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Anna Grosskopf | 04.03.2010 | 3454 Aufrufe | Artikel

STÖRUNGEN
Hamburg, 12. und 13. Februar 2010

Störungen sind ein universales Phänomen. Sie können technische Abläufe ebenso betreffen wie physische und psychische Verfasstheiten, gesellschaftliche und kulturelle Prozesse, mediale Ereignisse oder künstlerische Strategien. Eine interdisziplinäre Tagung im Hamburger Warburg-Haus beleuchtete nun verschiedene historische Erscheinungsformen des Phänomens und erprobte die Produktivität und methodische Tauglichkeit des Störungsbegriffs für den kulturwissenschaftlichen Erkenntnisprozess.

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Ankündigungsplakat zur Tagung

Die Tagung bildete den Abschluss eines Forschungsprojektes der Hamburger Isa Lohmann-Siems Stiftung, die seit 2005 regelmäßig Forschungsaufträge zu ausgewählten geisteswissenschaftlichen Themenschwerpunkten vergibt. Dem interdisziplinären Ansatz der Stiftung folgend, werden die Themen von jungen WissenschaftlerInnen aus unterschiedlichen Disziplinen gemeinsam erarbeitet, so in diesem Jahr von der Volkskundlerin Julia Fleischhack und der Kunsthistorikern Kathrin Rottmann. Zum Thema „Störungen“ hatten die Veranstalterinnen acht Referentinnen und Referenten eingeladen, die sich den materialen und medialen Aspekten des Phänomens aus der Perspektive ihrer jeweiligen Forschungsfelder näherten.

Den Auftakt bildete „Fast Nichts“, so der auf eine Berliner Ausstellung minimalistischer Kunst im Jahr 2005 rekurrierende Vortragstitel des Medizin- und Wissenschaftshistorikers Cornelius Borck (Lübeck), der darin für eine Epistemologie der Störung und der scheiternden Versuche in Kunst und Wissenschaft plädierte. Dem problematischen Reduktionismus der Neuroästhetik stellte Borck die wahrnehmungsphilosophische Figur des „Fast Nichts“ gegenüber, die er als produktive Irritation im Sinne einer Reflexivierung der Wahrnehmung beschrieb. Dieses „Fast Nichts“ zeige sich in der wissenschaftlichen Laborpraxis bisweilen in Momenten des Scheiterns und der Störung, die einen Reflexionsprozess auslösen und so eine neue Erkenntnis erst ermöglichen. Das durch scheiternde Versuche hervorgerufene produktive Stocken in der Wahrnehmung verglich der Vortragende mit dem ästhetischen Experimentieren in der Kunst. So seien auch die von ihm gezeigten abstrakten Bleistiftzeichnungen, die Gerhard Richter 1978 während eines Aufenthalts als Gastprofessor am Nova Scotia College of Art and Design in Halifax ausführte, in einem Modus minimaler Reflexivität entstanden und könnten, so Borck, als künstlerische Manifestationen des „Fast Nichts“ gelten.

Die Volkskundlerin und Kulturanthropologin Sabine Kienitz (Hamburg) befasste sich in ihrem Vortrag mit dem Krieg als einer besonders drastischen Form der Störung, indem sie den Ersten Weltkrieg als Auslöser einer Krise des Körpers in den Blick nahm. Im Rahmen der Kriegsereignisse wurde der durch neue Waffengattungen wie Sprengminen verletzte oder fragmentierte Körper des Soldaten zum Medium, über das der Krieg sichtbar und erfahrbar wurde. Die Auswertung zeitgenössischer statistischer Daten zu Kriegstoten und -verletzten offenbart eine qualitativ neue Bewertung des Körpers nach dem Aspekt der Funktionalität bzw. „Brauchbarkeit“ der betroffenen Körperteile. Überraschenderweise spiegeln auch Briefe und Tagebucheinträge verletzter Soldaten eine Distanzierung vom eigenen, partiell „unbrauchbar“ gewordenen Körper, die Kienitz als Symptom eines Sich-selbst-fremd-Werdens deutete. Der Fortschritt der Prothesentechnik, die eine Re-Konstruktion versehrter Körper erlaubte, erscheint in diesem Zusammenhang als Banalisierung einer Störung, deren weitreichende Konsequenzen durch ein funktionalistisches Körperbild negiert wurden.

Über den Zusammenhang von Norm und Wirklichkeit in den Sozialwissenschaften sprach der Soziologe Elisio Macamo (Basel) in seinem Vortrag mit dem Titel „Afrika stört“. Am Beispiel der Flutkatastrophe, die sich im Frühjahr 2000 im Süden Mosambiks ereignete, erläuterte Macamo die Differenz zwischen lokaler Wahrnehmung und offizieller, äußerer Beurteilung. Während die staatlichen und externen Nothilfeapparate die Flut selbst als Katastrophe betrachteten, was auch der wissenschaftlichen Einschätzung entsprach, empfand die Bevölkerung den nachfolgenden Ernteausfall als die eigentliche Katastrophe, die sich jedoch erst nach dem Abzug der internationalen Hilfsorganisationen ereignete. Die ethnozentrischen Beschreibungsnormen der Sozialwissenschaften erwiesen sich so als untauglich für die Bewältigung dessen, was in der lokalen Wahrnehmung als tatsächliche Katastrophe erschien. Nicht die Flutkatastrophe, so argumentierte Macamo, wurde von der Soziologie als Störung wahrgenommen, sondern die lokale Einschätzung, die die Wissenschaft mit der Unzulänglichkeit ihrer eigenen normativen Voraussetzungen konfrontierte.

Julia Fleischhack (Hamburg) betrachtete in ihrem Vortrag die zeitgenössischen Reflexionen auf frühe Verdatungsprozesse der 1960er Jahre als Anzeichen einer Störung. In einem Close Reading soziologischer und rechtswissenschaftlicher Texte von US-amerikanischen Autoren wie Vance Packard, Stanton Wheeler und Alan F. Westin konnte sie zeigen, dass die in den sechziger Jahren durch neue Speichermedien erstmals möglich gewordenen expansiven Sammlungen persönlicher Daten schon früh als Irritation wahrgenommen wurden, deren politische und ideologische Motivationen jedoch diffus blieben.

Wann und unter welchen Bedingungen die Nacht zur Störung werden kann, zeigte Martin Scharfe (Marburg) in einer volkskundlichen Analyse der „Nachtwege“ als Störungen zielgerichteter Mobilität. Seine These, nach der die Nacht erst in der Moderne als Störung wahrgenommen wird, konnte Scharfe anhand von zahlreichen literarischen, künstlerischen und soziologischen Quellen untermauern. In der Alltagskultur der Vormoderne, wie sie sich in volkstümlichen Sagen offenbart, ist die Nacht noch Teil der Ordnung: Die Wege des nächtlichen Wanderers werden gestört und als Normübertretungen geahndet, damit die Nacht selbst ungestört bleibt. Matthias Claudius poetische Rede von der Nacht als „Kammer“ reflektiert ihre Funktion und Bedeutung als Zeit der Erholung und des Schlafes. Demgegenüber lässt sich, so Scharfe, in der Moderne eine Tendenz zur Abschaffung der Nacht beobachten, die sich in Ironisierungs- und Enttabuisierungsstrategien Bahn bricht. Die Nacht stört die geforderte wirtschaftliche Produktivität und unbegrenzte Mobilität und wird so mit gleichsam historischer Notwendigkeit zur Störung des Fortschritts in einer kulturellen Ordnung der Moderne.

Aus kunsthistorischer Perspektive beleuchtete Kathrin Rottmann (Hamburg) den „Urbanen Bodensatz“ in einem Vortrag über Fotografien von Schmutz und Dreck als Störungen visueller Hygiene. Eine 1928 entstandene Fotoserie von Germaine Krull, die Schmutzansammlungen auf den Böden der Pariser Markthallen zeigt, kontrastierte die Vortragende mit zeitgleich entstandenen Fotografien metallener Oberflächen, in denen die Ästhetik von Maschinen als eine Ästhetik der Reinheit etabliert wird. Im Hygienediskurs des frühen 20. Jahrhunderts wird Schmutz als eine sowohl sanitäre als auch ästhetische Störung wahrgenommen - eine Bewertung, die auf Theorien des Neuen Bauens voraus zu weisen scheint, in denen die Hygiene des Wohnraumes ebenfalls visuell, zum Beispiel durch glänzende Oberflächen, vermittelt wird. Bei Autoren wie Friedrich Wolf und Siegfried Giedion wird der Hygienebegriff so zum Gegenbegriff des Ornamentalen. In einem zweiten Argumentationsschritt konfrontierte die Referentin die Fotografie als im Gegensatz zur Malerei „saubere Technik“ (László Moholy-Nagy) mit den „schmutzigen“ Motiven in Krulls Bilderserie. Das Querliegen der Bildgegenstände zu einer durch die fotografische Technik vermittelten Hygiene des Optischen lässt sich dabei als eine Störung beschreiben, die das Verhältnis von Material und Medium betrifft.

Birgit Schneider (Potsdam) betrachtete in ihrem medientheoretisch ausgerichteten Vortrag die Interferenzen technischer Bilder als Phänomene zwischen Ästhetik und Störung. Die Interferenz von zwei nicht deckungsgleichen Mustern oder Rastern, wie sie zum Beispiel bei mehrmaligem Scannen einer Vorlage auftreten kann, wird mit dem aus der Textilkunde stammenden Begriff „Moiré“ bezeichnet. Was im textilen Verwendungszusammenhang als bewusst eingesetztes Mittel ästhetischer Gestaltung gesehen wird, gilt in der Druckgrafik als Bildstörung, die es zu beseitigen gilt. In Anlehnung an Peter Geimers Forschungen zum Phänomen der Bildstörung plädierte die Vortragende für eine positive Sichtweise von Interferenzen, da sich in ihnen der artifizielle Charakter technischer Bilder offenbare. Störungen wie die von Schneider beschriebenen Moirés machen Bildmedien sichtbar, indem sie ihre Substruktur freilegen.

Materialien zu einer „Ikonographie des Schreckens“ zeigte Saskia Frank (Braunschweig/Marburg) in einem Vortrag über die Medialisierung technischer Katastrophen. Anhand der Fotografien historischer Zeppelinunfälle skizzierte sie das Bild einer medialen Vermarktungsstrategie des Zeppelins, in der auch Katastrophenbilder verwertet wurden. Die dokumentarischen Bilder brennender Luftschiffe zeugten, so Frank, von einer Ästhetisierung des Schreckens, in der das Katastrophenbild zur Ikone werde. Dies sei auch bei gegenwärtigen Katastrophen wie dem Absturz der Raumfähre Columbia 2003 der Fall. Als Gegenbild zu solchen Ästhetisierungen zeigte die Referentin Arbeiten des Schweizer Künstlers Christoph Dräger, der durch manipulative Eingriffe das Ikonewerden katastrophischer Medienbilder stört.

Über die mediale Visualisierung von Katastrophen sprach auch die Literaturwissenschaftlerin Eva Horn (Wien). Schillers Frage nach dem „Grund des Vergnügens an tragischen Gegenständen“ machte sie zum Ausgangspunkt einer medienwissenschaftlichen Analyse apokalyptischer Szenarien im populären Kino. Ihre These, nach der sich in Weltuntergangsfilmen wie „Deep Impact“ (1998) oder „2012“ (2009) eine bestimmte biopolitische Pragmatik offenbare, konnte sie durch einen Abgleich mit Schriften der Allokationsethik belegen. So stimmen die in Spielfilmen vorgeführten biopolitischen Entscheidungsmuster häufig mit dem 1978 von Guido Calabresi und Philip Bobbitt aufgestellten Kriterienkatalog für die von den Autoren so genannten „Tragic Choices“ überein, in dem die Auswahl von Überlebenden angesichts knapper Ressourcen durch rationale Verfahren geregelt werden soll. In den von Horn untersuchten Weltuntergangsfilmen wird die Katastrophe zur narrativen Figur, die es erlaubt, bisher unantastbare moralische und politische Werte zu suspendieren.

Störungstechniken und störungsanfällige Techniken nahm der Wissenschaftshistoriker Christian Kassung (Berlin) mit seinem Vortrag in den Blick, in welchem er die Störung zur Botschaft erklärte und einen Bogen von Trithemius‘ Steganographie des frühen 16. bis hin zur Bildtelegraphie des frühen 20. Jahrhunderts aufspannte. Beide Techniken führte er auf Synchronisierungsfragen zurück: In der Steganographie gehe der versteckte Text im Rauschen und damit die „Message“ im „Medium“ auf und sei dadurch, ebenso wie telegraphierte Bilder, verschlüsselt. Die Entschlüsselung von Texten und telegraphierten Bildern, ohne welche im Zweifelsfall lediglich Störungen vorlägen, setze eine Synchronisation von Sender und Empfänger voraus, wobei die Techniken dieser Synchronisation zwischen Kakophonie und Kryptographie oszillierten.

Fazit
In der fächerübergreifenden Vielfalt der Beiträge konnte die Relevanz des Störungsbegriffes als thematische und methodische Figur der Kulturwissenschaften vielfach aufgezeigt werden. Dabei wurden die ästhetischen Qualitäten der Störung in Fotografien (Rottmann) und technischen Bildern (Schneider) ebenso in den Blick genommen wie ihre metamedialen Eigenschaften (Schneider, Kassung). Obwohl sich Anzeichen von Störungen häufig in katastrophischen Ereignissen (Kienitz, Macamo, Frank) und Settings (Horn) zu offenbaren scheinen, herrschte doch Konsens über das produktive Potential der betrachteten Phänomene. Indem Störungen die Strukturen einer zugrunde liegenden Ordnung sichtbar machen, können sie einen Reflexionsprozess in Gang setzen und dienen so letztlich dem Erkenntnisgewinn. Das Zufällige, Divergente entpuppt sich als konstitutives Moment wissenschaftlicher und künstlerischer Praxis (Borck). Welche Phänomene und Ereignisse dabei von wem und zu welcher  Zeit als Störungen betrachtet wurden, verspricht Aufschluss über historische, ideologische und kulturelle Konstellationen (Scharfe, Fleischhack, Macamo). Die aktuellen Forschungsansätze zu einer kultur- und medienwissenschaftlich definierten Epistemologie der Störung haben durch die Hamburger Tagung sicherlich neue Impulse erhalten.


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