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Georgios Chatzoudis | 25.06.2019 | 679 Aufrufe | 1 | Interviews

"Eine Art 'Gegenfeuer' hinsichtlich des Mainstreams"

Interview mit Franz Schultheis über seine Erfahrungen mit Pierre Bourdieu

Vor vierzig Jahren erschien das Hauptwerk des französischen Soziologen Pierre Bourdieu (1930-2002) Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, das mit seinen zahlreichen empirischen Untersuchungen über die Prägung des Individuums durch gesellschaftliche Konfigurationen einen wichtigen Impuls für neue sozialwissenschaftliche Forschungen gab. Doch das ist nicht das zentrale Thema des Soziologen Prof. Dr. Franz Schultheis von der Universität St. Gallen, der über lange Jahre mit Bourdieu zusammengearbeitet und zuletzt einen Erfahrungsbericht über die gemeinsame Zeit veröffentlicht hat. Franz Schultheis geht es mehr um an eine Annäherung an die wissenschaftliche Praxis seines früheren Kollegen, seiner Arbeitsweise im Rahmen des Ideals eines kollektiven und gesellschaftspolitisch engagierten Intellektuellen sowie seiner akademischen und publizistischen Projekte. Wir haben Franz Schultheis unsere Fragen gestellt.

"Meine persönlichen Erfahrungen aus der vieljährigen Zusammenarbeit"

L.I.S.A.: Herr Professor Schultheis, Sie haben zuletzt einen Band mit dem Titel „Unternehmen Bourdieu. Ein Erfahrungsbericht“ veröffentlicht. Sie haben lange eng mit dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu zusammengearbeitet. Was hat Sie zur Niederschrift Ihrer Erfahrungen mit Bourdieu veranlasst?

Prof. Schultheis: Ich wurde im Laufe der vergangenen Jahre immer wieder von KollegInnen oder Bourdieu-Interessierten zu Bourdieus soziologischer Praxis und deren Kontext befragt und dachte mir, es sei an der Zeit meine persönlichen Erfahrungen aus der vieljährigen Zusammenarbeit mit ihm einmal zu Papier zu bringen. Hierbei ging es mir darum, unbekannte Fassetten seines Wirkens ein wenig besser sichtbar zu machen.

"Von klaren wissenschaftlichen und politischen Zielvorstellungen geprägte kollektive Praxis"

L.I.S.A.: Pierre Bourdieu galt als intellektueller Kritiker des Neoliberalismus, einer Ideologie, in der das Kapital im Verbund mit einem autoritär agierenden Staat, der sich als liberal ausgibt, alle gesellschaftlichen Sphären seinen Interessen unterwirft und diese nach den Logiken des Marktes neu organisiert. Tun Sie Bourdieu nicht Unrecht an, wenn Sie im Titel Ihres Buches sein Wirken mit dem eines Unternehmers gleichsetzen?

Prof. Schultheis: Den Begriff „Unternehmen“ benutze ich hier nicht in diesem eingeengten Sinn. Vielmehr bezieht er sich auf die Initiierung, Organisation und Durchführung von Vorhaben unter Beteiligung verschiedener Akteure. Da es im Falle der im Buch beschriebenen „Unternehmungen“ Bourdieus um eine von klaren wissenschaftlichen und politischen Zielvorstellungen geprägte kollektive Praxis mit langem Atem handelt, schien mir dieser Begriff geeignet. Seitens der Verlags hätte man den Begriff „kollektiver Intellektueller“ lieber im Titel gesehen, mir war jedoch der weniger sperrige Titel „Unternehmen Bourdieu“ lieber.

"Kollektive Bündelung vieler unterschiedlichster Expertisen und Kompetenzen"

L.I.S.A.: Die Leitfigur in Ihrem Bericht im Zusammenhang mit dem Wissenschaftler Pierre Bourdieu ist die des „kollektiven Intellektuellen“. Bourdieu erscheint hier wie ein Akteur, dem es im Wesentlichen darum ging, den Intellektuellen aus der Isolation herauszuholen und zu einer Figur der Öffentlichkeit zu machen, die idealerweise das gesammelte Wissen in einem Kollektiv des Geistes bündelt. Ist Bourdieu mit diesem Vorhaben gescheitert, wie er es von sich selbst einmal behauptet hat?

Prof. Schultheis: Entgegen der Idee einer singulären, idealtypischen Verkörperung „des“ Intellektuellen wie etwa in der Figur Jean-Paul Sartres wollte Bourdieu die Begrenztheit individuellen Expertenwissens betonen und dieser dadurch Rechnung tragen, dass er an den praktischen gesellschaftlichen Möglichkeitsbedingungen einer kollektiven Bündelung vieler unterschiedlichster Expertisen und Kompetenzen arbeitete. Wenn er selbst diese Bemühungen immer wieder glaubte scheitern zu sehen, so liegt dies wohl nicht zuletzt an den hoch gesteckten Ansprüchen an diese „Realutopie“.

Ich komme aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen mit und in diesem Kollektiv zu einem versöhnlicheren Urteil und betone ja im Buch, dass viele der beschriebenen Initiativen Bourdieus wie Actes de la Recherche en Sciences Sociales bis heute erfolgreich waren und auch sein Modell kollektiven Forschens bis heute unterschiedliche Nachfolger fand. Sein pessimistisches Urteil bezieht sich wohl vorwiegend auf das Scheitern von LIBER, einem Projekt, dem er viele Jahre lang ein unglaubliches Mass an Energie und Zeit gewidmet hatte.

"Unprätentiöser Umgang im wissenschaftlichen und intellektuellen Feld"

L.I.S.A.: Pierre Bourdieu hat in einem seiner Hauptwerke, „Die feinen Unterschiede“, folgende These aufgestellt: Das Handeln eines Akteurs im sozialen Raum, ist immer bestimmt von der Position des Akteurs in diesem sozialen Raum. Wenn man als Soziologe wie Bourdieu zu der Erkenntnis kommt, dass man als Akteur kaum Einfluss auf sein eigenes Verhalten bzw. auf den eigenen Habitus hat, wie verortet man sich dann selbst innerhalb seines eigenen sozialen Raums? Hat Bourdieu mit seinen vielen Initiativen versucht, sich aus dieser sozialen Mechanik zu lösen?

Prof. Schultheis: Bourdieus Habitus-Konzept wurde im Laufe der Rezeptionsgeschichte immer wieder deterministisch, ja mechanistisch verengt. Bourdieu hat in vielen seiner Stellungnahmen immer wieder betont, dass einem Individuum trotz seiner jeweiligen sozialen Prägungen Handlungsspielräume bleiben und es im Laufe seiner biografischen Flugbahnen gerade in Zeiten gesteigerter sozialer Mobilität immer aufs Neue mit anderen Kontexten und Prägungen konfrontiert wird, die die im dem Herkunftsmilieu eingefleischten Dispositionen herausfordern und habituelle Veränderungen mit sich bringen. Bourdieu stammt ja aus einem bildungsferne Milieu, dem die intellektuellen Aspirationen und Prätentionen fern lagen: Er musste sich also erst gar nicht von diesen befreien, sondern hat wohl eher seine angestammte „soziale Bescheidenheit“ zu einer Tugend des unprätentiösen Umganges mit seiner späteren Rolle im wissenschaftlichen und intellektuellen Feld gewendet.

"Realutopie des kollektiven Intellektuellen in einem transnationalen Rahmen"

L.I.S.A.: Warum scheiterte das Großprojekt LIBER, das als eine Internationale der Literaten gedacht war?

Prof. Schultheis: Neben Bourdieus Haus-Revue Actes, die völlig neue Wege der Vermittlung wissenschaftlicher Praxis beschritt, nicht zuletzt durch den systematischen Rückgriff auf ein raffiniertes Montage-Prinzip mit vielen visuellen Elementen, war das Projekt LIBER ein noch ambitioniertes Vorhaben, das Bourdieu mit einer international besetzten Gruppe von Kulturschaffenden und Wissenschaftlern zu realisieren suchte. Im Buch beschreibe ich die weitgehend unbekannte wechselvolle Geschichte dieses Projekts, welches die Realutopie des kollektiven Intellektuellen einem breit gesteckten transnationalen Rahmen umzusetzen suchte. Trotz des Scheiterns dieses überdimensionierten Vorhaben verdient Bourdieu hier große Anerkennung, ja Bewunderung. Vielleicht war dieses Projekt, wie wohl durchaus typisch für realutopische Entwürfe, seiner Zeit einfach zu weit voraus.

"Gesellschaftliche Fragen von ihren Wurzeln her angehen"

L.I.S.A.: Ein sehr interessanter Aspekt in Ihrem Buch ist ein nur kurz angerissener Vergleich zwischen dem deutschen Verständnis von Soziologie mit dem französischen. In der deutsche Tradition ist der leitende Ansatz der einer nivellierten Mittelstandsgesellschaft, in Frankreich indes herrschte lange der klassenantagonistische Zugriff auf die Analyse der Gegenwart vor. Trifft dieses Schema auch dann zu, wenn in Deutschland ein Soziologe wie Bourdieu rezipiert wird? Zugespitzt gefragt: Ist Bourdieu in den Augen der deutschen Soziologie ein Radikaler, wenn er sagt, dass in den westlichen Gesellschaften alles auf dem Kopf gestellt ist?

Prof. Schultheis: Man könnte vermuten, dass die auf die Publikation von Die feinen Unterschiede folgende intensive und breite Rezeption seiner Soziologie selbst auch als eine Art „Gegenfeuer“ hinsichtlich des deutschen Mainstreams und seiner immer aufs Neue und in unterschiedlichen Variationen des gleichen Themas beschworenen These von der entstrukturierten, nur noch horizontal diversifizierten deutschen Gesellschaft der 1980er Jahre war. Mit Bourdieus Soziologie reimportierten die von diesem Mainstream marginalisierten Fraktionen von weiterhin an herrschaftssoziologischen und klassentheoretischen Perspektiven festhaltenden Sozialwissenschaftler jene Theorietraditionen – von Marx bis Weber –, die Bourdieus Soziologie empirisch fundiert à jour gebracht hatte. Was den Begriff „radikal“ angeht, so kann man diesen für Bourdieu in seinem Marxschen Gebrauch durchaus treffend zur Anwendung bringen, verstand dieser doch darunter schlicht, gesellschaftliche Fragen von ihren Wurzeln her anzugehen.

Prof. Dr. Franz Schultheis hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Jan-Holger Kirsch | 03.07.2019 | 20:09 Uhr
Siehe auch Christiane Reinecke, Der (damalige) Geschmack der Bourgeoisie. Eine historische Re-Lektüre von Pierre Bourdieus »Die feinen Unterschiede« (1979), in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 14 (2017), S. 376-383, URL: https://zeithistorische-forschungen.de/2-2017/5499

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