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Judith Wonke | 29.04.2020 | 462 Aufrufe | Interviews

"Technologische Entwicklung bedarf der kritischen Reflexion"

Interview mit Sophie Ehrmanntraut zur Entwicklung des 'Personal Computers'

Computertechnologie scheint heute selbstverständlich und hat längst die individuellen und gesellschaftlichen Lebensbereiche durchdrungen. Doch wir kam es zu dieser Entwicklung? Wie wurde der Personal Computer, kurz PC, "heimisch"? Wie veränderte sich die Gesellschaft durch den technischen Fortschritt und welche Chancen boten sich für eine mögliche Mitbestimmung? Wir haben Dr. Sophie Ehrmanntraut, die zur Entwicklung des "Personal Computers" ihre Dissertation verfasst hat, um ein Interview und außerdem um eine Einschätzung gebeten, wie sich die Entwicklung in Zukunft fortsetzen wird. 

"Vorstellung eines öffentlichen Zusammenhangs jenseits der politischen Ordnung"

L.I.S.A.: Dr. Ehrmanntraut, Sie beschäftigten sich in Ihrer Dissertation mit der Diskursgeschichte des „Personal Computers“. Geht die Idee dieser Veröffentlichung auf ein persönliches Interesse zurück? Welche Überlegungen gingen der Studie voraus?

Dr. Ehrmanntraut: Ursprünglich wollte ich mich mit meinem Promotionsvorhaben der Aktualisierung des Öffentlichkeitsbegriffs im digitalen Zeitalter widmen. Historisch stark verkürzt, kann man sagen, dass der Begriff durch die Theorie der Aufklärung einen Bedeutungswandel erfahren hat. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts setzte sich mit dem Begriff ‚Öffentlichkeit‘ die Vorstellung eines öffentlichen Zusammenhangs jenseits der politischen Ordnung durch. In „Was ist Aufklärung“ richtete sich Kant gegen den staatlichen Autoritätsanspruch über die Öffentlichkeit, von dem der Mensch gerade nicht zum freien öffentlichen Gebrauch seiner Vernunft, sondern in die Passivität geführt werde.

Die vernetzte Gesellschaft, wie sie spätestens seit den 1990er Jahren mit der Verbreitung des ‚World Wide Web‘ als gesellschaftliches Phänomen beobachtbar wurde, und die damit verbundenen digitalen Kulturen beriefen sich mit ihren Programmen nicht selten auf die Ideen der Aufklärung und auf ihren Begriff der Öffentlichkeit, als Instanz der Legitimitätsprüfung politischer Herrschaft und wesentlicher Bestandteil demokratisch organisierter Gesellschaften. Seit den 1980ern wurde das demokratische Potential des Cyberspace, später des ‚World Wide Web‘, sowie ‚Web 2.0‘ und schließlich der so genannten ‚Sozialen Medien‘ beschworen, auch wenn es in nicht geringem Maße an den Turbokapitalismus verkauft und ausgebeutet wurde, aber dies ist ein andere Geschichte.

Ich landete schließlich bei der Hypothese, dass die medientechnische Voraussetzung für die Teilhabe an der Netzöffentlichkeit der Zugang zu einem Computer war, der potentiell ans Netz angeschlossen werden kann. Ohne die Etablierung der Vorstellung des ‚Personal Computers‘ als individueller / häuslicher / privater / persönlicher Zugang, über den potentiell jedes Individuum frei verfügen kann, ist die Entwicklung einer solchen Netzöffentlichkeit nicht denkbar.

"Ein Versprechen auf die Befreiung des Individuums aus gesellschaftlichen Zwängen"

L.I.S.A.: In Ihrer Studie skizzieren Sie verschiedene Phasen des „Heimischwerdens“ des Computers. Wie wurde der Computer in den Alltag integriert und wie veränderte er diesen? Gibt es bestimmte Zäsuren, die sich festmachen lassen?

Dr. Ehrmanntraut: Ich betrachte das ‚Heimischwerden‘ oder die ‚Domestizierung‘ von Computertechnologie selbst als eine Zäsur. Aus heutiger Perspektive erscheint es uns selbstverständlich, dass Computertechnologie individuelle und gesellschaftliche Lebensbereiche durchdringt.

Natürlich kann an dieser Stelle eingewandt werden, dass Computertechnologie bereits vor der Einführung von ‚Heimcomputern‘ Ende der 1970er Jahre – wie ‚Personal Computer‘ auch genannt wurden – enorme gesellschaftliche Bedeutung hatte. Digitale Computer und die mit ihnen mögliche elektronische Datenverarbeitung waren in Wissenschaftlichen, Wirtschaft und Industrie unentbehrlich geworden. Weltweit boomten Computerindustrien, Informations- und Hochtechnologiezentren, die sich seit den 1950er Jahren entwickelt hatten. Zusammen mit den daran anknüpfenden Dienstleistungen beschäftigte die Computerbranche Millionen von Arbeitnehmer*innen. Mit dem Mikrochip wurde Computertechnologie zunehmend auch in Haushaltsgeräten verbaut. …

‚Personal Computer‘ oder kurz PCs waren jedoch mehr als Computer, sie waren ein Versprechen auf die Befreiung des Individuums aus gesellschaftlichen Zwängen sowie auf eine selbstbestimmte und fortschrittliche Zukunft. Sie wurden zur Projektionsfläche für die Träume der amerikanischen Gesellschaft gemacht, inmitten derer sie, wie es die Gründungsmythen erzählen, in Garagen im Silicon Valley erfunden wurden. Dieses Image verdanken PCs einerseits dem erfolgreichen und auch kapitalintensiven Marketing durch die Computerindustrie, die Heimcomputer zu Ikonen der modernen Lebenswelt machten. Werbung verlieh den Rechenmaschinen eine Seele. Andererseits wurden PCs durch die so genannten Gegenkulturen sowie Computerclubs und Computeraktivist*innen zum Symbol individueller Selbstverwirklichung und gesellschaftlicher Teilhabe. Kapitalismus und eine freie Gesellschaft wurden dabei keineswegs als unüberbrückbar widersprüchlich wahrgenommen.

"Tageszeitungen, die über technologische und gesellschaftliche Entwicklungen berichteten"

L.I.S.A.: Auf welches Quellenmaterial beziehen Sie sich in Ihrer Studie?

Dr. Ehrmanntraut: Es gibt umfangreiche und großartige Forschungs- aber auch Populärliteratur zur Geschichte des Computers, die als Quellen in meiner Arbeit referenziert werden aber es gab bisher keine Untersuchung der Computerisierung, die die unterschiedlichen Stränge der Technik-, Sozial- und Diskursgeschichte mit der Vermarktung des Personal Computers zusammenführt. Die Verbreitung und Akzeptanz des Computers für den Heimgebrauch als ‚consumer product‘ habe ich mir zu einem großen Teil aus Werbeanzeigen sowie Artefakten und Erzählungen einer technikaffinen Kultur im wachsenden Silicon Valley erschlossen. Einige Quellen bezog ich über das Internet von Nonprofit-Projekten, wie etwa archive.org, aber auch von privaten Websites und Foren mit einem nostalgischen Interesse an Computergeschichte und mit Digitalisaten, die vor dem Internetzeitalter gesammelt wurden. Darunter ganze Ausgaben von Computermagazinen, Anzeigen in Wirtschafts- und Lifestyle-Journals, aber auch zahlreiche Newsletter von Computerclubs. Hier und dort fanden sich auch Videoaufzeichnungen aus dem Fernsehen. Weitere wichtige Quellen waren neben Unternehmensarchiven und Nachlässen die Archive großer Tageszeitungen, die regelmäßig über neue technologische und gesellschaftliche Entwicklungen berichteten und dabei den wachsenden Einfluss von Computertechnologie auf die Gesellschaft dokumentierten. Historische Statistiken und Datenerhebungen lieferten Hinweise auf gesellschaftliche Entwicklungen, wie etwa das Wachstum der Studierendenzahlen und Abschlüsse in den Computerwissenschaften oder Arbeitsmärkte, die mit der Computerbranche zusammenhingen.

"Es bedarf einer kritischen Reflexion der technischen und materiellen Bedingungen"

L.I.S.A.: Inwiefern half und hilft die Weiterentwicklung der Computertechnologien, eine theoretische Mitbestimmung für bestimmte Gesellschaftsgruppen voran zu treiben? Und bewirkt eine Technologisierung nicht vielmehr das Gegenteil, indem sie all jene ausgrenzt, denen beispielsweise aufgrund finanzieller Mittel die Teilhabe verwehrt bleibt? Angeschlossen sein heißt nicht unbedingt teilzuhaben oder selbstbestimmt zu sein.

Dr. Ehrmanntraut: Ganz genau. Natürlich konnten sich nicht alle Menschen Anfang der 1980er einen Heimcomputer leisten, und vermutlich konnten noch weniger Menschen einen Computer „bedienen“. Das war auch schon den Computeraktivist*innen damals bewusst, die sich für mehr ‚computer literacy‘ oder den öffentlichen Zugang zu Computerterminals einsetzten.

Auch wenn heute immerhin nahezu sechzig Prozent der Weltbevölkerung das Internet nutzen, bedeutet das nicht, dass der Gebrauch von Computertechnologie und der Zugang zu Information nicht beschränkt wäre bzw. reguliert würde oder alle gleichermaßen teilhaben. Ich denke allerdings auch nicht, dass mit einem Verbot der Technologisierung – wie auch immer das umgesetzt werden sollte – gesellschaftliche Ausschlüsse oder Diskriminierung aufgehoben würden. Es gab sie auch ohne Computer. Vielmehr bedarf es einer kritischen Reflexion der technischen und materiellen Bedingungen sowie der Prozesse, die die Arbeits- und Lebensverhältnisse in der computerisierten Welt herstellen und bestimmen.

"Es schadet bestimmt nicht auch mal Offline zu gehen"

L.I.S.A.: Aktuell lässt sich zweierlei beobachten: Einerseits sind sich Nutzer digitaler Technologien einer existierenden Abhängigkeit bewusst und versuchen dieser zu entkommen – Stichwort digital detox – andererseits wird die digitale Omnipräsenz unhinterfragt hingenommen. Wie glauben Sie, wird sich die Wahrnehmung von und Einstellung zu digitalen Technologien in Zukunft entwickeln? Sehen Sie die Entwicklung kritisch? Und haben Sie Überlegungen angestellt, wie sich das „Heimischwerden“ des Computers und digitaler Technologien fortsetzen wird?

Dr. Ehrmanntraut: Seit dem Einzug der Personal Computer in die privaten Räume der Menschen, lassen sich einige Weiterentwicklungen beobachten, die die Naturalisierung von Computertechnologie im Alltag fortsetzen oder steigern: Mit der globalen Vernetzung der Menschen über ihre Computer, die ich bereits angesprochen habe, können räumliche Grenzen überwunden werden; mobile Endgeräte sowie Smarte Technologien mit ihrem umfangreichen und hochaufgelösten Sensorium, das die Menschen über ihre eigene Wahrnehmung informiert, sind weitere Entwicklungen die auf dem ‚Heimischwerden‘ des Computers oder dem ‚Vertrautwerden‘ der Menschen mit Computern aufbauen.

Jede technologische Entwicklung bedarf der kritischen Reflexion, das bedeutet nicht, das wir sie komplett verwerfen müssen. Technologien können bearbeitet werden. Es schadet bestimmt nicht auch mal Offline zu gehen. Wichtiger finde ich, die individuellen Handlungsräume unter digitalen Bedingungen zu erkunden. Wann und wo bestimmt Digitalisierung mein Leben? Wie kann ich das beeinflussen? Trage ich mit meinen digitalen Handlungen und Äußerungen oder die Medien, die ich nutze, zum Schutz von Demokratie, Solidarität und Umwelt bei? Wenn wir keine Antworten auf diese Fragen finden, dann sollten wir alle schleunigst danach suchen.

Dr. Sophie Ehrmanntraut hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet. 

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