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Georgios Chatzoudis | 13.08.2013 | 3151 Aufrufe | Interviews

"Unterhaltsam, aber mit kritischer Distanz"

Interview mit Robert Gordian über historische Romane

Robert Gordian ist ein deutscher Schriftsteller und verfasst seit den 1990er Jahren historische Romane und Erzählungen. In seinem aktuellen Buch "Wären sie früher gestorben..." schildert er den Lebensweg von großen Persönlichkeiten - jedoch kontrafaktisch: Alle sterben, bevor sie ihre weltgeschichtliche Rolle spielen können. Wir wollten von Robert Gordian nun wissen, was einen historischen Roman ausmacht. Wie recherchiert ein Autor historischer Romane? Und wie verhält sich dabei wissenschaftliche Geschichtsschreibung zu populärer Geschichtsliteratur?

Robert Gordian

"Die Hauptaufgabe des Romanschriftstellers"

L.I.S.A.: Herr Gordian, Sie schreiben Historische Romane. Was macht einen guten Historischen Roman aus Ihrer Sicht aus?

Gordian: In einem guten historischen Roman sollte, denke ich, der Autor unterhaltsam, aber auch mit kritischer Distanz das Wesen einer Epoche erfassen und darstellen. Es genügt nicht, irgendeine Alltagsgeschichte zu erfinden, die im alten Ägypten, in Rom oder im deutschem Mittelalter spielt und sie mit aus Sachbüchern und Katalogen zusammengesuchten historischen  Bauten, Requisiten und Kostümen zu dekorieren.

Ich will bei der Lektüre Aufklärung darüber erhalten, wie die in einer bestimmten Epoche handelnden bzw. zum Handeln berufenen oder genötigten Personen mit den vorgefundenen Verhältnissen umgingen und sie, wenn sie die Energie und die Macht hatten, nutzten oder änderten. Dabei sollte der Autor auch immer beachten, dass die Darstellung und Beurteilung historischer Handlungen und Personen nur sehr bedingt auf der Basis der Erkenntnisse und Forschungsergebnisse seiner eigenen Zeit wahr und echt wird.  Sonst wird es ein Tendenz-Roman wie etwa „Quo vadis“, der zwar seinem Autor seinerzeit den Nobelpreis einbrachte, aber heute in seiner penetranten Einseitigkeit kaum noch lesbar ist. Als positives Beispiel setze ich dagegen „Ich, Claudius, Kaiser und Gott“ von Ranke-Graves.

Sehr wichtig bei der Vorbereitung eines Roman-Projekts ist die gründliche Auswertung und Interpretation der Quellen. Sie geben uns in den meisten Fällen Auskunft über die Vorgänge auf der sog. Königsebene, und so ist dies auch der geeignete und beste Schauplatz für historische Belletristik. Dabei sind die Quellen oft unzulänglich, lückenhaft und ihrerseits schon tendenziös. Hier sehe ich die Hauptaufgabe des Romanschriftstellers. Er kann den Leser nicht mit Fragmenten, Andeutungen und Stichworten abspeisen. Während der Wissenschaftler sich streng an das Vorgefundene halten muss, ist es seine Aufgabe, Charaktere zu schaffen, Menschen „aus Fleisch und Blut“ zu modellieren und die Motive für deren Aktionen glaubhaft darzustellen. Hier sind sein Erfindungsgeist, aber auch sein Respekt vor dem „Fremden“ gefragt.

In meinen eigenen Romanen habe ich versucht, Herrscherpersönlichkeiten der Geschichte lebendig zu machen, indem ich ihre Frauen (die gewöhnlich  in den Quellen nur am Rande erscheinen) an ihre Seite oder sogar in den Mittelpunkt rückte. Es entspricht auch meiner Überzeugung, dass starke Frauen (z.B. die Livia des Augustus, Mutter des Tiberius) eine überragende Rolle in der Politik gespielt und die geschichtliche Entwicklung wesentlich mitgeprägt haben. Hier gibt es besonders für die Romanautoren noch viel zu entdecken.

"Der hundertste Schauplatz der ,Varus-Schlacht'"

L.I.S.A.: Inwieweit entsprechen Historische Romane der aktuellen historischen Forschung?

Gordian: Sie sollten der Forschung nicht meilenweit hinterher hinken, doch ist es nicht die Aufgabe des Romanautors, wissenschaftliche Erkenntnisse zu illustrieren. Auch unter Gelehrten setzen sich ja diese neuen Erkenntnisse oft nur mühsam durch. Einer schreibt lieber vom anderen ab, das ist sicherer. Gelegentlich kommt es sogar zu einem Aufschrei der Empörung, wenn als unerschütterlich Geglaubtes (und Publiziertes!) in Frage gestellt wird, und der freche Fragesteller wird zum Paria unter seinen Kollegen.

Umgekehrt funktioniert das überhaupt nicht. Wenn ein Romanschriftsteller bei der Darstellung seiner Figuren und Ereignisse das tradierte Denkmodell hinterfragt, wird das von der Wissenschaft nicht zur Kenntnis genommen. Beispiel: die neuerdings zur Varus-Schlacht gewordene Hermannsschlacht im Teutoburger Wald. Vor vier Jahren war 2000. Jubiläum. Ich hatte in zwei Romanen (der letzte, „Die Germanin“ erschien im Jubiläumsjahr in einem Wissenschaftsverlag) eine neue Interpretation der Rolle des Segestes (Arminius´ Schwiegervater) angeboten. Jahrhundertelang galt er als verachteter Gegenspieler des Freiheitshelden, als „Römling“, als Verräter, als Kollaborateur. Für mich war er ein weit blickender Mann mit politischem Verstand, der die schlimmen Folgen des Hinauswurfs der Römer für die germanischen Stämme voraussah. In der öffentlichen Auseinandersetzung spielte das aber keine Rolle. Zu meiner Lesung in Kalkriese erschien kein einziger Wissenschaftler aus Hannover oder Osnabrück. Man putzte das Heldendenkmal auf der Grotenburg und mit Büchern, Ausstellungen, Festreden usw. wurde und wird noch immer der fragwürdige Sieg bejubelt.

Aufregung gab es indessen, als eine römische Gesichtsmaske ausgegraben wurde. Gleich war unter viel Gezänk ein neuer, der hundertste  Schauplatz der „Varus-Schlacht“ gefunden. Das war der Hauptpunkt der Auseinandersetzungen im Jubiläumsjahr, das neueste Forschungsergebnis.

Ich denke, dass es für die historische Belletristik ohne Bedeutung ist, ob Varus mit seinen Legionen bei Kalkriese oder ein paar Kilometer  entfernt, bei Osnabrück oder bei Detmold, unterging.

"Uchronie ist umstritten"

L.I.S.A.: Ihr aktuelles Buch nimmt genau den entscheidenden Punkt Historischer Romane in den Blickpunkt – kontrafaktische Geschichte. Sehen Sie das auch so?

Gordian: Die so genannte Uchronie ist umstritten und das meiste, was von klugen Köpfen dafür oder dagegen vorgebracht wird, kann man unterschreiben. Zur Theorie weiß ich dazu nichts Neues vorzubringen. Hypothetisches, Kontrafaktisches ist nun einmal, da auf Annahmen beruhend, vom streng wissenschaftlichen Standpunkt fragwürdig, für viele sogar unseriös.

Dennoch sehe ich einen großen Nutzen darin, sich die Frage zu stellen, wie sich Geschichte von einem bestimmten Zeitpunkt an anders hätte entwickeln können. Der Verlauf der Geschichte ist keine Einbahnstraße, in der es immer geradeaus und voran geht und es höchstens mal einen Stau oder einen Unfall gibt. Beispiel: Die Geschichtswissenschaft der DDR. Die Einbahnstraße führte dort von der Sklavenhaltergesellschaft zum Feudalismus, und dann ging es weiter mit Kapitalismus, Imperialismus, Sozialismus und endlich und unvermeidbar zum  Kommunismus. Diese Historiker erklärten schon die DDR zum „Sieger der Geschichte“. Das alles wurde in wenigen Wochen des Jahres 1989 Makulatur. Zwei Generationen von Wissenschaftlern, natürlich unter politischem Druck stehend, hatten Unsinn gepredigt. Und das Kuriose: Gleich trat auch im Westen einer auf und verkündete pathetisch „The End of History“. Inzwischen ist auch er umgefallen. Dann kamen nämlich die Balkankriege, Irak, Afghanistan, die Islamisten, die Globalisierung …
  
Gegen diese Krankheit der Erklärung des historischen Geschehens nach ehernen Gesetzen, die von den Menschen nur beachtet werden müssen, um zu einem „Ziel“ zu führen, ist die kontrafaktische Geschichtsbetrachtung erholsam und nützlich. Sie ruft dazu auf, mit einem freien Blick, der nicht durch die Müllberge immer wieder aufgetürmter Fakten und Behauptungen versperrt ist, die Vergangenheit zu betrachten. Sie verlangt auch, die Verhältnisse genau zu studieren, um die Aktionen der damals Lebenden kritisch beurteilen zu können. Das kann vor allem ein Anreiz für die Jugend sein, sich wieder mehr mit Geschichte zu befassen. Warum soll sich ein Schüler oder Student nicht die Frage stellen: Wie hätte ich in dieser oder jener Situation als Augustus, Kaiser Karl oder Luther gehandelt? Und käme ich zu einer anderen Lösung seines Problems – was wäre dann wohl weiter geschehen? Hätte ich die Welt verändern können?

Dieses freie Denken bei der Betrachtung von Geschichte anzuregen und zu fördern, sind meines Erachtens kontrafaktische Romane und Erzählungen nützlich.

Robert Gordians neuestes Werk "Wären sie früher gestorben … - Siebzehn kontrafaktische historische Erzählungen"

"Das Erscheinen einer prägenden Persönlichkeit"

L.I.S.A.: Warum haben Sie die Persönlichkeiten, über die Sie in Ihrem neuen Buch schreiben, frühzeitig sterben lassen?

Gordian: Warum sie frühzeitig sterben lassen? Vordergründig ist das natürlich ein literarischer Effekt, man hätte sie ja auch in lebendem Zustand vom Hauptschauplatz der Geschichte fernhalten oder (wie im Fall Mark Aurel, dem einzigen in der Reihe) den Lebenden zu einer anderen, den Gang der Dinge stark beeinflussenden Entscheidung bringen können.

Wichtig ist mir der Hinweis darauf, dass das Erscheinen einer prägenden Persönlichkeit im „magischen“ Augenblick ein epochales Geschehen herbeiführen kann. Welche Rolle hätte wohl der kleine korsische Artillerieoffizier Napolione Buonaparte in der Weltgeschichte gespielt, wäre er zehn Jahre früher oder später in Toulon und Paris aufgetreten? Keine. Er hätte den richtigen Zeitpunkt „verpasst“. Die Geschichte Europas und der Welt wäre anders verlaufen.

Immer wieder gibt es Historiker, die glauben, klüger zu sein, wenn sie die Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte möglichst klein lassen oder herunterspielen. Auch ihnen mag kontrafaktisch geholfen werden. Ich denke, es kann ihnen nur nützlich sein, mal ein fest geschlossenes Schubfach mit der Aufschrift „Napoleonische oder Elizabethanische Epoche“, aus dem sie sich sonst nur mechanisch bedient hatten, weil drinnen alles unverrückbar fest lag, zu öffnen und hinaus zu werfen, was verzichtbar wäre – wenn auch nur hypothetisch.

Gerade in unseren Tagen erleben wir, wie fatal das Fehlen charismatischer Führerpersönlichkeiten ist, die in der Lage sind, z. B den Zorn der Massen in den arabischen Ländern zu kanalisieren und die reichlich vorhandene Quantität in eine neue Qualität zu überführen.

In Griechenland und Spanien sehe ich eine revolutionäre Situation heranreifen. Aber wo sind die Führer, die an die Spitze treten und das nutzbar machen können? (In Griechenland gibt es vielleicht einen, aber er kommt noch nicht recht aus der Deckung). Die Energie der Massen verpufft, die Verwalter und Buchhalter in Brüssel und Berlin können unbesorgt sein.
Andererseits: Ich konnte  schon bei meinen Recherchen zu den Erzählungen feststellen, dass die Auftritte der „großen Männer“ zur rechten Zeit, am rechten Ort nicht nur im Falle Adolf Hitler schlimme Folgen zeitigten. So kann man dann auch wieder von Glück sagen, wenn  im „magischen Augenblick“ keiner da ist.

"Kontrafaktische Geschichtsbetrachtung „hoffähig“ zu machen"

L.I.S.A.: Warum kann es sinnvoll sein, Geschichte gegen die Fakten zu denken und zu erzählen?

Gordian: Es könnte sehr sinnvoll und nützlich sein, wenn sich z.B. Politiker dieser Methode bedienten. Wenn sie sich die Frage stellten: Was würde damals geschehen sein, wenn der Kaiser, der König, der Feldherr anders gehandelt hätte? Die Geschichte der Völker enthält unzählige Ereignisse und Situationen, die heutigen Vorgängen ähnlich sind und zu denen Entscheidungen getroffen wurden, die man heute studieren, auswerten und berücksichtigen könnte. Dies auch nach der kontrafaktischen Methode. Manche folgenschwere Fehlentscheidung würde vielleicht unterbleiben. Doch es ist wohl illusorisch zu denken, dass sich stressgeplagte Politiker dafür Zeit nehmen könnten. Vielleicht wird es das mal in der Zukunft geben, wenn es uns gelingt, die kontrafaktische Geschichtsbetrachtung „hoffähig“ zu machen.

Robert Gordian hat die Fragen der L.I.S.A.-Redaktion schriftlich beantwortet.

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