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Georgios Chatzoudis | 27.07.2012 | 2883 Aufrufe | 3 | Interviews

Sport und Recht in der Antike

Interview mit Dr. Kaja Harter-Uibopuu und PD Dr. Thomas Kruse

Heute abend werden in London die dreißigsten Olympischen Sommerspiele der Neuzeit offiziell eröffnet. In 26 unterschiedlichen Sportarten werden in den nächsten sechzehn Tagen insgesamt 302 Goldmedaillen  vergeben werden. Für jede dieser Sportarten liegen ausdifferenzierte Regelbücher vor. Bei den historischen Vorläufern der Weltjugendspiele, den antiken Festspielen im griechischen Olympia, war dies nicht anders - wenn auch die nach modernem Verständnis archaischen Regeln der Gesamtveranstaltung einen gewalttätigeren Charakter gaben.

Zum Themenkomplex "Sport und Recht in der Antike" hat die Österreichische Akademie der Wissenschaften in Kooperation mit dem Institut für Alte Geschichte, Altertumskunde, Papyrologie und Epigraphik der Universität Wien im vergangenen Oktober ein Internationales Kolloquium veranstaltet. Wir sprachen mit Frau Dr. Kaja Harter-Uibopuu und Herrn PD Dr. Thomas Kruse über die Ergebnisse.

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Der Flyer der Tagung

"Keine verletzungsbedingten Abbrüche gegen den Willen der Sportler"

L.I.S.A.: Frau Dr. Harter-Uibopuu, Herr Dr. Kruse, Sie haben zuletzt in Wien ein internationales Kolloquium zum Thema „Sport und Recht in der Antike“ abgehalten. Warum Sport und Recht? Inwiefern waren sportliche Aktivitäten und Veranstaltungen bereits damals rechtlich geregelt?

Dr. Harter-Uibopuu: Gerade im Vorfeld der olympischen Sommerspiele 2012 ist auch der Themenbereich des antiken Sports wieder von besonderem Interesse. Für uns als Rechtshistoriker lag es daher nahe, diesen Schwerpunkt für das zweite Wiener Kolloquium zur antiken Rechtsgeschichte zu wählen. Sowohl aus griechischer als auch aus römischer Zeit sind städtische und reichsweite Regelungen erhalten, die den Ablauf der Wettkämpfe, Regelverstösse, Strafen und Privilegien der Agonisten (Teilnehmer) betreffen. Die entsprechenden Texte sind nicht nur bei antiken Schriftstellern, sondern auch auf Stein- und Bronzeinschriften sowie für das römische Ägypten auf Papyrus überliefert. Zunächst handelt es sich dabei vor allem um lokale Gesetzgebung vornehmlich griechischer Städte und Heiligtümer, während ab der römischen Kaiserzeit für den ganzen Mittelmeerraume geltende, vom Kaiser erlassene Vorschriften zu finden sind.

L.I.S.A.: Was passierte beispielsweise bei tödlichen Sportunfällen? Wie gewalttätig waren die sportlichen Wettkämpfe, zum Beispiel der Pankration?

Dr. Kruse: Wenn trotz der Überwachung der Wettkämpfe durch Schiedsrichter und Trainer Sportunfälle passierten, blieben diejenigen teilnehmenden Sportler, die sich an die Regeln gehalten hatten, straffrei. Ulpian vermerkt darüber hinaus, dass das Schadensersatzrecht der lex Aquilia dann nicht zur Anwendung kommen dürfe, wenn jemand einen anderen im Ringkampf, Pankration oder Faustkampf in einem öffentlichen Wettkampf tötete, „weil der Schaden offensichtlich um des Ruhmes willen und um seinen Mut zu beweisen zugefügt wurde, nicht aber in rechtswidriger Weise“. Die Einwilligung der Kontrahenten schließt jede Haftung aus. Ereignet sich die Tötung aber, nachdem einer der beiden Sportler bereits aufgegeben hatte, muss der Schaden sehr wohl ersetzt werden. Bildliche Darstellungen zeigen immer wieder Verletzungen, vor allem im Faustkampf und anderen schwerathletischen Bewerben, verletzungsbedingte Abbrüche gegen den Willen der Sportler sind dabei aber nicht belegt.

"Die Schiedsrichter hatten ein Züchtigungsrecht"

L.I.S.A.: Wer kümmerte sich um die Einhaltung von Regeln bzw. rechtlichen Normen? Welche Sanktionsmöglichkeiten gab es und wie wurden Sie durchgesetzt?

Dr. Harter-Uibopuu: Die Disziplin der Athleten im und außerhalb des Wettkampfes und das Verhalten an der Sportstätte — auch das der Zuschauer — wurde von den städtischen Behörden kontrolliert. Die dazu eingesetzten Männer, seien sie Schiedsrichter oder „Stab- oder Peitschenträger“ (rhabdouchoi oder mastigophoroi) hatten ein Züchtigungsrecht und schritten auch mit Hieben, vor allem auf die Beine, ein. Daneben sind Geldstrafen belegt, die für verschiedene Vergehen verhängt wurden, unter anderem für die Weigerung an der Teilnahme, nachdem ein Sportler sein Kommen vertraglich vereinbart hatte.
 
L.I.S.A.: Sportliche Veranstaltungen mussten auch schon in der Antike finanziert werden. Wie funktionierte das? Gab es auch damals schon Sorge, Geld könnte zu viel Einfluss auf den Sport nehmen?

Dr. Kruse: Fast jede griechische Stadt feierte jährlich mehrere sportliche Wettkämpfe, dazu gab es die panhellenischen und anderen überregionalen Agone. Wenn die städtischen Finanzen oder die Einkünfte der Heiligtümer nicht ausreichten, sprangen — dem der Gemeinschaft verpflichteten Bürgerethos entsprechend — wohlhabende Bürder der Stadt ein und finanzierten die Spiele oder sorgten für den Erhalt der Sportstätten. Dies geschah auf eigene Initiative hin zumeist durch Stiftungen. Ebenso sind uns aber auch Texte erhalten, die den Aufruf der Stadt zur finanziellen Unterstürzung enthalten und in Folge eine Liste der Bürger und Mitbewohner, die dem Aufruf Folge leisteten. Zahlreiche Ehreninschriften, vor allem aus dem Hellenismus und der Kaiserzeit, bezeugen die großzügigen Spenden. Sorgen gab es also zumeist darum, zu wenige Spender zu finden und die Wettkämpfe ausfallen lassen zu müssen, nicht um zu großen Einfluß der Spender.

"Romantische Verehrung des Griechentums"

L.I.S.A.: Wenn Sie den antiken Sport mit dem heutigen vergleichen, gerade auch mit Blick auf die bevorstehenden Olympischen Spiele in London – sehen Sie da eher eine kontinuierliche Weiterentwicklung und Ähnlichkeiten oder hat das eine, wie Norbert Elias meinte, mit dem anderen nichts gemein? Warum?

Dr. Harter-Uibopuu: Eine kontinuierliche Weiterentwicklung wurde durch das erstarkende Christentum jahrhundertelang erfolgreich unterbunden. Allerdings kam es in der Neuzeit zu einer bewußten Wiederbelebung der antiken Wettkämpfe durch die romantische Verehrung des Griechentums. Die Griechen wurden als kulturelles Vorbild gesehen, nicht nur in Literatur und Kunst, sondern auch im Sport. Das erklärt bewußte Anknüpfungen an antike Traditionen, die wie eine Weiterentwicklung wirken können, ebenso wie verfälschte Übernahmen vermeintlicher Rituale. Eine der deutlichsten Parallelen ist unseres Erachtens aber der Stellenwert, den der Sport und im Speziellen die olympischen Spiele sowohl in der Antike als auch in unserer heutigen Zeit hatten und haben. Zahlreiche Trainingsstätten, Wettkampfareale, Abbilder berühmter Sportler und Inschriften prägten das Bild antiker Städte und sind Zeugen für die rege Anteilnahme der Bevölkerung an den Spielen.

Dr. Kaja Harter-Uibopuu und Dr. Thomas Kruse haben die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Marcus Cyron | 27.07.2012 | 19:37 Uhr
Wird es zu dieser Veranstaltung eine Publikation geben? Ein äußerst spannendes Thema!

Kommentar

von Kaja Harter-Uibopuu | 27.07.2012 | 23:53 Uhr
Ja, die Beiträge werden in einem Sammelband publiziert, der Anfang nächsten Jahres erscheinen soll.

Kommentar

von Marcus Cyron | 28.07.2012 | 03:44 Uhr
Das ist sehr erfreulich! :)

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