht, liegt allein in den Händen des Betreffenden. Als Richtschnur dient neben dem Informationswert immer auch das Beamtenrecht mit seiner Dienst- und Treuepflicht oder der Amtsverschwiegenheit. Um den Mitarbeitern solche Details der Nutzung zu vermitteln, wurden an den drei Standorten des Landesarchivs entsprechende Schulungen angeboten. Eine interne Diskussionsgruppe auf Facebook dient der Abstimmung von Postings, etwa zu bestimmten Jahrestagen wie Weihnachten oder Karneval.

"Jetzt gilt es, den Kommunikationskanal auch zu nutzen"

L.I.S.A.: Gibt es schon Reaktionen, Rückmeldungen oder Kommentare der Nutzer?

Dr. Gillner: Erst einmal versorgt Facebook die sogenannten Fanpages recht umfangreich mit statistischen Daten, was die Erhebung interessanter Kennzahlen erlaubt. Fans haben wir momentan mehr als 230, das ist für ein deutsches Archiv ganz gut, erreicht aber nicht annähernd die Größenordnung, in der die großen angelsächsischen National Archives oder auch manche anderen deutschen Kultureinrichtungen spielen. Gesehen werden unsere Beiträge durchschnittlich von rund 300 Personen, einzelne Beiträge kommen auf hohe dreistellige Zahlen. Die bisherigen Nutzerkommentare zu unserem Auftritt waren überwiegend positiv. Häufiger als der Kommentar wird aber das niederschwellige Angebot genutzt, sein Gefallen über den gebotenen Inhalt zu zeigen. Gerne hätten wir auch intensivere Diskussionen, doch entweder ist unser Inhalt nicht sehr diskussionswürdig oder das Angebot zum Diskutieren ist noch zu ungewohnt. Natürlich sind aber auch wir gefragt, nicht nur einseitig zu präsentieren, sondern auch zur Kommunikation aufzufordern. Hier haben wir noch Nachholbedarf, etwa was die Einholung von Nutzerfeedback angeht. Einen Kommunikationskanal haben wir eingerichtet, jetzt gilt es, ihn auch zu nutzen.

"Mehr Archive sollten von sozialen Medien Gebrauch machen"

L.I.S.A.: Gibt es Vernetzungen mit anderen Archiven, die auch in Sozialen Netzwerken aktiv sind?

Dr. Gillner: Vernetzung ist eines der Grundprinzipien von Facebook und eines seiner größten Potentiale. Sie ermöglicht es, zu verfolgen, was die Kollegen andernorts betreiben, und sie erlaubt die schnelle Verbreitung interessanter und wichtiger Neuigkeiten. Fachlicher Austausch ist nicht mehr auf punktuelle Ereignisse wie Archivtage oder auf individuelle Bekanntschaften beschränkt. Entsprechend gut funktioniert die Vernetzung der – noch nicht so zahlreichen – deutschen Archive auf Facebook. Eine Kirchturmpolitik, bei der die fachliche Wahrnehmung nicht weiter als bis zur Stadt- oder Landesgrenze reicht, kann sich heute kein Archiv mehr erlauben. Das Engagement in dem sozialen Netzwerk ist letztlich auch eine konsequente mediale Ergänzung zur wachsenden Vernetzung der Archive in Portalen. Mit "Archive in NRW" haben wir bereits ein archivübergreifendes regionales Portal, das geplante Archivportal-D wird demnächst die Archive im nationalen Verbund miteinander vernetzen. Funktionieren können solche Großprojekte nur, wenn sie von der intensiven fachlichen Abstimmung der Archive und dem Austausch mit den Nutzern über deren Erwartungen flankiert werden. Wie effektiv schließlich eine fachliche Vernetzung sein kann, hat im vergangenen Jahr die sogenannte Causa Stralsund gezeigt, der Verkauf der historischen Archivbibliothek der Stadt Stralsund, der nach massiven Protesten, die maßgeblich über die sozialen Medien transportiert wurden, rückgängig gemacht wurde. Vernetzung kann also im Extremfall sogar eine archivische Überlebensfrage sein, mindestens aber ist sie ein effektiver und bequemer Aspekt der fachlichen Diskussion. Angesichts dieser Bedeutung der sozialen Medien kann man nur dafür plädieren, dass mehr Archive von ihnen Gebrauch machen.

Dr. Bastian Gillner hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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