Login

Registrieren
merken
Judith Wonke | 12.04.2018 | 502 Aufrufe | Interviews

"Stadtmuseen sollten Heimatmuseen im besten Sinne sein"

Interview mit Sascha Pries zur Rolle von Stadtmuseen

Ein Stadtmuseum wird als ein Museum definiert, das für eine Stadt besonders wichtige Kunst- und Kulturgüter sammelt und ausstellt. Dabei stellt sich jedoch die Frage, was in einem Stadtmuseum, dessen Bezugsgröße die Stadt selbst ist, ausgestellt werden soll: Welche Exponate sind für die historische, wie auch die gegenwärtige Entwicklung einer Stadt von Bedeutung? Wie sollten Stadtmuseen mit Migration umgehen? Und wie können sich Stadtmuseen gegen die übrigen Kulturangebote behaupten? Diese und weitere Fragen haben wir Sascha Pries, Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Kölnischen Stadtmuseum, gestellt. 

Sascha Pries (l.), © Rheinisches Bildarchiv, Foto: Sabrina Walz

Google Maps

"Eine unglaubliche Vielfalt verschiedener Objekte"

L.I.S.A.: Herr Pries, Sie sind wissenschaftlicher Mitarbeiter des Kölnischen Stadtmuseums. Woher rührt Ihr Interesse an der Kölner Stadtgeschichte?

Pries: Ich bin in Köln-Ehrenfeld aufgewachsen. Die Stadt ist meine Heimat und an der haben wir ja alle irgendwie Interesse, selbst wenn es die zweite oder eine Wahlheimat ist. Ich habe hier außerdem Geschichte studiert und im Studium schon einige Seminare und Vorlesungen besucht, in denen es um die Geschichte Kölns ging. In dieser Zeit habe ich auch angefangen im Besucherservice des Kölnischen Stadtmuseums zu arbeiten, das war dann der passende Einstieg in den Beruf. Es gehörte aber auch viel Glück dazu, die Stellen in dem Bereich fallen nicht vom Himmel.

L.I.S.A.: Zwei der Kernkompetenzen eines Museums sind das „Sammeln“ und „Präsentieren“ von Objekten. In einem Stadtmuseum gilt die Stadt selbst als Bezugsgröße. Was bedeutet dies für Stadtmuseen?

Pries: Fangen wir beim Sammeln an: Anders als etwa Kunstmuseen haben Stadtmuseen eine unglaubliche Vielfalt verschiedener Objekte in ihren Sammlungen, denn für uns sind sowohl Kunstwerke wie Gemälde, Skulpturen oder Fotografien, aber auch Einrichtungsgegenstände, Fahrzeuge oder völlig alltägliche Objekte von Interesse. Das ist einerseits sehr spannend, weil wir dadurch viel über die Stadt lernen, besondere Orte sehen und Menschen treffen, die sehr persönliche Geschichten zu erzählen haben. Gleichzeitig stellt es uns vor Probleme, denn wir müssen all diese Objekte auch irgendwie fachgerecht aufbewahren und historisch einordnen können. Man wird dadurch gezwungen, sich immer wieder in völlig neue Bereiche einzuarbeiten. Spezialisten für ganz bestimmte Fachrichtungen würden hier sicherlich auf Dauer nicht glücklich.

Für unsere Präsentationen müssen wir uns im Grunde zwei Fragen stellen: Was wollen wir eigentlich zeigen, also welches Thema ist uns wichtig, und an wen richtet sich eine Ausstellung überhaupt? Unsere Sammlung ist ja gerade deshalb so vielfältig, weil die Stadt und vor allem die Menschen, die hier leben, es auch sind. Mir fällt es schwer, unseren typischen Besucher zu beschreiben. Wir wissen, dass unsere Besucher zu ähnlichen Teilen aus allen Altersklassen kommen, es sind Senioren, Studierende, aber eben auch Eltern mit ihren Kindern oder Schulklassen. Unser Ziel muss es also sein, all diesen Menschen einen spannenden Ausstellungsbesuch zu ermöglichen, sie zu informieren, zu begeistern und zum Wiederkommen anzuregen. Gleiches gilt für die Milieus, aus denen die Besucher kommen: Wir sind ein niederschwelliges Museum und sprechen Menschen aus „bildungsferneren“ Schichten ebenso an, wie Leute, die studiert haben. Wir wollen mit unseren Ausstellungen bilden, informieren und unterhalten zugleich. Dieser Spagat ist nicht immer einfach, aber ich bin eigentlich erst dann zufrieden, wenn ich für meine Arbeit Lob von einem Geschichtsprofessor und einer Fünfjährigen bekommen habe.

"Geschichte ist nicht gleich Vergangenheit"

L.I.S.A.: Ein Stadtmuseum stellt nicht nur das historische Erbe der Stadt aus, sondern auch die gegenwärtige Kultur und aktuelle Entwicklungen. Wie wird man diesem Anspruch gerecht?

Pries: Ich glaube es hilft, wenn man Geschichte nicht als statisch begreift, sondern als etwas, das immer gegenwärtig ist. Damit hebt man diese nur scheinbar vorhandene Diskrepanz zwischen Vergangenheit und Gegenwart auf. Geschichte ist ja nicht gleich Vergangenheit, sondern ein ganz aktueller Blick aus der Gegenwart in die Vergangenheit. Für unsere Arbeit bedeutet das, Objekte nicht nur zu zeigen, weil sie historisch bedeutsam sind, oder wertvoll oder besonders auratisch, sondern weil sie für aktuelle Fragestellungen relevant sind. Ich würde das mit einem Gespräch mit der eigenen Großmutter vergleichen, die einem aufzeigen kann, dass man nicht der erste ist, der sich über bestimmte Dinge sorgt oder Fragen zum Leben hat, das hat etwas Beruhigendes. Es ist sicherlich nicht einfach und auch oft nicht möglich, aber den Besuchern an einzelnen Stellen die Möglichkeit zu geben, sich aus ihrer konkreten Gegenwart in die Vergangenheit zu begeben und damit Geschichte am eigenen Leib zu erfahren, ist ein guter Weg. Das Stadtmuseum von Rotterdam hat dazu eine großartige Idee gehabt: Neben einer klassischen Präsentation historischer Objekte, haben sie Bürger der Stadt gefunden, die bereit waren, mit ihren ganz persönlichen Lebensgeschichten zu einem Teil der Ausstellung zu werden. Sie stehen jetzt als lebensgroße Figuren auf Inseln in der Ausstellung und bieten einen ganz lebensnahen, persönlichen Zugang zu dem, was Rotterdam ausmacht: die Menschen die dort leben.

"Migrationen hat es immer gegeben"

L.I.S.A.: Wie sollten Stadtmuseen mit Migration und Einwanderung umgehen?

Pries: Erstmal finde ich es gut, das viele Stadtmuseen in den letzten Jahrzehnten Ausstellungen zu dem Thema gemacht haben. Dabei sind spannende Projekte herausgekommen, es wurden Hemmnisse abgebaut und die Sammlungen der Museen wurden auch um Migrationsobjekte erweitert. So wichtig diese Phase des Fokussierens auch war, ich würde mir einen „historischeren“ Umgang mit dem Thema wünschen. Menschen und Gesellschaften neigen dazu, die Gegenwart für einzigartig und sehr besonders zu halten, ein Blick in die Vergangenheit kann das relativieren: Migrationen hat es immer gegeben: zur Gründungszeit Kölns, im Mittelalter, im Dreißigjährigen Krieg, in der industriellen Revolution, vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Es gibt sie jetzt und es wird sie in Zukunft geben, Migration ist also nichts Besonderes, sondern etwas Alltägliches, das in den Dauerausstellungen von Stadtmuseen in die große Erzählung eingeflochten werden sollte. Denn eins ist auch klar: Migration und Migranten haben Gesellschaften und Geschichte immer verändert, auch die, auf der wir unsere Identität heutzutage aufbauen.

"Geschichte wurde gewissermaßen demokratisiert"

L.I.S.A.: In den 1970er Jahren fand in Deutschland ein sogenannter „Geschichtsboom“ statt. – Museen wurden gegründet und das Interesse an geschichtlichen Themen wuchs. Profitierten auch die Stadtmuseen von dieser Entwicklung? Und wenn ja, wie?

Pries: Ich denke es war damals sehr wichtig, dass sich große Teile der Bevölkerung geschichtlichen Themen zugewandt haben, auch weil dadurch die Deutungshoheit der Universitäten und Akademien verringert wurde. Die Geschichte wurde gewissermaßen demokratisiert. Es kamen neue Themen in die Diskussion und es wurden neue Perspektiven und Methoden ausprobiert, die unsere Arbeit bis heute prägen. Wir profitieren aber heute nicht so sehr davon, dass das allgemeine Interesse an Geschichte hoch ist. Wir stehen im Wettbewerb mit vielen anderen Institutionen und Museen, aber auch Dokumentationen im Fernsehen oder auf Netflix. Geschichte zu konsumieren, ist heute noch einfacher geworden. Stadtmuseen sind aber ja nicht nur Orte für Geschichte sondern auch für Identität und das müssen wir ausnutzen.

"Demokratie ist ein Verb"

L.I.S.A.: Welche Rolle spielen die Stadtmuseen für die Demokratisierung der Bürger?

Pries: Es ist ja nicht so, dass wir in Stadtmuseen Erfolgsgeschichten der Demokratie erzählen oder ständig versuchen, den Besuchern die Vorteile unserer Staatsform näher zu bringen, das verstehe ich auch nicht als unsere Aufgabe. Allerdings sind Städte natürlich aufgrund ihrer Kleinräumigkeit übersichtlicher als große Staatsgebilde. Man kann etwa in Köln ganz gut nachvollziehen, wie die verschiedenen (Stadt-) Verfassungen seit dem Verbundbrief von 1396 das Leben der Bürger veränderten. Vielleicht gelangt der eine oder andere Besucher letztlich zu der Erkenntnis, dass die Gewährung von Freiheitsrechten im Code Civil nach 1794 eine Verbesserung gegenüber der Zeit davor war, oder dass das Grundgesetz fairere Wahlen garantiert als das preußische Dreiklassenwahlrecht. Ich halte es aber für wenig zielführend, solche Diskussionen zu moralisieren oder die Geschichte als Drohgebärde zu nutzen, um Menschen zu mehr Demokratieliebe zu erziehen. Es ist also ein schmaler Grat auf dem wir uns hier bewegen, denn natürlich ist es wichtig, etwa an Menschen zu erinnern, die sich für Freiheitsrechte und Gleichheit eingesetzt haben, oder Objekte zu zeigen, die unseren Weg zur Demokratie aufzeigen, wie etwa eine Wahlurne der ersten freien Kommunalwahl in Köln nach der NS-Herrschaft von 1946. Dabei sollte aber im Vordergrund stehen, dass Demokratie keine statische Struktur ist, sondern von uns allen am Leben gehalten werden muss. Demokratie ist ein Verb.

"Eine starke von allen Mitarbeitern gelebte Markenidentität"

L.I.S.A.: Stadtmuseen müssen sich gegen die übrigen Museen behaupten, vor allem in großen Städten drohen sie im übrigen Kulturangebot zu versinken. Oft hängt ihnen außerdem der Charakter eines „Heimatmuseums“ an. Was zeichnet die Stadtmuseen aus – was ist das Alleinstellungsmerkmal? 

Pries: Wir können uns kaum mit Top-Museen und ihren herausragenden Sammlungen und finanziellen Möglichkeiten messen, das ist kein Spiel auf Augenhöhe. Trotzdem sollten Stadtmuseen sich nicht verstecken, sondern mit breiter Brust ihre Fähigkeiten und Vorteile nach außen tragen. Mehr noch als große oder bekannte Museen müssen wir uns genau überlegen, welche Angebote wir machen wollen und welche Botschaften wir haben: im Prinzip brauchen Stadtmuseen eine starke von allen Mitarbeitern gelebte Markenidentität. Unser Alleinstellungsmerkmal ist dabei doch gerade das Stigma, dass Sie in Ihrer Frage beschreiben: Der Begriff tut vielen noch weh, aber Stadtmuseen sollten Heimatmuseen im besten Sinne sein, denn das ist genau das, was sie ohnehin können und sollen. Der Begriff Heimat wird immer viel diskutiert, er polarisiert und natürlich wird er häufig missbraucht, aber das ist für mich kein Grund, ihn nicht offensiv positiv zu besetzen. Wir haben ja auch keinen anderen und Heimat ist für alle Menschen wichtig, ganz egal ob sie aus Köln-Ehrenfeld, Sachsen, Frankreich oder Syrien stammen. Die Identifikation mit der Geschichte und Identität der lokalen Lebensumgebung ist ein Schlüssel dazu, sich an einem Ort beheimatet und wohl zu fühlen. Stadtmuseen können Menschen auf diesem Weg begleiten und zwar ganz unabhängig von ihrer persönlichen Geschichte.

Sascha Pries hat die Fragen der Redaktion schriftlich beantwortet. 

Kommentar erstellen

64NNF