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Georgios Chatzoudis | 17.02.2015 | 981 Aufrufe | Interviews

"Medienvertreter verwenden Begriffe nach Gusto"

Interview mit Thorsten Gerald Schneiders über Salafismus in Deutschland

In der medialen Berichterstattung über die vermeintlich eindeutigen Zusammenhänge von Islam und Terror fallen viele Begriffe - oft ziemlich wahllos und unreflektiert: Islamismus, Islamischer Fundamentalismus, Islamistische Terrorzelle, Islamisierung oder auch Salafismus. Letzteres hat als Begriff vor allem in den vergangenen Monaten Hochkonjunktur. Aber was ist eigentlich Salafismus genau? Wo kommt dieser Begriff her? Und wie verhält er sich zu den vielen anderen Begrifflichkeiten rund um den Islam? Der Islam- und Politikwissenschafter Thorsten Gerald Schneiders hat jüngst einen Band zum Salafismus herausgegeben. Wir haben ihm unsere Fragen gestellt.

"Grundlagenwissen zusammentragen und neue Erkenntnisse liefern"

L.I.S.A.: Herr Schneiders, Sie haben vor Kurzem einen umfassenden Sammelband mit dem Titel „Salafismus in Deutschland. Ursprünge und Gefahren einer islamisch-fundamentalistischen Bewegung“ herausgegeben. Mit welcher Motivation und Absicht haben Sie sich dieses Projekts angenommen?

Schneiders: Der Salafismus ist ein relativ neues Phänomen. Der Verfassungsschutz beobachtet ihn seit 2006. Und in der breiten Öffentlichkeit ist er erst seit vielleicht zwei bis vier Jahren präsent. Das bedeutet, dass wir aktuell nur über wenig unabhängige, fachliche und wissenschaftliche Expertise verfügen. Genau diese ist aber unerlässlich, um der salafistischen Radikalisierung begegnen zu können. Mein Anliegen war es daher, das derzeitige Grundlagenwissen zusammenzutragen und neue Erkenntnisse zu liefern, um die Öffentlichkeit zu informieren und eine breitere Basis für weitere Forschungsansätze zu schaffen. So ist das derzeit umfassendste Werk zum Thema Salafismus in deutscher Sprache entstanden. Es reißt im Grunde alle Aspekt an, von den islamtheologischen Grundlagen bis hin zu den konkreten Präventionsmaßnahmen. Zudem integriert das Buch die Erfahrungsberichte einer Aussteigerin und eines Opfers der Salafisten.

"Drei Strömungen des Salafismus"

L.I.S.A.: Welche Formen des „Salafismus“ gibt es heute?  

Schneiders: Auf theoretischer Ebene werden gemeinhin drei Strömungen unterschieden. Zunächst die puristischen Salafisten. Sie leben ein traditionelles, strenges, eben fundamentalistische Islamverständnis und beschränken sich dabei weitgehend auf das Private. Die zweite Strömung sind die politischen Salafisten. Sie haben überwiegend die gleichen Ansichten, tragen sie aber aktiv in die Gesellschaft hinein mit dem Ziel, diese nach ihren Vorstellungen zu verändern. Die dritte Gruppe sind die dschihadistischen Salafisten. Sie verfolgen ebenfalls politische Ziele, sind aber bereit, dafür auch explizit Gewalt anzuwenden und zu Töten. In der Realität verschwimmen die Grenzen jedoch stark. Manche Experten lehnen die Dreiteilung auch ab. Meines Erachtens ist sie aber hilfreich, insbesondere um die Maßnahmen im Kampf gegen Radikalisierung besser zu steuern und die verfügbaren Instrumente auf staatlicher und gesellschaftlicher Ebene passgenauer anzuwenden.  

"Islamismus könnte auch im Sinne einer CSU oder CDU funktionieren"

L.I.S.A.: „Salafismus“ ist ein Begriff, der heute in politischen, gesellschaftlichen und medialen Debatten Hochkonjunktur ab. Fast hat man den Eindruck, als habe er die Begriffe „Fundamentalismus“ und „Islamismus“ abgelöst, die lange die Debatten prägten. Ist es nicht einmal an der Zeit, begriffliche Schärfe und Präzision in die Debatte zu bringen? Was unterscheidet „Salafismus“ von „Islamismus“ und „Fundamentalismus“? Welche Rolle spielen bei der Verbreitung unscharfer Begrifflichkeiten die Medien?  

Schneiders: Viele Medienvertreter kennen die Unterschiede einfach nicht, verwenden die Begriffe nach Gusto. Damit tragen sie zur Verwirrung bei. Das stimmt. Fundamentalismus in Bezug auf Islam beschreibt heutzutage zunächst einmal nur eine bestimmte theologische Strömung. Grob gesagt, gibt es im Islam wie in anderen Religionen auch liberale, konservative und fundamentalistische Grundauffassungen davon, wie ein Mensch seinen Glauben verstehen und leben kann. Fundamentalisten tun das nun besonders streng, kompromisslos, rückwärtsgewandt und wortwörtlich an ihren Heiligen Texten orientiert. Der Begriff Salafismus wiederum kennzeichnet eine bestimmte Strömung innerhalb des islamischen Fundamentalismus. Dagegen ist „Islamismus“ eine politische Ideologie, die auf religiösen Gedanken fußt. Meistens wird der Islamismus mit konservativen oder fundamentalistischen Religionsauffassungen kombiniert. Es gibt gewaltbereite Islamisten, und solche die Gewalt ablehnen. Islamismus könnte somit auch im Sinne einer CSU oder CDU funktionieren.  

"Die Ursprünge des Begriffs 'Fundamentalismus' liegen im Christentum"

L.I.S.A.: Wie alt bzw. jung sind die Konzepte hinter den Begriffen wie „Salafismus“, „Islamismus“ und „Fundamentalismus“? Wenn man den Google-Dienst „Ngram“ einsetzt, sieht man, dass der Begriff „Islamismus“ schon in den deutschsprachigen Büchern der 1910er und 1920er Jahre Hochkonjunktur hatte und dann wieder seit 1996. „Fundamentalismus“ ist dagegen ein scheinbar junger Begriff, der erst in den 1980ern hierzulande vorkommt und in den 1990er Jahren rasch an Verwendung zunimmt. „Salafismus“ sucht man dagegen vergeblich. Eine Modeerscheinung?  

Schneiders: In der Tat sind das alles relativ junge Begriffe. Und sie kommen auch nicht originär aus islamischen Kontexten, sondern wurden durch Diskurse im Abendland geprägt und auf den Islam übertragen. Der älteste Begriff ist in der Tat der Islamismus, dessen Ursprünge mit dem ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert in der islamischen Welt verknüpft sind. Stichwort: die Entstehung der Muslimbruderschaft. Breitere Verwendung findet er allerdings erst seit etwa der 1980er Jahre. Das hat mit der Islamischen Revolution im Iran 1979 zu tun. Es war das erste Mal, dass hier eine politische Bewegung unter Berufung auf den Islam die Herrschaft eines modernen Nationalstaates errungen hat.

Auch Fundamentalismus ist ein junger Begriff. Seine Ursprünge liegen im Christentum, genauer gesagt in der Auseinandersetzung mit evangelikalen Bewegungen in den USA ebenfalls um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Erst viel später wurde der Begriff auch auf den Islam angewendet. Das Wort „Salafismus“ lässt sich allerdings schon etwas länger nachweisen, als es Ihre kleine Recherche ergeben hat. So wird es durchaus schon in wissenschaftlichen Abhandlungen der 1980er und 1990er Jahren benutzt. Allerdings wirklich nur vereinzelt. Hintergrund ist, dass es vor etwa 150 Jahren im auseinander fallenden Osmanischen Reich bereits Reformbewegungen gab, deren Anhänger im Deutschen „Salafiten" genannt wurden - also ohne „s“ in der Mitte. Sie sind zum Teil einer der Vorläufer der heutigen Salafisten - mit „s“. Das Wort „Salafismus“ ist damit zwar neu, aber als Modeerscheinung würde ich es nicht betrachten, denn es wird bleiben und nicht vergehen. 

L.I.S.A.: Welche Rolle spielt das Internet für Salafisten?  

Schneiders: Eine zentrale. Es ist Kommunikationsplattform und Treffpunkt zugleich. Über soziale Medien werden Kontakte geknüpft und Radikalisierungen befördert, zum Teil auch verwirklicht. Viele Gruppen finden virtuell zusammen und gründen dann erst Gruppierungen im realen Leben. Insbesondere wenn man sich die Entwicklung der Terrororganisation „Islamischer Staat“ anschaut, sieht man, welche ungeheure Bedeutung das Internet für deren Erfolg hat. Der überaus zentrale Schreckensnimbus dieser Terroristen konnte sich erst über das Internet so richtig auswachsen, indem Bilder und Videos von deren Gräueltaten und deren Gräueltätern millionenfach dort geteilt wurden. 

"Ungerechtigkeit ist zentral für die Radikalisierung im Westen"

L.I.S.A.: Kommen wir auf die Ursachen für die aktuelle Attraktivität des Salafismus zu sprechen: In einem Absatz sprechen Sie von der Überforderung mit den Möglichkeiten, die eine offene Gesellschaft bieten würde. Ist das nicht etwas zu kurz gegriffen? Welche Rolle spielt beispielsweise bei der Radikalisierung von Muslimen die grenzenlose Verbreitung westlich-kapitalistischer Lebensweisen und Wertvorstellungen im Sinne eines Kulturimperialismus? Welche Rolle spielen dabei politisch-gesellschaftliche Perzeptionen in postkolonialen Gesellschaften?  

Schneiders: Die Überforderung mancher durch die vielfältigen Möglichkeiten einer offenen Gesellschaft zeigt sich nicht erst durch die salafistische Radikalisierung. Der Wunsch nach einfachen Antworten auf komplexe Fragen des Lebens ist eine soziologische und psychologisch unumstritten Möglichkeit der Reaktion. Allerdings darf man nicht den Fehler begehen, einheitliche Erklärungen für die Radikalisierung von Menschen zu erwarten. Im Zentrum steht immer ein Individuum, das unter ganz spezifischen Umständen reift und handelt. Also von daher ist Ihr Gedanke, dass auch die Ablehnung des westlich-kapitalistischen Lebensstils ein radikalisierendes Moment sein kann, nicht grundsätzlich falsch. Kulturimperialistische Kritik indes spielt für junge Menschen in Deutschland eine geringere Rolle als für Menschen, die in einem anderen Kulturkreisen leben und sich dort vom Vordringen westlicher Lebensvorstellungen direkt bedroht fühlen. Eher wird ein Schuh aus dem Ganzen, wenn man den von Ihnen erwähnten Postkolonialismus aufgreift. Denn das Stichwort Ungerechtigkeit ist in der Tat zentral für die Radikalisierung im Westen. Die salafistischen Vordenker knüpfen selbstverständlich an die Verfehlungen der europäischen und US-amerikanischen Politik im Nahen- und Mittleren Osten an. Das hat schon die erwähnten Salafiten  ohne „s“ umgetrieben. Diese Gedanken werden bis heute aufrechterhalten: der völkerrechtswidrige Irakkrieg von 2003, Guantanamo, Abu Ghraib, unschuldige Opfer von Drohnenangriffen etc. Damit schüren Salafisten in der Tat massive Wut bei jungen Menschen - nach dem Motto: „Seht ihr denn nicht, was sie euren Glaubensbrüdern und -schwestern antun. Dagegen muss man endlich mal was machen!“ 

L.I.S.A.: Ihr Sammelband liest sich fast wie ein Handbuch zur Prävention vor bzw. zum Umgang mit salafistischer Gewalt. Ist das so richtig verstanden?  

Schneiders: Ja, das kann man so sagen. Neben dem Ansinnen, Informationen zu vermitteln sowie Grundlagen und Anstöße für weitere Forschungen zu geben, zielt das Buch letztlich darauf ab, dieser radikalen Strömung etwas entgegenstellen zu können - und das möglichst effektiv. Islamistische Salafisten, und das sind die meisten, lehnen unsere grundgesetzliche Staats- und Gesellschaftsordnung ab, bedrohen das Leben anderer Menschen und stürzen ganze Familien, deren Kinder und Angehörige sie in die Szene locken, ins Unglück.    

Thorsten Gerald Schneiders hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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