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Judith Wonke | 12.03.2020 | 678 Aufrufe | Interviews

"Streaming von Musik lässt uns häufig stumpf werden"

Interview mit Lukas Linek zum Musikkonsum der "Digital Natives"

Ob Spotify, Deezer oder iTunes – nie ließ sich Musik einfacher konsumieren als in Zeiten von Streamingdiensten: Kostenfrei oder für überschaubare monatliche Beträge wird dem Konsumenten ein nahezu unbegrenztes Musikangebot geboten – Stichwort: passiver Konsum. Doch wie beeinflusst das Streamingangebot unser Verständnis sowie den Konsum von Musik? Welchen Einfluss haben dabei die sogenannten "Digital Natives"? Dieser Frage widmete sich Lukas Linek, der in der High-End-Hi-Fi-Branche arbeitet und ein Buch zum Thema veröffentlicht hat. Wir haben den Musikenthusiasten um ein Interview gebeten und ihn unter anderem dazu befragt, wie sich die Branche zukünftig entwickeln wird. 

"Stützpfeiler gewisser alternativer Lebenskonzepte"

L.I.S.A: Herr Linek, Sie beschäftigen sich in Ihrer aktuellen Publikation mit dem Wandel des Musikkonsums. Konkret untersuchen Sie, wie Digital Natives Musik konsumieren. Geht die Idee dieser Veröffentlichung auf ein persönliches Interesse zurück?

Linek: Der Wunsch, diese spannende und aktuelle Thematik zu untersuchen, geht sowohl auf ein berufliches, als auch persönliches Interesse zurück. Ich hab das große Glück in der High-End-HiFi- bzw. Soundbranche arbeiten zu dürfen und die Untersuchung dieses Phänomens hat für unsere spezialisierte Sparte eine große wirtschaftliche Bedeutung. Letztendlich geht es darum, wie sich unsere Branchenpolitik über die nächsten Jahre positionieren muss, um (vor allem mit der Mainstreambranche der Unterhaltungselektronik) konkurrenzfähig zu bleiben und für die zukünftigen Endverbraucher attraktiv zu sein. Hinzu kommt meine persönliche Motivation, gesellschaftspezifische Phänomene wie „Entschleunigung“, „bewussten Konsum“, etc. zu untersuchen, da diese Merkmale inzwischen Stützpfeiler gewisser alternativer Lebenskonzepte darstellen können. Ich kam in die High-End-HiFi-Branche schon als Student, da mir schon sehr früh möglichst hochwertiger und realitätsnaher Sound wichtig war. Während Gleichaltrige häufig ihr Erspartes in Auto, Motorrad oder Urlaub investierten, sparte ich mir Budget für neue Lautsprecher, Verstärker oder Kabel an – mit frühen Jahren besuchte ich lange das Konservatorium in Graz und es war klar, dass Musik mich lange begleiten würde – inzwischen ist sie tatsächlich zu meinem beruflichen Lebensmittelpunkt geworden.

"Möglichkeiten des „noch hochwertigeren“ Musikkonsums"

L.I.S.A.: Auf welche Methoden beziehen Sie sich in Ihrer Studie? Und welches Quellenmaterial liegt dieser zu Grunde?

Linek: Ich habe mich bei der Untersuchung dieses Themas eines breiten Literaturpools bedienen müssen, da die sehr aktuelle Thematik noch kaum empirisch erforscht ist. Für ein großes Forschungsdesign sprengt der Untersuchungsrahmen die finanziellen Möglichkeiten einer einzelnen Person – hier wäre vor allem die Unterstützung der Musik- und Unterhaltungsindustrie wünschenswert, um langfristige Zukunftstrends und eventuelle neue Marktoptionen und -nischen aufzuzeigen. Es gibt zum Glück gute musikwirtschaftliche Literatur, welche sich mit ihren jeweiligen Schwerpunkten beschäftigt, doch ein „audiophiler“ Zugang zum Thema des bewussten Musikkonsums fehlte bis jetzt praktisch vollständig. Hier war es mir wichtig, eine für mich sehr große Lücke zu schließen. „Audiophile“ waren und sind letztendlich diejenigen, die in der Unterhaltungsbranche und im speziellen der HiFi-Branche, sich stets für neue technische Trends und Möglichkeiten des „noch hochwertigeren“ Musikkonsums interessieren – sehr häufig im Bewusstsein dafür finanziell (vergleichsweise) sehr große Ausgaben zu tätigen. Diese „Special Interest“ Zielgruppe gilt sehr häufig auch als Zielgruppe für neue technische Konzepte (z.B. die HD-Vinyl, SACD, Blu-Ray Audio, etc.) die von der Unterhaltungsindustrie indirekt als „Tester“ gebraucht werden.

"Es fehlen prägende Ikonen und Symbole unserer Zeit"

L.I.S.A.: Sie kritisieren, dass das Hören von Musik an Bedeutung verliert und nur Wenige verblieben sind, die Musik „aktiv“ hören und sich mit Musik „aktiv beschäftigen“. Ist dieses Phänomen nicht eines, das zwangsläufig jedes Medium durchläuft? Und ist ein solcher Wandel nicht notwendig, um zukünftige Entwicklungen und Errungenschaften überhaupt erst möglich zu machen?

Linek: Es ist richtig, dass sich der Konsum eines Mediums verändern kann. Wir sehen das sehr stark im Journalismus, wo der Trend von Papier zur elektronischen Tageszeitung sich konsequent fortsetzt. Der Unterschied hierbei liegt jedoch darin, dass die Zeitung trotzdem denselben Inhalt zu transportieren hat – ein Boulevardmedium wird sowohl in gedruckter und elektronischer Form dieselben Inhalte transportieren – das Ziel ist ja stets das gleiche, der Weg hat sich nur verändert. Wir widmen jedoch einem Online-Artikel sehr häufig dieselbe Aufmerksamkeit und der Informationsgehalt ist im Vergleich zum gedruckten Artikel sehr häufig der gleiche (oder sogar größer, da wir in der Online-Darstellung zusätzliche Inhalte präsentieren können, welche uns im Printmedium aufgrund des eingeschränkten Platzangebotes eventuell fehlen). Der Musikkonsum, bzw. vor allem die Art der Musikproduktion und der Distribution, und das damit verknüpfte Wertschöpfungsnetzwerk, verändern sich aber in ihrer Qualität. Unser Konsumverhalten bewegt sich immer mehr in Richtung Quantität (Streaming und das damit verbundene „skipping“), statt Qualität (wie es uns zum Beispiel die Schallplatte ermöglicht). Wir hören Musik sehr häufig nur noch fremdgesteuert (intelligente und vorgegeben Playlisten) und lassen uns die Möglichkeit, neue Musik auf eigene Faust zu entdecken, von computergestützten Algorithmen nehmen. Der heutige Musikkonsument ist, obwohl wir mehr Songs, Interpreten und Genres haben als denn je, einfacher mit neuen Inhalten zu versorgen als früher. Die heutige Musikindustrie kann unseren Musikkonsum viel einfacher steuern und für den Mainstream produzieren als früher. Wir haben viel mehr „flache“ bzw. „bedeutungslose“ Songs und Inhalte, gecastete Künstler (oder an Knebelverträge gebundene Musiker*innen) die ein bestimmtes Publikum bedienen – und das mit Ablaufdatum. Sobald etwas „totgespielt“ ist, wird einfach eine neue Galionsfigur aufgestellt, deren Countdown just in dem Moment zu ticken beginnt, wo sie plötzlich ins Rampenlicht tritt. Es fehlen prägende Ikonen und Symbole unserer Zeit und unserer gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit aktuellen politischen sowie sozialen Inhalten.

"Ein Musikalbum als vollständige, ganzeinheitliche Produktion"

L.I.S.A.: Das Phänomen des Bedeutungsverlustes, das Sie beschreiben, trifft nicht ausschließlich auf die Musikbranche zu: Auch der Kauf von Filmen und Serien wird abgelöst von einem umfangreichen Streaming-Angebot. Glauben Sie und wenn ja, warum glauben Sie, dass die Musikindustrie einen höheren Stellenwert hat? Warum ist gerade die Musikindustrie schützenswert?

Linek: Ich denke, dass fast jedes Medium auf seine Art und Weise schützenswert ist. Wie Sie richtig erwähnen, verändert sich auch die Filmbranche – ähnlich wie in der Musikbranche kann letztendlich der Endverbraucher mitbestimmen, welcher Trend sich am Ende durchsetzen wird. Auch hier ist es wichtig, dass man langfristig auf qualitative Inhalte setzt und gelungene Produktionen würdigt – aber auch bei mangelhaften Filmen und Serien gerne mal gegen den Mainstream geht und sich traut, nach Alternativen zu suchen. Leider schränken wir uns mit Netflix, Amazon Prime, Disney+ etc. sehr häufig in der Auswahl der uns gebotenen Inhalte an. Europäisches Kunstkino, anspruchsvollere und/oder ernstere Filme sind bei vielen Streaminganbietern unterrepräsentiert – dafür gibt es umso mehr Berieselung und geistlose Inhalte für den Konsum „nebenbei“. Und das ist leider ein Phänomen, dass sich auf den Musikkonsum eins zu eins übertragen lässt: Streaming von Musik lässt uns häufig stumpf werden – wir beschäftigen uns nicht mehr mit den transportieren Inhalten, achten nicht auf die „Message“ des/r Künstlers/in. Wir skippen Lieder, anstatt ein Musikalbum als vollständige, ganzeinheitliche Produktion, als „Werk“ zu sehen. Die Musikindustrie reagiert natürlich darauf und produziert mehr denn je „Berieselungsmusik“. Hinzu kommt jedoch, anders als in der Film- und Serienindustrie, dass die Art der Produktion immer billiger und einfacher wird. Während die Bildqualität immer besser wird, sinkt sehr häufig die Tonqualität moderner Produktionen im Vergleich zu der Musik der letzten Dekaden. Diese Entwicklung ist leider sehr bedenklich – und es sieht nicht danach aus, dass es eine Trendwende geben wird (zumindest nicht im Mainstream).

"Plötzlich wurde kostenlose Musik allgegenwärtig"

L.I.S.A.: Auf der einen Seite lässt sich ein Wandel hin zu Streaming-Diensten und einer Kurzlebigkeit der Musik beobachten, auf der anderen, dass gerade Musikliebhaber weiterhin auf Vinylplatten und qualitativ hochwertige Soundsysteme setzen. Spricht nicht eben diese Entwicklung gegen den Bedeutungsverlust der Musikbranche? Anders formuliert: Ist es nicht vielmehr so, dass in heutigen Zeiten der Unterschied zwischen Musikliebhabern und Musiklaien deutlich wird, während es zur Zeit der CD für all jene, die Musik „passiv“ konsumierten, kaum Alternativen zur CD gab?

Linek: Es ist richtig, dass früher der Konsum bei Audiophilen und Gelegenheitshörer/innen technisch gesehen ähnlicher war. Trotzdem fand früher eine intensivere Auseinandersetzung mit hochwertigerem Musikgenuss statt – so war es beispielsweise in den 70ern und 80ern ein Statussymbol, eine hochwertige Musikabspielanlage zu besitzen. Man traf sich zum gemeinsamen Schallplatte-Hören – später dann halt auch gemeinsamen CD-Hören. Erst mit der Digitalisierung des Musikkonsums, vor allem mit dem Aufkommen der MP3-Datei, begann der qualitative Niedergang. Plötzlich wurden hunderte Tracks auf eine selbstgebrannte CD gepackt und im Freundeskreis verteilt – später begann man damit einzelne MP3-Dateien legal oder illegal über das Internet herunterzuladen. In dem Moment, wo ein verlustbehaftetes und komprimiertes Dateiformat von der Industrie als „Standard“ angesehen wurde, erkannten die ersten Branchenkenner, dass etwas falsch läuft. Plötzlich wurde kostenlose Musik allgegenwärtig – wer die Tracks nicht auf iTunes und iPod kaufen wollte, hörte sich eben illegale Uploads im Netz oder auf YouTube an. Dabei war die Qualität der Wiedergabe nie ein entscheidendes Thema. Audiophile bzw. bewusste Musikgenießer nutzen sehr häufig mehrere hochwertige Musikquellen gleichzeitig – angefangen bei Vinyl, über die klassische CD (über audiophile Weiterentwicklungen wie SA-CD, XR-CD, HD-CD, K2-CD usw.) bis hin zu audiophilen Musikdiensten, wie Tidal oder Qobuz (die im Vergleich zu den bekannteren auch den Künstler*innen deutlich mehr Tantiemen zahlen) – aber auch neue technische Features, wie beispielsweise MQA. Einige Labels und Künstler versuchen ihre Musik und ihre Produktionen hauptsächlich über hochwertige Labels und audiophile Kanäle zu veröffentlichen – im Gegensatz zum Mainstream versucht man hier auch tatsächlich dem Moment der Aufnahme, den Emotionen und Gefühlen des Interpreten, der transportierten Botschaft so nah wie möglich zu kommen.

"Der Mainstream wird noch quantitativer produzieren und vermarkten"

L.I.S.A.: Wie glauben Sie, wird sich der Musikkonsum zukünftig entwickeln? Und welche Rolle spielt die Musikbranche in dieser Entwicklung?

Linek: Ich befürchte fast, dass sich der Trend wie eine sich öffnende Schere fortsetzen wird – der Mainstream wird noch quantitativer produzieren und vermarkten, die audiophile Liebhaberszene wird in manchen Bereichen sicherlich noch spezieller und sogar in manchen Dingen „realitätsferner“. Das ist natürlich sehr schade – dabei gibt es auch inzwischen im leistbaren Bereich sehr attraktive und hochwertige Lösungen. Jede/r von uns sollte sich fragen, welchen Stellenwert Musik in unserem Leben einnimmt und welche Wertschätzung wir ihr und den jeweiligen Künstler/innen entgegenbringen möchten. Die Musikbranche könnte natürlich anfangen den aktuellen Trend in eine nachhaltige Richtung zu lenken, doch im kapitalistisch geprägten Konkurrenzdenken wird das kaum möglich sein. Warum sollte ein Label riskieren, eventuelle Einnahmequellen zu riskieren, wenn der Erfolg der angeblich „nachhaltigeren“ Alternative nicht kurzfristig lukrativ erscheint? Hier scheinen nur kleinere und unabhängige Labels die Möglichkeit zu haben, sich dem erdrückenden Mainstream entgegenzustellen. Eine noch größere Rolle als die Musikindustrie spielt der Endverbraucher: Mit jeder gekauften Schallplatte, mit jedem Lausprecher oder Verstärker europäischer Herkunft, mit jedem bezahlten Musikabonnement unterstützen wir einen nachhaltigeren Markt und eine wirtschaftlich attraktive Alternative – und stärken die deutlich geschwächte Musikbranche. Ob wir langfristig Erfolg haben werden, wird die Zukunft zeigen.

Lukas Linek hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet. 

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