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Judith Wonke | 11.01.2018 | 316 Aufrufe | 1 | Interviews

Vereine zwischen "Germanisierung" und "Polonisierung"

Interview mit Thomas Urban zum Fußball in Ostoberschlesien

Am 1. September 1939 marschiert die Deutsche Wehrmacht in Polen ein, das Land wird besetzt und zerschlagen. Die westlichen und nordwestlichen Regionen gehen an das Deutsche Reich, in den besetzten Gebieten werden Institutionen, Gesellschaften und Vereine auflöst. Eine Ausnahme bilden einige Sportclubs, die unter deutscher Leitung fortbestehen. Thomas Urban beschäftigt sich mit Vereinen in Ostoberschlesien und geht im Interview unter anderem darauf ein, inwiefern der Fußball ein Abbild der Politik ist. Außerdem beantwortet er Fragen nach dem Umgang mit nationaler Zugehörigkeit, schließlich wurde erst im Versailler Vertrag die Teilung Oberschlesiens und die Zugehörigkeit Ostoberschlesiens zu Polen beschlossen. 

"Polnische kommissarische Leitungen"

L.I.S.A.: Infolge des Versailler Vertrags wurde nach dem Ersten Weltkrieg die Teilung Oberschlesiens beschlossen, Ostoberschlesien wurde Polen zugesprochen. Wie wirkte sich dieser Anschluss auf die Vereine aus?

Urban: Es entstanden zahlreiche neue polnische Vereine; zum Teil übernahmen sie die Sportanlagen und Vereinsheime von deutschen Clubs, die sich unter politischem Druck aufgelöst hatten. Das Gros der bereits bestehenden Fußballvereine beantragte, weiterhin dem Südostdeutschen Fußballverband innerhalb des DFB anzugehören. Der DFB lehnte dies unter Verweis auf sein Statut ab, nachdem er nur Mitglieder aus dem deutschen Hoheitsgebiet aufnehmen konnte. Die neue polnische Obrigkeit sah die letztlich abgelehnten Anträge an den DFB als feindliche Akte an. Die Vereine sollten durch administrativen Druck (Geldbußen, Enteignungen) zur Auflösung gezwungen werden, was bei der Mehrzahl auch gelang. Ein Teil bekam polnische kommissarische Leitungen, darunter der Verein für Rasenspiele Königshütte, einer der stärksten Clubs der Region. Der VfR musste auch einen polnischen Namen annehmen, er hieß fortan Amatorski Klub Sportowy (AKS). Aus Preußen Kattowitz wurde der 1. FC Katowice.

Im polnischen Fußballverband PZPN setzte sich schließlich ein Kompromiss durch: Die vormals deutschen Vereine, die den wirtschaftlichen und administrativen Druck überlebten, durften in den polnischen Ligen spielen. Doch zieht sich durch die Vereinsgeschichten eine Welle von Klagen wegen offenkundiger und systematischer Benachteiligung durch Schiedsrichter und Verbandsführungen. Der Druck war offenbar politisch gewollt: Der kurzzeitige polnische Premierminister Władysław Sikorski gab 1923 die Parole aus, Ostoberschlesien müsse möglichst rasch „entdeutscht“ werden. Dabei hatten beim Plebiszit über die politische Zukunft der Region zwei Jahre zuvor in Kattowitz 85, in Königshütte 75 Prozent der Wähler für den Verbleib beim Deutschen Reich gestimmt. Der oberste Verwaltungschef der Region war seit 1926 der Wojewode Michał Grażyński, ein polnischer Nationalist, der in den Deutschen einen „Erbfeind“ sah.

Für die Presse der deutschen Volksgruppe in Polen stand fest, dass der 1. FC Kattowitz bei der polnischen Meisterschaft 1927 durch bewusste Fehlentscheidungen der Schiedsrichter um den Titel gebracht wurde. Er wurde nur Vizemeister hinter Wisła Krakau, hinter der nationalpolnische Gruppierungen standen. Die Benachteiligung der deutschen Clubs, die einherging mit allgemeinem starken Druck auf die deutsche Volksgruppe, war allerdings kontraproduktiv: Sie beförderte nationalistische Stimmungen unter den Deutschen, vor allem Sympathien für die NSDAP. 1930 übernahm eine Gruppe junger deutscher Nationalisten den 1. FC, geführt von dem Speditionskaufmann Georg Joschke, der heimlich Kontakte zur NSDAP unterhielt.

"Periode der Korruption, der Kriminalität und des wirtschaftlichen Misserfolgs"

L.I.S.A.: Wie verändert sich die Situation der Vereine durch den Anschluss Oberschlesiens an das Deutsche Reich 1939? Wie ging man mit der „polnischen Vergangenheit“ um?

Urban: Die nach 1920 gegründeten polnischen Vereine wurden aufgelöst, ihr Vermögen beschlagnahmt, viele ihrer Präsidiumsmitglieder kamen ins KZ, wo ein Teil von ihnen den Tod fand. Die vormals deutschen, dann aber polonisierten Vereine kehrten zu ihren ursprünglichen Namen zurück. Den Spielern – meist zweisprachige Oberschlesier – war es verboten, Polnisch zu reden. Die „Polenzeit“ wurde in der gleichgeschalteten Presse als Periode der Korruption, der Kriminalität und des wirtschaftlichen Misserfolgs dargestellt. Auch die polnische Liga sei von Korruption geprägt gewesen, viele Spieler hätten Partien für die Wettbüros manipuliert, außerdem seien Besäufnisse nach den Spielen an der Tagesordnung gewesen. Die nun wieder germanisierten Vereine spielten in den deutschen Ligen und konnten sich für die Endrunde der deutschen Meisterschaft qualifizieren. Reichstrainer Josef Herberger führte in Kattowitz mehrere Sichtungslehrgänge für oberschlesische Spieler durch, darunter sieben ehemalige polnische Nationalspieler. Doch nur einer von ihnen, der Torschützenkönig Ernst Willimowski, schaffte es in die deutsche Nationalmannschaft. In acht Partien erzielte er 13 Tore. Er verdrängte aus der deutschen Elf den späteren Bundestrainer Helmut Schön.

"Einen Sonderstatus hatten die Vereine nicht"

L.I.S.A.: Hatten die Vereine, die ehemals deutsch waren, nach dem Anschluss an das Deutsche Reich einen „Sonderstatus“?

Urban: Zwar wurde ihr „Kampf für das Deutschtum“ propagandistisch herausgestellt, doch einen Sonderstatus hatten die Vereine nicht, mit einer Ausnahme: Der 1. FC Kattowitz, der zum Symbol für die deutsche Volksgruppe in Polen geworden war, durfte in der obersten Liga Oberschlesiens spielen, obwohl er durch seine Leistungen dafür nicht qualifiziert war. Der Vorsitzende des 1. FC, Georg Joschke, hatte eine Gruppe von Saboteuren angeführt, die den Einmarsch der Wehrmacht am 1. September 1939 vorbereiteten. Er wurde NSDAP-Kreisleiter von Kattowitz. Er ordnete drei ehemalige polnische Nationalspieler zum 1. FC ab, um ihn zu verstärken. Einer davon war Ernst Willimowski; da dieser sich aber nicht für die NS-Propaganda einspannen ließ, geriet er in Konflikt mit Joschke und verließ den Club in Richtung Chemnitz.

"Es gab kein einziges Länderspiel"

L.I.S.A.: Inwiefern ist der Fußball als populärste Sportart ein Abbild der Politik und wie wurden die Spieler für politische Zwecke instrumentalisiert?

Urban: In den 1920er Jahren standen viele der zweisprachigen Oberschlesier vor dem Dilemma, dass sie sich erklären mussten, ob sie Deutsche oder Polen seien. In gleicher Weise wurden von der neuen polnischen Obrigkeit die Vereine behandelt. Als der 1. FC Kattowitz 1927 kurz vor dem Gewinn der polnischen Meisterschaft stand, ging an die Behörden die Anweisung, dies zu verhindern. Auch waren die Beziehungen zwischen der Weimarer Republik und Warschau wegen des Streits um Oberschlesien und Danzig überaus angespannt, was sich auf die Fußballbeziehungen auswirkte: Es gab kein einziges Länderspiel.

Überraschenderweise entspannten sich die deutsch-polnischen Beziehungen zunächst nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Im Dezember 1933 wurde in Berlin das erste Länderspiel zwischen Deutschland und Polen ausgetragen auf der Ehrentribüne saß Propagandaminister Josef Goebbels neben dem polnischen Botschafter Józef Lipski. Diese Entspannung zwischen Berlin und Warschau hielt bis 1938 an, so dass beispielsweise Briten und Franzosen die Polen bereits als Verbündete des III. Reichs sahen. Es gab fünf weitere Länderspiele, zu denen jeweils auch Tausende von Fans der Gastmannschaft mit Sonderzügen anreisten. Bis auf ein Unentschieden gewannen allerdings die Deutschen alle Partien. In der polnischen Nationalmannschaft wurde sogar einem Angehörigen der deutschen Minderheit, dem Posener Friedrich Scherfke, vorübergehend das Amt des Mannschafskapitäns übertragen – in den  1920-er Jahren wäre dies nicht möglich gewesen. Da Polen sich nicht am Krieg der Deutschen gegen die Sowjetunion beteiligen wollte, beschloss Hitler, es als erstes Land anzugreifen. Während der deutschen Besatzung war den Polen Fußballspielen verboten, es gab nur eine Meisterschaft der Besatzerclubs. Polen galten als „slawische Untermenschen“.

"Historische Diskurs wird von einer nationalpatriotischen Strömung dominiert"

L.I.S.A.: Auf welches Quellenmaterial beziehen Sie sich in Ihren Forschungen?

Urban: Zeitgenössische polnische und deutsche Presseartikel, Vereinschroniken, Memoiren, historiografische Studien, Interviews von Kindern und Enkeln der Akteure.

L.I.S.A.: Wie gehen die Vereine heute mit ihrer Geschichte der wechselnden nationalen Zugehörigkeit um?

Urban: Sehr zögerlich. Die politische Sportgeschichte steckt in Polen noch in den Kinderschuhen, überdies wird der heutige historische Diskurs von einer nationalpatriotischen Strömung dominiert, die die deutsche Vergangenheit eines beträchtlichen Teils des heutigen Polens am liebsten ignorieren würde.

Thomas Urban hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Dr. Fred Brande | 12.01.2018 | 23:49 Uhr
"Da Polen sich nicht am Krieg der Deutschen gegen die Sowjetunion beteiligen wollte, beschloss Hitler, es als erstes Land anzugreifen."

Der Autor formuliert, als ob viele dies wüssten. Mir jedenfalls wäre es neu. Was sind die Quellen?

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