Registrieren
merken
Georgios Chatzoudis | 12.03.2011 | 2957 Aufrufe | Interviews

"thawrah, muzaharat, fitnah" - Arabien im Aufbruch

Interview mit Jörg Matthias Determann

Jörg Matthias Determann ist Doktorand der Geschichtswissenschaften an der School of Oriental and African Studies, University of London. Von 2009-2010 war er Gastwissenschaftler am King Faisal Center for Research and Islamic Studies in Riad, Saudi Arabien. Sein Forschungsschwerpunkt: Die Geschichte des Mittleren Ostens, insbesondere der Golfregion und Saudi Arabiens.

Jörg Matthias Determann ist Stipendiat der Gerda Henkel Stiftung. 

Zoom

Jörg Matthias Determann, Stipendiat der Gerda Henkel Stiftung

L.I.S.A.:  Was passiert gerade in der arabischen Welt? In den Medien ist man sich hinsichtlich der Begrifflichkeit nicht einig – zu hören und zu lesen ist von Unruhen, Aufruhr, Aufstand, Widerstand, Umbruch oder gar Bürgerkrieg und Revolution. Wie würden Sie die Entwicklungen bezeichnen? Wie bezeichnen Sie die Araber selbst?

Determann: Der katarische Fernsehsender Al Jazeera spricht in der Regel von „Revolution“ (thawrah) in seiner Berichterstattung der Entwicklungen in Tunesien, Ägypten und Libyen und beschreibt die Ereignisse in Bahrain und Jemen als „Demonstrationen“ (muzaharat). Das ist eine Einschätzung, der ich mich anschließe, obgleich konservativere Stimmen in der Region einige der Ereignisse teilweise sehr negativ, etwa als religiös nicht gestatteten Konflikt (fitnah), beschrieben haben.

L.I.S.A.:  Durch die Berichterstattung gewinnt man den Eindruck, als ob mit den Ereignissen in Tunesien, die zum Sturz Ben Alis führten, in der arabischen Welt ein Dominoeffekt losgetreten worden wäre. Handelt es sich dabei vornehmlich um ein Phänomen in den arabischen Gesellschaften Nordafrikas oder sind auch vergleichbare Entwicklungen im Nahen Osten oder auf der arabischen Halbinsel denkbar?
 
Determann: Die  Demonstrationen in Bahrain und Jemen lassen einen Wechsel an der Regierungsspitze auch in den Staaten der arabischen Halbinsel denkbar erscheinen, allerdings ist die Situation in jedem Land unterschiedlich. In Saudi-Arabien, dem Land, mit dem ich mich am meisten beschäftigt habe, erwarte ich keinen Sturz der Monarchie. Zu stabil erscheinen mir der Staat und die Position der königlichen Familie. Die Revolutionen in Nordafrika sind aber ein pan-arabisches Medienereignis, das auch von vielen Menschen am Golf verfolgt wird und schon Zugeständnisse vieler Regierungen an die Opposition und Zivilgesellschaft, zumindest in Form von größerer Dialogbereitschaft, bewirkt hat.

L.I.S.A.:  Worin sehen Sie die Ursache für die aktuellen Ereignisse? Welche Forderungen der Opposition stehen im Vordergrund? Und wie wird sich ihrer Meinung nach die arabische Welt verändern?

Determann: In Tunesien, Ägypten und Bahrain scheint mir die Entwicklung einer Internet nutzenden, gebildeten Mittelschicht eine wichtige Rolle gespielt zu haben. Teilweise hat der autoritäre Staat dazu – scheinbar paradoxerweise – selbst beigetragen, insbesondere durch Förderung von Bildungseinrichtungen und von Internetzugängen im Hinblick auf die Entwicklung des Landes. Mittelfristig hat auch die globale Finanzkrise der letzten Jahre den Aufstand beeinflusst, da sie die Unzufriedenheit mit der Wirtschaftspolitik und Korruption der starr erscheinenden politischen Führungen vergrößert hat. Daher stehen neben Wünschen von Demokratie und Freiheiten vor allem Forderungen nach Arbeitsplätzen und beruflichen Perspektiven im Vordergrund. Wie sich die arabische Welt verändern wird, kann ich schwer vorhersehen. Ich vermute aber eine längerfristige Demokratisierung der Region, obgleich einige autoritäre Staaten wohl bestehen bleiben – ebenso wie Weißrussland und Russland im ansonsten relativ demokratischen Osteuropa seit 1989.

Zoom

Abd Allah Al-Uthaimin und Matthias Determann, Riad, 13.10.2009

Jörg Matthias Determann hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar erstellen

KBQBOC