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Georgios Chatzoudis | 21.06.2016 | 741 Aufrufe | Interviews

Studium der Geschichte und parallel Journalist

Interview mit Giacomo Maihofer über die Vereinbarung von Studium und Berufswunsch

Gut 60 Prozent der Studierenden haben einen Nebenjob, so die letzte Umfrage des Deutschen Studentenwerks (DSW) von 2013. Im Zuge des sogenannten Bologna-Prozesses, der zum Ziel hat, die internationale Wettbewerbs- und Beschäftigungsfähigkeit Studierender zu erhöhen, ist der Arbeitsaufwand an den Universitäten bei gleichzeitiger Straffung der Regelstudienzeit gestiegen. Der DSW-Umfrage zufolge bleibt bei 35 Stunden in der Woche für Lehrveranstaltungen und Selbststudium wenig oder kaum Zeit für einen Nebenjob. Der Geschichtsstudent Giacomo Maihofer gehört zu denen, die nebenbei noch arbeiten - sowohl um die nötige Praxis für den Berufswunsch zu sammeln, als auch um den eigenen Lebensunterhalt zu finanzieren. Wie er das macht, dazu haben wir ihn befragt.

Giacomo Maihofer studiert Geschichte und arbeitet parallel als freier Journalist sowie zusätzlich für eine Agentur.

"Passt zu mir, meinen Interessen und meinen Fähigkeiten"

L.I.S.A.: Herr Maihofer, Sie haben in Köln ihren Bachelor gemacht und studieren jetzt in Berlin Geschichte auf Master. Nebenbei arbeiten Sie noch als freier Journalist für regionale und überregionale Zeitungen. Welche sind das? Was genau sind sowohl im Studium als auch in Ihrer journalistischen Arbeit Ihre Themen bzw. wo liegen Ihre Interessen?
 
Maihofer: Ich arbeite eigentlich größtenteils für den Tagesspiegel in Berlin für die Kulturredaktion. Mein Schwerpunkt liegt auf Kunst und Literatur und historischen Themen, wobei ich zu Letzteren seltener komme, als mir lieb wäre. Außerdem arbeite ich gerne investigativ, was allerdings als freier Journalist schwierig ist, weil die Bezahlung oft nicht mit dem Arbeitsaufwand korrespondiert. Im Studium beschäftige ich mich viel mit Public History, Erinnerungskultur und Postcolonial Studies. Dabei konzentriere ich mich auf das 19. und 20. Jahrhundert und den Raum Europa sowie - wenn möglich - Afrika.

L.I.S.A.: Wie kamen Sie zu Ihrer journalistischen Tätigkeit? Weist diese bereits auf Ihren Berufswunsch hin? Anders gefragt: Haben Sie das Studium mit dem Ziel aufgenommen, später „irgendwas mit Medien zu machen“?

Maihofer: Ich kam zum Journalismus über ein kleines ehrenamtliches Kulturmagazin in Köln, das sich null22eins nennt und das ich immer noch jedem in der Stadt empfehlen kann, der mal in den Job hineinschnuppern möchte. Dort habe ich erste Texte zu kulturellen Themen geschrieben, dann habe ich Praktika angeschlossen: im Fernsehen bei hauptsache kultur, Kulturzeit und aspekte und im Print bei Tagesspiegel Kultur und der taz. am wochenende. Mein Studium habe ich eigentlich mit dem Ziel aufgenommen, "irgendwas mit Kindern zu machen" (sprich: Lehrer), aber dann nach den ersten Praktika in der Schule schnell gemerkt, das mein eigentlicher Berufswunsch im Journalismus liegt, speziell in der Kulturberichterstattung. Das hat mehr zu mir als Person, zu meinen Interessen und meinen Fähigkeiten gepasst. Also bin ich umgesattelt.

"Alles im allem ein wenig viel und das Studium leidet darunter"

L.I.S.A.: Ist beides zusammen zeitlich überhaupt machbar? Wie viel Spielraum bietet der Studiengang Master für eine zusätzliche Tätigkeit?

Maihofer: Ich habe mein Studium so organisiert, dass ich drei Tage in der Woche in die Universität gehe und zwei Tage in der Redaktion arbeite. Daneben fallen im Journalismus aber auch oft Termine an, die ich entweder nicht wahrnehmen kann oder eben ein Seminar ausfallen lassen muss, um dorthin zu gehen. Viele Termine sind auch am Wochenende, das heißt, dass ich dann auch arbeite. Und weil das Geld vom Journalismus nicht reicht, habe ich auch einen Agenturjob. Alles im allem ist es ein wenig viel und das Studium leidet darunter, meine Nerven gelegentlich auch. Ich würde mir wirklich wünschen, dass Professoren/Dozenten sich darüber klar würden, dass diese Mehrbelastung für viele Studenten Realität ist. Ich habe das Gefühl, das man im Master mit Texten regelrecht beworfen wird, nach dem Motto: Lest das mal und vielleicht sprechen wir dann ein wenig darüber. Das ist doch keine Lehre. Oft hat die langen Texte kaum jemand gelesen und selbst wenn lässt sich in der Tiefe selten darüber diskutieren. Von einer Lehrveranstaltung im 21. Jahrhundert erwarte ich ein wenig mehr didaktische Planung und auch eine breitere Methoden- und Mediennutzung. Vielleicht wäre es dann besser machbar.

"Ich studiere - trotz aller Kritik - sehr gerne"

L.I.S.A.: Inwiefern hilft Ihnen Ihr geisteswissenschaftliches Studium bei der Ausübung Ihrer journalistischen Arbeit? Gibt es auch Synergieeffekte in umgekehrter Richtung – aus dem Journalismus für Ihr Studium?

Maihofer: Mein Studium hat meine persönliche Entwicklung maßgeblich beeinflusst, daher kann ich das schwer trennen. Was das Geschichtsstudium im Besonderen mich gelehrt hat, ist kritisch zu sein - gegenüber Texten, gegenüber Autoren, gegenüber großen Narrativen und es hat mich dafür sensibilisiert, Aussagen und Texte zu dekonstruieren. Das ist eine Eigenschaft, die mir als Journalist von großem Nutzen ist. Und die breite Allgemeinbildung, die das Studium vermittelt, hilft natürlich auch. Genauso wie die Fähigkeit strukturiert zu recherchieren. In umgekehrter Richtung habe ich gelernt, dem wissenschaftlichen Arbeiten gegenüber kritischer zu sein.
 
L.I.S.A.: Angenommen Sie stünden vor der Entscheidung, Ihr Studium abbrechen zu müssen, um journalistisch in Vollzeit arbeiten zu können. Was würden Sie aus welchen Gründen tun?

Maihofer: Die Frage steht natürlich manchmal im Raum. Ich würde gerne mein Studium abschließen und dann ein Volontariat anschließen. Ich studiere - trotz aller Kritik - sehr gerne, ich vertiefe mich gerne in historische Themen und Fragestellungen.

Giacomo Maihofer hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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