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Georgios Chatzoudis | 16.05.2017 | 321 Aufrufe | Interviews

"Sie thront wie eine Sphinx über Österreich"

Interview mit Thomas Lau über die Habsburgerkaiserin Maria Theresia damals und heute

Der 300. Geburtstag der einzigen Frau auf dem Habsburger-Thron ist in Österreich ein besonderes nationales Ereignis. An die einstige Kaiserin Maria Theresia erinnern seit einer Woche staatliche und andere Institutionen in zahlreichen Festakten und Veranstaltungen. Die Tochter von Kaiser Karl VI. und seiner Gemahlin Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel, die 1740 nach dem Tod ihres Vaters die Regierungsgeschäfte der Habsburgermonarchie übernahm, wird von der Republik Österreich bis heute als Gründerin, Reformerin und Landesmutter gefeiert. Woran liegt es, dass eine Monarchin aus der Zeit des Absolutismus zur Symbolfigur einer Republik werden konnte? Wer war die einzige Frau an der Spitze der Habsburger? Der Historiker Prof. Dr. Thomas Lau von der Université de Fribourg hat eine neue Biographie über Maria Theresia verfasst. Wir haben ihm dazu unsere Fragen gestellt.

"Die Figur der Maria Theresia bildet einen Breitbandmythos"

L.I.S.A.: Herr Professor Lau, Sie haben eine Biographie über die einzige Frau auf dem Kaiserthron des Habsburgerreichs geschrieben: „Die Kaiserin. Maria Theresia“, deren Geburtstag sich in diesem Jahr zum 300 Mal jährt. Was hat Sie zu diesem Projekt geführt? Warum haben Sie sich der Erforschung Maria Theresias gewidmet?

Prof. Lau: In Österreich ist sie allgegenwärtig. Schon wenn Sie im ehrwürdigen Wiener Haus-Hof- und Staatsarchiv die Treppen hinauflaufen, schreiten Sie an ihrer Statue vorbei. Vor dem Kunsthistorischen Museum finden Sie die nächste. Als häufiger Gast in der österreichischen Hauptstadt hat mich diese Figur neugierig gemacht. Auch deshalb, und dies ist der zweite Anknüpfungspunkt, weil ihre Figur in einem merkwürdigen Zusammenhang mit der Konstruktion der österreichischen wie der deutschen Nation steht – und hier befinden wir uns in einem Kerngebiet meiner Forschungen. Die Figur der Maria Theresia bildet schon seit dem 18. Jahrhundert einen Breitbandmythos. Sie wurde als Begründerin der k.u.k. Monarchie, ebenso wie als deutsche Frau oder als Mutter Österreichs gefeiert. Diese vielfältige Verwendbarkeit, faszinierte mich – zumal und jetzt komme ich zum dritten und letzten Punkt, sie bereits die Phantasie ihrer Zeitgenossen beschäftigte. Maria Theresias Regentschaft und ihre wohlinszenierte Rivalität mit Friedrich II. stellte Weichen auch für die Entwicklung und das Ende des merkwürdigen Alten Reiches, mit dem ich mich ebenfalls seit vielen Jahren beschäftige.

"Eine historische Person, die ihren eigenen Mythos konstruierte"

L.I.S.A.: Über Maria Theresia ist bereits eine Fülle von Büchern erschienen. Inwiefern unterscheidet sich ihr Zugriff auf das Thema von bestehenden Arbeiten? Welche Fragestellung hat Sie in Ihren Studien geleitet? Konnten Sie auf neues Quellenmaterial zurückgreifen?

Prof. Lau: Jede Zeit schafft sich ihre eigene Maria Theresia. Jede wirft auf die vorhandenen Quellen einen neuen Blick und stellt andere Fragen. Jede Zeit kann dabei auch auf neue Fakten zurückgreifen und bislang vernachlässigte Quellen neu bewerten.

Dabei sei unbestritten, dass einige Grundbestandteile und Grundfragen der Lebensgeschichte Maria Theresias, sich ungeachtet aller Unterschiede durch alle Biographien ziehen. Erklärungsbedürftig etwa war und ist noch immer, wie der habsburgische Länderkoloss trotz einer schwierigen Ausgangslage, dem mörderischen Wettbewerb der Großmächte des 18. Jahrhunderts standhalten konnte. Maria Theresia wurde in der älteren Forschung gern als die über einem Fachgremium Thronende dargestellt. Als herrschende, aber kaum regierende Monarchin, die ungeachtet ihres Fleißes die Niederungen des politischen Geschäfts den Fachleuten überließ. Diese Interpretation lässt außer Acht, in welch einem Maße es ihr gelang, Entscheidungsbildungsprozesse zu dynamisieren, einen Transfer des Wissens einzuleiten und Widerstände geschmeidig aufzulösen. Als ganz wesentlich dafür sehe ich ihre Fähigkeit, Emotionen zu wecken, zu kanalisieren und vor allem zu nutzen.

Dieser Blick auf eine historische Person, die ihren eigenen Mythos konstruierte und politisch zu nutzen wusste, auf eine Ingenieurin der Macht, die ihre Handlungschancen vermehrt, indem sie sich als eine Virtuosin der emotionalen Manipulation erwies, bildet meinen, spezifischen Ausgangspunkt.

Es versteht sich von selbst, dass ich dabei auf eine Reihe von neueren Publikationen zurückgreifen konnte, die methodische Neuausrichtungen der Forschung ermöglicht haben (etwa im Bereich der Kulturgeschichte, der Wissensgeschichte oder der Emotionengeschichte), aber auch neue Erkenntnis zur Regierungszeit Maria Theresias zutage gefördert haben (etwa zu Kaunitz, Franz I. oder die Aufklärer im Umfeld der Kaiserin). Wir wissen heute mehr über die Kontinuitäten, in denen sie stand, gehen vorsichtiger mit dem Begriff des Absolutismus um, sehen ihre bildungspolitische Bedeutung, wissen ihren Regierungsstil gegenüber jenem der französischen Könige besser abzugrenzen und den Erfolg ihrer Reformen vorsichtiger einzuschätzen.

Die veränderte Perspektive erzwingt wie erwähnt auch einen veränderten Blick auf die Quellen – auf bislang bekannte (wie die Korrespondenz der Kaiserin), bislang zu wenig beachtete (wie die Gutachten an die Kaiserin und Aufzeichnungen des Hofpersonals) und kaum bearbeitete (wie die Marginalien der Kaiserin oder der Nachlass des Maria Theresia Biographen Alfred von Arneth).

"Einen Blick ins Innenleben einer historischen Figur kann ich nicht bieten"

L.I.S.A.: Wenn Sie Maria Theresia charakterisieren müssten, was waren die wichtigsten Eigenschaften, die sie ausgemacht haben? Ist es überhaupt möglich, aus einer historischen Persönlichkeit, die nicht nur ein Individuum ist, sondern vor allem auch Gegenstand von öffentlicher Repräsentation und Inszenierung, ein „ungeschminktes“ Wesen herauszudestillieren?

Prof. Lau: Wer sich mit Maria Theresia beschäftigt, hat natürlich Vorerwartungen – gleich ob es sich um einen Wissenschaftlter oder einen interessierten Leser handelt. Das Bild der mütterlichen, leicht sentimentalen Frau, die ihren Mann und ihre Kinder über alles liebte, ist tief im kulturellen Gedächtnis verankert.

Es entbehrt allerdings jeder Grundlage. Die Frau, die uns in ihren eigenen Briefen begegnet oder in der Korrespondenz ihrer Kinder beschrieben wird, hat über vierzig Jahre hinweg eine schwierige Position auszufüllen und wird dabei genau beobachtet. Sie ist daher vor allem beherrscht und um Kontrolle ringend. Was sie tatsächlich denkt oder empfindet, darüber rätseln bereits ihre Söhne Leopold und Joseph, ohne zu einer befriedigenden Antwort zu gelangen. Ein Historiker wird hier nicht weiterhelfen können, noch wird er es wollen.

Einen Blick ins Innenleben einer historischen Figur kann ich dem Leser nicht bieten. Andernfalls würde ich die Grenze zwischen der Wissenschaft und der Belletristik verwischen und mir die Person aneignen, sie zu einem Kunstprodukt machen.

Möglich ist es aber das Handeln Maria Theresias innerhalb eines bestimmbaren Handlungsrahmens zu beschreiben. Wir können also beobachten, wie sie ihre Rolle - oder besser ihre diversen Rollen - spielte und ihnen einen spezifischen, wiedererkennbaren Charakter verlieh. So wie eine Malerin ihren Stil entwickelt oder ein Schauspieler, so auch ein König oder eine Königin. Im Falle Maria Theresias haben wir es mit einer Virtuosin der Macht zu tun, die mit starken Gegenkräften zu kämpfen hatte. Dezidierte Aussagen zum politischen Fragen vermied sie, solange dies eben möglich war. Tatsächlich förderte sie nicht nur Personen, sondern natürlich auch die mit ihnen verbundenen Positionen, die sie reflektiert, veränderte und durchzusetzen half. Das später immer wieder nachgezeichnete Bild der warmherzigen, aber dem politischen Geschäft distanziert gegenüberstehenden Monarchin bildet damit ein fernes Echo ihrer eigenen Selbstdarstellung.

"Weibliche Herrschaft wurde nur als Übergangslösung akzeptiert"

L.I.S.A.: Frauen sind nur in den seltensten Fällen zu Herrscherinnen großer Reiche aufgestiegen. Am ehesten fallen einem Königin Elisabeth von England ein oder Kaiserin Katherina von Russland. Was waren im Falle Maria Theresias die entscheidenden Weichenstellungen, dass eine Frau auch nach dem Tod ihres Mannes ihre Position nicht nur halten, sondern sogar ausbauen konnte? Ist Femininität in diesem Zusammenhang ein Attribut, das negiert werden musste?

Prof. Lau: Weibliche Herrschaft ist im Europa des 17. und vor allem des 18. Jahrhunderts so selten nicht. Zwischen 1730 und 1796 wurde Russland von drei Zarinnen regiert – mit zwei kurzen männlichen Unterbrechungen. Auch England kannte mit den Königinnen Mary II. und Anne Frauen an der Spitze des Reiches.

Weibliche Herrschaft, das ist richtig, wurde in den genannten Fällen allerdings nur als Übergangslösung akzeptiert und damit nur so lange, bis die Normalität – die männliche Thronfolge – wieder garantiert war. Die lange Dauer der Regentschaft der entsprechenden Monarchinnen weichte dieses Prinzip indes langsam auf. So auch bei Maria Theresia, die rasch aus dem Schatten ihres Vaters und auch ihres Mannes heraustrat, die sich zwar zunächst als Sachwalterin ihres Sohnes darzustellen wusste, um schließlich jedoch die Rolle einer Landesmutter zu übernehmen.

Kam ein Mann auf den Thron, so konnte er auf ein ganzes Repertoire von Rollenmustern zurückgreifen und hatte zumeist als Kronprinz bereits ein eigenständiges Profil erworben. Dies alles traf auf Maria Theresia nicht zu, was durchaus Vorteile hatte. So war sie für Verbündete wie Gegner schwer zu berechnen. Auch konnte sie lästigen Pflichten am Hofe entgehen (etwa der teuren und zeitaufwendigen Jagd), im Verkehr mit Diplomaten und Landständen eine andere Rhetorik verwenden, neue Angebote der Bindung an die Monarchie entwickeln und vieles andere mehr. Nur selten, etwa aus zeremoniellen Gründen, spielte Sie mit männlichen Attributen, nicht ohne jedoch einen weiblichen ironischen Kontrapunkt zu setzen.

Die selbst gewählte Rolle der freundlichen, zugänglichen Monarchin setzte indes ihrem Handeln auch Grenzen. Jene Härte und Skrupellosigkeit, die die Zeitgenossen an Friedrich II. zu bewundern pflegten, durfte Maria Theresia nicht offen zeigen. Sie musste diese Handlungsweisen kaschieren und durch ihre Minister oder Feldherrn wahrnehmen lassen.

"Die zweite Republik Österreich hat sie als Übermutter vereinnahmt"

L.I.S.A.: Welchen Stellenwert hat der Mythos, der Kaiserin Maria Theresia schon zu Lebzeiten umweht hat, heute? Was macht diesen Mythos aus und wie hat er sich im Laufe der Zeit gewandelt?

Prof. Lau: Wer in das Empfangszimmer der österreichischen Bundespräsidenten tritt, sieht das Bild Maria Theresias gleich über dem berühmten Sofa hängen, auf dem das Staatoberhaupt und seine Gäste Platz zu nehmen pflegen. Die zweite Republik hat sie als Übermutter, als politisch nicht anstößige, allseits verehrte Integrationsfigur vereinnahmt. In dem Land, das den Adel abgeschafft und der Habsburger Dynastie über Jahrzehnte ein Einreiseverbot erteilt hat, ist sie die unangefochtene Integrationsfigur, die für Stil, Vielsprachigkeit, eine europäische Idenitität und vor allem eine klare Abgrenzung gegenüber dem nördlichen Nachbarn steht.

Der Mythos der Mütterlichen macht es möglich und hat es möglich gemacht, sie im Laufe der Jahrhunderte immer wieder zu einem Bezugspunkt zu erklären. Gleich ob es sich um Monarchisten oder Republikaner, Nationalisten oder Europäer handelte, Österreichs Machthaber haben sich stets mit Maria Theresia geschmückt. Dass dies so bleiben wird, steht zu vermuten. Dies liegt nicht zuletzt in der Ambivalenz ihrer Positionen und ihres Wirkens. Die Kaiserin distanzierte sich von der Aufklärung, aber sie förderte die Aufklärer, sie warnte vor einem Zusammenbruch eines europäischen Gleichgewichtssystems, das sie durch einen spektakulären Bündniswechsel selbst erschüttert hatte, sie förderte eine langsame Annäherung der habsburgischen Territorien, versuchte aber zugleich, die Position Habsburgs im Alten Reich zu erhalten, sie klagte über die Ineffizienz der Verwaltung, die sie selbst durch eine unkoordinierte Reform ins Chaos gestürzt hatte, sie sprach vornehmlich Französisch, spielte aber gern mit antifranzösischen Stereotypen. Die Reihe der Widersprüche lässt sich beliebig fortsetzen und sie erklärt, warum die Zeitgenossen aufatmeten als sie 1780 das Zeitliche segnete. Sie erklärt aber auch die Faszination dieser ebenso intelligenten wie geschickten und durchsetzungsstarken Monarchin, die noch immer wie eine Sphinx über Österreich zu thronen scheint.

Prof. Dr. Thomas Lau hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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