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Dr. Birte Ruhardt | 03.07.2014 | 1119 Aufrufe | Interviews

Vom Archäologen zum Germanisten

Interview mit Karl Gerhard Hempel über Berufswege nach der Promotion

Dr. Karl Gerhard Hempel promovierte als ehemaliger Gerda Henkel Stipendiat in klassischer Archäologie zur Nekropole von Tarent im 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. Nach dem Reisenstipendium des Deutschen Archäologischen Instituts fand sich jedoch keine passende Stelle im archäologischen Bereich, weshalb er sich für eine wissenschaftliche Karriere als Germanist in Italien entschied. Nicht nur zu diesem persönlichen Wandel, sondern auch zu den Unterschieden zwischen der deutschen und der italienischen Hochschullandschaft haben wir ihn befragt.

Dr. Karl Gerhard Hempel im Museum von Tarent

"Eine noch nahezu unerforschte Nekropole"

L.I.S.A.: Sie haben in klassischer Archäologie zur materiellen Kultur aus der Nekropole von Tarent im 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. promoviert. Wie sind Sie auf dieses Dissertationsthema gestoßen?

Hempel: Ursprünglich hatte Professor Zanker mir 1989 für die Magisterarbeit ein Thema über Münzbilder vorgeschlagen, doch das habe ich ihm nach 14 Tagen zurückgegeben, weil es Probleme bei der Arbeit in der Münzsammlung in der Münchner Residenz gab. Damals wurde aber von Daniel Graepler, Ralf Biering und Enzo Lippolis gerade ein internationales Forschungsprojekt über die seinerzeit noch nahezu unerforschte Nekropole von Tarent aufgebaut und ich war als Mitarbeiter geeignet, weil ich zuvor ein Jahr in Pisa studiert hatte und daher über gute Italienischkenntnisse verfügte. Außerdem gefiel mir die Idee gut, nicht über ein auf Bibliotheksarbeit beschränktes Thema zu arbeiten, sondern eher im Bereich der "praktischen" (oder vielleicht besser: "philologischen") Archäologie, bei der neues Material erschlossen wird. Ich fotografiere auch gern und der Gedanke, dass ich mich mit lange unbeachteten antiken Gegenständen befassen konnte, die zunächst hergestellt, dann benutzt, dann ausgegraben und schließlich lange im Museumsmagazin aufbewahrt worden waren, faszinierte mich ungemein. So schrieb ich dann zunächst meine Magister- und später meine Doktorarbeit in diesem Bereich.

"Eine überraschende Wendung in meinem Lebenslauf"

L.I.S.A.: Heute sind Sie Professor für germanistische Linguistik und Übersetzungsforschung an der Università del Salento (Lecce). Wie kam es zum Wechsel von der Archäologie in die Germanistik und war dies ohne Weiteres möglich?

Hempel: Auf den ersten Blick erscheint diese Wendung in meinem Lebenslauf tatsächlich sehr überraschend und sie war vorher auch nicht geplant, sondern ging nach und nach vonstatten. Nach dem Abschluss meiner Dissertation gewann ich zwar das Reisestipendium des Deutschen Archäologischen Instituts, es gelang mir aber nicht, im Fach eine passende Stelle an einer Universität oder einem Forschungsinstitut zu erhalten. Bisher hatte ich jedes Jahr bei Ausgrabungen in Selinunt und Syrakus mitgearbeitet, aber jetzt brauchte ich eine längerfristige Beschäftigung. An italienischen Universitäten gibt es Stellen für Fremdsprachenlektoren, die Sprachkurse für Studenten abhalten, wobei ein irgendwie gearteter Abschluss einer ausländischen Hochschule als Mindestvoraussetzung für eine Bewerbung ausreicht. Als ich mich auf eine Ausschreibung bei der Seconda Università di Napoli meldete, wurde ich auf Anhieb genommen, weil ich als einziger Bewerber eine Promotion hatte. Dies bedeutete meinen Einstieg in den akademischen Unterricht des Deutschen als Fremdsprache (ich war vorher z.T. schon an Schulen tätig gewesen). Nach einiger Zeit versuchte ich dann, mich auch auf wissenschaftliche Stellen in der Germanistik zu bewerben. Ich hatte mich schon immer für Sprachen sowie deren Struktur und Geschichte interessiert, bereits als Schüler verfügte ich über fortgeschrittene Kenntnisse in sieben alten und modernen Fremdsprachen. Bei der Bundeswehr habe ich mich viel mit dem Russischen beschäftigt und auf der Universität wählte ich Griechisch und Latein als Nebenfächer, wo während des Studiums auch viel über Sprache reflektiert und übersetzt wird und man lernt, auch feine Unterschiede zu achten. Außerdem war ich auch als Freelance-Übersetzer tätig gewesen, insbesondere für das Sprachenpaar Italienisch-Deutsch. Aus diesen Kenntnissen und Erfahrungen habe ich dann ein wissenschaftliches Profil entwickelt, was insofern passend ist, als dass mein Fach in Italien offiziell "Lingua e traduzione - lingua tedesca" heißt, womit von vornherein der interkulturelle und translatorische Aspekt dieser linguistischen Auslandsgermanistik unterstrichen wird. Konkret ist es dann so gelaufen, dass ich nach einem Zwischenspiel in Urbino 2002 eine unbefristete Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter (Ricercatore) an der Universität Messina gewonnen habe. Fünf Jahre später gelang es mir, an die Università del Salento nach Lecce zu wechseln.

"Regelmäßiger Kontakt zu Archäologen"

L.I.S.A.: Beschäftigen Sie sich auch heute noch weiterhin mit archäologischen Themen und Ihrem damaligen Dissertationsthema?

Hempel: Meine derzeitige Forschungstätigkeit konzentriert sich natürlich hauptsächlich auf Themen aus dem Bereich der Linguistik und Übersetzungswissenschaft, insbesondere der Fachübersetzung und der Übersetzungsgeschichte. Dabei greife ich aber häufig auch auf einen Fundus an Kenntnissen zurück, die mit meiner früheren Tätigkeit in der klassischen Archäologie in Zusammenhang stehen. So habe ich etwa Forschungsarbeiten zur Übersetzung archäologischer Fachtexte und zu dem brisanten Thema der Mehrsprachigkeit in der archäologischen Wissenschaftskommunikation veröffentlicht, wobei letztere auf einer Fragebogenerhebung bei deutschsprachigen Archäologen basiert. Außerdem habe ich eine Reihe von Büchern z.T. hochkarätiger italienischer Archäologen ins Deutsche übersetzt.
Hinzu kommt aber noch, dass ich weiterhin in Tarent wohne, sodass ich regelmäßig Kontakt zu den Archäologen habe, die am Archäologischen Nationalmuseum (MArTa) und am Istituto per la Storia e l'Archeologia della Magna Grecia tätig sind, außerdem kenne ich viele Archäologen in meiner derzeitigen Fakultät. Vor einigen Jahren wurde ich in ein Forschungsprojekt der Soprintendenza und der Universität Bari einbezogen, wobei ich an der Auswertung des Materials aus den Ausgrabungen im Castello Aragonese von Tarent mitgearbeitet habe. Diese Recherchen, deren Ergebnisse in einem 2009 erschienenen Aufsatz vorgelegt wurden, haben einen direkten Bezug zu meiner Dissertation, weil dort dieselbe Keramik wie in den Gräbern in einem nichtfunerären Kontext auftritt. Die Arbeit am Projekt zur Tarentiner Nekropole wird jetzt mit einer derzeit in Arbeit befindlichen Kölner Doktorarbeit von Birte Ruhardt zu den Kammergräbern fortgesetzt, bei der ich Hilfestellung gebe und auch als Drittgutachter fungiere. In diesem Zusammenhang sind meine Spezialkenntnisse aus der Dissertation natürlich von entscheidender Bedeutung, ebenso wie bei gelegentlichen Führungen für deutsche Reisegruppen durch das neugestaltete Museum.

"Der Professor wird fast schon als 'allwissend' angesehen"

L.I.S.A.: Gibt es Unterschiede in der Hochschuldidaktik an deutschen Universitäten im Vergleich zu italienischen Universitäten?

Hempel: Ja, es gibt Unterschiede, auch wenn sich diese nach meinem Eindruck in den letzten Jahrzehnten eingeebnet haben. Mein erster Kontakt mit der italienischen Hochschuldidaktik geht auf die 1980er Jahre zurück, als ich in Pisa studierte. Was mir auffiel war, dass stärker als Deutschland rezeptiv gelernt wurde, d.h. die Studenten müssen in erster Linie wissen, was in den für eine Veranstaltung vorgeschriebenen Büchern steht und dies bei der (meist mündlichen) Prüfung wiedergeben. Dabei kommen der eigene Umgang mit den Quellen und das forscherische Lesen zu kurz, aber auch das wissenschaftliche Schreiben und die Selbstverantwortung für die Gestaltung des Studiums. Außerdem wird prüfungsbezogen gelernt, und da es am Ende auch kein umfassendes Abschlussexamen gibt, besteht die Gefahr, dass das Studium und damit die Entwicklung des Studenten in Einzelbausteine zerfällt und der Jungakademiker effektiv nicht richtig qualifiziert ist. Diese Probleme haben sich durch die Einführung des "3+2-Sytems" mit Bachelor und Master in Italien eher verschärft und nach dem, was mir Kollegen in Deutschland berichten, geht die Entwicklung eben seit der Studienreform auch dort genau in diese Richtung. Es gibt aber auch wichtige Unterschiede, etwa solche, die die Rolle des Dozenten betreffen. In Italien liegt die Verantwortung für die Auswahl des Vermittelten beim Professor selbst, d.h. es werden fast ausschließlich Vorlesungen von bis zu 60 Stunden gehalten, bei denen ausschließlich der Dozent redet und die Studenten kaum zu Wort kommen, sodass eher ein passives Verhalten gefördert wird. Der Professor wird dabei gewissermaßen fast schon als "allwissend" angesehen bzw. muss zumindest auf jede Frage eine Antwort wissen, das bisherige wissenschaftliche Wissen wird auch meist nicht in Frage gestellt.

"Die stärksten finanziellen Kürzungen ihrer Geschichte"

L.I.S.A.: Wie ist die derzeitige Entwicklung in der italienischen Hochschullandschaft? Ist diese stark von Kürzungen und Sparmaßnahmen betroffen?

Hempel: Es ist bekannt, dass die italienischen Hochschulen im Moment von den stärksten finanziellen Kürzungen ihrer Geschichte betroffen sind. Um das ehrgeizige Sparziel von etwa 30% zu erreichen, gibt es etwa einen - wenn auch nicht totalen - Einstellungsstopp, der dazu führt, dass zum Beispiel in meiner Universität in den letzten Jahren Hunderte von Dozenten in Pension gegangen sind, jetzt aber nur etwa ein Dutzend eingestellt werden kann. Außerdem sind die Gehälter der bereits eingestellten Beschäftigten seit einiger Zeit eingefroren und ein Fortkommen ist im Moment ebenso schwierig wie eine Neueinstellung. Die Folge ist, dass manche Fächer nicht mehr ausreichend vertreten sind und z.T. Studiengänge geschlossen werden müssen, auch wenn genügend Studenten vorhanden sind. Hinzu kommt, dass wissenschaftliche Mitarbeiter wie ich über Gebühr mit Lehrveranstaltungen belastet werden, zu deren Abhaltung wir übrigens auch nicht verpflichtet sind.
Man muss diese Entwicklung aber in einem größeren Zusammenhang betrachten. So befand sich die Hochschullandschaft bis vor etwa zehn Jahren in deutlicher Expansion, d.h. es wurden im Zusammenhang mit dem Übergang zum Bachelor-Master-System munter neue Studiengänge eingerichtet, vielfach auch an zusätzlichen Studienorten außerhalb des Hauptsitzes der jeweiligen Universität, und diese Studiengänge wurden auch mit neu eingestelltem Personal unterfüttert. Wir befinden uns also, wenn man so will - übrigens auch aus demografischen Gründen - in einer Korrekturphase, die allerdings die verheerende Folge hat, dass Nachwuchsforscher, die jetzt in die Uni möchten, in Italien praktisch keine Chance haben. Ein Quereinstieg, wie ich ihn geschafft habe, wäre heute erst recht unmöglich.

Dr. Karl Gerhard Hempel hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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