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Georgios Chatzoudis | 19.04.2018 | 706 Aufrufe | 1 | Interviews

"Glaubwürdigkeit ist ein fragiles Gut"

Interview mit Siegfried Weischenberg zur Berichterstattung über den Syrienkrieg

Der Syrienkrieg ist in erster Linie eine unermessliche Tragödie für die betroffene Bevölkerung: Seit Jahren tobt in ihrem Land ein Krieg, der Tausende Opfer fordert, Einwohner zu Flüchtlingen macht und das Land verwüstet. Beobachter außerhalb Syriens nehmen den Konflikt als Bedrohung des Friedens wahr - auch für ihre Regionen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass es selbst mit der nötigen Distanz kaum noch möglich erscheint, sich ein klares Bild von der Lage vor Ort zu machen. Was passiert in Syrien wirklich? Wer berichtet noch objektiv? Was sind Fakten und was Fehlwahrnehmungen, Falschdarstellungen und Propaganda? Diese Fragen richtete man in der Vergangenheit in der Regel an Länder, in denen die Medien von der Regierung kontrolliert werden. Doch längst müssen sich auch die Medien der westlichen Welt, die sich als unabhängig und frei begreifen, mit diesen Fragen auseinandersetzen. Wir haben den Kommunikationswissenschaftler und Soziologen Prof. Dr. Siegfried Weischenberg vom International Media Center (IMC) in Hamburg, der zur gegenwärtigen Medienwelt forscht, um ein Interview gebeten.

"Dieser Krieg ist auch ein Informationskrieg"

L.I.S.A.: Herr Professor Weischenberg, Sie haben zuletzt ein Buch mit dem Titel „Medienkrise und Medienkrieg“ geschrieben und fragen im Untertitel: „Brauchen wir überhaupt noch Journalismus?“ Bevor wir eine Antwort auf diese Frage hoffentlich finden werden, wenden wir uns zunächst der aktuellen weltpolitischen Lage zu, die uns von Medien aller Art vermittelt wird: der Syrienkonflikt. Wie erleben und beurteilen Sie die aktuelle Berichterstattung zum Syrienkonflikt? Fühlen Sie sich gut informiert?

Prof. Weischenberg: Die Berichterstattung zum Syrienkonflikt bietet ein anschauliches Beispiel für die Probleme und Grenzen, aber auch für die Notwendigkeit von Journalismus. Ich fühle mich über den Bürgerkrieg in Syrien – seit seinen Anfängen im Jahre 2011 – insofern nicht gut informiert, als die Medien nicht gut beschreiben und vor allem: erklären können, was hier passiert. Gerade bei der Kriegsberichterstattung ist der Journalismus traditionell in der Gefahr, sich instrumentalisieren zu lassen. In meinem Buch habe ich ausführlicher dargestellt, wie dies insbesondere beim Zweiten Golfkrieg ablief, und welch problematische Rolle der Nachrichtensender CNN dabei gespielt hat. Damals hatten die US-Militärs aus dem Vietnam-Krieg gelernt, wie man verhindert, dass sich die Medien ein eigenes Bild machen können, und wie man ausnutzt, dass sie irgendwie ‚dabei sein’ wollen, weil sie ständig liefern müssen. Das hat sich dann beim Krieg gegen Saddam Husseins angebliche ‚Massenvernichtungsmittel’ wiederholt. Die Journalisten waren damals vor allem eines: Patrioten.

Im Fall Syrien sind die Verhältnisse allein aufgrund der vielen verschiedenen Akteure völlig undurchschaubar geworden. Dieser Krieg ist deshalb auch ein Informationskrieg. Heutzutage kommt als Problem für die Medien hinzu: Durch gezielt eingesetzte ‚Social Propaganda’ wird, wie jetzt im Syrienkrieg, versucht, die Leute so zu verwirren, dass sie niemandem mehr glauben. Es dominiert der Zweifel – an allem und an jedem. Immerhin haben sich aktuell aber z.B. ‚Die Zeit’ und ‚Spiegel Online’ im Fall des Giftgas-Angriffs auf Duma große Mühe gegeben, die vorliegenden Informationen zu ordnen und nach allen Seiten hin zu prüfen, ohne vorschnelle Urteile zu fällen. Solche Leistungen unterscheiden Journalismus immer noch von der Filterblasen- und Echokammern-Kommunikation in den Sozialen Medien – und dafür brauchen wir ihn.

"Meine Auswahl von Medien beruht auf jahrelangen Erfahrungen"

L.I.S.A.: Sie stellen in Ihrem Buch einen signifikanten Glaubwürdigkeitsverlust der etablierten Medien und Journalisten fest. Wenn Sie sich über einen Konflikt, wie beispielsweise aktuell den Konflikt in Syrien, informieren wollen, auf welche Medien greifen Sie dabei zurück? Wem vertrauen Sie?

Prof. Weischenberg: Grundsätzlich gilt auch für mich, dass man sich dann ein eigenes Bild machen kann, wenn man möglichst viele Quellen nutzt. Dies funktioniert allerdings nur, wenn diese Quellen tatsächlich vielfältig sind und nicht einen ‚Mainstream’ bilden, der in dieselbe Richtung fließt. Dies wird seit einiger Zeit ja insbesondere den deutschen Medien vorgeworfen: Dass man überall dasselbe liest, hört und sieht und abweichende Beschreibungen und Deutungen von Wirklichkeit nicht mehr vorkämen. Und deshalb könne man den Medien, so wird pauschal behauptet, überhaupt nicht mehr vertrauen.

Ich selbst verfolge täglich diverse Online-Medien im Internet, habe ein Abo des ‚Spiegel’ und der ‚Zeit’ (E-Paper), sehe die Nachrichtensendungen der öffentlich-rechtlichen Sender sowie recht intensiv die Programme von CNN und BBC World News. Dies kostet natürlich relativ viel Zeit. Meine Auswahl von Medien beruht auf jahrelangen Erfahrungen und insofern auf Vertrauen. Dies muss aber durch die Berichterstattung immer wieder bestätigt werden; Glaubwürdigkeit ist gerade im Fall von Medien ein fragiles Gut.

"Nichts wirkt mehr berechenbar"

L.I.S.A.: Wie Sie in Ihrer Untersuchung zeigen, hatten Medien schon immer mit Kritik zu tun, in denen ihnen Parteilichkeit, Desinformation, keine kritische Distanz zur Politik, wirtschaftliche Abhängigkeit oder einfach nur Inkompetenz vorgeworfen wurden. In den vergangenen Jahren hat sich dieses Klima des Misstrauens gegen und sogar der Wut auf Journalisten spätestens seit der Ukraine-Krise und im Zuge der Flüchtlingsbewegung deutlich verschärft. Woran liegt das? Was sagt das möglicherweise nicht nur über die Medien, sondern auch über die Gesellschaft aus?

Prof. Weischenberg: Es ist inzwischen schon eine Binsenweisheit, dass sich unsere Gesellschaft in einer Übergangsphase befindet, die zu sehr viel Unsicherheit über die Zukunft führt – Unsicherheit über die künftige Berufswelt, das private Miteinander und insbesondere natürlich auch über die internationalen Beziehungen. Nichts wirkt hier mehr berechenbar. Das Gefühl hat sich erheblich verstärkt, seit die USA in der Trump-Ära als Stabilitätsfaktor ausfallen. Diese Situation wirkt sich direkt auf die Medien aus, und zwar insbesondere in Hinblick auf die Erwartungen, welche die Menschen an den Journalismus richten. Hier gibt es meines Erachtens zwei Probleme: Zum einen oft überzogene Vorstellungen von den Leistungen, die Journalismus erbringen kann. Er kann aktuell informieren und im besten Falle auch orientieren; die ganze Welt erklären und alle Kommunikationsbedürfnisse erfüllen, kann er nicht. Und zum anderen hat sich zumindest die öffentliche Wahrnehmung von Medienkritik in den vergangenen Jahren erheblich verstärkt, weil die Sozialen Medien hier einen früher unvorstellbaren Resonanzboden bilden. Auch dadurch werden Fehler in der Berichterstattung schneller bekannt, haben Attacken auf Medien und einzelne Journalisten so ungeheuer zugenommen. Wenn man sich insbesondere in den Kommentarbereichen der Online-Medien umsieht, fragt man sich, woher die dort feststellbare Aggressivität rührt und was diese Menschen, die da (anonym!) unterwegs sind, früher mit diesen Emotionen gemacht haben.

"Selbstreferenz ist eines der zentralen Probleme der etablierten Medien"

L.I.S.A.: In zahlreichen Umfragen wurde ermittelt, dass das Vertrauen in die Medien stark gesunken ist. Die Medienkonsumenten reagieren mit Ablehnung und Protest oder wenden sich schlicht von den etablierten Medien ab. Wie reagieren die Medien darauf? Beobachter sprechen davon, dass paradoxerweise viele Journalisten beinahe trotzig darauf reagieren und eine Art Wagenburgmentalität entwickeln, nach dem Motto: Wir haben Recht! Wir wissen es genau! Wir machen weiter wie bisher! Teilen Sie diesen Eindruck? Sind die Medien möglicherweise nicht selbstkritisch genug und ziehen sich dabei in die Selbstreferenzialität zurück?

Prof. Weischenberg: Der Glaubwürdigkeitsverlust der Medien – und hier insbesondere des Fernsehens – hat schon in den 1970er Jahren begonnen. Zugenommen hat aber eben auf jeden Fall die öffentliche Wahrnehmung der Kritik an der Berichterstattung und der Abwendung von den etablierten Medien. Dazu haben nicht nur diverse Fehler bis hin zu bekannt gewordenen Fällen von Fälschungen beigetragen, sondern gewiss auch lange Zeit eine gewisse Ignoranz von Journalisten gegenüber Kritik aus dem Publikum. Noch vor zehn Jahren waren Selbstkritik und Selbstreflexion eher die Ausnahme als die Regel. Auffällig war vor allem das bornierte Verhalten von ‚Alphatieren’ (insbesondere Chefredakteuren), wenn sie und ihre Medien öffentlich kritisiert wurden; ich habe da eigene Erfahrungen gemacht, die bis hin zu Unterlassungsklagen reichten. Inzwischen hat diese Art von Rechthaberei meiner Beobachtung nach nachgelassen. Dahinter steckt wahrscheinlich die Einsicht, dass man angesichts der medienökonomischen Verwerfungen insbesondere im Print-Gewerbe und der Interaktivitäts-Potentiale der Sozialen Medien mit dem Publikum sensibler umgehen muss als früher. Die ‚Zeit’ beispielsweise hat hier Aktivitäten wie kritische Leserforen entwickelt, die früher unvorstellbar gewesen wären. Zur Wende bei der Beschäftigung der Medien mit sich selber hat gewiss beigetragen, dass gravierende Mängel der Berichterstattung – wie im Fall des Wirtschaftsjournalismus bei der Finanzkrise 2008 – allzu offensichtlich geworden sind. Selbstreferenz – Journalisten braten im eigenen Saft – ist aber bis heute eines der zentralen Probleme der etablierten Medien geblieben.

"Ein interessantes Experiment zur Macht der Medien im Internetzeitalter"

L.I.S.A.: Zu einer der wichtigsten Ursachen der gegenwärtigen Medienkrise wird oft das Internet gezählt – aus unterschiedlichen Gründen. Konzentrieren wir uns hier auf einen Aspekt: Was bedeutet es für Medienschaffende, wenn Politiker über Soziale Medien öffentlich kommunizieren, beispielsweise via Twitter, so wie insbesondere der amtierende US-Präsident Donald Trump? Erleichtert oder erschwert das eher seriöse Medienarbeit?

Prof. Weischenberg: Die Folgen sind auch hier – wie bei allem, was mit dem Internet zusammenhängt – ambivalent. Ich habe sehr genau verfolgt, was seit dem Amtsantritt von Donald Trump in den USA passiert. Dieser ist ja gegen den Widerstand eines großen Teils der amerikanischen Qualitätsmedien ins Amt gekommen, führt seither gegen sie ‚Krieg’ und tut so, als wenn er – anders als all seine Vorgänger – auf ‚Editorial Endorsement’ überhaupt nicht angewiesen sei. Er scheint nur ‚Twitter’ zu brauchen und sonst nichts. In Wirklichkeit sind seine Tweeds nur Vehikel für eine abgefeimte Medienstrategie nach den Regeln des Reality TV. Sie verschaffen ihm Aufmerksamkeit und nur darauf kommt es ihm an. Zusätzlich ist ihm die Unterstützung von Fox TV sowie der gleichgeschalteten lokalen TV-Sender sicher. Wie fanatisch er jeden Tag die Medienresonanz verfolgt, kann man in dem Enthüllungsbuch ‚Fire and Fury’ von Michael Wolff nachlesen.

Trump gibt sich zwar alle Mühe, die Medienarbeit zu erschweren – und bei seinen Anhängern fallen seine permanenten Medienattacken auch nach wie vor auf fruchtbaren Boden; man glaubt ihm seine ‚alternativen Fakten’. Andererseits hat er mit seinem Verhalten und dem Dauerbeschuss der Öffentlichkeit zur Renaissance eines kritischen Journalismus in den USA beigetragen. Gewiss setzt Trump die Themen, wobei er nur zu oft mit zum Beispiel außenpolitischen Aktionen von seinen politischen und juristischen Problemen in Washington abzulenken versucht. Doch hartnäckige, kompetente Journalisten wie beispielsweise Wolf Blitzer, Christiane Amanpour oder Chris Cuomo (CNN) haben, wie die Polls zeigen, mit dafür gesorgt, dass er mit seinen eigenwilligen Wirklichkeitskonstruktionen nicht durchkommt; ob er mit seinem Krieg durchkommt, werden wir sehen – ein interessantes Experiment zur Macht der Medien im Internetzeitalter. Das Schönste für einen Teil der US-Medien ist aber: Mit seinem ‚War against the media’ macht er ‚Americas media great again’ – durch steigende Quoten und Abo-Zahlen. So etwas gehört zu den Paradoxien der Medien und ihres Journalismus.

"Journalisten rekrutieren sich ganz wesentlich aus der Mittelschicht"

L.I.S.A.: Wie erklärt es sich, dass in den leitenden Medien bei größeren Konfliktlagen – beispielsweise anlässlich der Finanz-, Griechenland-, Ukraine-, Flüchtlings- oder Syrienkrise – eine auffällige Meinungsgleichheit herrscht. Wie passt das mit dem demokratischen Anspruch auf Meinungspluralismus zusammen?

Prof. Weischenberg: Die meines Erachtens beste Erklärung liefert immer noch der Faktor ‚Selbstrefrenz’, den wir in unseren Studien zum ‚Journalismus in Deutschland’ mehrfach nachgewiesen haben. Medien beziehen sich auf Medien; die Beobachtung der anderen Medien und deren Tendenz bildet eine wesentliche Grundlage der Berichterstattung. Journalisten beziehen sich auf Journalisten – auch deshalb, weil viele von ihnen Journalisten zu Freunden haben. Und: Sie rekrutieren sich ganz wesentlich aus der Mittelschicht und den dort vorherrschenden Meinungen, Einstellungen und Werthaltungen. Daraus resultiert dieser inzwischen viel kritisierte Mainstream der ‚political correctness’, der gerade im Fall der Flüchtlingskrise eine Zeitlang den ‚Kammerton A’ der Berichterstattung bestimmte.

Man darf dabei auch nicht übersehen, dass viele Journalisten – aufgrund der deutschen Vergangenheit aus guten Gründen – alles tun zu vermeiden, dass rechtes Gedankengut bedient wird. Ich habe in meinem Buch den Publizisten Safranski zitiert, der im Journalismus eine Tendenz zur Pädagogisierung ausmacht – als Reaktion auf die Enthemmungen und Verwahrlosungen im Internet. Die Folge davon sei, so moniert er, dass auf einmal alle so redeten wie beim Evangelischen Kirchentag. Dieser Medien-Konformismus unterscheidet sich offenbar von den aktuellen Verhältnissen in den USA, wo der politische Graben zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen offenbar durch stark polarisierende Massenmedien noch verstärkt wird. Medien wie ‚Fox News’ scheinen inzwischen den Regeln ‚Objektiver Berichterstattung’ völlig abgeschworen zu haben. Wenn sich ‚Meinungspluralismus’ auf einem Markt austobt, auf dem überhaupt keine Regeln mehr gelten, nimmt die Demokratie Schaden.

"Journalismus war noch nie besonders wissenschaftsnah"

L.I.S.A.: Ein weiterer interessanter Aspekt in Ihrem Buch ist die Beobachtung, dass der Journalismus Erkenntnisse aus der Wissenschaft kaum noch wahrnimmt, geschweige denn in seine Recherchen und Beiträge einfließen lässt. Wie erklärt sich das? Warum erreichen wissenschaftliche Erkenntnisse die Medien nicht?

Prof. Weischenberg: Auch hier muss man differenzieren. Journalismus war – nimmt man alles in allem – noch nie besonders wissenschaftsnah. Das ist auch auf eine Art von ‚Arbeitsteilung’ zurückzuführen: Journalismus befasst sich primär mit aktuellen Auffälligkeiten, Wissenschaft eher mit nachhaltigen Regelmäßigkeiten. Also greift der Journalismus nur das aus der Wissenschaft auf, was zu seinen Selektionsmustern passt; notfalls wird das, was nicht passt, auch mal passend gemacht. Durch das Internet hat sich auch dies noch mal verändert: Wahrgenommen wird das, was – insbesondere durch Google – leicht zugänglich ist und keiner besonderen Recherche bedarf.

Was kommunikationswissenschaftliche Erkenntnisse angeht, so haben die Medien viel zu lange ignoriert, was an Erkenntnissen aus der Wirkungsforschung, der Journalismusforschung oder der Medienökonomie genutzt werden könnte, um das Produkt besser zu machen und die eigene Marktposition zu stärken. So lange insbesondere mit Printmedien ohne große Mühe viel Geld verdient werden konnte, hat man immer so weiter gemacht wie bisher. So konnte sich die Medienkrise, die sowohl zur ökonomischen Krise als auch zur Vertrauenskrise wurde, allmählich aufbauen. Allerdings haben auch Kommunikationswissenschaft und Soziologie traditionell wenig Mühe darauf verwendet, ihre Erkenntnisse in verständlicher Form den Medien und ihren Verantwortlichen anzubieten.

"Wichtigste Grundlage ist eine ausreichende ökonomische Grundlage"

L.I.S.A.: Kommen wir abschließend zur Ausgangsfrage zurück: Angesichts der vielen Probleme des gegenwärtigen Journalismus und angesichts der zahlreichen Gegenangebote im Internet, brauchen wir ihn da überhaupt noch?

Prof. Weischenberg: Die Unterzeile meines Buches ‚Brauchen wir überhaupt noch Journalismus?’ ist für mich selbstverständlich eine rhetorische Frage. Aber ich weiß, dass vor allem jüngere Leute diese Frage heute ganz ernsthaft stellen und sogar mit ‚Nein’ beantworten. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass wir Journalismus mehr denn je brauchen – allerdings einen Journalismus, der aus seinen Fehlern in der Vergangenheit lernt und sich wirklich Mühe gibt, für seine Legitimation zu werben. Grundlage dafür sind Kompetenz und Autonomie: Journalisten müssen können, was sie sollen, und dürfen, was sie wollen. Der freie Berufszugang darf, erstens, nicht bedeuten, dass jeder ohne entsprechende Qualifikation in den Medien arbeiten darf, weil heute ohnehin ‚jeder ein Journalist’ ist. Mehr denn je wird die Berichterstattung durch das Publikum sehr genau beobachtet; in den Kommentarbereichen melden sich viele Leute, die bei bestimmten Themen offenbar besser Bescheid wissen als die Journalisten.

Wichtigste Grundlage für das zweite, die Autonomie, ist zunächst eine ausreichende ökonomische Grundlage der journalistischen Arbeit. Medien, die ihre Redaktionen unter schwierigen Umständen kaputt sparen, begehen Selbstmord aus Angst vor dem Tode. Aber diese Autonomie darf nicht bedeuten, dass alles erlaubt ist; nach wie vor sind bei den Medien wichtige ethische Regeln in Kraft und in Wirkung. Diese Orientierung an Maßstäben unterscheidet den Journalismus immer noch von der wilden Kommunikation in den Sozialen Medien. Guter, verantwortungsvoller Journalismus bietet immer noch die beste Gewähr dafür, dass wir die Kommunikationsverhältnisse nicht von Leuten wie Donald Trump dominieren lassen.

Prof. Dr. Siegfried Weischenberg hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Ronald Wolf | 25.04.2018 | 19:26 Uhr
Zu Ihrer Mediennutzung eine Frage. Die von Ihnen aufgezählten Sender und Zeitungen sind doch komplett im neoliberalen Gedankengut verankert. Gibt es da tatsächlich Unterschiede ?
In der DDR hatten wir früher zwei gegensätzliche Informationsquellen. Die offiziellen Staatsnachrichten und dann die Westsender. Aus dieser Gegensätzlichkeit hat man dann "seine" Wahrheit definiert. Das ist heute nur noch übers Internet möglich. Unsere Journalisten sind sowas von staatstragend, dass sie locker von Bundesregierung und NATO bezahlt werden könnten. Ich will Sie nicht provozieren und bin im Prinzip über Ihre Sachlichkeit begeistert, aber nochmal meine Frage : Stellen Sie wirklich verschiedenartige Informationen in denen von Ihnen genannten Medien fest ? Oder ist das eine Definitionsfrage ?
Viele Grüße aus dem Vogtland

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