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Georgios Chatzoudis | 27.03.2014 | 2328 Aufrufe | Interviews

"Viele Mediennutzer reagieren heute mit Misstrauen"

Interview mit der Journalistin Charlotte Wiedemann zur medialen Berichterstattung

Ein Blick in die Kommentarspalten vieler Onlineausgaben von Zeitungen, Magazinen und Sendern zeigt, dass Leserinnen und Leser sich von der Berichterstattung über komplexe Ereignisse, wie beispielsweise über den aktuellen Krimkonflikt, nicht gut informiert fühlen. In einer häufig zu lesenden Kritik wird vielen Berichten Einseitigkeit und ein Mangel an Differenziertheit vorgeworfen. Stimmt das? Wir haben der Journalistin und Auslandskorrespondentin Charlotte Wiedemann, die sich in mehreren Publikationen mit dem heutigen Journalismus beschäftigt, unsere Fragen gestellt.

Zuletzt hat sie dazu das Buch Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben. Oder: Wie Journalismus unser Weltbild prägt geschrieben, das 2012 in Köln erschienen ist.

Charlotte Wiedemann, Journalistin

"Selbstvergewisserung des weißen Westeuropäers"

L.I.S.A.: Frau Wiedemann, als Journalistin setzen Sie sich in Ihren Artikeln und Bücher immer wieder kritisch mit der Art und Weise auseinander, wie Journalistinnen und Journalisten ihren Beruf ausüben. In einem Ihrer Bücher zeigen Sie, dass viele von ihnen nicht in der Lage sind, komplizierte und konfliktintensive Sachverhalte oder Ereignisse aus unterschiedlichen Perspektiven kritisch zu betrachten. Die Meinungsbildung findet in der Regel sehr schnell und alles andere als multiperspektivisch statt. Woran liegt das? Ist das mehr auf die kulturelle und politische Sozialisation von Journalistinnen und Journalisten zurückzuführen oder eher auf die Erfordernisse einer Marktgesellschaft, in der angeboten wird, was bei den Konsumenten am besten ankommt? Geht es hierbei auch ein Stück weit um Selbstvergewisserung?

Wiedemann: Vorab möchte ich betonen, dass ich selbst Praktikerin bin, also Korrespondentin und Auslands-Autorin. Ich weiß also, unter welchen Bedingungen Kolleginnen und Kollegen, die „draußen“ sind, arbeiten, und ich habe große Hochachtung davor, was viele unter sehr schwierigen Bedingungen und großem Aktualitätsdruck leisten. Die Kritik muss sich vorrangig an die Verantwortlichen in den Zentral-Redaktionen richten, das sind die Gatekeeper, was Themenauswahl und Schwerpunktsetzung betrifft, auch was die Entscheidungen betrifft, wohin überhaupt Korrespondenten und TV-Teams entsandt werden, wofür Etats bereit stehen und wofür nicht.

Grundlage dieser Entscheidungen ist im Einzelfall gewiss auch ein individueller Eurozentrismus, wenn es z.B. um Afrika geht, oder ein ausschließlich in westlichen Kategorien verhaftetes Denken, wenn es um Osteuropa und Russland geht. Wichtiger sind aber Strukturen und Produktionsweisen, die bestimmte Ergebnisse fast naturgemäß produzieren: Der wahnsinnige Aktualitätsdruck führt zwangsläufig zu schlecht recherchierten und oberflächlichen Beiträgen; und ein einziger Korrespondent für 35 afrikanische Länder kann nur Krisen- und Katastrophenjournalismus produzieren.
Im Endeffekt führt beides, also die individuelle geistige Disposition und die Produktionsweise der Nachrichtenfabriken, dazu, dass ständig ein Weltbild reproduziert wird, das vor allem der Selbstvergewisserung des weißen Westeuropäers dient. In diesem Sinne könnte man sagen, dass hier eine Nachfrage bedient wird. Andererseits reagieren viele Mediennutzer heute auch mit Misstrauen, sie fühlen sich schlecht informiert und manipuliert.

"Ein Herdentrieb, der wie ein Auto-Pilot funktioniert"

L.I.S.A.: In der aktuellen Berichterstattung über den Konflikt um Russland und die Ukraine ist sich der weit überwiegende Teil der Medien sehr schnell darüber einig geworden, wer Feind und wer Freund ist. Gibt es in solchen Fällen Leitmedien, die den Ton anstimmen, dem andere dann folgen? Wie steht es dabei um den publizistischen Meinungspluralismus in westlichen Gesellschaften?

Wiedemann: Ich habe mich oft gefragt, wie diese instinktive Selbstverortung entsteht, die es den meisten Menschen erlaubt, zu komplizierten internationalen Krisen im Handumdrehen eine Meinung zu haben. In diesen Tagen lässt sich lernen, wie ein Echo-Raum entsteht, aus dem es zurückschallt wie hineingerufen wird, in einer Mono-Ton-Qualität, die man für längst vergangen hielt.

Es gibt heute keine Leitmedien mehr in der Art, wie es der SPIEGEL vor 25 Jahren in der alten Bundesrepublik war. Aber es gibt einen Herdentrieb, der wie ein Auto-Pilot funktioniert, vor allem im politischen Journalismus. Der politische Journalismus neigt stets dazu, sich hinweg tragen zu lassen, dorthin wo er eigentlich nicht mehr gebraucht wird, weil da schon alle sind, die auf nicht-journalistische Weise Öffentlichkeit prägen und Stimmungen erzeugen.

Jeder Krieg, jeder Konflikt braucht eine Erzählung, die Gut und Böse definiert, die einordnet, vereinfacht und Interessen bedient. Erst dann setzt sich jene große Maschinerie in Gang, die wie von magischer Hand gesteuert nur noch eine Richtung zu kennen scheint. Der Journalismus ist dabei Täter ebenso wie Opfer.

Denn eigentlich ist es ja heute schwer geworden mit den glatten Erzählungen: Weil die westliche Politik moralische Maßstäbe und völkerrechtliche Grundsätze mit einer geradezu opulenten Widersprüchlichkeit handhabt. Kosovo, Kroatien, Libyen, Ägypten, Südsudan, Mali, Syrien, Zentralafrika: Ob neue Staaten erlaubt sind, ob ein Referendum Gültigkeit hat, ob ein Putsch legitim ist, eine Intervention gerechtfertigt, eine Bombardierung geboten, all dies ist schlicht eine Frage von Interessen.

Es könnte also eigentlich gerade eine gute Zeit sein für unabhängigen Journalismus…. Wir leben, was die Erzählungen betrifft, immer mehr in einer polyzentrischen Welt. Das könnte heilsam sein, weil es die einst globale Macht des westlichen Narrativs beschränkt.

"Die Medien hinken heute oft der gesellschaftlichen Entwicklung hinterher"

L.I.S.A.: Kritiker behaupten, dass der Mainstream der deutschen Medienlandschaft, insbesondere der Hauptstadtjournalimus, heute dazu neigt, zunehmend in nationalen Kategorien zu denken und die Regierungspolitik affirmativ zu beurteilen. Sehen Sie das auch so? Welche Funktion kommt Ihrer Meinung nach den Medien in unseren postmodernen Gesellschaften zu? Worin sehen Sie die zentralen Aufgaben?

Wiedemann: Der Hauptstadt-Journalismus war auch früher schon immer sehr dicht am politischen Betrieb, was nicht nur heißt, affirmativ zu sein gegenüber der jeweiligen Regierungspolitik, sondern affirmativ gegenüber den Prioritäten, Ideologien und Denkmodellen der Politik-Produktion insgesamt. Um ein Beispiel aus der Vergangenheit zu nehmen: 1989 /1990, vor der deutschen Vereinigung, wurde in nahezu allen bundesdeutschen Medien sehr schnell gar keine Alternative mehr zu schnellen Währungsunion und zur kompletten Abwicklung der DDR diskutiert. Die Medien verhielten sich ohne Not völlig affirmativ zur Kohl’schen Politik - eine bemerkenswerte geistige Engführung in einem Augenblick von größter nationaler Bedeutung, zumal angesichts der sozialen, politischen und finanziellen Langzeit-Folgen dieser Politik.

Ich denke, die Medien hinken heute oft der gesellschaftlichen Entwicklung hinterher – obwohl sich die Journalisten immer gerne als Avantgarde fühlen…. Am Beispiel der sogenannten Integration von Migranten: Die Realität ist oft besser und ermutigender als ihre mediale Darstellung. Am Beispiel der gegenwärtigen Ukraine-Berichterstattung: Die Kalte-Kriegs-Stimmung hinkt auch hier, wie ich schon andeutete, der tatsächlichen Entwicklung einer zunehmend polyzentrischen Welt hinterher.

Ich plädiere dafür, dass sich die Medien - soweit wir hier von den größeren Organen eines professionellen Journalismus sprechen - mehr zurücknehmen. Ich plädiere für mehr Bescheidenheit, für das Zulassen von Zweifeln, für eine Kultur des Zweifels. Für das Abweichen vom Mono-Ton, für den zumindest versuchsweisen Widerspruch gegen die bei uns hegemonialen Erzählungen.

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