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Georgios Chatzoudis | 17.04.2018 | 862 Aufrufe | 1 | Interviews

"Die Tragödie von Großmachtpolitik"

Interview mit Carlo Masala zum aktuellen Syrienkonflikt

Im aktuellen Syrienkrieg scheinen sich nicht nur Mächtekonstellationen des Kalten Krieges zu wiederholen, sondern auch die Mechanismen. Der Westen, angeführt von den Vereinigten Staaten, steht Russland und dessen Verbündeten gegenüber. Eine Drohung folgt der nächsten und nach dem Luftangriff der USA, Großbritanniens und Frankreichs auf syrische Stellungen fragen sich alle: Wie wird die Gegenseite reagieren? Die Gefahr eines Dritten Weltkriegs stehe bevor, befürchten bereits viele politische Beobachter. Doch wie real ist diese Gefahr tatsächlich? Ist eine massive, im äußersten Fall sogar nukleare Auseinandersetzung zwischen den sich gegenüberstehenden Mächten zu erwarten? Wir haben diese und andere Fragen dem Politikwissenschaftler Prof. Dr. Carlo Masala von der Universität der Bundeswehr in München gestellt.

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Bild links: Prof. Dr. Carlo Masala | Grafik rechts: Syrien-Krieg, Stand Februar 2018. (Rot: Regierungstruppen; Grün: Freie Syrische Armee, Islamistenmilizen, türkische Einheiten; Weiß: Dschihadistische Dschabhat Fatah asch-Scham; Grau: „Islamischer Staat“; Gelb: Demokratische Kräfte Syriens)

"Es wird zu keiner großen Eskalation kommen"

L.I.S.A.: Herr Professor Masala, in einem Interview von 1969 antwortete Theodor Adorno auf die Feststellung eines Journalisten, dass die Welt vor zwei Wochen noch in Ordnung zu sein schien, mit: „Mir nicht.“ Lässt sich das auf die heutige weltpolitische Lage mit Blick auf den aktuellen Syrienkonflikt übertragen? Stehen wir gerade vor einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen den USA und Russland, die vor wenigen Wochen so noch nicht vorstellbar war? In einem Interview, das Sie uns zu Ihrem Buch „Weltunordnung“ gegeben haben, sagten Sie immerhin, dass es „kein Interesse an einer direkten militärischen Konfrontation zwischen Nuklearwaffen-Staaten“ gebe. Gilt das noch?

Prof. Masala: Es gibt meines Erachtens noch immer kein Interesse, weder bei Russland noch bei den USA an einer direkten militärischen Konfrontation, bei der es zu einem Einsatz von Nuklearwaffen kommen könnte. Die Ereignisse in Syrien letzte Woche zeigen dies. Russland wurde wohl vorab informiert, hat bislang rethorisch hart aber real überhaupt nicht reagiert, kurzum, es gibt kein Interesse an dieser Konfrontation. Aber, es ist nicht auszuschließen, dass es zu begrenzten konventionellen Eskalationen kommen könnte, wenn sich die Lage weiterhin so zuspitzt. Die erratische Politik des amerikanischen Präsidenten, die Falkenrethorik eines John Bolton lassen es nicht ausschließen, dass die USA glaubt, sie könne weiterhin militärisch gegen russische Interessen vorgehen, ohne dass die russische Föderation darauf mit entsprechenden militärischen Mitteln reagiert. Und diese Einschätzung, die meines Erachtens eine Fehleinschätzung ist, kann dazu führen, dass sich Amerikaner und Russen in kleinere, konventionelle Scharmützel begeben. Es gilt daher: Es wird zu keiner großen Eskalation kommen, aber es ist nicht auszuschließen, dass sich die Situation weiter zuspitzt.

"Assad wurde zur 'persona non grata' erklärt und dämonisiert"

L.I.S.A.: Folgt man den Leitmedien hierzulande bzw. im Westen erklärt sich die Konfliktlage in Syrien zurzeit in etwa folgendermaßen: In Syrien herrscht ein Diktator, der Krieg gegen das eigene Volk führt und dabei vor dem Einsatz von chemischen Waffen nicht zurückschreckt. Unterstützt und geschützt wird er dabei von Russland. Der Westen, angeführt von den Vereinigten Staaten, setzt hingegen auf die demokratischen Gegenkräfte und fordert die Absetzung des syrischen Präsidenten. Gibt dieses Narrativ die aktuelle Lage aus Ihrer Sicht ungefähr wieder?

Prof. Masala: Nein, das Narrativ ist unzutreffend. Ja, Russland unterstützt Assad, ja, dieser geht wohl mit Giftgas gegen seine Widersacher vor und der "Westen" sieht gerade dabei zu und kann und will nichts machen. Aber: der "Westen" hat Assads Widersacher unterstützt, sie aufgerüstet und - genauso wie Russland und der Iran - eine politische Lösung verhindert. Er hat sie dadurch verhindert, dass Assad zur "persona non grata" erklärt, dass er dämonisiert wurde. Aber diese Strategie ruhte auf zwei falschen Voraussetzungen. Zum einen auf dem Glauben, dass das Regime auf tönernen Füßen stehen und die Rebellen Assad schnell stürzen würden und zum zweiten, dass man, will man in einem Bürgerkrieg eine poltische Lösung erreichen, alle Konfliktparteien (oder zumindest die wichtigsten) in diese Lösung miteingebunden werden müssten - also auch Assad und seine Getreuen. Dämonisiert man aber eine der Konfliktpartien, erklärt sie zum absolut Bösen, dann bleibt dieser nichts anderes übrig, als bis zum Schluss zu kämpfen.

Man kann auch soweit gehen und sagen, dass der wiederholte Einsatz von Giftgas u.a. durch die USA mitverschuldet wurde. Nachdem Obama im August 2013 seine rote Linie nicht eingehalten hat und den Einsatz von Giftgas seitens des Regimes nicht sanktioniert hatte, hat er möglicherweise das Signal gesendet, dass die USA nie eingreifen werden, egal was das Regime in Damaskus macht.

Heute, wo Assad dabei ist, diesen Konflikt militärisch zu gewinnen, ist es für eine politische Lösung, in der die Hauptkonfliktparteien miteinbezogen werden, längst zu spät.

"Die Unberechenbarkeit von Politik, die erratischen Wechsel"

L.I.S.A.: Aufsehen und Verwunderung auch bei den westlichen Leitmedien erregt der Kommunikationsstil im Zuge der gegenwärtigen Krise. So hatte beispielsweise der US-amerikanische Präsident Donald Trump via Twitter Russland den bevorstehenden Raketenangriff auf syrische Stellungen angekündigt. Wie schätzen Sie diese Art der Kommunikation ein? An wen richtet sie sich genau? Verändern sich im digitalen Zeitalter Krisenkommunikation und Diplomatie grundlegend?

Prof. Masala: Ich glaube nicht, dass sich Kommunikation in der internationalen Diplomatie grundlegend verändert. Ich halte es für ein Spezifikum des gegenwärtigen US-amerikanischen Präsidenten. Besorgniserregender ist die Kakophonie, die wir seit mehr als einem Jahr in Washington erleben. Die Unberechenbarkeit von Politik, die erratischen Wechsel. Das alles scheint mir aber ein Spezifikum des jetzigen Amtsinhabers, der mit seiner gestörten narzisstischen Persönlichkeit das Hauptproblem und die Hauptursache dieser Unberechenbarkeit ist.

"Es wäre viel gewonnen, wenn die USA Russland als Großmacht anerkennen würden"

L.I.S.A.: Sie haben sich in Ihren Forschungen intensiv mit dem Ost-West-Konflikt bzw. mit dem Kalten Krieg vor 1990 beschäftigt. Im Oktober 1962 standen die Vereinigten Staaten und damals die Sowjetunion bei der sogenannten Kuba-Krise auch kurz vor einer militärischen Auseinandersetzung. Erleben wir eine Neuauflage? Ist der Antagonismus zwischen Russland und den Vereinigten Staaten der jüngeren Weltgeschichte eingeschrieben bzw. auf Dauer friedlich nicht zu lösen?

Prof. Masala: Das was wir gegenwärtig zwischen den USA und Russland erleben, ist die normale Auseinandersetzung zwischen Großmächten um Sicherheit und Einfluss. Es ist nichts Spezifisches zwischen Russland und den USA. Es ist die Tragödie von Großmachtpolitik, wie es John Mearsheimer einmal genannt hat. Solange die USA Russland keine Einflusssphären zugesteht, so lange die USA russische Interessen ignoriert oder gar offen konterkariert, so lange wird Russland dagegenhalten. Es wäre viel gewonnen, wenn die USA Russland als Großmacht anerkennen würden, die legitime Interessen in der internationalen Politik hat. Wenn in Russland das Gefühl vorherrschen würde, die USA würden akzeptieren, dass Russland ebendiese legitimen Interessen hat, dann würde sich einiges entspannen. Russland hat einen "Versailles-Komplex" - ob zu Recht oder zu Unrecht sei dahingestellt. Wie das Deutsche Reich glaubte, dass der Frieden nach dem Ersten Weltkrieg einer war, der zu Lasten und auf den Schultern Deutschlands verhandelt worden sei, so glaubt die außenpolitische Elite in Moskau, dass der "Frieden" nach 1990 zu Lasten und zum Nachteil Russlands gewesen sei.

"Die Entwicklung läuft auf einen militärischen Sieg Assads hinaus"

L.I.S.A.: Prognosen sind immer schwierig, riskant und oft gehen sie nicht auf. Trotzdem: Welchen Fortgang des Konflikts halten Sie als Politikwissenschaftler, der mit unterschiedlichen Modellen der Konfliktanalyse vertraut ist, für realistisch bzw. für wahrscheinlich? Welche Faktoren schätzen Sie dabei als unkalkulierbar ein? Und was müsste Ihrer Meinung nach geschehen, um eine Deeskalation zu erreichen?

Prof. Masala: Ich sehe in Syrien realistischerweise zu diesem Zeitpunkt nur eine Entwicklung und die läuft auf einen militärischen Sieg Assads hinaus. Der "Westen" und allen voran die USA haben kein Interesse an einem direkten Engagement in Syrien, und damit haben Russen und Iraner carte blanche.

Prof. Dr. Carlo Masala hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Dr. Bassam Sabour | 24.05.2018 | 21:37 Uhr
Ich finde den Artikel gut: In der Regel alle deutschen Syrien-Experte sagen das gleiche!In diesem Fall ist Herr Carlo Masala eine Ausnahme. Wenn man frisch aus dem Orient nach Deutschland zurückkehrt und hört, was die 'Experten', Männer und Frauen, über den Konflikt erzählen, wundert man sich sehr! Das Land Syrien ist unwichtig, sehr weit, es war nie ein Thema hierzulande gewesen ev. Jede oder Jeder der dort Arabisch in Damaskus gelernt hat und ein Paar Jahren dort verbracht und Paar schimpfe auf den Präsidenten hörte, glaubt sie oder er weiß Bescheid! Seit Menschenalter lebe ich in Deutschland, hier habe ich gelernt, vorsichtig zu sein wenn es um Richten über andere geht, um ein Urteil zu fällen...Für Syrien hat man es vergessen. Das Land,der Orient ist viel komplizierter als man denkt. So dienen wir nicht die Wahrheit.

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