Registrieren
merken
Georgios Chatzoudis | 01.03.2016 | 1314 Aufrufe | Interviews

"Ein Universalgelehrter postmoderner Prägung"

Interview mit Winfried Nöth zum Tod von Umberto Eco

Am 19. Februar ist Umberto Eco im Alter von 84 Jahren in Mailand gestorben. Er gehörte zu den bekanntesten Geisteswissenschaftlern unserer Zeit. In ihm verband sich der Universalgelehrte mit dem Popstar. Seine Vorlesungen am Lehrstuhl für Semiotik der Universität Bologna waren nach dem weltweiten Erfolg seiner Romane "Der Name der Rose" und "Das Foucaultsche Pendel" - so erinnern sich viele seiner früheren Studenten - wahre Touristenattraktionen, in die Besucher aus aller Welt ein- und ausmarschierten. In unserem Interview mit dem Linguisten und Semiotiker, aber auch Weggefährten Ecos, Prof. Dr. Winfried Nöth, möchten wir dagegen vor allem an den Wissenschaftler Umberto Eco erinnern.

Umberto Eco in his house, 2010.

"Aufmerksam zugehört und persönlich kommentiert"

L.I.S.A.: Herr Professor Nöth, am 19. Februar ist mit Umberto Eco, der wohl bekannteste zeitgenössische Semiotiker, im Alter von 84 Jahren gestorben. Wie erinnern Sie sich an Umberto Eco?  

Prof. Nöth: Meine persönlichen Erinnerungen an Umberto Eco reichen bis in das Jahr 1969 zurück. Als junger Doktorand erlebte ich den damals in Deutschland noch ziemlich unbekannten Eco bei einem Gastvortrag in Bochum. In einem anschließenden Gespräch interessierte er sich für das Thema meine Doktorarbeit und gab mir zu ihm hilfreiche Ratschläge. Mir ist in Erinnerung, dass Eco mir mehr zur Lektüre anderer Autoren riet als zu seinen eigenen einschlägigen Arbeiten, die ich aber von da an entgegen seinem Rat mehr zu studieren begann als jene anderen. Erst 1987 traf ich den nun bereits berühmten Eco persönlich wieder, nämlich anlässlich des Deutsch-Italienischen Symposiums für Semiotische Studien in Stuttgart, zu dem Eco mit seinem unvergesslichen Vortrag über die „Unmöglichkeit einer Kunst des Vergessens“ seinen denkwürdigen Beitrag leistete. Von da an begegnete ich Eco bei zahlreichen internationalen Kolloquien und Kongressen.  

Prof. i.R. Dr. Winfried Nöth, Fachgebiet Linguistik - Semiotik, Universität Kassel

Eco zählte zu den Lesern meines Handbook of Semiotics, das er 1991 dem Verlag Bompiani zur Übersetzung ins Italienische vorschlug. Die für mich eindrucksvollste Begegnung mit ihm verdankte ich seiner Einladung zu seinem zehntägigen Geburtstagskolloquium im Château de Cerisy-La-Salle in der Normandie, 1996. Der Jubilar ließ es sich nicht nehmen, jedem einzelnen der später unter dem Titel Au nom du sens veröffentlichten sechsunddreißig Vorträge über sein Werk aufmerksam zuzuhören und sie persönlich zu kommentieren. Obwohl sich mein eigener Beitrag kritisch mit seiner „semiotische Schwelle“ auseinandersetzte, fand Eco nur gute Worte für meine moderate Kritik an einer seiner frühen Hauptthesen zu den Grenzen des semiotischen Forschungsprogrammes.

"Ecos Romane und Essays handeln immer auch von Zeichenprozessen"

L.I.S.A.: Sie haben in ihrem „Handbuch der Semiotik“ unter anderem die wichtigsten Vertreter dieser Disziplin vorgestellt. Wie sähe heute ein Eintrag über Umberto Eco aus?  

Prof. Nöth: In meinem Handbuch aus dem Jahr 2000 ist Umberto Eco ein Kapitel gewidmet, das heute noch aktuell ist, da Ecos wichtigste Beiträge zur theoretischen und angewandten Semiotik damals schon erschienen waren. Insofern es aber in Ecos Gesamtwerk stets, wenn auch manchmal nur implizit, um semiotische Fragen geht, wo Ecos Romane und Essays doch immer auch von Zeichenprozessen handeln, wären heute wohl noch einige ergänzende Bemerkungen zu einigen seiner späteren Romane angebracht.

"Für den Strukturalisten Eco ist stets das Prinzip der Differenz relevant"

L.I.S.A.: Was war Umberto Ecos wichtigster Beitrag für die Semiotik?  

Prof. Nöth: Umberto Eco hat eigentlich keine ureigene semiotische Theorie oder gar Schule begründet. Die Bedeutung seines Beitrags zur Semiotik liegt in der Originalität seiner Herangehensweisen, seiner rhetorischen Brillanz und in dem enorm breiten historischen und thematischen Spektrum seiner vielen zeichentheoretischen Reflexionen und Analysen. „Alles, was ich geschrieben habe, lässt sich auf die folgende Formel bringen: ein hartnäckiger Versuch, die Mechanismen zu verstehen, durch die wir der Welt um uns herum Bedeutung geben“, resümiert er 1986 in der Newsweek sein Lebenswerk. Dabei war Eco ein Meister der Paradoxie und der Heuristik der Provokation durch das Gegenteil, immer wieder auch der Provokation durch Überraschendes und Unerwartetes.

Gleich nachdem er sich mit Fragen der Ästhetik des Mittelalters befasst hatte, wandte sich Eco dem damals erklärtermaßen ahistorischen Strukturalismus zu. Die Summa seiner ersten großen Auseinandersetzung mit dem Strukturalismus veröffentlichte er dann aber unter einem Titel, welcher die Abwesenheit der Struktur verkündete (La struttura assente). Auch der Gedächtniskunst nähert er sich über ihr Gegenteil an, nämlich in seinem Traktat über die Unmöglichkeit einer Kunst des Vergessens. Für den Strukturalisten Eco ist stets das Prinzip der Differenz relevant, wonach sich der Sinn eines Zeichenphänomens immer auch durch das Gegenteil desselben erschließt. So war es z.B. auch nur folgerichtig, wenn Eco seiner Geschichte der Schönheit eine Geschichte der Hässlichkeit folgen ließ.

"Semiotische Philosophie meisterhaft in Romane mit einfließen lassen"

L.I.S.A.: Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit war Eco auch ein Bestsellerautor. Sein bekanntestes Buch war „Der Name der Rose“. War es aber auch gleichzeitig sein „semiotischster“ Roman? Oder ist hier eher an sein Werk „Das Foucaultsche Pendel“ zu erinnern?  

Prof. Nöth: Alle Romane Umberto Ecos sind auch semiotische Romane, denn immer geht es in ihnen auch um das Senden und Entziffern von Zeichen. Die Kunst des Schriftstellers Eco bestand darin, seine semiotische Philosophie meisterhaft in seine Romane mit einfließen zu lassen, ohne dass diesen jemals nachgesagt werden konnte, sie seien Professoren­romane.  

Am tiefsten ist wohl Ecos Name der Rose von semiotischem Gedankengut durchdrungen. Umso mehr hat es ja auch die Kritiker überrascht, dass gerade dieser Roman zu seinem größten Bucherfolg wurde, zumal er doch ein mittelalterliches Szenario hat. Eines der großen Verdienste Ecos war es sicherlich, die Aktualität und zugleich Universalität der Semiotik auf diese beeindruckende Weise unter Beweis gestellt zu haben.  

"Die Spannweite von Ecos Reflexionen umfasst stets auch das Antipodische"

L.I.S.A.: Die Semiotik wurde lange als eine Art Nebendisziplin der Linguistik betrieben. Heute aber leben wir mehr denn je in einer Welt der Zeichen, in der Bildhaftigkeit alle anderen Formen kultureller Gegenständlichkeit zu überlagern scheint. Was kann die Semiotik heute zum Verständnis unserer Gegenwart beitragen? Inwieweit hat Eco den Weg dazu bereitet?  

Prof. Nöth: Umberto Ecos Semiotik ist jedenfalls niemals eine Nebendisziplin der Linguistik gewesen, auch wenn sie in ihren Grundlagen von Elementen und Prinzipien der strukturalistischen Linguistik verpflichtet ist. Sie ist eine Kultursemiotik, welche ihren Autor in die Lage versetzte, Zeichen von Kunst und Architektur, Medien und Alltagslebens, philosophischer Ideen und politischer Realität überzeugend zu deuten. Die Spannweite von Ecos Reflexionen umfasst stets auch das Antipodische. Von profanen Spiegeln im häuslichen Ambiente reicht sie bis zur Spekulativen Grammatik der Scholastiker, von der Literatur und Musik der Avantgarde seines Jahrhunderts bis zur den James-Bond-Romanen seiner Gegenwart, von den Schönheiten der klassischen Malerei zu den bizarren Gestalten der Comic-Hefte. Dabei hat sich Eco hat sich weder mit den Apokalyptiker noch mit den Integrierten seiner Zeit identifiziert, die glaubten, über Rezepte zur Verurteilung oder Glorifizierung der Kultur der Gegenwart zu haben.

Umberto Eco hat der Semiotik den Weg in das 21. Jahrhundert gebahnt. Er war ein Universalgelehrter postmoderner Prägung. Sein Beweis von der Unmöglichkeit einer Kunst des Vergessens überzeugt nicht zuletzt auch hinsichtlich dessen, was unsere Erinnerungen an sein Lebenswerk angeht.     

Prof. Dr. Winfried Nöth hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar erstellen

17DWL5