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Georgios Chatzoudis | 03.03.2016 | 617 Aufrufe | Interviews

"Eine Selbstinszenierung der Medien"

Interview mit Eva Gajek zum Verhältnis von Massensport und Massenmedien

Sport und Medien sind heute nicht mehr voneinander zu trennen - sofern es sich um Sportveranstaltungen handelt, die auf ein breites öffentliches Interesse stoßen, beispielsweise Olympische Spiele, Fußball-Weltmeisterschaften oder die Vierschanzentourneen. Im besten Fall bilden Online-Dienste, Fernsehanstalten, Radiostationen oder Zeitungen das sportliche Geschehen ab. Aber ist das tatsächlich so? Wer ist der Schrittmacher? Ist es der Sport oder sind es die Medien? Wer richtet sich nach wessen Bedürfnissen? Wir haben unsere Fragen zum Verhältnis von Massensport und Massenmedien der Germanistin und Historikerin Dr. Eva Gajek von der Universität Gießen gestellt.

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"Die Herausbildung eines massenmedialen Ensembles"

L.I.S.A.: Frau Dr. Gajek, Sie forschen unter anderem zum Verhältnis von Sport und Medien und haben darüber zuletzt einen Aufsatz im Band „Die Spiele gehen weiter“ veröffentlicht. Darin heißt es in Anlehnung an Reinhart Koselleck, dass es eine „massenmediale Sattelzeit“ gegeben habe. Was heißt das?  

Dr. Gajek: Das Konzept bzw. der Begriff „massenmediale Sattelzeit“ stammt von Habbo Knoch und Daniel Morat. Die beiden Autoren machen für diese Zeit angelehnt an Kosellecks Sattelzeit eine tiefgreifende gesellschaftliche Entwicklung aus. In dem Zeitraum zwischen 1880 und 1960 bildete sich ein massenmediales Ensemble heraus, das dem „Verhältnis von 'Medien' und 'Gesellschaft' eine neuartige Qualität“ verliehen hat. Zum einen entwickelten sich die Medien technisch in dieser Phase enorm weiter und strukturierten zunehmend den Alltag. Zum anderen beschäftigte sich die Gesellschaft auch immer mehr mit den Medien selbst, sei es wissenschaftlich oder gar durch eine Art Selbstthematisierung der Gesellschaft über Medien und mit Medien.   

"Die Möglichkeit, sich selbst gesellschaftlich zu legitimieren"

L.I.S.A.: Warum ziehen sich Massensportereignisse und Massenmedien gegenseitig an? Ist es einfach nur die Masse, die den gemeinsamen Nenner ausmacht, oder steckt da noch mehr dahinter?  

Dr. Gajek: Das Interesse der Medien ist klar, sie bekommen durch solch ein Sportereignis ein großes Publikum, denn das Interesse der Masse an den sportlichen Wettkämpfen ist sehr groß. Das Interesse der Sportverbände- und -organisatoren beruht natürlich darauf, dass die Verbreitungsmöglichkeiten der Medien auch ihre Idee, ihr Ereignis weiter populär macht. Coubertin war sich diesem Effekt von Beginn an bewusst und hatte bereits zu den ersten Spielen Journalisten eingeladen. Abseits dieser gegenseitigen Nützlichkeit gibt das Ereignis den Medien aber auch immer wieder die Möglichkeit, sich selbst gesellschaftlich zu legitimieren sowie sich durch die Zusammenkunft der internationalen Kollegen mit der Konkurrenz zu messen.

"Das Stadiondach wurde auf seine Lichtdurchlässigkeit ausgesucht"

L.I.S.A.: Sie berücksichtigen in Ihrer Betrachtung vor allem das Fernsehen als Massenmedium. Wann stieg das Fernsehen in der Sportberichterstattung zum Hauptmedium auf?

Dr. Gajek: 1936 wurden erstmals Bilder von Sportereignissen aus Berlin in dortige Fernsehstuben gesendet, aber das Medium war mehr Kuriosität als Übertragungsmedium des Ereignisses. Auch in der Nachkriegszeit bedurfte es zunächst einiger Zeit, bis das Fernsehen sich wirklich als gleichberechtigter Berichterstatter etablieren konnte. In der sportgeschichtlichen Forschung werden besonders die Spiele in Rom 1960 als „olympische Fernsehwende“ beschrieben: die Organisatoren verkauften erstmalig die Fernsehrechte und das Fernsehen nahm einen wichtigen Teil in den Vorbereitungen ein.

Die zweiten deutschen Spiele 1972 in München werden hingegen als Abschluss dieser „historischen Phase“ beschrieben, „in der das Verhältnis von Fernsehen und Olympia definiert wurde“ (Schwirkmann). Hier übertraf der Verkauf der Fernsehrechte erstmalig den Verkauf von Stadionkarten, die Anzahl der akkreditierten schreibenden Presse wurde zugunsten der Fernsehjournalisten erheblich gekürzt, Sportwettkämpfe wurden an Übertragungszeiten des Fernsehens zeitlich angepasst und das Stadiondach auf seine Lichtdurchlässigkeit für die Fernsehkameras ausgesucht. Wenn Sie so wollen, dann sind dies die Anzeichen, dass das Fernsehen 1972 zum Hauptmedium der Sportberichterstattung wurde.

"Die größere Medienaufmerksamkeit ging mit der Kommerzialisierung einher"

L.I.S.A.: Inwiefern haben sich Sportereignisse wie die Olympischen Spiele an die Medien angepasst? Und welche Rolle spielt dabei der Kommerz?

Dr. Gajek: Das Sportereignis Olympische Spiele und die Medien waren wie bereits erwähnt eine Zweckgemeinschaft. Die Organisatoren der Olympischen Spiele und insbesondere das IOC erkannten, dass eine ausführliche Medienberichterstattung der Popularität der Spiele dienlich war. Deswegen waren Journalisten schon früh wichtige Partner in der Verbreitung der Idee und sie wurden immer mehr zu Hauptpersonen neben den teilnehmenden Sportlern. Nicht nur, dass der Presse (so ein Vorwurf 1972) immer die besten Plätze im Stadion gegeben wurden, sondern die gesamte Vorbereitungen zielten auf das Medienpublikum ab.

Dass mit der größeren Medienaufmerksamkeit die Kommerzialisierung einherging, war ein unliebsamer Nebeneffekt, der die Ideale der Olympischen Spiele untergrub und gegen den das IOC immer wieder versuchte anzukämpfen. Doch im Endeffekt konnte und auch wollte die Lausanner Sportorganisation diese Entwicklung nicht aufhalten. 

"Viel intensiver als auf den Stadionrängen"

L.I.S.A.: Wer repräsentiert bei der TV-Sportberichterstattung letztlich wen? Die Medien den Sport oder wird der Sport zum Vehikel für die Selbstinszenierung der Medien?

Dr. Gajek: Ich glaube, wir können von beidem ausgehen. Natürlich ist es so, dass das Publikum zuhause am Sport interessiert ist und den bekommt es auch auf den Bildschirm oder auf die Titelseite geliefert. Aber mit einher geht halt auch eine Selbstinszenierung der Medien, die sich vor allem darin zeigt, dass die Berichte über die Medientechnik und ihre Potentiale abseits der Sportberichte einen wichtigen Raum einnehmen. Außerdem weiß der Zuschauer zuhause natürlich, dass ihm durch Kameraoptimierung wie Zeitlupe, Nahaufnahme und Zoom der Sport viel intensiver nahgebracht wird als ihm es auf den Stadionrängen möglich wäre. Medien legitimieren sich somit selbst und versuchen durch die Technik die fehlende Atmosphäre auszugleichen, ­ obwohl das in Zeiten des Public Viewing auch wieder hinfällig geworden ist.

Dr. Eva Gajek hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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