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Georgios Chatzoudis | 03.05.2020 | 452 Aufrufe | Interviews

"Die CDU akzeptierte die Führungsrolle der SED"

Interview mit Bertram Triebel über die Geschichte der CDU in Thüringen

Die Christdemokraten in Deutschland haben auch eine deutsch-deutsche, eine doppelte bzw. eine geteilte Geschichte. Es gab und gibt nach wie vor eine CDU in der Bundesrepublik und es gab eine in der DDR, die abfällig auch als Blockflötenpartei bezeichnet wurde. Im von der SED geführten Staat galt sie dem Westen lediglich als Alibieinrichtung der DDR. Der Historiker Dr. Bertram Triebel hat sich die Geschichte der CDU in Thüringen näher angeschaut und kommt dabei zu dem Schluss, dass auch eine Blockpartei wie die CDU im Osten ein Eigeninteresse verfolgen konnte. Wie, dazu haben wir ihm unsere Fragen gestellt.

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"Geschichte der CDU als Blockpartei in der DDR ist bislang kaum erforscht"

L.I.S.A.: Herr Dr. Triebel, Sie haben jüngst ein Buch über die CDU in der DDR veröffentlicht, genauer: über die Thüringer CDU in der SBZ/DDR. Wie kam es zu diesem Buch? Woher rührt Ihr Interesse an diesem Thema?

Dr. Triebel: Der Anstoß kam aus der Politik. Im Umfeld der Landtagswahl in Thüringen im September 2014 stritten sich CDU und Die Linke über die DDR-Vergangenheit beider Parteien. Daraufhin berief die Thüringer CDU eine unabhängige historische Kommission unter Leitung der Professoren Jörg Ganzenmüller (Jena/Weimar) und Hermann Wentker (Berllin/Potsdam) ein. Deren Anliegen war es, die Geschichte der Partei in der SBZ/DDR wissenschaftlich zu untersuchen. Im Auftrag der Kommission habe ich dann die Forschungsarbeit übernommen.

Was ich als Wissenschaftler an dem Thema spannend fand, war die Tatsache, dass die Geschichte der CDU als Blockpartei in der DDR von Mitte der 1950er bis Mitte der 1980er Jahre bislang kaum erforscht wurde. Das gilt nicht nur für Thüringen, sondern für die Geschichte der CDU in der DDR allgemein. Diese Forschungslücke anzugehen, fand ich sehr reizvoll.

"Die CDU sollte nur eingeschränkt Arbeiter aufnehmen"

L.I.S.A.: Der Untertitel des Buchs liest sich beinahe wie ein Resümee Ihrer Untersuchung: Blockpartei mit Eigeninteresse. Natürlich ist das arg verkürzt und bedarf der weiteren Erläuterung. Was zum Beispiel war das konkrete Eigeninteresse der Blockpartei CDU in Thüringen und war es vergleichbar mit dem der christdemokratischen Schwesterparteien in anderen DDR-Bezirken?

Dr. Triebel: Als Blockpartei war die CDU im Thüringer Raum - gemeint sind damit die Bezirke Erfurt, Gera und Suhl nach der Auflösung des Landes Thüringen im Sommer 1952 - der SED politisch untergeordnet. Dieses hierarchische Verhältnis stellten die ansässigen CDU-Funktionäre öffentlich nicht infrage und arbeiteten mit der Staatspartei zusammen. Zugleich verfolgten sie im Rahmen des Systems aber auch die Interessen ihrer Partei. Ein markantes Beispiel dafür ist die Mitgliederwerbung der CDU. Sie wurde von der SED kontrolliert, die der Union auch konkrete Vorgaben machte, so sollte diese nur eingeschränkt Arbeiter aufnehmen. Die CDU-Vertreter waren jedoch bestrebt, so viele Mitglieder wie möglich zu gewinnen, und übergingen daher regelmäßig die Anweisungen.

Zudem interpretierte die CDU im Thüringer Raum ihre Rolle als „Transmissionsriemen“ auf eigene Weise. Eine zentrale Aufgabe der Union war es, die christlichen Bevölkerungskreise in das System zu integrieren. Dazu gehörte aus Sicht der SED jedoch nicht, Belange der Kirchen gegenüber staatlichen Instanzen zu vertreten. Genau das taten Funktionäre der CDU aber immer wieder. Dabei ging es allerdings nicht um grundlegende, die Herrschaftsordnung berührende Fragen, sondern um alltägliche Probleme wie Hilfe bei der Sanierung von Kirchengebäuden.

Diese Verhaltensweisen der Funktionäre, eigene Akzente im Rahmen des Systems zu setzen, sind nicht auf die CDU im Thüringer Raum beschränkt, sondern lassen sich auch bei den Verbänden in anderen Regionen feststellen.

Plakat zur Mitgliederwerbung der CDU in der SBZ, 1946 (Archiv für Christlich-Demokratische Politik (ACDP), Plakatsammlung, 10-024-170)

"Jakob Kaiser verurteilte die Entwicklung zur Blockpartei"

L.I.S.A.: Interessant sind vor allem die Anfänge der CDU auf dem Gebiet der früheren DDR, als diese noch SBZ hieß. Blickt man auf die politische Ausrichtung der CDU - was kostete die Gründung der DDR die CDU? Was musste man aufgeben, was gewann man aber auch vielleicht auch als Christdemokrat? Und wie nah stand man damals dem „Flügel Jakob Kaiser“ der West-CDU?

Dr. Triebel: Der Wandel der CDU in der SBZ und frühen DDR zu einer nachgeordneten Blockpartei war ein mehrjähriger und konfliktreicher Prozess. Am Anfang stand die Absetzung von Jakob Kaiser als Parteivorsitzender unter Druck der sowjetischen Besatzungsmacht im Dezember 1947. Mit seinem Konzept des „christlichen Sozialismus“ hatte der frühere Gewerkschafter die CDU als Alternative zur SED profiliert, deren Führungsanspruch er entschieden ablehnte. Nach Kaisers Ablösung verfolgte man dann landesweit seine Anhänger in der Partei, auch in Thüringen.

Gleichzeitig rückten CDU-Politiker in Führungsämter vor, die sich für eine Zusammenarbeit mit SED und sowjetischer Besatzungsmacht aussprachen. Sie trieben die Transformation der CDU voran, die einen hohen Preis für die Partei hatte. Die Union ersetzte ihre demokratische durch eine zentralistische Organisation im Stil einer kommunistischen Kaderpartei. Zudem akzeptierte die CDU die Führungsrolle der SED, womit sie auch ihr programmatisches Profil einbüßte. Einzig der christliche Bezug erinnerte noch an die eigenständigen Anfänge der Partei unmittelbar nach dem Krieg. Mit der Transformation verlor die CDU bis Ende der 1950er Jahre auch massiv an Mitgliedern, von denen sich viele den Ideen von Jakob Kaiser verbunden fühlten.

Kaiser selbst verurteilte die Entwicklung zur Blockpartei und sprach deren Führung die Legitimität ab. Daher unterstützte er mit seinem „Ostbüro“ in West-Berlin die ihm nahestehenden CDU-Mitglieder in der SBZ und frühen DDR. Die CDU-Spitze in der DDR wiederum grenzte sich scharf von Kaiser und seinen Aktivitäten ab.

Delegiertenkonferenz des CDU-Bezirksverbandes Gera, 1975 (KAS/Siegfried Krüger)

"Mitglieder erlebten ihre Ortsgruppe als eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten"

L.I.S.A.: Kommen wir noch einmal auf den Begriff des Eigeninteresses zurück, der immerhin suggeriert, die CDU habe innerhalb des Blockparteiensystems der DDR überhaupt ein Eigeninteresse formulieren und verfolgen können. Gab es innerhalb dieses Systems mehr Spielraum für die Parteien im Verhältnis zur SED als gemeinhin angenommen wird?

Dr. Triebel: Als Blockpartei stand die CDU an der Seite der SED. Das bedeutete aber nicht, dass sie der Staatspartei bedingungslos folgte. In den Grenzen des Systems loteten ihre Funktionäre und „einfachen“ Mitglieder immer auch Handlungsspielräume aus. Das Verhalten der Funktionäre habe ich bereits beschrieben. Die Mitglieder wiederum erlebten ihre Ortsgruppe als eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten. In Versammlungen besprachen die „Unionsfreunde“ in ihren Runden bekannte Alltagsprobleme wie die marode Infrastruktur oder Versorgungsmängel offener, ohne das Herrschaftssystem als solches in Frage zu stellten.

Zudem nutzten die Mitglieder die Ortsgruppe, um das heimische Umfeld mit zu gestalten. In Arbeitseinsätzen beteiligten sie sich beispielsweise an der Sanierung einer Straße oder dem Bau eines Kindergartens im Ort, was wiederum ihr Gemeinschaftsgefühl stärkte. In der Regel fand ihr Engagement im Rahmen von staatlichen Wettbewerben der „Nationalen Front“ statt, wobei für die „Unionsfreunde“ die Identifizierung mit ihrer Gemeinde die entscheidende Motivation war.

Plakatentwurf für den Gründungsparteitag der Thüringer CDU, 1990 (ACDP, Plakatsammlung, 10-024-3225)

"In der Führung der Bundes-CDU gab es große Vorbehalte gegenüber der CDU in der DDR"

L.I.S.A.: Ihre Untersuchung endet mit dem Umbruch von 1989/90, der zu einer zweiten Transformation der CDU im Osten führte. Wie erlebte die CDU in Thüringen die Ausweitung des christdemokratischen politischen Spektrums der Bundesrepublik auf ihre Organisation und Programmatik?

Dr. Triebel: Das Zusammengehen von ost- und westdeutscher CDU war schwierig. Die CDU in der DDR wählte auf einem Sonderparteitag im Dezember 1989 eine neue Führung, wandte sich programmatisch vom Sozialismus ab und sprach sich für eine marktwirtschaftliche Ordnung sowie eine Vereinigung Deutschlands aus. Trotz dieser Neuausrichtung gab es in der Führung der Bundes-CDU um Helmut Kohl große Vorbehalte gegenüber der CDU in der DDR, gespeist aus deren systemtragenden Rolle im Staatssozialismus. Weniger Berührungsängste hatten dagegen einige westdeutsche Landesverbände, die schnell den Kontakt zu CDU-Politikern aus der DDR suchten. Beispielsweise besuchten Vertreter der hessischen CDU den Gründungspartei der Thüringer CDU im Januar 1990.

Erst im Vorfeld der ersten freien Volkskammerwahlen in der DDR im März 1990 änderte sich die Haltung der Spitze der Bundes-CDU. Ausschlaggebend für diesen Sinneswandel war die Einsicht, dass die in der DDR neu gegründeten, bürgerlich-konservativen Parteien wie der Demokratische Aufbau (DA) als prädestinierte Partner nicht über die organisatorische Stärke für einen Wahlkampf verfügten. Daher war man nun zu einer Kooperation mit der CDU in der DDR bereit, besaß sie doch entsprechende Strukturen und das benötigte Personal. So kam es zur Gründung des Wahlbündnisses „Allianz für Deutschland“ aus DA, CDU in der DDR und Deutscher Sozialer Union (DSU), die der CSU nahestand. Die westdeutsche CDU unterstützte den Wahlkampf der „Allianz“ massiv, die eine schnelle Einheit Deutschlands anstrebte. Das Wahlbündnis gewann schließlich die Volkskammerwahl deutlich, sodass der Vorsitzende der CDU in der DDR, Lothar de Maizière, Ministerpräsident wurde.

Mit diesem Erfolg verschwand aber nicht die Skepsis gegenüber der ostdeutschen CDU. In den frühen 1990er Jahren stießen nicht nur Medien und andere Parteien Diskussionen über die DDR-Vergangenheit der jeweiligen Landesverbände unter dem Schlagwort der „Blockflöten“ an. Auch innerhalb der Union diskutierte man regelmäßig über dieses Thema. Im Zuge solcher Debatten mussten etliche CDU-Politiker in Ostdeutschland ihre Ämter abgeben, etwa Josef Duchac, der als Ministerpräsident von Thüringen im Januar 1992 zurücktrat. Die Lage in den Landesverbänden beruhigte sich allmählich, als westdeutsche Politiker wie Bernhard Vogel in Thüringen die Führung übernahmen. Dazu trug auch das konsensfähige und bis heute gültige Geschichtsbild der Partei bei, das bei der CDU in der DDR zwischen einer SED-nahen Führung und einer systemkritischen Basis unterscheidet.

Dr. Betram Triebel hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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