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Georgios Chatzoudis | 03.05.2016 | 1048 Aufrufe | Interviews

"Schwarze Sklaven galten als robuster"

Interview mit Regine Ahlert über indigene und schwarze Sklaverei in Nicaragua

Nicaragua gehört zu den ärmsten Ländern Mittelamerikas - auch ein Erbe der europäischen Kolonialisation vor mehr als 600 Jahren. Die einst kulturell und wirtschaftlich hoch entwickelten Völker im heutigen Nicaragua wurden im Laufe des 16. Jahrhunderts von den spanischen Eroberern ermordet, verschleppt und versklavt. Wo noch vor der kolonialen Eroberung 600.000 Menschen siedelten, lebten gut 70 Jahre später nur noch knapp 8.000. Viele von den verbliebenen Einwohnern wurden von den Kolonialherren versklavt. Dazu kamen noch zahlreiche verschleppte Sklaven aus Afrika. Die Historikern Dr. Regine Ahlert hat in ihrer Dissertation die Geschichte der indigenen und schwarzen Sklaven in Nicaragua erforscht und diese jüngst publiziert. Wir haben ihr dazu unsere Fragen gestellt.

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"Ein diffuses Unverständnis"

L.I.S.A.: Frau Dr. Ahlert, Sie wurden über die Geschichte der Sklaverei in Mittelamerika, genauer: in Nicaragua, promoviert. Wie kam es zu dieser Thematik? Welches Interesse an diesem Forschungsgegenstand hat Sie geleitet?

Dr. Ahlert: Mein Interesse an Nicaragua entstand bereits während meiner Kindheit. Ich habe im Zuge eines Entwicklungsprogramms, bei dem meine Eltern als Ärzte ein Krankenhaus mit aufbauten und Ärzte ausbildeten, anderthalber Jahre in Nicaragua gelebt. Diese Erfahrung hat mich sehr geprägt, vorrangig in einem humanistischen Sinn. Zugleich entwickelte sich bereits in dieser Zeit ein diffuses Unverständnis darüber, warum ein an Natur- und Bodenschätzen reiches Land mit einer jungen, wissensdurstigen Bevölkerung, derartig von Unterentwicklung geprägt ist. Das trug dazu bei, mich für das spätere Studium der Hispanistik und der Kulturwissenschaften zu interessieren und zu motivieren. Das hauptsächliche Erklärungsmuster für diese enorme Diskrepanz in der Gegenwart lag aus meiner Sicht in der Vergangenheit begründet, in Kolonisierung und Sklaverei. Diese These wählte ich dann folgerichtig als Ausgangspunkt  für meine Forschungen.

"Unterschiedliche Formen von Sklaverei und Unfreiheit"

L.I.S.A.: Sie unterscheiden in Ihrer Arbeit zwischen der indigenen und der schwarzen Sklaverei. Beides bezieht sich auf die Phase der Kolonisierung Mittelamerikas insbesondere durch die spanischen Konquistadoren. Bevor wir darauf noch genauer eingehen – gab es in Nicaragua Sklaverei vor der spanischen Kolonisation? Gab es präkoloniale Sklaven?

Dr. Ahlert: Diese Frage ist meines Erachtens eindeutig mit ja zu beantworten, wobei man schon differenzieren muss.

Nicaragua stellte sich weder zum Zeitpunkt seiner Entdeckung, noch später als Kolonie, als homogenes Gebiet dar. Die pazifische Seite des Landes wurde zum Zeitpunkt der Entdeckung vorrangig von Gruppen mesoamerikanischen Ursprungs dicht bevölkert, die karibischen Küstengebiete, auch Tologalpa genannt, wurden u.a. von Sumus, Ramas und Mosquitos aus der Gruppe der Macro-Chibcha (südamerikanischen Ursprungs) locker besiedelt. Diese unterschiedliche Herkunft spiegelte sich natürlich auch in der Sozialstruktur der indigenen Gruppen bis hin zu unterschiedlichen Formen von Sklaverei und Unfreiheit.

Für den pazifischen Raum wäre festzuhalten, dass zwar keine Sklavenhaltergesellschaft existierte - also eine fast ausschließlich auf Sklaverei beruhende Wirtschafts- und Gesellschaftsstruktur wie etwa im alten Rom, Kuba, Brasilien oder den nordamerikanischen Gebieten - aber durchaus eine Gesellschaft, in der eine festverankerte institutionalisierte Sklaverei vorhanden war. Dies manifestierte sich etwa in der Möglichkeit, Sklaven zu kaufen und zu verkaufen, in der Brandmarkung von Sklaven, ihrer traditionellen rituellen Opferung, einer fehlenden Integration von versklavten Kriegsgefangenen fremder Ethnien in das Sozialgefüge und der Bestrafung von Mitgliedern der eigenen Gemeinschaft mit Versklavung etwa bei Diebstahl oder Mord. Einzig für die Vererbung des Sklavenstatus lassen sich aktuell keine Belege finden. Die oben benannten Merkmale sprechen für mich ganz klar für präkoloniale Sklaverei.

Viel weniger eindeutig stellt sich der Fall bei den indigenen Gruppen der karibischen Küstengebiete Nicaraguas dar. Hier wurden Kriegsgefangene innerhalb nur einer Generation zu vollwertigen Mitgliedern der Gemeinschaft, bei den Mosquitos erstreckte sich dies sogar auf männliche Gefangene, bei den meisten anderen Gruppen wurden dagegen nur Frauen und Kinder in die Gemeinschaft integriert, erwachsene männliche Gefangene wurden in der Regel getötet. Weiterhin erscheint mir wesentlich, dass es offenbar keinen Handel mit Sklaven gab, lediglich den Austausch von Kriegsgefangenen und das das Strafsystem der indigenen Gruppen des circumkaribischen Raumes keine Versklavung der eigenen Mitglieder kannte. Auch Brandmarkungen waren nicht üblich. Man könnte zusammenfassend sagen, dass die Motivation für die Gefangennahme von Personen anderer indigener Gruppen in erster Linie in der Durchmischung und Erweiterung der eigenen Gemeinschaft lag. Für den karibischen Raum Nicaraguas würde ich eine institutionalisierte Form der Sklaverei also generell verneinen und vereinfacht eher für den Begriff einer „temporären Unfreiheit“ plädieren, lediglich für die Mosquitos ist eine Form der Kin-Sklaverei nicht auszuschließen.

"Nicaragua unterscheidet sich deutlich von Kolonien wie Kuba oder Brasilien"

L.I.S.A.: Kommen wir zu Ihrem Hauptthema: die Geschichte der indigenen und der schwarzen Sklaverei in Nicaragua. Sie behandeln beide Phasen in ihrer historischen Abfolge. Geht man davon aus, dass Sklaverei formativ für die kolonialen Gesellschaften und die der Mutterländer war, sie also auf Sklaven angewiesen waren, ist dann der Schluss erlaubt, dass schwarze Sklaven den indigenen folgten, weil es irgendwann keine indigenen mehr gab? Oder spielten dabei andere Motive eine entscheidendere Rolle für die erzwungene Migration afrikanischer Sklaven?

Dr. Ahlert: In der Beantwortung dieser Frage möchte ich mich auf Nicaragua beschränken, da Nicaragua als Peripherie in den direkten Handel mit schwarzen Sklaven kaum integriert war und schwarze Sklaverei nie eine ernsthafte Alternative der Arbeitskräftebeschaffung darstellte. Damit unterscheidet sich Nicaragua deutlich von Kolonien wie Kuba oder Brasilien, welche als Sklavenhaltergesellschaften wirtschaftlich auf schwarzer Sklaverei gründeten.

Generell ging dem Bedarf und der Einfuhr schwarzer Sklaven die Dezimierung der indigenen Bevölkerung voraus und natürlich waren Sklaverei und unfreie Arbeit formativ für die kolonialen Gesellschaften.

In Nicaragua aber bezieht sich dies weitestgehend auf indigene Sklaverei und indigene Zwangsarbeitssysteme wie encomienda oder repartimiento, man kann also nicht direkt davon sprechen, dass die schwarze Sklaverei der indigenen Sklaverei folgte. Indigene Arbeitskraft war während der gesamten Kolonialzeit für alle wirtschaftlichen Bereiche konstitutiv. Dies lag zum Einen an den fehlenden finanziellen Mitteln zum Erwerb schwarzer Sklaven, aber auch an der Isoliertheit Nicaraguas und den Arbeitsbereichen, vor allem den vorherrschenden landwirtschaftlichen Zweigen wie Indigo- oder Kakaoanbau und Viehzucht, die wenig arbeitsintensiv bzw. Saisonarbeit waren oder traditionell eine Domäne indigener Arbeitskraft darstellten. In der Minenarbeit waren schwarze Sklaven durchaus gefragt, da die indigenen Arbeitskräfte den Arbeitsbedingungen nicht lange standhielten, allerdings stellten sich die Minen als zu wenig ergiebig und zu unzugänglich heraus, um mit ihren Erträgen schwarze Sklaven finanzieren zu können. Natürlich baten die spanischen Kolonisten während der gesamten Kolonialzeit um schwarze Sklaven, der von mir anhand von Petitionen errechnete Bedarf überstieg die tatsächliche Einfuhr um mehr als das Doppelte, die nicaraguanischen Sklavenhalter versuchten sich aus Mangel an finanziellen Mitteln sogar an der Züchtung schwarzer Sklaven, um deren Anzahl auf diese perfide Weise weiter zu erhöhen.

Das Interesse an schwarzen Sklaven war mithin natürlich wirtschaftlich bedingt, die tatsächliche Einfuhr schwarzer Sklaven kann im Falle Nicaraguas allerdings nicht mit dem Aufbau einer wirtschaftlich intendierten Massensklaverei begründet werden. Die Mehrzahl der schwarzen Sklaven in Nicaragua waren caseros, also Haussklaven, welche letztlich in nicht unerheblichem Maße zu Prestigezwecken dienten, da sich nur die reichsten Kolonisten überhaupt schwarze Sklaven leisten konnten. Schwarze Sklaven galten mitunter auch als Wissensträger und stellten so einen ganz besonderen Wert dar. Eines der hauptsächlichen landwirtschaftlichen Produkte Nicaraguas, der Indigo, hatte in Westafrika bereits eine lange Tradition, schwarze Sklaven wurden in der Indigoproduktion mithin als Wissensträger für qualifiziertere Arbeiten eingesetzt, ähnliches lässt sich vor allem in der Anfangszeit der Besiedlung in einigen Fällen auch für die Einfuhr von esclavos ladinos (schwarze Sklaven, welche bereits mehr als zwei Jahre in Spanien gelebt hatten) belegen, welche beispielsweise als Zimmerer oder Maurer einen besonderen Wert für die Aufbauarbeit in Nicaragua hatten.

Und natürlich spielten weitere Faktoren eine Rolle. Schwarze Sklaven unterstanden nicht demselben Schutz durch das Königshaus wie indigene Sklaven, so rudimentär dieser auch gewesen sein mag. Zudem wurde indigene Sklaverei sehr früh verboten, auch wenn sich natürlich keineswegs alle Kolonisten an dieses Verbot aus dem fernen Spanien mit seinen eingeschränkten Sanktionsmöglichkeiten hielten. Außerdem galten schwarze Sklaven als robuster und sie waren in jeder Beziehung fremd und entwurzelt, konnten also bei einer angedachten Flucht weder auf eine gemeinsame Sprache oder soziale Infrastruktur, noch auf Ortskenntnisse zurückgreifen. All dies erklärt ein hohes Interesse an schwarzer Sklavenarbeit, welches jedoch, wie bereits angemerkt, in Nicaragua nicht gestillt werden konnte. 

"Schwarze Sklaven wurden durchgängig als wertvoller eingestuft"

L.I.S.A.: Die Gegenüberstellung von indigener und schwarzer Sklaverei verleitet natürlich gleich zum Vergleich. Was sind zusammengefasst betrachtet die zentralen Unterschiede, was die Gemeinsamkeiten?

Dr. Ahlert: Ich greife hier einmal zwei Unterschiede heraus:

Im Falle Nicaraguas ist vielleicht die Dimension des Sklavenhandels und der Sklaverei der augenfälligste Unterschied. Nicaragua war immer ein armes Land und konnte sich die Einfuhr schwarzer Sklaven in einem größeren Maßstab schlicht nicht leisten. Ich komme in meiner Arbeit zu dem Schluss, dass Nicaragua im spanisch dominierten Bereich in der gesamten Kolonialzeit nicht mehr als 1.200 bis 2.000 schwarze Sklaven einführte, während sich die Zahl der indigenen Sklaven, den Sklavenhandel eingeschlossen, auf etwa 30.000 bis 40.000 belaufen haben muss.

Ein weiterer wesentlicher Unterschied liegt in der Wahrnehmung von indigener und schwarzer Sklaverei. Schwarze Sklaverei war tradiert und akzeptiert, der Versklavungsprozess nicht sichtbar. Ganz anders die indigene Sklaverei, bei der es keine Tradition der Versklavung gab und viele Aspekte gesellschaftlich erst verhandelt werden mussten. Die indigene Bevölkerung wurde zudem vom spanischen Königshaus in erster Linie als tributpflichtige Vasallen wahrgenommen, was einen gewissen Schutz von staatlicher Seite bedeutete und sich beispielsweise darin ausdrückte, dass die indigene Sklaverei bereits drei Jahrhunderte vor der schwarzen Sklaverei verboten wurde. Ein weiterer Aspekt der Wahrnehmung betrifft den Nutzen schwarzer und indigener Sklaven. Schwarze Sklaven wurden durchgängig als wertvoller eingestuft, nicht nur, weil sie schlicht deutlich mehr kosteten, sie galten generell als robuster, also als körperlich kräftiger, weniger krankheitsanfällig und als gelehriger als indigene Sklaven.

In der Wahrnehmung von indigener und schwarzer Sklaverei scheinen jedoch auch Gemeinsamkeiten auf. Sowohl indigene als auch schwarze Sklaven wurden als geistig unterlegen wahrgenommen, im positiven Sinne auf der Stufe eines Kindes, welches zu erziehen und zu leiten und vor allem in der einzig wahren Religion zu unterrichten war, im negativen Sinne auf der Stufe eines Tieres, welches sich der Sodomie, Idolatrie und Anthropophagie schuldig machte. Es herrschte also angelehnt etwa an Aristoteles ein allgemeiner Diskurs vor, welcher eine natürliche Vorherrschaft des vernunftbegabten, also europäischen Menschen, als gegeben voraussetzte. 

"Die Kolonisation Nicaraguas hält bis zum heutigen Tag an"

L.I.S.A.: Sie machen in Ihrer Arbeit deutlich, dass durch die mit der transatlantischen Kolonisation verbundene Sklaverei Nicaragua an den Prozess der Globalisierung an-geschlossen wurde – mit nahezu ausschließlich negativen Folgen für Land und Leute. Heute gehört die nicaraguanische zu den ärmsten Gesellschaften Lateinamerikas. Alles eine Folge der Kolonisation?

Dr. Ahlert: Auch wenn es plakativ klingen mag: Eindeutig ja.

Nicaragua war zum Zeitpunkt der Eroberung das bevölkerungsreichste Land Zentralamerikas. Die pazifischen Bevölkerungsgruppen verfügten über eine ausdifferenzierte Sozialstruktur, eine hochentwickelte Gesetzgebung, eine Bilderschrift und astronomische und medizinische Kenntnisse, durchaus mit den Azteken Mexikos vergleichbar. Der Einbruch der Europäer beeinflusste jeden Aspekt des indigenen Lebens, wenn auch in einigen Bereichen eher indirekt bzw. nicht bewusst provoziert. Am gravierendsten für Nicaragua war ja der dramatische Bevölkerungsrückgang von 600.000 Einwohnern zur Zeit der Entdeckung auf etwa 8.000 im Jahr 1578. Es hatte also nicht einmal 60 Jahre gebraucht, um Nicaragua nahezu zu entvölkern. Allerdings ist dies nicht allein bzw. nicht einmal hauptsächlich auf die Sklaverei zurückzuführen, als vielmehr auf ein verheerendes Konglomerat von Ursachen bestehend aus Epidemien, Arbeitszwang und schlechten Arbeitsbedingungen, Zerstörung des Sozialgefüges, Hungersnöten (z.B. durch die Etablierung von exportorientierten Monokulturen, die die Nutzflächen zum Anbau der notwendigen Nahrungsmittel beschränkten und außerdem die indigene Arbeitskraft banden) und letztlich auch der Flucht der indigenen Bevölkerung aus dem spanischen Einzugsgebiet vor dieser aussichtslosen Situation.

In der gesamten Kolonialzeit gelang es Nicaragua nicht, sich von dieser Zäsur zu erholen. Dafür sind letztlich sehr viele Faktoren verantwortlich, aber alle, seien es Piraterie oder in und um Nicaragua ausgetragene europäische Rivalitäten, welche das Land isolierten, seien es weiterhin ausnehmend schlechte Arbeitsbedingungen in encomienda und repartimiento oder Hunger und weitere Epidemien, alle diese Faktoren begründen sich letzten Endes aus der europäischen Anwesenheit. Selbst die Mosquitoküste, an der sich ein völlig anderes, nicht auf bedingungslose Unterwerfung gerichtetes, Kolonisierungsmodell vollzog und der Kontakt mit den Europäern, vor allem den Engländern, vielmehr auf Freiwilligkeit, gegenseitiger Akzeptanz und Handel beruhte, konnte sich letztlich den negativen Auswirkungen der Kolonisation nicht entziehen.

Nicaragua wurde und wird stets als Peripherie gesehen, es wurde von den europäischen Mächten von Beginn an lediglich als großes Arbeitskräfte- und Rohstoffreservoir genutzt, was sich bis heute vor allem in fehlender Infrastruktur ausdrückt. Es gibt wenig Industrie, die medizinische Versorgung der Bevölkerung ist schlecht, die Bildung verbessert sich nur schleppend. Kurzum, die Armut Nicaraguas ist struktureller Natur, es wurde in vielen Fällen bewusst die Herausbildung einer Struktur verhindert, die es dem Land gestattet hätte, für sich selbst zu sorgen. Vielmehr standen immer europäische und später US-amerikanische Interessen im Vordergrund, Reagan bezeichnete Nicaragua noch 1983 als Vorgarten der USA. Klar ist auch, dass die Kolonisation Nicaraguas nicht mit der Unabhängigkeit beendet war. Nicaragua war sowohl geostrategisch als auch wirtschaftlich viel zu wichtig, um es in eine tatsächliche Unabhängigkeit zu entlassen. Frank Niess spricht gar von einer erneuten Eroberung Nicaraguas durch die USA. Vor allem ein möglicher Nicaragua-Kanal, welcher Waren- und Militärtransporte deutlich verkürzen würde, führte zu einer stark interventionistischen Politik der USA in Nicaragua. Die USA mischten sich in die nicaraguanische Regierungsbildung ein, sie intervenierten militärisch und wirtschaftlich, finanzierten die paramilitärische Bewegung der Contras und hatten einen großen Anteil an dem Wandel Nicaraguas zu einer vom Weltmarkt und den USA abhängigen Plantagenökonomie, welche sogar auf die Einfuhr externer Lebensmittel angewiesen ist. Die Folge dieser Interventionspolitik von Seiten der USA war ein fast permanenter Kriegszustand und Aufstände, Hunger und ein Exodus der nicaraguanischen Bevölkerung, um diesen Lebensbedingungen zu entgehen.

Wenn Sie mich also fragen, ob Nicaragua infolge der Kolonisation zu den ärmsten Gesellschaften Lateinamerikas gehört, so kann die Antwort nur ja lauten. Diese Kolonisation hält auch bis zum heutigen Tag an und wird in jüngster Zeit durch einen weiteren Protagonisten ergänzt. Ein chinesischer Investor hat sich die Kanalbaurechte gesichert. In den entsprechenden Verträgen gibt Nicaragua erneut weitreichende Elemente seiner Souveränität aus der Hand und beschneidet Rechte seiner eigenen Bevölkerung. Es ist zu befürchten, dass Nicaragua auf Dauer fremdbestimmt bleiben wird.

Dr. Regina Ahlert hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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