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Georgios Chatzoudis | 27.02.2012 | 2370 Aufrufe | Vorträge

„Virtuelle Forschungsumgebungen“
Werkstattberichte II

Videodokumentation zur Tagung
".hist2011 - Geschichte im digitalen Wandel"

Am 14. und 15. September 2011 fand in der Humboldt Universität in Berlin die Tagung ".hist2011 - Geschichte im digitalen Wandel" statt. Mehr als 200 Teilnehmer und Besucher diskutierten über neue Entwicklungen und aktuelle Fragen und Herausforderungen, die für die Geschichtswissenschaft durch den digitalen Wandel entstehen. Die Veranstaltung wurde gemeinsam von der Redaktionen von H-Soz-u-Kult und L.I.S.A. organisiert. In einer kleinen Reihen werden wöchentlich die wichtigsten Vorträge, Diskussionen und Werkstattberichte veröffentlicht.

Parallel zur den Vorträgen der zweiten Sektion "Digitale Quellenkritik und Data Driven History" fanden in einem anderen Raum die thematisch anknüpfenden Werkstattberichte zum Thema "Virtuelle Forschungsumgebungen" statt.

 

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Videoreihe ".hist2011"

Forschungsnetzwerk und Datenbanksystem (FuD) - eine virtuelle Arbeitsumgebung für die Geisteswissenschaften
Werkstattbericht von Gisela Minn

Beim Forschungsnetzwerk und Datenbanksystem (FuD) handelt es sich um eine netzbasierte Arbeits-, Publikations- und Informationsplattform für die Geisteswissenschaften. Das IT-System unterstützt die verschiedenen Arbeitsschritte im Forschungsprozess von der Erfassung der Primärdaten über ihre Erschließung und Analyse bis hin zur Publikation der Ergebnisse und ihrer Archivierung. FuD wird gemeinsam vom Sonderforschungsbereich 600 „Fremdheit und Armut“ (SFB 600) und dem Kompetenzzentrum für elektronische Erschließungs- und Publikationsverfahren in den Geisteswissenschaften an der Universität Trier entwickelt.

 

Die Pilotversion der virtuellen Arbeitsumgebung wurde 2006 im SFB 600 eingeführt, um die Kooperation zwischen den Teilprojekten zu koordinieren, ein gemeinsames Quelleninventar und Datenarchiv aufzubauen sowie disziplinenübergreifende Analyseverfahren für die Forschungsarbeit bereitzustellen. FuD berücksichtigt dabei die Anforderungen unterschiedlicher Disziplinen der historischen Kulturwissenschaften (vor allem Geschichte, Kunstgeschichte, Medienwissenschaft, Theologie/Kirchengeschichte). Die für den SFB 600 entwickelte Basisversion des IT-Systems wird inzwischen von verschiedenen Projekten an Universitäten, Akademien und Forschungsinstituten für die Sammlung und Erschließung von Forschungsdaten bzw. zur Vorbereitung von Quellen- und Regesteneditionen eingesetzt. Der Vortrag gibt einen Überblick über die Teilkomponenten des modular aufgebauten Software-Systems und stellt verschiedene Anwendungsbeispiele vor.

Gisela Minn (Universität Trier / SFB 600 „Fremdheit und Armut“)

Historisches Forschungsnetz – Eine virtuelle Forschungsumgebung
Werkstattbericht von Thomas Meyer und Daniel Burckhardt

Fachinformationsdienste stellen der historischen Forschung vielfältige Daten und Services zur Verfügung. Virtuelle und digitale Bibliotheken haben sich zugleich als Einstiegspunkte zu Recherche- und Nachweisdiensten in unterschiedlichen Ausformungen etabliert. Wenngleich sie im Arbeitsalltag der Fachwissenschaft eine große Rolle spielen, so sind sie doch kaum miteinander vernetzt. In den Geschichtswissenschaften entwickeln sich parallel dazu immer mehr interdisziplinäre und standortübergreifende, international ausgerichtete Forschungsprojekte und -verbünde. Damit wächst der Bedarf an partizipativen Kommunikations- und Arbeitsformen. In Verbundprojekten werden Arbeitsplattformen benötigt, die standortübergreifend Informations- und Kommunikationsdienste für verteilte Arbeitsgruppen anbieten und zusammenführen. Einzelne „virtuelle“ Forscherzusammenhänge wie auch Verbund-Netzwerke verteilter Forschergruppen benötigen internetbasierte Dienste zur Integration verteilter Ressourcen.

 

Das Projekt „Historisches Forschungsnetz“ wird historische Fachinformationsdienste in eine wissenschaftliche Forschungsumgebung für die Publikation, Dokumentation, Information und Kommunikation überführen. Diese Umgebung soll lokal nachnutzbar sein und Anpassungen durch die Nutzer ermöglichen. Verteilten Fachredaktionen und Forschungsgruppen kann sie dazu dienen, ihre Angebote und Dienste zusammenzuführen und dabei Angebote von Hochschulen, Bibliotheken, Archiven und Forschungseinrichtungen zu integrieren.

 

Derzeit wird unter Berücksichtigung fachspezifischer Anforderungen der Geschichtswissenschaften und Einbeziehung vorhandener Ontologien und Vokabularien ein Datenmodell entwickelt. Auf dieser Datenbasis werden modularisierte Anwendungen entwickelt, über die fachwissenschaftliche Beiträge erschlossen, verwaltet und publiziert werden können. Das Modell wird in einem plattform- und datenbankunabhängigen Repositorium (JackRabbit) implementiert, welches Daten über standardisierte Schnittstellen für die Integration in eigene, aber auch externe Anwendungen bereitstellt. Als prototypische Anwendung wird derzeit die Clio-online-Rezensionssuchmaschine HISTORISCHE REZENSIONEN ONLINE in eine Anwendung migriert, die zukünftig nicht nur offen für die weitere Integration wissenschaftlicher Rezensionsorgane ist, sondern über Schnittstellen selbst in weitere Anwendungen integriert werden kann. Weiterhin werden die etablierten Fachinformations- und kommunikationsdienste von H-Soz-u-Kult und Clio-online in diese Umgebung überführt, sodass deren Daten und Dienste dezentral nachgenutzt und miteinander vernetzt werden können. Dabei wird eine Vielzahl unterschiedlicher Formate berücksichtigt, die im wissenschaftlichen Arbeitsalltag eine Rolle spielen und die eine weitere Integration in lokale Arbeitsumgebungen am Arbeitsplatz des Wissenschaftlers ermöglichen sollen. Letztlich werden Such- und Filtertechnologien für ein thematisch/epochal/regional gefächertes Informationsnetz entwickelt, die eine benutzerfreundliche und zielgruppengerechte Distribution über unterschiedliche Informationskanäle ermöglichen werden.

Thomas Meyer (Humboldt Universität zu Berlin)

Daniel Burkhardt (Humboldt Universität zu Berlin)

Virtuelle Infrastrukturen für eine außeruniversitäre Forschungseinrichtung
Werkstattbericht von Joachim Berger

Staatlich finanzierte außeruniversitäre Forschungseinrichtungen übernehmen Aufgaben, die Universitäten in diesem Umfang und in dieser Form nicht erfüllen können und sollen. In den historisch arbeitenden Wissenschaften zählen dazu zunächst langfristig angelegte Quelleneditionen und forschungsbasierte Serviceleistungen, die nachhaltige Infrastrukturen und institutionelle Kontinuitäten – jenseits wissenschaftspolitischer Förderkonjunkturen und individueller Forschungsvorlieben – benötigen. Außeruniversitäre Forschungsinstitute formulieren zudem spezifische Forschungsperspektiven, um einer bestimmten wissenschaftlichen Problemkonstellation Rechnung zu tragen; diese leitet sich nicht aus den (immer stärker) kanonisierten Anforderungen universitärer Ausbildungscurricula ab. Ein kohärentes Forschungsprofil begründet vielmehr das „Alleinstellungsmerkmal“.

 

Diese raison d’être bestimmt die Forschungspraxis und die Strukturen außeruniversitärer Forschungsinstitute in zweierlei Hinsicht:

 

1.) Kohärenz und Zusammenarbeit: Die individuellen Forschungsfragen der dort arbeitenden Wissenschaftler beziehen sich auf das übergreifende Forschungsprofil der Institution. So gliedern sich beispielsweise Einrichtungen der Leibniz-Gemeinschaft in verschiedene Programmbereiche, deren Fragestellungen organisch ineinandergreifen sollen, und deren Kosten und Leistungen in Programmbudgets zusammengefasst werden. Idealerweise ist daher die interne Zusammenarbeit in Projektgruppen und Forschungsbereichen relativ dicht.

 

2.) Sicherung und Nachnutzung: Die individuellen Forschungen der Wissenschaftler ordnen sich in einen langfristigen Entwicklungsprozess des jeweiligen Instituts ein. Programmbereiche werden fortentwickelt, Projekte lösen sich ab, Wissenschaftler beenden ihre Qualifizierungsarbeiten, andere schließen an ihre Arbeit an. Alle Forschungsergebnisse sind daher langfristig zu sichern (LZA) und für die interne (und externe) Nachnutzung aufzubereiten. Eine langfristige Quellenhaltung und -sicherung liegt nicht nur im Interesse der gesamten Scientific Communtiy, sondern im Interesse der Einrichtung selbst.

 

Virtuelle Forschungsumgebungen bieten Dienste und Werkzeuge, die Forschungsprozesse modellieren und optimieren können. Der Vortrag umreißt die Anforderungen an eine Virtuelle Forschungsumgebung, die sich aus den spezifischen Arbeitsbedingungen und Strukturen außeruniversitärer historischer Forschungsinstitute mit Programmbereichsstruktur ergeben. Diskutiert werden die Chancen und Dynamiken, die die Implementierung einer integrierten VRE freisetzen kann, aber auch die möglichen Probleme und Zielkonflikte in diesem Prozess.

Joachim Berger (Institut für Europäische Geschichte, Mainz)

HKI/MOM-CA/VdU: Auf dem Weg zu einer virtuellen Forschungsumgebung
Werkstattbericht von Patrick Sahle und Daniel Jeller

Der Beitrag zum Thema „MOM-CA/VDU“ wollte sich anhand von zwei konkreten Beispielen näher dem Thema „virtuelle Forschungsumgebung“ annähern. Dabei wurde zuerst das für das Monasterium-Projekt vom Kölner Institut für Historisch-Kulturwissenschaftliche Informationsverarbeitung gemeinsam mit dem Wiener International Centre for Archival Research entwickelte Monasterium - Collaborative Archive vorgestellt. Im Rahmen des Monasterium-Projektes wurden bis dato mehr als 200000 mittelalterliche und früh-neuzeitliche Urkunden aus über 80 europäischen Archiven digitalisiert und auf http://www.monasterium.net online gestellt. Dabei ist jede Urkunde nicht nur mit einer Abbildung präsent, sondern auch mit einer Vielzahl von möglichen Metadaten. Diese können über das Internet innerhalb MOM-CA von beliebigen (angemeldeten) Benutzern bearbeitet werden. Dabei werden alle Änderungen von Moderatoren überwacht, um wissenschaftliche Standards zu gewährleisten.

 

Im Beitrag wurde nun die Frage gestellt, ob die komplexen Recherchemöglichkeiten im MOM-CA, gemeinsam mit der Möglichkeit, wissenschaftlich nicht nur mit, sondern auch an den Dokumenten zu arbeiten, und der Tatsache, dass die Bearbeitung über das Internet und in Zusammenarbeit mit einem Moderator erfolgt, bereits eine virtuelle Forschungsumgebung entstehen lässt. Die für die Beantwortung dieser Frage nötige Definition einer solchen virtuellen Forschungsumgebung wurde anhand der spezifischen Eigenschaften des MOM-CA versucht, wobei diese Definition auch mithilfe von in MOM-CA bisher fehlenden Funktionen/Möglichkeiten aufgestellt wurde.

 

Im letzten Teil des Vortrages wurde dann zu skizzieren versucht, wie die Vervollständigung der Features von MOM-CA in einem weiteren Projekt, dem Virtuellen deutschen Urkundennetzwerk, erfolgen soll. Dieses aktuell laufende Projekt hat unter anderem die Zielsetzung, für mittelalterliche und frühneuzeitliche Urkunden eine verteilte Forschungsumgebung schaffen, die dem Studium dieser Quellengruppe alle Vorteile moderner Informationstechnologie zugänglich macht. Dabei wird als Basis der Softwareentwicklung MOM-CA verwendet, das in einer Open-Source-Lizenz publiziert wurde. Dabei sollen vor allem die Editor- und Kommunikationsfeatures erweitert, sowie die Suchmöglichkeiten verfeinert werden.

Patrick Sahle (Universität zu Köln)

Anschließende Diskussion

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