Registrieren
merken
Georgios Chatzoudis | 20.01.2015 | 5113 Aufrufe | 1 | Interviews

"Über Herrschaftssatire können alle lachen"

Interview mit "Titanic"-Kolumnist Stefan Gärtner über Satire

Es mutet fast wie ein Treppenwitz an, dass Satiriker nach dem Anschlag auf das Magazin Charlie Hebdo in Paris, gegenwärtig sehr geschätzt werden. Die Solidarität mit Karikaturisten, Autoren und Redakteuren von Satirezeitschriften, wie beispielsweise Charlie Hebdo in Frankreich oder die Titanic in Deutschland, ist überwältigend. Das ist neu, denn Bilder und Texte aus deren Federn waren bisher alles andere als übergreifend beliebt. Im Gegenteil: Satiremagazine sind es gewohnt, ignoriert, beschimpft oder sogar verklagt zu werden. Wir haben den Satiriker und Autor Stefan Gärtner, der unter anderem Kolumnist des Satiremagazins Titanic ist, gefragt, wie er mit dieser neuen Welle der Sympathie umgeht und was er unter Satire versteht.

Stefan Gärtner, Kolumnist des Satiremagazins "Titanic"

"Eine faule, eine verdächtige Sympathie"

L.I.S.A.: Herr Gärtner, Sie sind als Kolumnist des Magazins Titanic jemand, von dem man annehmen darf, dass er sich mit Satire auskennt. Die Solidarisierung mit Charlie Hebdo nach dem Attentat von Paris geht quer durch alle politischen Strömungen, Institutionen und Medien. Fühlt man sich als Satiriker noch wohl, wenn man plötzlich von allen mit Sympathie überschüttet wird?          

Gärtner: Ja, denn es ist ja eine faule, eine verdächtige Sympathie, weil die Solidarität einen offen kulturalistischen Akzent hat, indem „wir“ uns gegen „die“ solidarisieren, gegen „den Islam“ nämlich, der ja grundsätzlich, anders als z.B. alle Deutschen, keinen Spaß versteht und in den Augen der deutschen Medien eben doch eine Gewaltreligion ist. Dass Religion sich stets da radikalisiert, wo Armut, Unbildung, Verwahrlosung herrschen, und die Attentäter typischerweise aus einer Banlieue stammen, wird so stur ausgeblendet wie der Umstand, dass religiöser Terrorismus weltweit ein Armutsphänomen ist und der Islam von den autokratischen, vom Westen im Grunde gern gesehenen Eliten politisch funktionalisiert wird. Und „die Grenzen der Satire“ werden spätestens dann neu gezogen, wenn es nicht gegen die dummen, humorlosen Kaffer geht, sondern gegen das, was den Leuten hierzulande heilig ist: ein Witz auf Kosten von Schumi, und Satiriker gehören wieder ins KZ.

"Satire gegen unten ist ein Widerspruch in sich"

L.I.S.A.: Was genau ist eigentlich Satire? Ist Satire noch Satire, wenn alle darüber lachen können? Ist Satire nicht per se subversiv und das, was Yazan Al-Saadi, ein Autor für die libanesische Nachrichtenseite Al Akhbar, zuletzt geschrieben hat: "Satire soll sich eigentlich gegen die Mächtigen richten und nicht nach den Schwachen treten"?

Gärtner: Satire ist, in der einfachsten Definition, die Entstellung zur Kenntlichkeit: dass der Kaiser nämlich nackt sei. Satire gegen unten, wie sie das deutsche Kabarett mittlerweile pflegt, ist Herrschaftssatire und ein Widerspruch in sich. Über diese Herrschaftssatire können dann auch alle lachen, die von „Satire“ eine Bestätigung ihrer Ressentiments verlangen. Satire ändert aber idealerweise die Perspektive, demontiert das Vorurteil, decouvriert das Unwahre. Ein Mohammed-Witz richtet sich nicht gegen die Schwachen, die an ihren Propheten glauben, sondern an die, die diesen Glauben instrumentalisieren.

L.I.S.A.: Nach dem Attentat von Paris sind die Netzwerke mit Tweets und Posts „Je suis Charlie“ regelrecht geflutet worden. Wie schätzen Sie diese Form der Anteilnahme ein? Steht dabei der Bürger als Citoyen im Vordergrund, der sich zu seiner gesellschaftspolitischen Ordnung bekennt, oder eher der Bürger als Bourgeois, der moralisch empört ist, um seine eigene Sicherheit fürchtet und sich in seinem Unbehagen gegenüber dem Anderen/Fremden bestätigt fühlt?                

Gärtner: Zwischen diesen beiden Bürgern zu trennen ist bereits der Fehler, denn die gesellschaftspolitische Ordnung, zu der sich der Citoyen bekennt, ist eine bourgeoise, die auf der Ausgrenzung der Nichtprivilegierten, Nichtbesitzenden beruht. Gegen Terrorismus zu demonstrieren ist natürlich Schwachsinn, aber gegen das eigene Privileg will man nicht demonstrieren. Also geht es im Zweifel gegen den Islam als Anderes und Fremdes, gegen das, was ganz zu Recht im Ghetto haust. Deshalb waren plötzlich Millionen auf der Straße, während antisemitische Anschläge, wo es ja nicht gegen „uns“ geht, vergleichsweise unbeachtet bleiben.

"Ein guter Witz muss gemacht werden"

L.I.S.A.: Charlie Hebdo reagiert in seiner ersten Ausgabe nach dem Anschlag mit einer Mohammed-Karikatur auf dem Titelblatt. Ist das die richtige Reaktion? Und: Wann ist ein Witz über den Islam noch Satire und wann nicht mehr? Oder gibt es da keine Grenzen?  

Gärtner: Ein Witz kann nicht richtig oder falsch, er kann nur gut oder schlecht sein. Die Grenze zum schlechten Witz sollte Satire achten. Das ist aber niemals moralisch zu verstehen. Ein guter Witz muss gemacht werden.

L.I.S.A.: Sicherheit steht aktuell wieder ganz oben auf der Agenda von Politik und Medien. Auch die Redaktion der Titanic wurde mit Fragen nach künftigen Sicherheitsmaßnahmen gelöchert. Ein Fall für einen neuen satirischen Beitrag?

Gärtner: Mit Sicherheit.

Stefan Gärtner hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Kevin-Godehard Zumwinckel | 23.01.2015 | 12:32 Uhr
Interessantes Interview. Stimme allem zu. In seiner Kolumne sind mir Herrn Gärtners Sätze immer viel zu lang, verschachtelt und kompliziert. Dann lese ich nicht weiter.

Kommentar erstellen

4CHP8