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Judith Wonke | 25.01.2018 | 1226 Aufrufe | Interviews

Sport unter staatlicher Kontrolle

Interview mit Dr. Bernd Reichelt zur Gleichschaltung des Vereinssports in Lothringen und an der Saar (1935-1950)

Das Prinzip des Omnisportvereins oder auch Allsportprinzips bezeichnet ein Konzept, in dem alle Sportarten eines Ortes bis zu einer bestimmten Größe in einem Verein zusammengefasst werden. An der Saar wurde dies gleich zwei Mal umgesetzt: zum ersten Mal während der Nationalsozialistischen Herrschaft, zum zweiten Mal nach 1945 während der französischen Besatzungszeit. Dr. Bernd Reichelt betrachtete diese "Gleichschaltung" des Vereinssports in Lothringen und der Saar von 1935 bis 1950. Im Interview geht er unter anderem auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten der beiden Zeiträume sowie den Umgang der Vereine mit der Sportpolitik ein. 

"Staatlich kontrollierbare Sportgemeinschaften"

L.I.S.A.: Sie betrachten in Ihrer Arbeit die nationalsozialistische Sportpolitik und die französische Sportpolitik der Besatzungszeit. Inwiefern sind diese Ausprägungen vergleichbar, wo zeigen sich Unterschiede?

Reichelt: Sowohl die Nationalsozialisten als auch die französische Militärregierung versuchten, den Bereich des Sports zu beherrschen beziehungsweise unter staatliche Kontrolle zu bringen. In meinem Beitrag zur „Gleichschaltung“ der Sportvereine gehe ich vertiefend auf einen Teilaspekt meiner Dissertation ein: das Sportorganisationsprinzip der Omnisport- oder auch Allsportvereine. Unterschiedliche Sportdisziplinen, angefangen vom Schachspiel bis hin zum Fußballsport, sollten sich in einem Ort nicht mehr in unterschiedlichen Vereinen, sondern in einem einzigen Großverein organisieren.

Sowohl in der Zeit des Nationalsozialismus wie auch in der französischen Besatzungszeit sollten die traditionellen bürgerlich geprägten Sportvereine durch staatlich kontrollierbare Sportgemeinschaften ersetzt werden. Im „Dritten Reich“ wurde noch vor dem Krieg damit begonnen, Großvereine zu schaffen. Bezeichnungen wie „Verein für Leibesübungen“ (VfL) haben sich bis heute gehalten. Ein Beispiel ist der 1938 entstandene Verein VfL Bochum. Noch weiter gingen die Nationalsozialisten im 1940 besetzten Lothringen, das quasi als Versuchslabor genutzt werden konnte. Nach der vollständigen Zerschlagung des dortigen Vereinswesens wurde in jedem größeren lothringischen Ort eine Turn- und Sportgemeinschaft (TSG) gegründet, die personell mit der Deutschen Volksgemeinschaft – der lothringischen Ersatzorganisation der NSDAP – verbunden war. Bewusst wurde hierbei auf die Bezeichnung Verein verzichtet.

Auch im französisch besetzten Saarland sollten nach 1945 die traditionellen Sportvereine zerschlagen werden und durch Omnisportvereine ersetzt werden. Sie durften weder einen politischen noch konfessionellen Charakter haben. Das Omnisportprinzip entsprach in seinem Zentralismus und seiner verwaltungstechnischen Effizienz ganz den traditionellen Vorstellungen der „Grande Nation“ und erstreckte sich neben den Vereinen auch auf die Dachorganisationen. Die Omnisportvereine im Saarland ähnelten sich in ihrer rein funktionellen Art und Weise den nationalsozialistischen Großvereinen. Anders als in diesen nach dem Führerprinzip organisierten Gemeinschaften, waren in den Omnisportvereinen französischer Prägung allerdings demokratische Elemente angelegt und erwünscht, weswegen ein Vergleich beider Organisationsformen legitim, eine Gleichsetzung dagegen fehl am Platze ist.

"Zwischen Kontrolle und Demokratisierung"

L.I.S.A.: Was charakterisierte die französische Sportpolitik während der Besatzungszeit?

Reichelt: Die französische Sportpolitik im Saarland war ambivalent. Sie bewegte sich zwischen den Polen Kontrolle und Demokratisierung ebenso wie zwischen Beschränkung und Förderung. Hintergrund war, dass auch das französische Bild vom „deutschen“ Sport in der Vergangenheit stets gespalten war. Einerseits waren die nationalistischen Traditionen, gerade der Turnerschaft, abgelehnt worden. Andererseits wurde die Leistungsfähigkeit des deutschen Sports stets bewundert. Die französische Sportpolitik im Saarland war eng mit der Jugend- und der Kulturpolitik verknüpft. Zunächst sollten Sport und Turnen von allen nationalistischen und nationalsozialistischen Elementen und Traditionen „gesäubert“ werden, weswegen alle Sport- und Turnvereine – nicht nur in der französischen Besatzungszone – verboten wurden, da sie offiziell als Parteigliederungen galten. Generell wurde das Turnen stark eingeschränkt, während Ballsportarten, und hier insbesondere der Fußball, gefördert wurden. Neu gegründete Vereine mussten allerdings ihr deutsches oder preußisches Erbe ablegen. So musste beispielsweise der traditionsreiche Fußballverein VfB Borussia Neunkirchen bei seiner Neugründung 1945 auf seinen Beinamen Borussia verzichten. Inwieweit die Politik im besetzten und später teilautonomen Saarland den Fußball als innen- und außenpolitischen Inszenierungsraum nutzen wollte, ist auch Teil der sportpolitischen Bestrebungen. Hierzu muss ich allerdings auf meine Dissertation verweisen.

L.I.S.A.: Wie gingen die Vereine mit dieser Politik um?

Reichelt: Den Vereinen war nach Kriegsende nichts anderes übrig geblieben, als sich zu fügen. Als offizielle Gliederungen des „Nationalsozialistischen Reichsbundes für Leibesübungen“ waren alle Sport- und Turnvereine von den Alliierten aufgelöst worden. Eine Neugründung war nur unter den genannten Bedingungen machbar. Es entstanden Großvereine wie die Spiel- und Sportgemeinde Völklingen, die mehr als 2.000 Mitglieder zählte. In den einzelnen Sportabteilungen dieses Großvereins verbargen sich in erster Linie drei große traditionsreiche Vereine. In Völklingen waren dies der Schwimm-, der Turn- und der Sportverein, wobei in letzterem vornehmlich Fußball gespielt wurde.

"Von den Sporttreibenden selbst nicht gewollt"

L.I.S.A.: Warum endete die Tradition der sogenannten Omnisportvereine?

Reichelt: Die Omnisportvereine waren von den Sporttreibenden selbst nicht gewollt, entsprachen nicht deren Vorstellungen und hatten auch keine historische Legitimation. Während es in der Zeit des Nationalsozialismus für die Vereine politisch nicht möglich war, sich bei politisch herbeigeführten Vereinsfusionen zu wehren, sah dies in der Nachkriegszeit anders aus. Das Omnisportprinzip fiel letztlich der zugleich politisch geforderten und gewollten Demokratisierung zum Opfer. Die Vereine konnten wieder zu autonomen sportpolitischen Akteuren werden, die in einem Umfeld der Meinungs- und Pressefreiheit ihre eigenen Interessen verfolgen konnten und auch gehört wurden. Mit der Teilautonomie des Saarlandes ab 1948 wurde auf Druck der Sportfunktionäre das Omnisportprinzip nach und nach gelockert, sodass es bei den Omnisportvereinen zu Auflösungserscheinungen kam. Die eben erwähnte Spiel- und Sportgemeinde Völklingen wurde im Herbst 1949 bereits wieder aufgelöst. Aus ihr gingen die drei traditionellen Fachsportvereine wieder hervor. Insbesondere bei den Turnvereinen lösten die Lockerungen ab 1950 eine (Wieder-)Gründungswelle aus. Die Lockerung des Omnisportprinzips ermöglichte auch die Gründung von Fachverbänden. Eine hohe sportpolitische Bedeutung kam dabei dem Fußballsport im Saarland zu. Mit der Gründung des Saarländischen Fußballbundes wurden die Interessen der immer autonomer agierenden Fußballvereine gebündelt vertreten. Mit dem eigenmächtigen Schritt des Fußballbundes, ab 1951 die saarländischen Vereine wieder im Spielbetrieb des Deutschen Fußballbundes spielen zu lassen, wurden die politischen Vorstellungen eines eigenständigen Saarstaates diskreditiert. Mehr dazu unter anderem in meiner Dissertation.

"Unsystematisch und in anderen Zusammenhängen gesammelt"

L.I.S.A.: Auf welches Quellenmaterial beziehen Sie sich in Ihren Forschungen?

Reichelt: Quellenmaterial zur Geschichte des Sports und speziell des Fußballsports sind in den unterschiedlichsten Archiven verstreut zu finden, da es meist unsystematisch und in anderen Zusammenhängen gesammelt wurde. Dies gilt insbesondere für den saarländisch-lothringischen Grenzraum, da durch die wechselnden politischen Machtverhältnisse die aktenmäßige Überlieferung eine weite Streuung erfahren hat. Fündig wird man in kleinen Stadtarchiven, aber auch beispielsweise im Bundesarchiv in Berlin. Im Hinblick auf diesen Beitrag wurde ich bezüglich der Zeit des Nationalsozialismus im Stadtarchiv Saarbrücken fündig und in den „Archives départementales de la Moselle“ in Metz, wo zumindest fragmentarisch Akten der sogenannten Deutschen Volksgemeinschaft zu finden waren. Für die Nachkriegszeit erwiesen sich die „Saarakten“ der französischen Regierung sowie das Material der französischen Vertretung an der Saar als gewinnbringend. Unverzichtbar war auch eine Auswertung der lokalen Presse vor Ort sowie der Vereins- und Verbandszeitungen.

Dr. Bernd Reichelt hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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